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Aus der Neuen Solidarität Nr. 22-23/2006

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Phasenwechsel in Moskau:
Rußlands Zukunft gehört seiner Jugend

Von Dr. Jonathan Tennenbaum

Lyndon LaRouches Wissenschaftsberater Dr. Jonathan Tennenbaum berichtet über seinen jüngsten Besuch in Moskau, wo er u.a. an einem Seminar teilnahm, bei dem ein revolutionärer Bildungsansatz erprobt wurde.


Fokus auf die Jugend

Mein jüngster, einwöchiger Besuch in Moskau vom 13.-20. Mai bestätigte mir das Signal, das Rußlands Präsident Wladimir Putin am 10. Mai in seiner Rede zur Lage der Nation gegeben hatte: Rußland durchlebt derzeit wirklich einen wichtigen politischen und kulturellen Phasenwechsel mit strategischen Auswirkungen für die gesamte Welt. Rußland reagiert damit auf die internationale Krise und auf den Wahnsinn der untergehenden Regierung Cheney/Bush in den USA, und zwar auf spezifisch russische Art und Weise, in der sich - nicht zufällig - der Prozeß der Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung für die Tradition Franklin Roosevelts durch LaRouche und seine Bewegung widerspiegelt.

Wie ich sehr bald erfuhr, haben Putins direkter Bezug auf Roosevelt und andere Aspekte seiner Rede, die sich so deutlich von seinen früheren unterscheidet, enormes Interesse im Land geweckt und zahlreiche Spekulationen ausgelöst, was die Zukunft wohl bringen mag. Das derzeitige System der nominell "demokratischen" Parteien, die meist während der Jelzin-Ära ohne wirkliche Basis im Land künstlich geschaffen wurden, ist jetzt fast völlig diskreditiert. Einige sehen in Putins Rede ein Signal, daß er sich entgegen anderslautender Erklärungen für eine dritte Amtszeit bewerben will - einer "Krisenpräsidentschaft" unter den Bedingungen eines wirtschaftlichen Notstands. Andere weisen darauf hin, daß Putins Roosevelt-Zitat zwar die Absicht zu signalisieren scheint, eine "Rooseveltsche" Wende in der Wirtschaftspolitik zu vollziehen, daß jedoch bisher keine sichtbaren Veränderungen in dieser Richtung in der Regierung vorgenommen wurden. Tatsächlich wird die Regierung immer noch von "liberalen Reformern" wie German Gref und Finanzminister Kudrin dominiert, deren Wirtschaftspolitik genau das Gegenteil dessen ist, was Putins Rede implizierte. Solche Widersprüche sind natürlich nichts Neues, und darin reflektiert sich eine Lage, in der der Präsident immer noch nur begrenzten Handlungsspielraum hat; u.a. operiert er im Umfeld gewaltiger Machtkämpfe innerhalb der Verwaltung des Kremls, die mit dem Einfluß der sogenannten Oligarchen und der mit ihnen verbundenen internationalen Finanzgruppen zusammenhängen. Putin hält sich bedeckt und läßt Freund und Feind im Unklaren, was seine Absichten letztendlich sind.

Abgesehen von diesen Spekulationen stimmen die Anklänge an Roosevelt in Putins Rede mit zunehmenden staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft überein, die bei den liberalen Kommentatoren bereits Empörung ausgelöst haben. Ein Gebiet von großer strategischer Bedeutung ist dabei der Nuklearsektor, in dem (wie mir ein russischer Experte versicherte) nicht nur große Projekte geplant sind, sondern z.T. bereits sehr großzügige finanzielle Mittel bewilligt wurden. Dazu gehören der Bau einer neuen Generation von Brüter-Reaktoren und die weitere Förderung von Nuklearexporten. Die jüngsten Schritte zur Konsolidierung des Luft- und Raumfahrtsektors in einem nationalen Konsortium gehört in die gleiche Kategorie.

Neben Putins vieldiskutiertem Einsatz der "Energiekarte" im Erdöl- und Erdgassektor gibt es wichtige Entwicklungen im Bereich der strategischen Minerale. So wurden vier extrem reiche Metallvorkommen entdeckt, die meisten davon im hohen Norden des Landes, die die weltweiten Reserven wichtiger strategischer Metalle vervielfachen könnten. Angesichts der Größe und Lage dieser Vorkommen in Regionen, wo es kaum oder nur wenig Infrastruktur gibt, gehören diese Vorkommen zu der Kategorie, die man in Sowjetzeiten als "städtegründend" bezeichnete - d.h., daß ihre Ausbeutung die Gründung neuer Städte und sehr großer Infrastrukturprojekte auf nationaler Ebene voraussetzt. In diesem Kontext erfahren LaRouches Vorschlag der "eurasischen Landbrücke", transkontinentale Infrastrukturkorridore zu errichten, und sein Konzept der "Noosphären-Wirtschaft" neue Aufmerksamkeit.

Fokus auf die Jugend

Ein höchst interessanter Aspekt der Rede Putins war seine Forderung, den demographischen Verfall Rußlands umzukehren, und damit implizit die Rolle der Jugend für die Zukunft des Landes aufzuwerten. Dies geht einher mit einer bedeutenden und manchmal hitzigen Debatte über die Zukunft des Bildungssystems, wachsendem Widerstand gegen die Fortsetzung der liberalen "Dekonstruktion" des aus der Sowjetära überkommenen, hochentwickelten russischen Bildungssystems und Versuchen, diesen Trend zu wenden und die Kapazitäten wieder zurückzugewinnen, die die Sowjetunion einst zu einer wissenschaftlichen Supermacht machten.

Solche Versuche müssen das Paradox bewältigen, daß das System der Bildung, Forschung und Entwicklung trotz seiner außerordentlichen wissenschaftlichen und technologischen Leistungen extrem streng, hierarchisch und in vieler Hinsicht äußerst verschwenderisch war. Insbesondere seit den 70er Jahren tendierten die höheren Bildungseinrichtungen der Sowjetunion dazu, auf sehr enge Ausschnitte begrenzte Spezialisten hervorzubringen - Leute, die in ihren professionellen "Nischen" höchst qualifiziert waren, aber nicht in der Lage waren, im weiteren sozialen und wirtschaftlichen Umfeld unabhängig zu arbeiten.

So beruhten die Leistungen der Sowjetunion auf der Führung durch eine relativ kleine Zahl brillanter Individuen, für die große Wissenschaftler wie Wladimir Wernadskij und die "General-Konstrukteure" der legendären russischen Konstruktionsbüros (Korolow, Tupolew, Antonow, Runin etc.) typisch waren. In vielen Fällen, wie etwa Lyndon LaRouches später Freund Pobisk Kusnetsow, waren diese Leute praktisch Dissidenten gegenüber dem "Establishment" der Kommunistischen Partei, und in fast allen Fällen arbeiteten sie in Bereichen, die mit dem Militär verbunden waren. Nun, wo Individuen dieser Art immer mehr aussterben, droht Rußland der Absturz ins wissenschaftliche Mittelmaß. Eine besonders dringende Herausforderung angesichts der "Atomisierung" der russischen Gesellschaft und insbesondere seiner beruflichen Klassen ist es daher, jene kohärenten Überlegungsprozesse zwischen den Menschen herbeizuführen, die für den Erfolg jedes großen wissenschaftlichen, industriellen und sozialen Unternehmens notwendig sind, ohne dazu auf die diktatorischen Methoden der Vergangenheit zurückzugreifen. Allen ist klar, daß der Schlüssel zur Lösung bei den jungen Menschen und in einem Durchbruch in der Bildung liegt.

Indikativ für die Suche nach einem neuen Ansatz für dieses Problem war ein dreitägiges Seminar, das vom Bildungsdezernat der Stadt Moskau, dem Bildungs-Direktorat der Nordwestregion Moskaus und dem "Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für innovative Strategien zur Entwicklung der Allgemeinbildung" veranstaltet wurde und an dem ich teilnahm. Die Aufgabe dieses Seminars war es, ein besonderes experimentelles Programm zu entwickeln, um Schüler im Gymnasialalter direkt daran zu beteiligen, neue Hochtechnologie-Industrien zu konzipieren und zu planen, die in der Region Moskau entstehen sollen. Insbesondere betonten die Organisatoren, sollten die Projekte, die die Jugendlichen vorschlugen und zusammen mit Experten aus der Wissenschaft und den Unternehmern ausarbeiteten, auf der industriellen Nutzung neuer wissenschaftlicher Durchbrüche beruhen.

An dem Seminar, das von der bekannten Moskauer Pädagogin und Methodologin Nina Gromyko geleitet wurde, nahmen etwa 50 Lehrer, Wissenschaftler, Unternehmer, Vertreter der Stadt Moskau, der Regionalregierung und von Bildungseinrichtungen sowie Gymnasiasten teil. Eines der konkreten Ergebnisse war die Planung einer "Jugendausstellung", die im März des kommenden Jahres stattfinden soll. Dort sollen die besten Projekte von einer Expertenjury ausgewählt und vorgestellt werden. Die meisten der Vorhaben betreffen den Bereich der Kernenergie und Wasserstofftechnologien, die Entwicklung einer neuen mikroelektronischen Industrie und fortgeschrittene Technologien zum Recycling großer Materialmengen.

Besonders beeindruckten mich die äußerst gewitzten jungen Leute, die an dem Seminar teilnahmen. Sie kamen von einem Netzwerk experimenteller Schulen, das von der Stadt Moskau unter Bürgermeister Jurij Luschkow geschaffen wurde. Darunter waren Schüler der neugegründeten "Schule für General-Konstrukteure", deren Zwecke es ist, jungen Menschen jene Qualität des projektorientierten Führungsdenkens zu vermitteln, die die großen General-Konstrukteure der Sowjetära charakterisierte. Mit ihrem unabhängigen und grenzenlosen Optimismus erinnerten mich diese jungen Menschen sehr an die Mitglieder der LaRouche-Jugendbewegung. Nach einem Vortrag des Seminars über Schlüsselbereiche für wissenschaftliche und technologische Revolutionen in den kommenden Jahrzehnten wurde ich mit Fragen nach allen möglichen Dingen geradezu überschüttet - nicht zuletzt mit Fragen nach LaRouche, der in Rußland durchaus bekannt ist.

Einer der Höhepunkte des Seminars war für mich ein neuer Videofilm, der sich an die russische Jugend richtet und eine begeisternde Perspektive für die Entwicklung des riesigen russischen Territoriums durch revolutionäre Technologien eröffnet - zum Beispiel ein neues Hochgeschwindigkeits-Verkehrssystem, das auf hängenden Kabeln beruht, revolutionäre Flugzeugentwürfe wie das Ekrano-Flugzeug und die berühmte "fliegende Untertasse von Saratow" oder neue Methoden für die extrem schnelle Errichtung von Häusern und anderer Infrastruktur zur Besiedlung der entlegenen Gebiete des Landes. Der Film hebt Rußlands künftige Rolle als Zentrum des weltweiten Güterverkehrs hervor und zeigt eine erweiterte Karte der Eurasischen Landbrücke, deren Korridore sich von Europa nach China und Indien und über Nordsibirien und die Beringstraße bis nach Nordamerika erstrecken.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Putin zitiert Franklin D. Roosevelt - Neue Solidarität Nr. 21/2006
Cheney rief und keiner folgte - Neue Solidarität Nr. 21/2006

 

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