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Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2006

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Pressestimmen


"The Dangers Ahead", The Guardian, 26. Juni 2006.
"Das große Gruseln", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2006.

"Risikotransfer mit Risiken", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juni 2006.

"Schrotflinten und Meinungssitzfleisch", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2006.

"The Dangers Ahead", The Guardian, 26. Juni 2006.

Als sich die Hedgefonds noch auf obskure Investitionen wie Derivate beschränkten, konnten die Politiker so tun, als wäre deren Einfluß im Finanzsystem beschränkt. Aber die schiere Größe und der Einfluß der Hedgefonds hat das alles geändert... Für Außenstehende bleiben Hedgefonds mysteriös und dunkel, wenn nicht sinister, verbunden mit Finanzkatastrophen wie dem Schwarzen Mittwoch, als der Sterling aus dem EWS vertrieben wurde. Seit damals blähte sich die Branche auf einen weltweiten Besitz im Wert von 1500 Mrd. Dollar auf. Ihre Reichweite ist jetzt größer und mächtiger als damals, als George Soros John Majors Regierung erniedrigte. Und das ist ein Grund zu Sorge.

Obwohl die meisten Hedgefondsmanager ihre Operationen von Finanzzentren wie London aus steuern, sind die Fonds selbst in Übersee in Ländern mit minimalen Beschränkungen angesiedelt. Frei von den Restriktionen, die ihre Rivalen in konventionelleren Instituten behindern, haben die Hedgefonds drei Vorteile. Der erste sind die großen Steuervorteile, die sie in den Offshorezentren haben. Der zweite ist, daß sie nicht gezwungen sind, ihre Handelsaktivitäten offenzulegen. Der dritte ist, daß sie ein Vielfaches ihres Eigenkapitals leihen können, was ihnen eine weit größere Feuerkraft verleiht...

Die Finanzaufsichtsbehörde (FSA) schätzt, daß nur 325 Hedgefondsmanager in Großbritannien tätig sind. Diese Zahl wächst jedoch ständig. Da die Zinsen weltweit niedrig waren, waren Kredite billig. Auch die Zahl der Investoren, die versuchen, Gewinne zu machen wie die, mit denen die Hedgefonds prahlen, ist gewachsen. Das führt zu zwei großen Sorgen: Die erste ist, daß die Größe der Branche die Finanzmärkte destabilisieren könnte, entweder weil ein Schock überall im Finanzsystem Zahlungsunfähigkeiten auslösen könnte - jetzt investieren auch Rentenfonds in sie, und die Banken teilen einen großen Teil ihrer Risiken - oder weil ähnliche Strategien der Hedgefonds die Weltmärkte zum Einsturz bringen könnten, wenn alle zum Ausgang eilen. Die zweite Sorge ist, daß die Größe und Komplexität des Sektors es fast unmöglich macht, ihn zu beaufsichtigen. Die FSA hat eine Spezialeinheit gegründet, um die Hedgefonds im Auge zu behalten, aber die globale Natur ihrer Aktivitäten, ihre Vielfalt und der Mangel an Transparenz machen das sehr schwer. Da einige Hedgefonds-Operationen für viele Kunden zu schwer zu verstehen sind, könnten die Aufsichtsbehörden wie die FSA und die Bank von England einfach den Anschluß verlieren.

Die unruhigen Marktbewegungen der letzten Wochen bedeuten möglicherweise, daß die guten Zeiten zu Ende gehen. Die Gefahr für die Finanzmärkte liegt in der Wechselwirkung zwischen den Hedgefonds und den Investmentbanken, die entweder als Auftraggeber oder als Hauptvermittler dienen. Die großen Banken halten den Handel für profitabler als die traditionelle Beratung. Das hat dazu geführt, daß viele Banken die besonders aggressiven "High-Flying-Funds" nachahmen (die noch weniger verraten als die meisten Hedgefonds). Die Geschichte wiederholt sich nur selten genau, in der Finanzwelt wie anderswo, und so hat die Welt zwar 1998 beim Einbruch von LTCM die Gefahr gesehen, aber ein ähnlicher Kollaps könnte weit tiefer in das Finanzsystem eingreifen. Der Schaden könnte viel schlimmer sein.

"Das große Gruseln", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2006.

...Vor dem Hintergrund der jüngsten Korrektor sehen die Anlagestrategen der WestLB jetzt die "Weltwirtschaft am Scheideweg". Ihre Kollegen von der belgisch-niederländischen Großbank Fortis konstatieren einen "Aufbruch in eine neue Ära". Am weitesten trieb es kürzlich jedoch der Historiker Niall Ferguson auf einer Konferenz der Investmentbank Morgan Stanley. Er zog eine Parallele zum "ersten Zeitalter der Globalisierung" zwischen 1880 und 1914. Eine angenehme Zeit niedriger Inflation und geringer Marktschwankungen sei das gewesen. Doch schließlich ging sie in einem Strudel aus geopolitischen Katastrophen wie dem Ersten Weltkrieg und heftigen Finanzkrisen zu Ende. Daß Investoren damals von unvorhersehbaren Schocks heimgesucht wurden, hatte aus seiner Sicht einen Grund, der seltsam aktuell klingt: "Sie hatten hohe Liquidität mit geringem Risiko verwechselt." Angesichts solcher Schreckensszenarien dürfte so mancher sanfte Gruselschauer über die Zuhörer hinweggegangen sein. Doch erinnern solche Auftritte irgendwie auch an Besuche im Kino: Man ist mittendrin und doch vom Geschehen ganz weit weg. Nach der Vorstellung geht das Licht wieder an...

"Risikotransfer mit Risiken", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juni 2006.

Nach dreijährigem Aufschwung geht es an den Finanzmärkten wieder turbulenter zu. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen vor allem die Kursverluste an den Aktienmärkten. Wie die Europäische Zentralbank in ihrem jüngsten Bericht zur Stabilität des Finanzsystems schreibt, bereitet der Fachwelt aber vor allem ein Markt Sorgen, der weithin unbekannt ist: der Markt für Kreditrisikotransfer. Das wichtigste Instrument auf diesem Markt sind sogenannte Credit Default Swaps (CDS), eine Art Kreditausfallversicherung. Zwei Zahlen illustrieren die Brisanz des Themas: In den zweieinhalb Jahren bis Ende 2005 ist das Volumen der umlaufenden CDS von 1000 auf 17 000 Milliarden Dollar angeschwollen...

Teilnehmer an diesen Märkten für Kreditrisikotransfer sind nicht nur Banken, sondern auch zahlreiche institutionelle Investoren wie Pensionskassen und Hedgefonds. Sie treten als Versicherer von Ausfallrisiken auf, um die Prämien zu kassieren - und wagen sich damit auf ein Geschäftsfeld, auf dem sie über wenig Expertise verfügen...

Doch das könnte sich rächen: Denn die vergangenen Jahre des weltweiten Aufschwungs waren eine Phase mit ungewöhnlich wenigen Ausfällen von Unternehmenskrediten. Aber was passiert, wenn die Konjunktur abkühlt und sich die Kreditausfälle zu häufen beginnen? Niemand weiß das. Denn bislang gibt es damit noch keine Erfahrung. Zudem ist dieser gigantische Markt ziemlich intransparent, zumal die Hedgefonds, die die größten Risiken nehmen, sich nicht in die Bücher schauen lassen. Deshalb gibt es Sorgen, daß einige der "Versicherer" zahlungsunfähig werden könnten. Die Versicherten stünden dann ohne Schutz da und erlitten selber Verluste. Wegen der Verflechtung der Finanzmärkte könnte sich so eine Krise rasch ausbreiten - ähnlich wie 1998, als der Beinahe-Konkurs des größten Hedgefonds LTCM das Finanzsystem an den Rand des Kollapses brachte.

Etwas weiteres kommt hinzu und sorgt für Unruhe: Anders als bei einer herkömmlichen Versicherung, bei der der Versicherte höchstens seinen nachgewiesenen Schaden erstattet bekommt, kann man sich über den Kauf eines CDS auch gegen Kreditausfälle versichern, obwohl man selbst gar keine Kredite herausgelegt hat. Diese CDS-Käufer hoffen größtenteils darauf, daß die CDS-Prämien in Zukunft steigen werden und sie dann ihre Kontrakte mit Gewinn weiterverkaufen können. Doch im Extremfall spekulieren sie darauf, daß ein Unternehmen insolvent wird - um dann die vereinbarte Versicherungssumme zu erhalten. Um zum Ziel zu kommen, könnten manche dieser Investoren böswillige Gerüchte über die Solvenz eines Kreditnehmers streuen. Möglicherweise ist die Commerzbank im Herbst 2001 Ziel solch einer Attacke geworden...

"Schrotflinten und Meinungssitzfleisch", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2006.

Von der Investment-Legende Peter Lynch stammt das Diktum, daß man die Zukunft nicht im Rückspiegel sehen kann - doch genau das versuchen Kapitalmarktanalysten täglich, mit eher wechselhaftem Erfolg. Dabei gibt es einige simple Tricks, mit denen man gute prognostische Qualitäten recht einfach vortäuschen kann...

Wer sich ernsthafter an Prognosen versucht, betreibt Prognose als eine Art Zukunftsarchäologie: Man versucht aus der Vergangenheit Rückschlüsse auf die Zukunft zu ziehen. Das muß man sich in etwa so vorstellen, daß man in einem Auto fährt, dessen Fahrer die Augen verbunden hat, zugleich schaut jemand aus dem Rückfenster und versucht anhand dessen, was er sieht, den Fahrer zu dirigieren. Klingt schwierig - ist es auch... Spötter sagen, daß diese Modelle die Zukunft gut vorhersagen, solange sich die Gegenwart nicht ändert...

Allerdings: Aufgrund dieser Schwierigkeiten Prognosen zu unterlassen hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wäre es doch so, als ließe man den Fahrer mit verbundenen Augen ohne Zurufe von der Rückbank aus fahren - auch das verspricht keinen guten Ausgang. In diesem Fall würde der Fahrer nach Gehör fahren - wenn es kracht, ist es schon zu spät. Und beim Autofahren wie an der Börse gilt: Man weiß nie genau, ob oder wann es kracht - aber man möchte nicht dabei sein.

 

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