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Aus der Neuen Solidarität Nr. 29/2006 |
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Von Jacques Cheminade, französischer Präsidentschaftskandidat für 2007
Durch Fusionen und Übernahmen sollen alle wichtigen französischen Staatsbetriebe in die Hände in- und ausländischer Finanzinteressen gegeben werden. Jacques Cheminade, der Vorsitzende der Partei Solidarité et Progrès, fordert zum Widerstand auf.
Bei der Vorstellung des Europäischen Grünbuchs zur Energie ließ der Vorsitzende der Europäischen Kommission, José Manuel Durao Barroso, die Katze aus dem Sack: "Machen wir ein für allemal ein Ende mit Protektionismus und reflexartigen patriotischen Reaktionen." Der französische Ministerpräsident Dominique de Villepin gibt vor, dem seinen "Wirtschaftspatriotismus" entgegenzusetzen. Aber die Wahrheit liegt abseits glatter Politikerworte. Man muß die Wirklichkeit unter der Oberfläche erkennen: Im Mittelpunkt eines wild gewordenen Geld-Kapitalismus steht die Invasion unseres öffentlichen Sektors durch multinationale, "nichteinheimische" Interessen, die das Ziel verfolgen, das wenige, das vom französischen Nationalstaat übriggeblieben ist, zu zerstören, und die brutale Herrschaft eines Finanzkonglomerats - ob synarchistisch oder oligarchisch - ohne Gesetze oder Grenzen durchzusetzen.
Dieser Geldfaschismus macht sich genauso brutal bemerkbar wie in den 30er Jahren, mit den gleichen wirtschaftlichen Merkmalen und aus den gleichen Gründen: Im Rahmen des Zusammenbruchs des Weltwährungssystems will er ein Weltreich errichten, das fähig ist, jeden Widerstand zu brechen und die soziale Austerität durchzusetzen, die für seinen Machterhalt notwendig ist, während gleichzeitig notfalls ein Teil des eigenen Besitztums abgeschrieben wird.
Dieser Übergang zur politischen Phase der finanziellen Entgleisung, die begann, als die US-Regierung am 15. August 1971 den Dollar vom Gold abkoppelte, bedeutet automatisch die Zerstörung unserer republikanischen Ordnung. Die Anführer dieses Vorhabens, für die Persönlichkeiten wie der frühere US-Botschafter in Frankreich Felix Rohatyn und die Interessen um das Bankhaus Lazard Frères typisch sind, planen nichts weniger, als ohne einen Hitler, Mussolini oder Franco die Politik Hjalmar Schachts und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) der Vorkriegszeit umzusetzen, diesmal im Weltmaßstab. Heute nennt man es "Globalisierung".
Die historischen Bilder mögen sich gleichen, aber wir sind nicht gezwungen, die Geschichte zu wiederholen. Im Juni 1940 öffnete man die Tore Frankreichs der Invasion der Nazis - ein "Geschenk des Himmels" für diejenigen, die sich schon seit langem gegen die Republik verschworen hatten. Der "Patriotismus" des Pétain-Regimes des französischen Kapitals bestand darin, der Wehrmacht Reifen zu liefern und ihr beim Aufbau des Atlantikwalls zu helfen. Heute müssen wir ohne Pétain-Zwischenspiel sofort Widerstand leisten wie die Résistance. Dieser Widerstand, der die Haltung Frankreichs, Deutschlands und Europas zur "Globalisierung" bestimmen sollte, muß das soziale Christentum, den republikanischen Sozialismus und den wahren Gaullismus - Strömungen, die alle auf ihre Weise das Gemeinwohl verteidigen - katalysieren und einen. Mit diesem Artikel, der Teil meines Präsidentschaftswahlkampfes ist, möchte ich meine Mitbürger anregen, ihre Würde zu behaupten und zu mobilisieren, damit das "kämpferische Frankreich" sich als Idee wiederfindet, nicht bloß als Ware, die billig verkauft wird.
Während das "Europa der Großprojekte" sich als Windei erweist und der Euro als Werkzeug für den Abbau unserer Industrie und Landwirtschaft dient, gibt es kaum Widerstand gegen die Offensive der finanziellen Synarchie. Der Beweis ist die wachsende Zahl von Übernahmen und Privatisierungen wirtschaftlicher Interessen, die für unsere politische Unabhängigkeit, ja sogar unser bloßes wirtschaftliches Überleben unverzichtbar sind. Mittal Steel vereinnahmt Arcelor, Suez greift sich Gaz de France, und die New Yorker Börse (NYSE) übernimmt Eurnext; unser öffentlicher Sektor wird in kleinere Einheiten aufgesplittert, um beim Verkauf der Einzelteile höhere Preise zu erzielen; und im Zuge der "europäischen" Gesetzgebung zur "Liberalisierung der Staatsmonopole" entstehen wieder Kartelle. Und ein weiterer Beweis ist das Verhalten der Damen Clara Gaymard und Anne Lauvergeon, die bei der ersten Gelegenheit ihre großspurig zur Schau getragenen politischen Überzeugungen aufgaben, um sich an die Finanzmächte zu verkaufen (siehe unten).
Mittal Steel-Arcelor ist zweifellos der offensichtlichste Beleg für den Verrat unserer sog. "Eliten". Präsident Jacques Chirac persönlich hatte das noch vor wenigen Monaten als "rein finanzielle Operation ohne jedes industrielle Ziel" verurteilt. Aber in dem Umfeld, das sich mit Chiracs Einwilligung entwickelte, kam es dann eben mit einer unaufhaltsamen Logik doch dazu. Es war sogar einer seiner Freunde, der Milliardär François Pinault (Besitzer von Gucci, Yves Saint-Laurent u.a.), der Lakshmi Mittal unterstützte, nachdem Anne Meaux diese beiden miteinander bekanntgemacht hatte. Meaux ist die PR-Chefin für beide - und für Teile der offiziellen politischen Rechten in Frankreich.
Die Presse schrieb, die "indische Gruppe" konnte "die Aktionäre auf ihre Seite ziehen, indem sie mit Bündeln von Geldscheinen wedelte", als die Aktie von 28 Euro auf 40,4 Euro aufgestockt wurde. (Arcelor insgesamt wurde mit 25,4 Mrd. Euro bewertet, Ende Januar waren es 18,6 Mrd. gewesen.)
Die Habgier hat gesiegt, und der größte und beste europäische Erzeuger von Qualitätsstahl wird zur Beute einer Gruppe, die vielleicht indisch maskiert ist, in Wirklichkeit aber den Sitz in London hat und an der Amsterdamer Börse notiert ist - also eines Satelliten der Finanzsynarchie. Die alten Mittal-Aktionäre werden "nur" 49,4 % der neuen Gruppe Mittal-Arcelor halten, die von Arcelor 50,6 %. Aber wie ein dem Vorstandschef Guy Dollé nahestehendes Arcelor-Vorstandsmitglied erklärte: "Egal was passiert, Mittal wird der Hauptaktionär der Gruppe sein", denn die Arcelor-Aktionäre, die keinen homogenen Block bilden, "werden auf den Hauptversammlungen leicht zu beherrschen sein". In unserer "Shareholder-Gesellschaft" sind eben die Aktionäre das Gesetz ...
Man kann hier einige Punkte unterstreichen, um das ganze Ausmaß dieser verheerenden Entscheidung zu zeigen.
Erstens hatte sich Guy Dollé in dem Versuch, sich gegen Mittal zu wehren, an das russische Unternehmen Severstal gewandt, dessen Chef Alexej Mordatschow Präsident Putin nahesteht. Dollé ist zwar nach wie vor der Ansicht, daß das Bündnis mit Mittal in industrieller Hinsicht sinnlos ist. Aber genauso wie die französischen Behörden wurde er dazu gebracht, einzulenken. Ergebnis: verständlicher Verdruß bei den Russen. Die Tageszeitung Kommersant, die einen offiziellen Standpunkt zum Ausdruckt bringt, schrieb dazu: "Die Entscheidung eines großen europäischen Unternehmens, die am Vorabend des [St. Petersburger] G-8-Gipfels fiel, ... kann das Verhältnis Rußlands zur EU ernsthaft belasten."
Habgier war nicht das einzige Motiv der Aktionäre, es ging offenbar um eine allgemeine politische Strategie. Ein paar simple Tatsachen erhellen das: Im Vorstand von Mittal Steel sitzt Lewis Kaden, zusammen mit Wilbur Ross sowie Nathaniel Rothschild, der aus dem Umfeld von Lazard kommt und ein Präsident des Hedgefonds Atticus Partners ist.
Im Jahr 1984 leitete Kaden die Gruppe, zu der u.a. Eugene Keilin und Josh Gotbaum von Lazard Frères gehörten, die einen Bericht ausarbeitete, den Felix Rohatyn, Lane Kirkland und Irving Shapiro unterzeichneten. Der Titel lautete "Rückkehr zum amerikanischen Wettbewerbsgeist: Vorschläge für eine Industriepolitik". Dieser Bericht diente als Leitfaden für die "Rationalisierung", sprich: Abbau der amerikanischen Stahlindustrie. Kaden wurde nach der Fusion ISG-Mittal Vizechef der Citigroup. Diesmal war es die Citigroup, die Mittal die 9,5 Mrd. Dollar lieh, die für die Übernahme von Arcelor notwendig waren.
Wilbur Ross wurde ein wahrer Experte auf dem Gebiet der Zerstörung der US-Stahlindustrie. Nach den beiden Konkursen des Stahlriesen LTV 1986 bzw. 2000 übernahm Ross dessen Werke in Chikago und Cleveland, um damit die International Steel Group (ISG) zu gründen. LTV und ISG nahmen dann massenhafte Entlassungen vor, kürzten die Betriebsrenten und senkten die Erzeugung. Nachdem Kaden Steve Miller als Vorsitzenden für Bethlehem Steel herangeholt hatte, verkaufte der 2003 den Großteil des Stahlgeschäfts an Ross. Und Ross Financement verkaufte ISG dann an - Mittal Steel! Was natürlich alles mit weiteren Werksschließungen und Entlassungen einherging. Steve Miller wurde später Vorsitzender des Autozulieferers Delphi, den er wiederum kaputtsaniert nach einem Plan von - Felix Rohatyn und Rothschild Inc.
Betrachten wir nun die drei Ebenen, auf denen sich der Industrieabbau vollzieht: der allgemeine Plan (Rohatyn-Kaden), dessen Umsetzung durch Ross-Mittal-Rothschild und schließlich seine Ausweitung auf Europa (die Arcelor-Übernahme). Die Geldgier der Aktionäre ist zugleich Ausdruck einer politischen Strategie.
Wer sind nun die "Aktionäre" von Arcelor, und wer nutzt sie für seine Zwecke? Goldman Sachs beriet Arcelor und führte die Revolte gegen Severstal an - zusammen mit Nathaniel Rothschild, der über Atticus Partners 1,3 % von Arcelor und 1,2 % von Mittal hält. Wer sprang als erster auf den Zug auf? Mehrere Hedgefonds sowie amerikanische und britische Rentenfonds, die etwa 30 % von Arcelor besitzen. Nach Angaben von John Plender in der Financial Times gehören zu diesen Fonds The Children's Fund, Fidelity, Merrill Lynch, Deka, Centaurus, Heyman Investment Associates u.a. Die "unabhängigen" Aktionäre wurden sorgfältig bearbeitet und dann in die Schlacht geschickt. Soviel zum "freien, unbeschränkten" Wettbewerb.
Die Londoner Metallbörse LME und die New Yorker Warenbörse NYMEX planen schon die Gründung eines weltweiten Derivatmarkts für Stahlerzeugnisse. Die indische Warenbörse Multi-Commodity Exchange betreibt solche Geschäfte bereits, und die Shanghaier Terminbörse Shanghai Futures Exchange will demnächst folgen. Damit sind wir am Tiefpunkt angelangt: Stahl, der wichtigste Bestandteil jeder langfristigen Wirtschaftsentwicklung, wird für kurzfristige Spekulation freigegeben.
Wer nicht versteht, daß die Logik hinter der Mittal-Arcelor-Fusion aus diesem "globalen" Rahmen erwächst, benimmt sich wie ein nützlicher Idiot. Schauen wir uns dazu nun die Fusion von Suez und Gaz de France an.
Wenn man zuläßt, daß der staatliche Erdgaskonzern Gaz de France (GDF) von Suez vereinnahmt wird, übergibt man praktisch lebenswichtige Interessen der Nation einem internationalen Unternehmen, das von ganz ähnlichen Interessen beherrscht wird wie Mittal. Mit diesem Geschäft bricht die Regierung nicht nur frühere Versprechen, sie will auch, daß das Parlament es ihr gleichtut: Am 22. Juli 2004 wurde ein Gesetz beschlossen, wonach der Anteil des Staates am Kapital von GDF nicht unter 70 % fallen darf. Aber von dem neuen Unternehmen wird der Staat nur noch 40 % halten. Rein formal gesehen wird zwar Suez von GDF übernommen, aber praktisch werden die Suez-Aktionäre etwa 55-60 % des Gesamtkonzerns beherrschen, und der heutige Suez-Vorsitzende Gerard Mestrallet soll ihn führen.
Die wichtigsten Aktionäre und Direktoren von Suez sind neben Mestrallet Lord Simmon of Highbury, Albert Frère, Paul Desmarais, Graf Etienne Davignon sowie Anne Lauvergeon. Im Komitee des Unternehmens für Ethik, Umwelt und tragfähige Entwicklung sowie in dessen Entgeltausschuß sitzen Lord Simmon, Graf Davignon und Desmarais.
Von 2001-2004 saß Felix Rohatyn persönlich im Direktorium des Unternehmens. 2002 forderte er, daß Mestrallet einen "Aktionsplan" umsetzt - was dieser prompt tat - , der umfangreiche Kürzungen, die Halbierung der Investitionen und massiven Investitionsabbau umfaßte. Die Grundidee war, aus Suez ein Unternehmen zu machen, das die Wasserversorgung unter sich hatte, aber auch den Energiesektor übernahm - d.h. ein Kartell, das die beiden lebenswichtigsten Bereiche des Landes beherrscht. Rohatyn genoß vor allem die Rückendeckung von Paul Desmarais und Albert Frère, dem größten Aktionär. Im April 2002 wurde er in den Rechnungsausschuß des Konzerns berufen.
Im Oktober 2004 veranstalteten Mestrallet und Rohatyn in New York eine Konferenz der Europlace-Gruppe, um "transatlantische Investitionen anzukurbeln". Somit verbündete sich der Vorstandsvorsitzende der Société Générale de Belgique und von Suez mit dem Mann, der seit Anfang der 60er Jahre (die Rekartellierung Lazards unter André Meyer) hinter den strategischen Fusionen und Übernahmen stand, um die finanzielle "Globalisierung" nach ihren Plänen voranzutreiben.
Dieser kurze Überblick läßt besser erkennen, was dahinter steckt, wenn Suez Gaz de France vereinnahmt. Der Öffentlichkeit "verkaufte" man das Geschäft, indem man die angebliche Gefahr einer Übernahme durch den italienischen Energiekonzern ENEL aufbauschte - für den Alain Minc als Berater tätig ist. So wurde die Angst vor dem Teufel durch den Beelzebub ausgetrieben. Wenn es keine Opposition gibt, wird die Privatisierung des Strom- und Versorgungskonzerns EDF (Eléctricité de France) der nächste Schritt sein. Denn der wird sich bald der Konkurrenz eines neuen Energieriesen gegenübersehen, der an Privathaushalte, Unternehmen und kommunale Behörden verkaufen darf und sich dabei der Liste der 14 Millionen Kunden von GDF bedienen kann. Dann wird EDF einen Partner brauchen, um neue Geschäftsbereiche aufzutun. Und am Horizont lauert dann schon der Ölkonzern Total-Elf-Fina, der schon zu über 50 % anglo-amerikanischen Fonds gehört. Dann wäre die Übernahme durch die Finanzwelt komplett - die hätte dann über den Energiesektor ganz Frankreich in der Tasche.
Dagegen hätte es geholfen, EDF und GDF zu einem großen öffentlichen Energieunternehmen zusammenzufassen, aber in diese Richtung ist nichts geschehen. Man hat den stückweisen Abbau hingenommen; die Regierung und andere begnügten sich damit, leere patriotische Phrasen zu dreschen.
Das waren Stahl und Energie; aber während man uns Franzosen noch einreden will, Paris werde die "zukünftige Finanzhauptstadt Europas", wurde gleichzeitig der Verband der europäischen Aktienbörsen Euronext (Paris, Amsterdam, Brüssel, Lissabon) im Rahmen derselben Finanzoperation schon einverleibt. Das Zusammengehen von Euronext mit der New Yorker Börse NYSE (New York Stock Exchange) wird als "Fusion unter gleichen" dargestellt, doch in Wirklichkeit werden amerikanische Finanzinteressen 59 % des Kapitals halten. Diese Interessen wollen sich in Europa - und weltweit - die laxeren europäischen Vorschriften zunutzemachen und den Zugriff auf den Londoner Derivatmarkt Liffe und die exzellente Computertechnik von Euronext sichern. In Le Monde vom 27. Juni finden wir einen Beitrag von François Bujon de l'Estang, einem ehemaligen französischen Botschafter in Washington, der heute die Citigroup in Frankreich leitet (immer wieder bekannte Namen ...), worin nachdrücklich für die Fusion geworben wird. Es klingt nach der besten aller möglichen Welten: "Die Annäherung an New York ist für Paris eine einzigartige Gelegenheit, Europas Finanzhauptstadt in der größten Finanzorganisation der Welt zu werden, wie Felix Rohatyn, der frühere Botschafter der USA in Paris, kürzlich unterstrichen hat ... Dies ist Frankreichs große Chance, das finanzielle Gravitationszentrum für die Eurozone zu werden ... Die internationalen Hauptbüros der neuen Gruppe werden für den Spotmarkt in Paris und Amsterdam und für Derivate in London bleiben."
Überall Mußehen; und alle zeigen nur, daß die Finanzsynarchie vorhat, sich massiv in Kontinentaleuropa breitzumachen und die besonders spekulativen Bereiche des Systems (Liffe - Derivate) aus den USA heraus zu verlegen, um überall auf der Welt mit den härtesten Bandagen kämpfen zu können.
Weitere Unternehmungen müssen in dieses Bild eingefügt werden. Der Chef von Renault-Nissan, Carlos Ghosn, erhielt kürzlich über den zwielichtigen Milliardär Kirk Kerkorian vom Tracinda Fund, der mit 9,5 % der größte Aktionär von GM ist, ein Angebot von General Motors (GM). Offenbar sollen GM und Nissan in das Vorhaben eingebunden werden. Die Finanzhaie nagen derzeit GM bis auf die Knochen ab, holen alles an Bargeld heraus, was zu holen ist, und Kerkorian führt den Schwarm an.
Renault hat das bösartige Angebot freundlich aufgenommen und will die "Gelegenheit" sorgfältig prüfen. Renault und Nissan, so hieß es, "bilden ein offenes Bündnis, das nie von vornherein auf zwei Partner begrenzt war" und "sich erweitert läßt".
Kirk Kerkorian ging so weit, Carlos Ghosn vorzuschlagen, eine "weitreichende Umstrukturierung" bei GM vorzunehmen, wie er es schon mit Nissan in Japan getan hatte - Kosten senken, Löhne drücken, Renten kürzen.
Zwei Aspekte sind dabei zu unterstreichen. Erstens hat Nissan bereits ein Werk in den USA in Canton, Mississippi, wo die Arbeiter so schlecht bezahlt werden, daß Auslagern überflüssig wurde. Wie ein amerikanischer Gewerkschafter sagte: "Die wollen aus Mississippi ein Machukuo machen." Es ist also davon auszugehen, daß Ghosn bei GM eine Politik massiver Lohnsenkungen betreiben wird.
Zweitens wurde Renault-Nissan in letzter Zeit zunehmend in die Strategien von Lazard hineingezogen, wofür die jüngste Wende der Ereignisse ein weiteres Anzeichen war. Franck Riboud vom Renault-Vorstand verdankt seine ganzen Aufstieg beim Danone-Konzern Lazard-Chef Michel-David Weill. Francks Vater Antoine Riboud, ein Freund Weills, gehörte zu transatlantischen Militärkreisen, die sich mit Esoterik und Telekinese beschäftigen. Dessen Bruder Jean Riboud war es, der Felix Rohatyn und François Mitterrand bekannt machte. Ein weiteres Renault-Vorstandsmitglied, François de Combret, ist seit langem mit Lazard verbunden und gehörte zu der Gruppe, die Carlos Ghosn ins Renault-Management holte. Wenn man die gleiche Politik unter die Lupe nimmt, stößt man eben immer wieder auf das gleiche Netz von Einflüssen und Akteuren.
Derweil kauft der französische Konzern Alcatel (der zweitgrößte Telekommunikationsausrüster der Welt) das US-Unternehmen Lucent. Die Aktionäre der französischen Gruppe werden 60 % des Kapitals der neuen Einheit halten. Aber in Hinsicht auf Management und "Unternehmenskultur" wird sie viel mehr amerikanisch als französisch sein, und viel mehr finanziell als amerikanisch. Die Geschäfte wird Patricia Russo von Lucent leiten, eine in Paris lebende Amerikanerin. Der Großteil des Kapitals wird fest in den Händen angelsächsischer Investmentfonds liegen. Wie bei Euronext und Suez-GDF ist alles klar durchschaubar: Die Finanzinteressen und der Hauptsitz werden in Paris sein, um als Operationszentrum für eine multinationale Synarchie zu dienen.
Viele der traditionellen französischen Sozialleistungen sind nun gefährdet. Es sei ein "Piratenüberfall", klagte der frühere Chef des Sparkassenriesen CDC (Caisse des Depôts et Consignations) über den Vorstoß, die CDC-Handelsbank Ixis mit Natexis, der Handelsbank der Banques populaires (Volksbanken), zu fusionieren. An der Spitze der Fusionsbemühungen stehen der Boß der Caisse Nationale des Caisses d'Epargne (CNCE) Darius Milhaud und der Vorsitzende der Banques populaires Philippe Dupont. Die Fusion wäre das Todesurteil für das traditionelle Sparkonto (Livret A). Es bedeutete das Ende des "französischen Sonderwegs", auf gewöhnliche Sparkonten hohe Zinsen zu zahlen und sie zu benutzen, um Kredit für sozialen Wohnungsbau zu schaffen.
Besonders Philippe Dupont sind diese Livret A-Konten ein Dorn im Auge. Er und Milhaud wollen, daß die CDC, welche die Einnahmen aus diesen Konten verwaltet, sich vom Kapital der CNCE zurückzieht und so deren Privatisierung erzwingt. Und schon finden sich geeignete Freunde in der Not: Die Europäische Kommission hat eine Untersuchung darüber begonnen, ob Livret A ein rechtswidriges "Monopol" darstellt, nachdem die Crédit Agricole und andere Banken Beschwerde eingelegt hatten.
Mit dieser Strategie will man dem Nationalstaat alle Werkzeuge nehmen, mit denen er bisher in die Wirtschaft eingreifen konnte, und ihn zum Erfüllungsgehilfen einer Politik degradieren, die anderswo gemacht wird.
Vor diesem Hintergrund des Ausverkaufs staatlichen Besitzes wuchern unglaubliche Profite durch Aktienoptionen und Managerbezüge. Vor dem Ersten Weltkrieg sagte der Bankier JP Morgan, nicht gerade ein selbstloser Menschenfreund, der Chef eines Unternehmens solle niemals mehr als das Zwanzigfache dessen verdienen, was er seinen Arbeitern zahlt. Aber der Vinci-Vorstandschef Antoine Zacharias hat sich seit 2001 insgesamt 250 Millionen Euro einverleibt - das entspricht 5770 Jahren Durchschnittslohn seiner Mitarbeiter oder dem 17 000fachen des Mindestlohns.
Noël Forgeard vom Luftfahrtkonzern EADS hat seine Aktienoptionen gerade noch zum rechten Zeitpunkt verkauft und damit über 3,7 Mio. Euro Gewinn gemacht, obwohl ihm klar sein mußte - selbst die Gewerkschaften wußten es schon - , daß die Produktion des Airbus A-380 hinter dem Zeitplan zurücklag und ein Kurssturz der Aktie bevorstand. Insiderhandel? O nein, lispelt Forgeard, und dasselbe tut Arnaud Lagardère, der wundersamerweise genau zur gleichen Zeit die Hälfte der 15 % Anteile seiner Gruppe an EADS abstieß. Der erste spricht von "Inkompetenz", letzterer von Glück. Denken Sie nicht, das seien unzusammenhängende Schritte; tatsächlich sind es nur Symptome einer globalen Piratenstrategie, für die Korruption nur ein Werkzeug ist.
Der Verrat unserer Eliten zeigt sich klar und deutlich an zwei Extremfällen: Clara Gaymard und Anne Lauvergeon. Frau Gaymard ist die Tochter von Professor Jerôme Lejeune und Ehefrau des früheren Wirtschaftsministers Hervé Gaymard, der sein Amt wegen eines Korruptionsskandals überstürzt aufgeben mußte. Sie war Präsidentin der französischen internationalen Investitionsbehörde AFII (Agence Française des Investissements Internationaux), bis sie kürzlich zurücktrat, um die Leitung des französischen Teils von General Electric (GE) zu übernehmen. Da ist eine Spitzenbeamtin, die für die Förderung ausländischer Investitionen in Frankreich zuständig ist, die sich rücksichtslos den Weg zur Futterkrippe bahnt, indem sie einem der Unternehmen beitritt, die sie von Staats wegen förderte! GE ist das zweitgrößte Unternehmen der Welt, der siebtgrößte Zulieferer des Pentagons und einer der wichtigsten Spender der Republikanischen Partei in den USA. Langsam begreift man, warum Frau Lejeune-Gaymard, ihr Ehemann und ihr gemeinsamer Freund Dominique Perben von der Feindschaft zu mir persönlich so besessen waren (siehe Clara Lejeune, La vie est un bonheur, S.72-73).
Und was Anne Lauvergeon betrifft, auch wenn sie als Mitterrands frühere rechte Hand scheinbar von der anderen Seite des politischen Spektrums kommt, muß man konstatieren, daß auch sie fleißig die Interessen des Landes verrät: Sie hat dafür gesorgt, daß der Neokonservative Spencer Abraham die US-Tochter des Nuklearkonzerns Areva anführt, und übergab damit einem früheren amerikanischen Energieminister die Schlüssel zur französischen Kernindustrie. Mehr noch, Abraham ist Mitglied der Federalist Society, die in den USA für die Theorie der "einheitlichen Exekutive" kämpft, die dem Präsidenten im Konfliktfall - z.B. jetzt im "Krieg gegen den Terrorismus" - uneingeschränkte Macht zugestehen will (entsprechend dem "Führerprinzip"). Hinter der Federalist Society stehen Schüler von Carl Schmitt, dem "Kronjuristen" des Dritten Reichs. Das ist schon peinlich ...
Was hier in allen Schattierungen droht, und was sofort aufgehalten werden muß, wenn Frankreich nicht unter die Herrschaft einer Geldsynarchie fallen soll, ist eine Rückkehr zu den schlechten moralischen Gewohnheiten der 30er Jahre nach dem Finanzkrach 1929. In einem Bericht über Lazard Frères aus dem Jahr 1954 heißt es: "Als [Hitlers Außenminister] von Ribbentrop am 6. Dezember 1938 nach Paris kam, um mit dem Außenminister der Regierung Daladier, Georges Bonnet, ein Abkommen über gutnachbarliche Beziehungen zu schließen, veranstaltete man ein Abendessen am Quai d'Orsay, an dem Daniel Serruys von Lazard teilnahm. Damals unterhielt der neue geschäftsführende Teilhaber von Lazard André Meyer ausgezeichnete Beziehungen zu Georges Bonnet und unterstützte ihn zur Zeit des Münchner Abkommens."
Lazard war die Bank des Ölkonzerns Royal Dutch Shell, dessen Chef Sir Henry Deterding Hitlers Partei mit Geld versorgt hatte. Bis die Deutschen in Frankreich einmarschierten, sah André Meyer Hitler abwartend zu und knüpfte gleichzeitig ein enges Netz zur Banque Worms, dem wichtigsten Pol der anglo-französisch-deutschen Synarchie, über den Frankreichs "unwahrscheinliche Niederlage" organisiert wurde. Nach der Besetzung Frankreichs wanderte er 1940 in die USA aus und begann neu mit Lazard in New York. Am 27. Juli 1944 berichtete der US-Militärattaché nach Washington, Finanzkreise, die für die Kollaboration mit den Nazis waren, hätten nach und nach de Gaulles Bewegung "Freies Frankreich" unterwandert. In Anhang enthält der Bericht eine Liste mit etwa 80 Personen und Institutionen, dem harten Kern der Synarchie. Darunter tauchen auch die Banque Lazard und als einer ihrer Vertreter André Meyer auf. Ende der 50er Jahre begann Meyer Geschäfte mit Fusionen und Übernahmen, d.h. der Rekartellisierung. Bei diesem Aufbau neuer Kartelle war sein engster Mitarbeiter und Freund, den er wie einen Sohn ansah, Felix Rohatyn.
Später taucht Rohatyn in Frankreich auf: Er war 1997-2001 US-Botschafter in Paris, saß einige Jahre im Vorstand von Suez und sitzt noch heute im Vorstand von LVMH (wieder Bernard Arnault), der Gruppe Lagardière und von Publicis.
Da unsere Eliten in Krisenzeiten so sehr zum Verrat neigen, wäre es da nicht an der Zeit, sie abzulösen? Dabei hilft ein frischer Wind aus Amerika - nicht von Bush oder Cheney, und auch nicht von der opportunistischen Hillary Clinton, sondern von dem Bündnis von Kräften, das von Lyndon LaRouche auf beiden Seiten des Atlantiks angeregt wird. Die Zeit ist mehr als reif für eine neue weltweite Wirtschafts- und Währungsordnung, die wieder menschliche Arbeit und den Geist des Entdeckens und Verbesserns der Natur fördert - anstelle dieses finanzielle Parasitentum, das wir gerade beschrieben haben, das in sich den "Universalfaschismus" trägt, den der Neokonservative Michael Ledeen ganz offen propagiert.
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