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Aus der Neuen Solidarität Nr. 31-32/2006

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Globalisierung, Schacht und Neofeudalismus

Am Dienstag, den 25. Juli, ging zum ersten Mal die "Helga Zepp-LaRouche"-Show auf Sendung. Die interaktive Live-Sendung wird immer dienstags um 17 Uhr auf www.wlym.de zu verfolgen sein. Es folgen Auszüge des Gesprächs, das sich zwischen den Jugendlichen der LYM in Berlin und der BüSo-Vorsitzenden Helga Zepp-LaRouche entwickelte.

Thomas Rottmair: Helga, genau die Frage der Privatisierungen wollte ich nochmal aufgreifen. Vor ein paar Monaten wurde die WOBA, das ist die Wohnungsbaugenossenschaft in Dresden, verkauft. Heute konnte ich in der Berliner Zeitung lesen, daß jetzt dieser Hedgefonds aus den USA, Fortress, an die Börse gehen will. Wie ich befürchte, wird es - da diese Unternehmen dermaßen an Profit orientiert sind und das Gemeinwohl komplett außen vor lassen - zwangsläufig in die Richtung gehen, daß es zu Mieterhöhungen kommen wird, daß wahrscheinlich ärmere Leute aus diesen Wohnungen praktisch rausgejagt werden und daß der Lebensstandard dieser Leute wirklich radikal in die Tiefe gehen wird.

Ich wollte deshalb die Frage des allgemeinen Wirtschaftssystems aufbringen, das wir heutzutage so schön als "Globalisierung" bezeichnen, denn ich glaube, daß die meisten Leute über diese Situation wirklich empört sind. Und wer ein bißchen die Zeitung studiert, hat vielleicht von diesen Arbeitslagern in Italien gelesen, wo polnische Arbeiter zur Arbeit gezwungen und sogar mit Waffengewalt bedroht wurden, wenn sie die Felder verlassen wollten.

Wäre es übertrieben zu sagen, daß diese Globalisierung in Richtung einer faschistischen Ausbeutung der Arbeitskraft des einzelnen Menschen geht?

Helga Zepp-LaRouche: Nein, das ist überhaupt nicht übertrieben. Schon jetzt hat ja die Globalisierung dazu geführt, daß die Schere zwischen Reich und Arm auf der ganzen Welt, in Deutschland, in Amerika, in den Entwicklungsländern, so wahnsinnig auseinander klafft, daß eine ganz kleine Prozentzahl von Leuten so superreich wird wie George Soros oder Rohatyn oder Warren Buffett - die sind Supermultimilliardäre und verfügen über Kapital von mehreren hundert Milliarden, die sie spekulativ einsetzen, während die Masse der Bevölkerung immer ärmer wird und Afrika stirbt. Teile Lateinamerikas befinden sich in einem ähnlichen Zustand. Insgesamt ist das einfach eine Rückkehr zum Feudalismus; denn wenn man alles privatisiert hat, was diese Leute ja wollen, und der Staat in seiner Funktion vollkommen ausgeschaltet wird, dann fallen wir tatsächlich zurück in einen Zustand wie vor der Entwicklung des Nationalstaates, nämlich in den Feudalismus.

Und deshalb haben wir es bei der Globalisierung in Wirklichkeit mit einem neofeudalistischen System zu tun, das mit Sicherheit eine Bevölkerungsreduzierung zur Folge hat, weil die Leute, die arm sind, einfach früher sterben.

Z.B. die Billigproduktion - warum ist die billig? Weil die Leute arm sind. Weil die Leute dann zu Löhnen arbeiten müssen, wie in den Maquiladores in Mexiko, für 800 oder 1000 Kalorien am Tag - und damit kommt man schon auf eine Kalorienzahl, wie sie auch in den Konzentrationslagern existierte.

Und das ist in gewisser Weise auch genau die Absicht. Das ist nicht so, als wären diese Leute sich irgendwie nicht bewußt, was sie da tun. Mein Mann hat 1971 in New York eine Debatte geführt mit einem neoliberalen Ökonomen namens Abba Lerner. Und dieser Abba Lerner hat dann im Zuge dieser Debatte, in der es um Grundsatzfragen der Wirtschaftspolitik ging, den bemerkenswerten Satz gesagt: "Ja, wenn man die Leute dazu kriegt, die Politik von Hjalmar Schacht zu akzeptieren, dann braucht man keinen Hitler."

Das hat dann dazu geführt, daß der damalige Mitautor des Kongresses für kulturelle Freiheit, Sidney Hook, der irgendwie von dieser Debatte gehört hatte, sagte: "Um Gottes Willen, wenn LaRouche es schafft, Topexperten wie diesen Abba Lerner zu solchen Aussagen zu bringen" - die eigentlich tabu sind, und worüber man bestenfalls im Insider-Kreis redet, aber nicht wirklich die Wahrheit, die Katze aus dem Sack läßt - "dann müssen wir dafür sorgen, daß dieser LaRouche nie mehr in öffentlichen Debatten auftritt." Man hat ihn praktisch ausgrenzt und im Grunde gesagt: "Dieser Mann ist zu gefährlich, deshalb müssen wir ihn isolieren."

Und dann fing diese ganze Verleumdungskampagne an, von der unsere Hörer sicher schon mal gehört haben, die praktisch alle aus einer einzigen Feder kommen, nämlich diesen oligarchischen Kreisen. Wenn man heute anschaut, was jetzt z.B. die Große Koalition oder die französische Regierung oder sogar die neue Prodi-Regierung an Austerität akzeptieren - das ist im Grunde dasselbe, im Prinzip, wie die Politik der Brüning-Regierung. Und von Brüning zu Schacht war's dann eben nur noch ein sehr kleiner Schritt.

Wir sind heute in Deutschland z.B. mit einem Sozialabbau von unglaublichen Dimensionen konfrontiert. Das Gesundheitssystem wird im Augenblick absolut auseinandergenommen. Wir hatten in Deutschland einmal mit das beste Gesundheitssystem in der Welt - und was ist heute davon übriggeblieben? Dasselbe mit den Renten, dasselbe mit dem Erziehungssystem. Und das ist eigentlich alles, auch wenn das natürlich so nicht offen zugegeben wird - das ist Schachtsche Politik. Und deshalb droht in der Tat ein neuer Faschismus, absolut.

Man muß dann natürlich auch sehen: Es waren dieselben Finanzinteressen, die damals die Kartellisierung in den zwanziger und dreißiger Jahren betrieben haben, die Mussolini an die Macht gebracht haben, Franco, Hitler: IG Farben, die Schröder-Bank, Montagu Norman, der damalige Chef der Bank von England, und natürlich Averell Harriman und Prescott Bush in den USA. Und diese Kartellisierung findet heute wieder statt. Das ist die Weltordnung, die diese Leute sich vorstellen, und deshalb ist wirklich die Gefahr eines neuen Faschismus da.

Portia Tarumbwa: Im Hinblick auf die Kampagne, die wir hier in Berlin führen, in der einer von uns Jugendlichen [Daniel Buchmann] Spitzenkandidat ist, wollte ich dich nach den ganz speziellen Hintergründen dieser Kampagne fragen. Denn die findet nicht unter normalen Bedingungen statt. Sondern spätestens seit dem Terroranschlag in Mumbai und dann auch noch mit diesem Krieg, der im Libanon ausgebrochen ist, fragen sich die Leute auf der Straße und jeder denkende Mensch, wie es eigentlich zu dieser Eskalation gekommen ist. Und die Frage ist, wer profitiert denn davon? Was kannst du dazu sagen?

Helga Zepp-LaRouche: Man muß wirklich die Gesamtsituation vom Nahen Osten bis zum indischen Subkontinent als eine Region betrachten. Das ist hier von den Medien relativ wenig beachtet worden, aber vor ungefähr drei Wochen gab es diesen Terroranschlag in Mumbai, wo über 300 Leute umgekommen und über 700 verletzt worden sind. Das war ein Anschlag, der von hoher Präzision gekennzeichnet war. Sieben Züge um die Abendzeit wurden da gleichzeitig durch Bomben zur Explosion gebracht. Die entscheidenden Kreise in Indien haben wirklich klargemacht, daß sie davon ausgehen, daß dieser Anschlag, der im übrigen so ähnlich war wie der in Madrid, einen geheimdienstlichen Hintergrund hatte.

Dann muß man natürlich sehen, daß die Lage im Irak vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist, dort ist voller Bürgerkrieg, einerseits gegen die als verhaßt empfundenen Besatzungsmächte, vor allen Dingen natürlich die USA und die Briten, aber inzwischen auch zwischen den Schiiten und den Sunniten. Jeden Tag kommt es zu 50 bis 100 Toten bei Anschlägen, und eigentlich ist die Lage vollkommen außer Kontrolle. Das gleiche gilt für die Situation in Afghanistan, wo im Grunde auch ein voller Aufstand und eine Rückkehr der Taliban im Gange ist, und die Bundeswehr eigentlich in einer total katastrophal unsicheren Lage ist und sich besser über einen Rückzug Gedanken machen sollte, wie sie da überhaupt wieder herauskommt.

Dann muß man natürlich sehen, daß der Libanon durch den Angriff der Israelis, der ja jetzt schon eine Woche im Gang ist, mit vielen, vielen Artillerie- und Bombenangriffen wirklich zerstört worden ist. Viele haben sicher die Bilder gesehen, der ganze Staat Libanon ist zerstört. Die Infrastruktur wurde systematisch kaputt gemacht, und das Land ist wirklich um 50 Jahre in seiner Entwicklung zurückgeworfen.

Diese ganze sogenannte Krisenregion vom Nahen Osten über Afghanistan, Irak bis nach Indien muß man wirklich als eine Region sehen, die potentiell vollkommen aus dem Ruder laufen kann. Und das ist nicht zu erklären mit nur den lokalen Konflikten, die natürlich da sind. Historisch gesehen haben alle diese Sachen verständliche Gründe - bzw. nicht alle, sondern ein Teil davon - aber es ist auch eine Orchestrierung einer praktisch gesamtglobalen Destablisierung mit dem Ziel, Chaos zu schaffen.

Das ist, glaube ich, für die meisten Leute sehr schwierig zu verstehen. Aber es sind nicht Nationen, die Krieg gegeneinander machen, auch wenn natürlich die Angriffe jetzt von Israel lanciert werden; aber das ist potentiell selbstmörderisch für Israel - denn die Gefahr ist wirklich, daß es zu einem Riesenrückschlag kommt, einem riesigen Bumerang für Israel, der seine eigene Existenz gefährdet. Man kann die Ursachen nicht nur in der lokalen Situation finden, sondern man muß verstehen, daß sich dahinter ganz andere Prozesse abspielen.

Thomas Rottmair: Vielleicht als eine Anschlußfrage an deine Darlegung, Helga: Ich glaube, die wenigsten Leute auf der Straße, und auch im allgemeinen sehr politisch gebildete Leute, können sich nur schwer vorstellen, daß eigentlich nicht Israel und auch nicht die USA oder ein anderer Staat hinter diesen Kriegen und diesen schwelenden Situationen auf der ganzen Welt stehen, sondern eine ganz andere Kraft, wie du schon gesagt hast. Ja, ich denke, daß es gut wäre, wenn die Leute einen Einblick bekommen, was diese Prozesse sind, und wer von dieser katastrophalen Entwicklung eigentlich einen Vorteil hat. Für einen Normalbürger ist das wirklich schwer zu verstehen.

Helga Zepp-LaRouche: Naja, man muß sich halt klarmachen, wie die Weltlage heute wirklich aussieht. Wir haben es im Rahmen der Globalisierung mit einem Prozeß zu tun, der, seit die Sowjetunion nicht mehr existiert, wirklich sehr eskaliert ist - das sind die sogenannten feindlichen Übernahmen der multinationalen Unternehmungen, der sogenannten Hedgefonds, Müntefering hat sie ja mal "Heuschrecken" genannt, und Finanzgruppen, die immer mehr und immer feindlicher und immer aggressiver diese feindlichen Übernahmen machen. Wir haben also heute einen Prozeß der Kartellisierung, der eigentlich nur vergleichbar ist mit dem, was in den zwanziger und dreißiger Jahren stattgefunden hat. Wo dann auch nur solche Superkonglomerate übrig geblieben sind wie IG Farben und andere.

Diese Korporationen, also diese Unternehmen, haben sehr viel mehr Macht als z.B. nationale Regierungen. Sie haben viel mehr Möglichkeiten und viel mehr Machtfülle als z.B. Nationalstaaten, die diesen Heuschrecken gegenüber relativ hilflos sind. Wenn man sich diesen Prozeß klarmacht, dann wird auch deutlich, daß es in der heutigen Welt nicht mehr die Nationalstaaten sind, die solche Prozesse bestimmen, sondern daß es diese Finanzinteressen sind, die natürlich, und das muß man auch verstehen, den Zustand des Finanzsystems besser kennen als der normale Mensch auf der Straße oder der normale Zeitungsleser.

Diese Finanzgruppen wissen seit geraumer Zeit, daß das Finanzsystem, das mit der Globalisierung assoziiert ist, hoffnungslos bankrott ist, daß es in die Endphase gekommen ist, wo eigentlich nur noch die Frage ist, ob es platzt, weil die Zentralbanken die Zinsen anheben, wegen der Inflation, die man ja in der Rohstoff- und Energiepreisentwicklung sehr deutlich sehen kann, und daß es dann durch diese Zinserhöhungen zum Platzen der Blasen kommt - oder ob sie nichts tun, was sie natürlich auch nicht können, denn dann gibt es eine Hyperinflation, aber nicht nur in einem Land, wie in Weimar-Deutschland 1923, sondern eben global. Dieser Prozeß ist voll im Gang, und diese großen Kartelle, diese Heuschrecken, die wissen das, und sie positionieren sich jetzt, um nach dem Kollaps die Kontrolle zu behalten. In gewisser Weise ist es in deren Interesse, ein Chaos zu erzeugen, um damit die Macht der Nationalstaaten ganz auszuschalten. Es ist ganz klar, daß die ein anderes Konzept vom Weltmodell haben, eine andere Weltordnung, die durch diesen Prozeß erreicht werden soll.

 

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