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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2006 |
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Von Frank Hahn,
Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus auf Platz 2 der Landesliste
und als Direktkandidat im WK 7 Steglitz-Zehlendorf
Für viele Menschen sind Indsutrie und Kultur Gegensätze. Daß dies keineswegs so sein muß, zeigt der folgende Beitrag.
Die BüSo setzt sich für die Reindustrialisierung Berlins ein. Wir haben konkrete programmatische Vorschläge gemacht, wie wir mit modernsten Technologien vom Transrapid bis zur Wasserstofftechnologie und der Raumfahrt Hunderttausende neue Arbeitsplätze schaffen können.
Wir haben immer wieder deutlich gemacht, daß ein solches Programm nicht am mangelnden Geld scheitert, sondern am politischen Willen. Es hängt deswegen auch von Ihnen ab, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Politik unter Druck zu setzen, endlich wieder in Zukunftsprojekte zu investieren. Das geht nur, wenn Sie selbst echte Begeisterung für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt entwickeln! In dem Maße, wie wir uns als Gesellschaft mit Projekten wie Transrapid oder Raumfahrt identifizieren, wird es auch gelingen, die Bildungspolitik im Sinne klassisch-humanistischer Inhalte darauf auszurichten. Und dann wird es auch Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit wie Arbeitslosigkeit, Pessimismus, Kriegsgefahr usw. geben.
Um bei Ihnen den nötigen Enthusiasmus für eine wissenschaftsbasierte Industriegesellschaft zu wecken, möchte ich einige Gedanken über die kulturelle Bedeutung von Industrie und Technik darlegen. Industrie und Kultur? Diese Verbindung erscheint dem Zeitgeist höchst paradox, wenn nicht suspekt. Und doch zeigt uns gerade die bewegte und spannende Geschichte Berlins diesen Zusammenhang auf.
Die Industrialisierung Preußens und damit Berlins vor etwa 200 Jahren zielte auf die Befreiung vom Feudalismus. Durch die preußischen Reformen wurden die Bauern frei und die Städte in die Selbstverwaltung entlassen. Jetzt war es nötig, den Geist selbst durch Projekte frei zu machen, die seine schöpferischen Fähigkeiten weckten. Die Väter der Industrialisierung gehörten demgemäß zu den feinsten, humanistischen Kreisen der damaligen Zeit. Es waren Leute wie der große preußische Reformer Freiherr vom Stein, sein Schüler Peter Christian Beuth, der Künstler und Architekt Schinkel sowie der Lokomotivenkönig Borsig. Sie wollten wirklichen menschlichen Fortschritt durch eine "Symbiose von Kunst und Industrie" (August Borsig) schaffen.
Wie war dies zu verstehen? Zum einen war es das Ausbildungsziel in der berühmten Gewerbeschule Beuths, daß sich die zukünftigen Fabrikanten nicht nur von technisch-ökonomischen, sondern auch ästhetischen Motiven leiten lassen sollten. Beim Bau von Brücken und Laternen, von Maschinen und Fabrikgebäuden galt die Orientierung am Vorbild der klassisch-griechischen Kunstwerke. Lokomotivenbauer Borsig selbst war ursprünglich Kunstzeichner und machte sich einen Namen durch den Bau von Dampfkesseln für die Fontäne von Schloß Sanssouci.
Der Einsatz arbeitssparender Maschinen sollte den Menschen zunehmend von stupider Arbeit befreien. Durch die Verbreitung von Technik und Wissenschaft sollten große Schichten des Volkes geistig angeregt und ausgebildet werden, so daß die ganze Gesellschaft sich auf eine höhere Kulturstufe erheben würde.
Für dieses Ziel stand wie kein anderer seiner Zeit der große Gelehrte Alexander von Humboldt! Er kehrte 1827 aus Paris mit dem ehrgeizigen Plan nach Berlin zurück, die Hauptstadt Preußens zum Zentrum der Wissenschaften in ganz Europa zu machen. Er sorgte für den Bau von Sternwarten und magnetischen Meßstationen. Berlin wurde durch ihn zum Zentrum der Astronomie, Mathematik, Physik und Chemie. Humboldt beschrieb, wie "das Auffinden neuer Naturgesetze in das industrielle Leben der Völker überströmt" und auf diese Weise "das Aufblühen der Manufakturen und das ungehinderte Fortschreiten in der geistigen Kultur der Menschheit in gegenseitigem, dauernd wirksamen Verkehr miteinander stehen". Er selbst setzte sich für den Bau von Wasserleitungen und Eisenbahnen ein und unterstützte noch als alter Mann die elektrotechnischen Gehversuche des jungen Werner Siemens.
Vor allem aber weckte Humboldt in breiten Kreisen der Bevölkerung Begeisterung für die Naturwissenschaften. Unmittelbar nach seiner Rückkehr in die preußische Hauptstadt begann der Forschungsreisende in der Berliner Singakademie mit regelmäßigen öffentlichen Vorträgen über den "Kosmos". Die Bürger Berlins strömten zu Tausenden in Humboldts Vorträge, sie lauschten neugierig und ehrfürchtig den packenden, zugleich poetisch-schöngeistigen wie wissenschaftlich anspruchsvollen Darlegungen des berühmten Mannes.
Die Wirkung auf die Hebung des kulturellen Niveaus war gewaltig - und so war es kein Zufall, daß Humboldts enger Freund, der Fabrikant August Borsig, den Maschinen- und Lokomotivenbau als kulturellen Beitrag zur Vervollkommnung der Schöpfung sah. Auch auf seine Arbeiter und Angestellten sprang dieser Funke über; sie sahen sich nicht als Proletarier, sondern stolze "Borsigianer", die im Bewußtsein der Verbesserung menschlicher Verhältnisse an ihre Arbeit gingen.
Ist dieses Bild nicht zu idealistisch gezeichnet? Übersieht man dabei nicht das gleichzeitige Elend eines wachsenden städtischen Proletariats, das zunehmend von Armut, Not, Hunger, Krankheiten geplagt war, werden viele fragen. Natürlich war das soziale Elend des 19. Jh. himmelschreiend - allerdings ist dies nun wahrlich nicht einem Humboldt, Borsig oder Beuth anzulasten. Vielmehr hatte es in Deutschland und ganz Europa keine gegen die Herrschaft einer Oligarchie gerichtete Revolution gegeben; die Finanzoligarchie sowie der Landadel bekämpften den technischen Fortschritt, wo immer sie konnten. Den sozialen Fortschritt erstickten sie ganz und gar, erst durch Bismarcks Sozialreformen trat hier Linderung ein.
Der entscheidende Maßstab, an dem wir uns heute messen lassen müssen, ist aber die Absicht der Väter der Industrialisierung. Tatsächlich ist weder das technisch-wissenschaftliche, noch das soziale und menschliche Potential der Industrialisierung jemals realisiert worden. Das "Experiment Industriegesellschaft" wurde dann auch noch in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vorzeitig abgebrochen, es wurde die sog. "nachindustrielle" Gesellschaft propagiert.
Die Folgen treffen uns heute auf brutale Weise: Die Investitionen wurden zunehmend von langfristigen, produktiven Projekten in den kurzfristig spekulativen Bereich gelenkt. Die Folge: Hedgefonds und andere "Heuschrecken" plündern Mittelstand, Kommunen und Staaten hemmungslos aus wie feudale Raubritter. Ihr Credo heißt Kostensenkung - und so bleibt der Mensch als moderner Sklave auf der Strecke; er wird zum reinen Kostenfaktor, den man am besten "wegkürzt". Wir sind Zeugen eines ungeheuerlichen gesellschaftlichen Rückfalls in quasifeudale Zustände.
Ein Aufbegehren gegen diesen Neofeudalismus muß mit einer "prometheischen Wende" beginnen. Nichts fürchten die Finanzoligarchen so sehr wie die Forderung nach Entwicklung, die der Menschheit grenzenlose Möglichkeiten eröffnet. Das Sinnbild für dieses Überschreiten von Grenzen ist die antike Sagengestalt des Prometheus, der den Menschen das "Feuer" gab: die schöpferische Fähigkeit, selbst neue Prinzipien in Wissenschaft und Kunst zu entdecken und anzuwenden.
Wie hätte die Welt aussehen können, wenn das "Experiment Industriegesellschaft" nicht vorzeitig beendet worden wäre? In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts war es allgemeiner Konsens, daß die Weiterentwicklung eines Prozesses, der mit Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrizität einst begonnen hatte, konsequent die Entwicklung der Kernfusion und der bemannten Weltraumfahrt bedeutete. Der Einstieg in die Kernfusion wurde vor 50 Jahren als endgültige Lösung des Weltenergieproblems gesehen - eine wahrhaft prometheische Aussicht. Angesichts der befreienden Wirkung für die armen Länder dieser Welt war dies natürlich von den westlichen Finanzeliten alles andere als erwünscht.
Bemannte Raumfahrtprojekte wurden von wissenschaftlichen Pionieren wie Eugen Sänger und Wernher von Braun bereits mit konkreten Daten versehen - für 1981 war die erste Landung auf dem Mars geplant. Utopien, Prestigeprojekte? Was bringt uns die Raumfahrt, wir wollen Arbeitsplätze. "Die sollen sich erstmal um die Probleme hier auf der Erde kümmern" - mault der Zeitgeist im Jahre 2006. Moment mal! Die Entwicklung der bemannten Raumfahrt gehört zu den arbeitsintensivsten Projekten, die sich heute denken lassen. Und die wissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse bemannter Raumfahrtprojekte würden uns vielfältigste Antworten auf "irdische Probleme" wie z.B. Fragen der Rohstoff-, Energie-, und Wasserversorgung liefern.
Der eigentliche Sinn solcher Pionierprojekte ist allerdings nicht ein materieller, sondern ein kultureller. Und damit kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück. Die Erkundung des astrophysikalischen Raums und später der Galaxien brächte eine Zivilisation hervor, deren Kennzeichen die Herrschaft des Geistes über die Materie wäre. Der Politiker Leo Brandt formulierte es in den 50er Jahren so: "Wenn die Sputniks das erreichen können, auch uns vor Augen zu führen, daß die Aktivierung der geistigen Kräfte sich in der ganzen Welt vollzieht, weil die Nationen Provinzen des Geistes erobern wollen, wenn die Sputniks uns auf diese Weise wachrütteln ..., dann haben sie dem Frieden gedient, denn nur mit geistiger Arbeit können wir unsere Zukunft sichern."
Auch die Verbindung von Wissenschaft und Schönheit erhielte eine neue Dimension. Der erste deutsche Astronaut im All, der Berliner Wissenschaftler, Forscher, Ingenieur und Philosoph Reinhard Furrer, schilderte seine Erlebnisse im All so: Er habe das "Summen des Universums" gehört, es sei, "als wenn da draußen jemand singe" - und wir denken natürlich gleich an Keplers Weltharmonik. Furrer führt uns vor Augen, daß wir tatsächlich als Menschen dazu geschaffen sind, den Weltraum zu "erobern". Er beschreibt, wie schnell sich der menschliche Körper an die Schwerelosigkeit anpasse. Der Grund dafür sei "die Leistungsfähigkeit des Gehirns im zentralen Nervensystem. Der Mensch hat also Fähigkeiten, die über das Irdische hinausgehen."
Es liegt also in der Natur des Menschen, die Erde zu verlassen und die Sphäre des Geistes auf das ganze Universum auszudehnen.
Die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis ist unsere Natur, die industrielle Entwicklung liefert uns die dafür nötigen Instrumente - so gesehen gehören sinnvoll definierte technische Großprojekte zu unserer Natur.
Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Schritt der Zivilisation eine Befreiung von dem System oligarchischer Herrschaftsausübung bedeutet. Der Mensch einer solchen Zivilisation findet seine Identität in der Hingabe an den Fortschritt und wird die Fesseln neofeudaler Unterdrückung abstreifen. Dies bezeichne ich als "prometheische Wende".
Natürlich ist dies die sprichwörtliche "Zukunftsmusik". Doch wenn wir nicht von der Zukunft her ein neues Verständnis der technisch-industriellen Zivilisation gewinnen, dann werden wir wahrscheinlich selbst den ersten kleinen Schritt in Richtung auf die Verbesserung der Verhältnisse nicht wagen!
Angesichts der Krise unserer Gesellschaft und der ganzen Zivilisation müssen wir in großen Zeiträumen und großen Konzepten denken. Vom Beginn der preußischen Industrialisierung 1817 bis zur Blüte Berlins als modernster und wohlhabendster Industriestadt Europas hat es 100 Jahre gedauert.
Machen wir heute den zweiten Anlauf und bauen Berlin zur Industriemetropole des 21. Jh. um und ehren damit alle Idealisten der Symbiose von Wissenschaft, Industrie und Kunst - von Alexander von Humboldt bis Reinhard Furrer.
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