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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2006 |
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Von Rosa Tennenbaum,
BüSo-Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus im Bezirk Pankow, Wahlkreis 4
Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat recht, wenn er sagt, die Schule sei "der Ort, an dem gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufeinanderprallen". Seine eigene Partei hat kräftig an diesen Fehlentwicklungen mitgewirkt, ganz besonders in der Schule. Berlin liegt zusammen mit Hamburg und Bremen bei allen relevanten Erhebungen über Bildung auf den letzten Plätzen. Jeder zweite Hauptschulabgänger gilt als nicht ausbildungsfähig - nach neun Jahren Schule, wohlgemerkt. Selbst die Kulturtechniken Schreiben, Lesen, Rechnen werden mangelhaft beherrscht, hinzu kommen Schwächen beim Sprechen, in der Allgemeinbildung und im sozialen Verhalten. Weitere 42 % werden von der IHK als beschränkt ausbildungsfähig bewertet, wenn sie Zusatzmaßnahmen während der Lehre erhalten. Insgesamt verlassen rund 15% die Schule als funktionale Analphabeten.
Nur 5 % der Hauptschulabgänger gelten als uneingeschränkt ausbildungsfähig - wenn sie denn einen Ausbildungsplatz finden, was in der Regel nicht gelingt. Von 52 Schulabgängern an der Rütli-Schule haben lediglich vier eine Lehrstelle gefunden. An anderen Schulen sieht es ähnlich aus; die Ausbildungsquote beträgt national 56 % für deutsche und 25 % für ausländische Hauptschüler. In Bezirken wie Neukölln wächst bereits in vielen Familien die dritte Generation in Arbeitslosigkeit heran - ohne Aussicht auf Besserung, ohne jegliche positive Perspektive.
Die Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor des Problems, das die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) mit ihrer Forderung, daß Berlin wieder Industriestadt werden müsse, angeht. Unsere Gesellschaft muß den Heranwachsenden die Aussicht bieten, daß sie ihre Lage und die ihrer Familien verbessern können, wenn sie sich entsprechend anstrengen. Sie muß ihnen berufliche und soziale Aufstiegschancen eröffnen, sonst wird sich in den Schulen nichts ändern können. Die Lösung der Arbeitslosigkeit ist die Voraussetzung, daß sich in der Bildung irgendetwas bewegen läßt.
Das Problem beginnt schon vor der Hauptschule in den Familien. 64 % der eingeschulten Kinder, also mit etwa sechs Jahren, zeigen erhebliche Entwicklungsstörungen. Jedes zweite dieser Kinder kann nicht einmal richtig sprechen, zeigt einen Sprachentwicklungsstand wie ein Zweijähriger. Warum? Weil wir nicht mehr miteinander reden. Ehepaare sprechen rund acht Minuten am Tag miteinander, mit ihrem Kind sieben Minuten. Fernsehkinder lernen gar nicht sprechen. Das gilt für deutsche wie für ausländische Kinder gleichermaßen. Wir werden eine Gesellschaft von Autisten.
Es wird viel über den Ausländeranteil in den Klassen gesprochen, der ein Problem darstellt. Wichtiger aber ist die wachsende Zahl von Kindern aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten. Unsere Gesellschaft verarmt und verblödet, und ein wesentlicher Grund dafür sind die elektronischen Medien. Männliche deutsche Hauptschüler verbringen vier bis fünf Stunden täglich vor dem Fernseher, ausländische fünf bis sechs. Jeder zweite Zwölfjährige hat einen eigenen Fernseher auf seinem Zimmer; das ist in der Regel das Ende der Schullaufbahn. Von den Kindern, die keinen eigenen Fernseher haben, bekommt jedes zweite eine Empfehlung für das Gymnasium, bei denen mit eigenem Fernseher ist es genau umgekehrt: 42 % dieser Kinder bekommen eine Empfehlung für die Hauptschule.
Die Jugend habe keine Werte mehr, wird geklagt. Woher soll sie sie denn haben? Von den Politikern etwa, die in den Sonntagsreden so gern die Familie hochleben lassen, von Anstand, Verläßlichkeit, Respekt schwadronieren, in ihrem politischen und privaten Leben aber genau das Gegenteil tun? Wir wollen Werte vermitteln, wo wir doch selbst keine haben?
Unsere Gesellschaft ist krank, schwer krank, und was wir zur Zeit aus den Schulen hören, ist davon nur ein Ausdruck.
Was kann man in dieser Lage von den Parteien erhoffen? Es wird viel und laut gestritten, aber die Unterschiede sind nicht groß. Die aktuelle Diskussion bewegt sich entlang der alten Kampflinien. Die sogenannte Linke streitet immer noch für die Gesamtschule, die jetzt als Gemeinschaftsschule Auferstehung feiert, mit den alten, längst widerlegten Argumenten. Sie nutzt die zugespitzte Lage an den Hauptschulen aus, um sie ganz abzuschaffen. Dabei spricht man von der Hauptschule, doch eigentlich meint man das Gymnasium. Die Vorsitzende der Berliner GEW, Rose-Marie Seggelke, sagte im Radio, nicht nur die Hauptschule müsse verschwinden, sondern das Gymnasium gleich mit, denn es gäbe sonst immer Eltern, die ihre Kinder auf eine bessere Schule schicken würden. Es ist ihr also lieber, wenn alle auf eine schlechtere Schule gehen, als daß die, die immer unten standen, aufsteigen können. Das ist die Engstirnigkeit der 68er in Reinform.
SPD, Grüne und Linkspartei.PDS wollen die Hauptschule abschaffen und das Problem in die Realschule verlagern. Das einzige Resultat wäre die Abwertung der Realschule, und das können wir nun gar nicht gebrauchen. Stattdessen muß die Hauptschule aufgewertet werden, indem das Leistungsniveau nach oben gerissen wird. Die anhaltende Degradierung der Hauptschule zur Rest- und Ausländerschule hat auch die anderen Schulabschlüsse entwertet, sie muß ins Gegenteil verkehrt werden.
Es sind die gleichen Schlagworte wie in den 70er Jahren: Chancengleichheit! Fördern statt Auslesen! Das klingt gut, nur das Konzept dahinter stimmt nicht. Wenn alle Kinder auf die gleiche Schule gehen sollen, dann muß sie das höchste Niveau bieten und nicht das miserabelste. Alle Kinder müssen am Wissen teilhaben dürfen, nicht nur die, deren Eltern sich einen Privatlehrer leisten können. Das ist der grundlegend falsche Ansatz der Reformpädagogik bis heute.
Friedbert Pflüger von der CDU verspricht Schülern und Eltern eine "Unterrichtsgarantie". Will er sie etwa so einlösen wie sein Parteifreund Roland Koch in Hessen? Dort werden Eltern, pensionierte Lehrer und andere Ruheständler in die Schulen geholt, weil der CDU qualifizierte Lehrer zu teuer sind. Mit dem neuen Schuljahr erhalten diese Aushilfen sogar 15 Euro in der Stunde.
Die FDP will das Bildungssystem am liebsten privatisieren - für die Partei der Beserverdienenden ist das kein Problem. Spitzenkandidat Martin Lindner hält eine Studiengebühr von 600 Euro im Semester für angemessen. Alle Parteien gemeinsam wollen, daß der Unterricht sich stärker an der Praxis orientieren soll, mal wird das als "Berufsweltorientierung", mal als "produktives Lernen" verklausuliert. Alle diese Vorschläge sind eine Kapitulation vor den Problemen; sie werden das Leistungsniveau in den Schulen noch weiter absinken lassen.
Bildungspolitiker tun immer so, als müßten sie Bildung neu erfinden. Damit stellen sie nur ihre Dummheit zur Schau, denn dieses Land hatte das beste Bildungssystem der Welt, bis unter Willy Brandt die unselige Ära der Schulreformen eingeleitet wurde. Schauen wir uns dieses Bildungssystem doch einmal an:
Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war der große Bildungsreformator des 19. Jahrhunderts. Erziehung, so meinte er, solle dem Heranwachsenden ermöglichen, alle seine Fähigkeiten und Anlagen zu entdecken und zu entwickeln.
Die Schule hat nicht die Aufgabe, auf einen künftigen Beruf oder das Universitätsstudium vorzubereiten, ihr alleiniger Zweck ist die Bildung des Heranwachsenden zum schönen Charakter.
Deshalb darf der Unterricht genau nicht "praxisorientiert" sein. Je enger man die Erziehung faßt, je früher man mit der Berufsorientierung anfängt, desto mehr beschneidet man die Berufs- und Lebensaussichten des Schülers. Praxisorientierter Unterricht ist Zeit- und Geldverschwendung, denn der Mensch wird weder unfassend gebildet, noch auf seinen Beruf vernünftig vorbereitet. Jede Form von Nützlichkeitsdenken schloß Wilhelm kategorisch aus der Bildung aus, darauf gründet sich der beispiellose Erfolg seiner Bildungsidee. Bildung war ein Wert an sich, der jedem Menschen zustand, gleichgültig, welcher sozialen Schicht er angehörte. Alles, was der Heranwachsende in seinem Beruf brauchte, sollte er nach dem Abschluß der Schule, wenn er seine Lehre beginnt, lernen. Die Erziehung, die er bis dahin genossen hatte, war so umfassend, daß er sich das nun geforderte Spezialwissen rasch aneignen konnte.
Das ist doch genau das, was die Wirtschaft heute fordert. Flexibel soll der Arbeitnehmer sein, soll unterschiedliche Schwerpunkte in seiner Berufssparte oder gar verschiedene Berufe ausüben können. Das geht nicht mit einem Schmalspurstudium und mit früher Praxisorientierung, das verlangt genau das Gegenteil. Der Mensch muß breit und umfassend gebildet, jede Orientierung auf einen konkreten Beruf muß möglichst weit zurückgestellt werden.
Wir brauchen auch ein anderes Verständnis von Lernen. Lernen heißt nicht Pauken von Zahlen, Daten und Fakten, die man auf Anfrage korrekt wiedergeben kann; das kann jeder Computer besser als wir. Lernen ist ein Prozeß wachsender Einsichten und tieferen Begreifens, wobei jede erworbene Kenntnis als Sprungbrett für weitere Einsichten dient. Der Unterricht darf sich nicht mit Alltagsgeschwätz aufhalten, soll nicht wirklichkeitsorientiert sein, das kennt der Schüler ohnehin. In der Schule soll er eine idealische Sicht der Welt und des Menschen erfahren, er soll die Evolution der menschlichen Erkenntnis studieren und regelrecht wiederentdecken. Dann entdeckt er seine eigenen kognitiven und kreativen Fähigkeiten und wird unabhängig von äußerer Einflußnahme. Gerade im Internet-Zeitalter, wo wir mit einer Masse von konkretem Wissen überflutet werden, muß sich die Schule auf die prinzipiellen, formgebenden Inhalte konzentrieren.
Das heute vorherrschende Menschenbild ist reduktionistisch, und alle bildungspolitischen Vorschläge kranken daran. Man sucht Wege, um möglichst viel Wissen in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Geld in den Schülerkopf zu transportieren, wie das heißt. Aber so lernt man nicht, auch der heutige Schüler nicht.
Auch der heutige Heranwachsende ist kein Computer, er will als ganzer Mensch erfaßt und gewürdigt werden. Das Interesse des Lehrers an der Sache, die er dem Schüler beibringen soll, und seine lebhafte Teilnahme an allem, was den Schüler bewegt, ist der wesentliche Aspekt des Lernens. Genau an diesem mangelt es heute am meisten. Bei der PISA-Untersuchung gab über die Hälfte der Schüler an, daß weder Lehrer noch Eltern sich für das, was sie in der Schule leisteten, interessierten.
Humboldt lehnte die Erziehung nach Ständen ab, und er überwand sie, indem er in den öffentlichen Schulen eine Bildung etablierte, mit der kein Privatlehrer mithalten konnte, so daß der Adel gezwungen war, seine Zöglinge auf das staatliche Gymnasium zu schicken, wo sie neben dem Handwerker- und Bauernsohn die Schulbank drückten. Das ist Chancengleichheit! Die jahrhundertelange Vormachtstellung des Adels war gebrochen, und für einige Jahrzehnte setzte der zweite Stand die Maßstäbe in Bildung und Kultur. Gleichzeitig war die Basis für den ungeahnten Aufstieg Preußens und Deutschlands auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Technik und der Kultur gelegt.
Das ist der Weg, den wir einschlagen müssen. Wir brauchen eine einheitliche Bildung für alle Kinder, und zwar auf einem hohen inhaltlichen Niveau. Die Disziplinlosigkeit in den Schulen ist auch eine Folge der geistigen Unterforderung. Schüler müssen die Erfahrung machen dürfen, daß sie selbst denken können, und nicht im Unterricht mit irgend etwas beschäftigt werden, dann wird der Aggressionspegel automatisch sinken. Ersetzen wir die neue Mathematik durch konstruktive Geometrie und fordern wir die Schüler heraus, sich mit alten Sprachen, die allein schon wegen ihrer Fremdheit faszinieren, zu beschäftigen! Fördern wir das Sozialverhalten und das kreative Denkvermögen der Jugendlichen, indem sie ein Instrument lernen und im Schulorchester spielen dürfen! Auf die Krise der Schule mit einer Hinwendung zum praktischen, handwerklichen Unterricht zu antworten, mag zwar die drängendsten Probleme vorübergehend mildern, es wäre aber letztendlich eine Kapitulation und ein Rückfall in die Ständeerziehung des 18. Jahrhunderts.
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