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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2006 |
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Das Platzen der amerikanischen Immobilienblase könnte das gesamte spekulative Finanzkartenhaus zum Einsturz bringen. LaRouches Konzept eines neuen Weltfinanzsystems und eines umfassenden wirtschaftlichen Wiederaufbaus ist die Alternative.
Eine neue Megakrise ist am Horizont aufgetaucht. Ihre zerstörerische Kraft übertrifft bei weitem diejenige der "New Economy"-Blase an den weltweiten Aktienmärkten, die in den Jahren 2000 bis 2003 schrittweise implodierte. Um die finanziellen Auswirkungen dieser Katastrophe abzumildern - die Aktienbewertungen schrumpften damals von 32 auf 16 Billionen Dollar - , betrieben die Federal Reserve sowie ihre Mittäter in Asien und Europa die größte Geld- und Kreditausweitung aller Zeiten. Diese Lawine aus dem Nichts geschaffener Liquidität wurde zur kurzfristigen Rettung des Finanzsystems über die Banken in die verschiedenen Finanzmärkte kanalisiert.
Die Folgen sind heute überall sichtbar. Eine Verdoppelung bis Vervierfachung der Preise für Öl, Edelmetalle und Industriemetalle; spekulative Fonds, die nicht wissen, wohin mit all den Hunderten von Milliarden Dollar, die ihnen Banken, Versicherungen und Rentenfonds hinterherwerfen. Und nicht zuletzt: eine neue globale Vermögenswertblase, deren Volumen alles Vorherige in den Schatten stellt: Häuser als Spekulationsobjekt.
Nach Schätzungen des Londoner Economist hat sich der Wert der Häuser in den wichtigsten Volkswirtschaften binnen fünf Jahren von 30 auf 70 Billionen Dollar erhöht - den Druckerpressen der Zentralbanken sei Dank. Der Schwerpunkt dieser Blase liegt erneut in den USA. Für eine Handvoll Jahre hat sie das globale Finanzsystem sowie die amerikanische Volkswirtschaft bei Laune gehalten. Doch nun geht sie den Weg aller Blasen: sie platzt.
An sämtlichen Fronten ist im Sommer 2006 der amerikanische Häusermarkt eingebrochen. Hierzu zählen die Neubauten, die Verkäufe und umgekehrt der Anstieg bei den Zwangsversteigerungen. Die "Highlights":
Wie das US-Handelsministerium am 16. August berichtete (www.census.gov/indicator/www/newresconst.pdf), ist die Zahl der erteilten Baugenehmigungen für neue Häuser im Juli um 20,8% gegenüber dem Vorjahr abgestürzt, ausnahmslos in allen Regionen: im Nordosten -19,9%, im Mittleren Westen -21,6%, im Süden -15,7% und im Westen -29.8%. Bei Einfamilienhäusern war die Entwicklung sogar noch etwas dramatischer: landesweit -23,5%, im Nordosten -26,1%, im Mittleren Westen -24,8%, im Süden -17,0% und im Westen -33,5%. Dies wird sich sehr rasch auf die Zahl der tatsächlichen Neubauten von Häusern auswirken, die im Juli bereits landesweit um 13,3% unter dem Vorjahresniveau lag, bei Einfamilienhäusern um 16,6%.
Die Zahl der bereits im Bau befindlichen Häuser hinkt diesen Entwicklungen immer um ein paar Monate hinterher. Hier gab es im Juli bei Einfamilienhäusern nur einen sehr leichten Rückgang um 1,0% und bei Häusern insgesamt sogar noch einmal einen Zuwachs um 1,6% gegenüber dem Vorjahr. Aber im Laufe des Herbstes 2006 wird die sich jetzt schon bei den Baugenehmigungen vollziehende Implosion mit voller Wucht auf die gesamte Bautätigkeit im Wohnungsbau auswirken und dann auch auf den amerikanischen Arbeitsmarkt durchschlagen. Es wird geschätzt, daß rund ein Drittel der in den vergangenen Jahren zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze in den USA direkt oder indirekt durch den Häuserboom verursacht wurden. Wie der US-Immobilienmaklerverband National Association of Realtors (www.realtor.org) am 15. August meldete, gab es im zweiten Quartal 2006 in 28 Bundesstaaten sowie der Hauptstadt Washington rückläufige Verkäufe bestehender Wohnungen im Vergleich zum Vorjahr. Unter den fünf Bundesstaaten, in denen die Verkäufe am stärksten einbrachen, befinden sich zwei der wichtigsten Immobilienmärkte des gesamten Landes: Kalifornien und Florida. Im einzelnen: Arizona -26,9%, Florida -26,7%, Kalifornien -25,3%, Virginia -23,9% und Nevada -23,5%. Der einzige Lichtblick war Alaska, wo die Verkäufe plötzlich um 48,6% anstiegen. Vielleicht hatte ja hier British Petroleum die Hände im Spiel (indem man im Frühling schon einmal fleißig Häuser kaufte, bevor man im August zugab, daß tausende von Kilometern durch Alaska verlaufende Ölpipelines in jämmerlichem Zustand sind und nun einer monatelangen Reparatur bedürfen). Jedenfalls ist die Zahl der Wohnungen in Alaska nicht sonderlich groß. Landesweit fielen die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 7,0%. Im Juli hat sich dieser Prozeß weiter beschleunigt. Da betrug der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr landesweit schon 12,5% (Nordosten -13,3%, Mittlerer Westen -10,5%, Süden -7,9%, Westen -21,3%).
Vielleicht noch wichtiger als die Zahl der Verkäufe ist die Tatsache, daß die dabei erzielten Preise nicht weiter ansteigen. Noch vor kurzem waren zweistellige Zuwachsraten die Norm. Doch seit dem Sommer 2006 ist die Preisspitze erreicht. Von jetzt an geht es nur noch bergab.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Zwangsvollstreckungen. Die darauf spezialisierte Agentur Foreclosure.com berichtete, im zweiten Quartal habe es landesweit 11,8% mehr Zwangsvollstreckungen bei Wohnungen gegeben als im Vorjahr. Im Juli lagen die Zuwächse im Jahresvergleich in einigen Bundesstaaten (Minnesota, Michigan, Missouri) schon zwischen 30% und 50%.
Schließlich ist die Zahl des aufgelaufenen Bestandes an nicht verkauften Wohnungen auf ein Volumen angestiegen, das bei der aktuellen Verkaufsrate einer Nachfrage von 7,2 Monaten entspricht. Dieser Wert ist nun so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr.
Einige Wohnungsbauunternehmen und Bausparkassen wurden von dem Niedergang bereits schwer getroffen. Das Unternehmen Toll Brothers, das Villen baut, mußte für die letzten drei Monate einen Rückgang der Aufträge für Neubauten um 48% melden. Das Unternehmen erklärte, auf den Markt komme jetzt die größte Überangebotskrise seit 40 Jahren zu. Angelo Mozilo, Chef des größten unabhängigen Hypothekenfinanzierers der USA, Countrywide, erklärte: "Ich habe seit 53 Jahren keine weiche Landung erlebt, also haben wir noch einiges vor uns, bevor sich das wieder beruhigt. Ich muß das Unternehmen auf das Schlimmste vorbereiten."
Daraufhin kommentierte Nouriel Roubini, Vorsitzender von Roubini Global Economics und Wirtschaftsprofessor an der Stern School of Business an der New Yorker Universität, die Stunde des US-Immobilienbooms habe geschlagen und es gehe nun eigentlich nur noch um die Frage "ob die Lage auf dem Wohnungsmarkt die schlimmste seit 40 oder seit 53 Jahren ist." Anlehnend an seinen Beitrag in der Londoner Financial Times vom 10. August, betonte Roubini, "daß es sich hier tatsächlich um den größten Einbruch im Wohnungsmarkt seit vier oder fünf Jahrzehnten handelt: Alle Indikatoren befinden sich im freien Fall, einschließlich der Preise für Neubauten. Dieser Einbruch an sich reicht schon aus, eine Rezession in den USA auszulösen: Seine Auswirkungen auf reale Wohnungsinvestitionen, Wohlstand und Konsumverhalten sowie Beschäftigung werden schwerer sein als das Platzen der Technologieblase, das die Rezession 2001 auslöste. Und zusätzlich zum Immobilieneinbruch haben es die amerikanischen Verbraucher heute mit einem Ölpreis über 70 Dollar zu tun, mit den verspäteten Folgen steigender Leitzinsen und langfristiger Zinsen, sinkenden Reallöhnen, einer negativen Sparrate, hohen Schulden und immer höheren Schuldendiensten." Deshalb stehe nun die "große Rezession von 2007" bevor, die sicherlich bösartige weltweite Auswirkungen haben werde.
Ein Londoner Finanzinsider bemerkte, er stimme den Ausführungen von Roubini im wesentlichen zu. Nur sei die kommende Krise nicht die schlimmste seit vier oder fünf Jahrzehnten, sondern mit Sicherheit die schlimmste seit dem Aktiencrash vor beinahe 80 Jahren und der im Anschluß folgenden großen Depression.
Dieser Einschätzung muß man sich anschließen, wenn man die Abhängigkeit sowohl der Weltwirtschaft wie des Weltfinanzsystems von der heutigen Hauspreisblase betrachtet. Ohne sie wäre beispielsweise die amerikanische Volkswirtschaft nach dem Zusammenbruch der "New Economy"-Illusionen längst untergegangen. Der Unternehmenssektor war nun nicht mehr in der Lage, jedes Jahr eine weitere Billion Dollar an zusätzlichen Schulden aufzunehmen, um damit die Dinge am Laufen zu halten. Es fand sich ein neues Opfer: Dutzende von Millionen amerikanischer Privathaushalte. Durch die Leitzinssenkungen der Federal Reserve fielen die Hypothekenzinsen auf ein Rekordtief, während die Häuserpreise rasant anstiegen. Statt Aktien kaufte man nun Häuser, um sie nach ein paar Monaten zu einem höheren Preis an den berühmten "noch Dümmeren" weiter zu verkaufen. Das ganze Geschäft erfolgte auf Pump, denn die Banken vergaben großzügig Hypotheken, notfalls ohne oder gar mit negativer Amortisation. Während die Zinsen fielen und die Preise stiegen, wurden bereits bestehende Hypotheken ständig "refinanziert" und ein Teil des ansteigenden Kreditvolumens in bar ausgezahlt. Diese "Cash-Out-Refis" haben in den vergangenen Jahren mehr zum Konsum in den USA beigetragen als neue Kreditkartenschulden.
Manche Leute glauben oder behaupten, die Staatsverschuldung Deutschlands in Höhe von rund 1,5 Billionen Euro sei riesengroß und deswegen müsse man schleunigst Verkehrswege, Wasserversorgung, Krankenhäuser und dergleichen privatisieren. Diese Verschuldung wurde in 50 Jahren zusammengetragen, freilich der größere Teil binnen weniger Jahre nach der Wiedervereinigung. Allerdings: In den USA wächst die Gesamtverschuldung inzwischen jedes Jahr um zusätzliche 3 Billionen Dollar. Während der "New Economy"-Phase kamen jährlich rund 2 Billionen Dollar neuer Schulden hinzu. Im Jahre 2005 waren es bereits 3,4 Billionen Dollar, und im ersten Quartal 2006 stieg die Jahresrate der Produktion neuer Schulden gar auf 4,5 Billionen Dollar (siehe www.federalreserve.gov, "Flow of Funds"). Mit anderen Worten: wofür der deutsche Staat 50 Jahre brauchte, das schafft die US-Wirtschaft heute innerhalb von 4 Monaten.
Den größten Beitrag liefern dabei die Hypotheken. Von den 3 401 Mrd. Dollar an neuen US-Schulden im Jahre 2005 entfielen 1 484 Mrd. Dollar auf Hypotheken. Meistens handelt es sich um Hypotheken von Privathaushalten auf Wohnungseigentum (zusätzlich 1 078 Mrd. Dollar im Jahre 2005). Der Gesamtbestand an derartigen Hypotheken lag am Jahresende 2005 bei 8 683 Mrd. Dollar.
Diese explosionsartige Schuldenvermehrung konnte nur durch tatkräftige institutionelle Unterstützung gelingen. Die Maschinerie läuft folgendermaßen ab: Private Geschäftsbanken verleihen Hypotheken an Privathaushalte wie am Fließband. Sie können das Risiko eingehen, weil sie die Hypotheken, zumindest den größeren Teil davon, umgehend an zwei halbstaatliche Einrichtungen weiter verkaufen, die Hypothekenrefinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Fannie und Freddie wiederum bündeln diese Hypotheken und verkaufen sie dann in Form sogenannter hypotheken-gesicherter Anleihen (Mortgage Backed Securities) an Investoren in aller Welt, von Hedgefonds auf den Cayman Islands bis hin zu Versicherungen in Deutschland. Dabei wird der Zahlungsstrom von den US-Privathaushalten über Fannie und Freddie, nach Abzug einer Bearbeitungsgebühr, an die Investoren weitergeleitet. Einen Teil der Hypotheken halten Fannie und Freddie im Portfolio. Zur Refinanzierung müssen sie dann selbst Anleihen aufnehmen, die sich in diesen Tagen insbesondere bei der chinesischen Zentralbank ansammeln. Weil Fannie und Freddie dann aber nicht sicher sein können, ob die Zahlungen der Hypothekenschuldner stets ausreichen, um die eigenen Anleihen zu bedienen, behilft man sich mit der "Absicherung" durch billionenschwere Finanzderivate.
Diese ganze vertrackte Schuldenmaschinerie funktioniert wunderbar, solange die Häuserpreise steigen. Fallen sie, bricht alles mit großem Getöse zusammen. Denn plötzlich mangelt es den Hypotheken an Deckung. Millionen Privathaushalte werden in den Ruin getrieben und das Bankensystem von faulen Schulden überschwemmt. Die Hauspreisblasen in England, Spanien und anderswo platzen ebenfalls. Zwei Megabanken, Fannie und Freddie, die mit jedem zweiten Hedgefonds in der Welt über Derivate in Verbindungen stehen, brechen zusammen. Konsum und Bautätigkeit in den USA implodieren gleichzeitig und bringen Exportunternehmen in Deutschland, Japan und China in Not.
Es ist völlig unabsehbar, welche weiteren Auswirkungen diese Kombination von weltweiten realwirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbrüchen angesichts der heutigen Ansammlung von Schulden und spekulativen Finanzkontrakten haben wird. Möglicherweise basteln die Herren Paulson und Bernanke bereits an ihren Notplänen, um mit Hilfe noch schnellerer Geldvermehrung vielleicht eine weitere Megablase entstehen zu lassen. Vermutlich haben sie aber längst die Brocken hingeschmissen und nur noch eines im Sinn: irgendwie die Zeit bis zu den Novemberwahlen zu überbrücken. Selbst das ist nicht garantiert.
Lothar Komp
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