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Aus der Neuen Solidarität Nr. 37-38/2006

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- Interview -

"Ich habe die Höhen und Tiefen Berlins miterlebt"

Evelin-Gisela Halke, Jahrgang 1934, in Berlin geboren und aufgewachsen, kandidiert zum vierten Mal für die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo). Frau Halke war von Beruf Fremdsprachensekretärin, zunächst in der Berliner Elektro- und Chemieindustrie, später im Hahn-Meitner-Institut im Bereich der Kernforschung. Seit 1999 ist Frau Halke im Ruhestand, den sie eher "unruhig" verlebt, da sie neben einem vielfältigen kulturellen Engagement eben auch für die BüSo aktiv ist. Mit ihr sprach Frank Hahn.

Halke: Ende Februar 1943 fand im Rahmen der Judenverfolgung in Berlin die sog. "Fabrikaktion" statt, bei der außer den jüdischen Arbeitern in den Fabriken auch jüdische Bürger aus ihren Wohnungen oder von der Straße weg festgenommen wurden. So wurde ich, damals acht Jahre alt, zusammen mit meinem Vater und dessen Bruder aus der Wohnung abgeholt. Wir wurden zu einer Sammelstelle gebracht, in der die Verhafteten nach Juden und "Mischling" (mit Juden verheiratete bzw. Juden, die mit Nichtjuden verheiratet waren und deren Kinder) aufgeteilt wurden. Die Volljuden wurden direkt in Sammellager abtransportiert.

Wir "Mischlinge" wurden in das zum Sammellager umfunktionierte jüdische Verwaltungsgebäude gebracht. Mein Vater, sein Bruder und ich wurden getrennt. Ich wurde in einen Raum mit weiteren fünf Kindern gebracht, wobei eine Mutter als Betreuerin dabei bleiben durfte. Es war uns verboten, den Raum zu verlassen, auch nicht zur Verrichtung der Notdurft. Dafür gab es einen Eimer.

Es war uns jedoch gestattet, das Fenster zu öffnen, da es auf den Hof ging und wir die Straße nicht sehen konnten. Wir hörten aber dadurch die Sprechchöre der Frauen, die die Freilassung ihrer Männer und Kinder forderten. Die Frauen, bei denen auch meine Mutter war, wurden immer wieder weggeschickt, auch wurde ihnen mit Verhaftung gedroht. Sie kehrten aber nach kurzer Zeit immer wieder zurück, um ihre Rufe wieder aufzunehmen. Das zog sich fast eine Woche hin. Inzwischen gab es Luftangriffe, die erstmalig tagsüber erfolgten.

Am 6. März wurde dann nach Mischlingen 1. Grades gefragt, worauf ich mich meldete. Nach langwierigen Diskussionen und der Suche nach meinem Vater, ohne den ich nicht gehen wollte, wurde ich dann entlassen.

Halke: Mit dem Schweigen der Waffen und dem Ende der Bombardierung ging ein Aufatmen durch die Stadt. Die Menschen waren trotz der großen Not einfach glücklich. Dieses Gefühl wurde immens verstärkt durch kulturelle Veranstaltungen, die sehr schnell begannen. Die Infrastruktur war großenteils zerstört, aber auch Dank der Fähigkeiten des damaligen russischen Stadtkommandanten, Oberst Bersarin, wurden Aufräumarbeiten schnell in Angriff genommen. Damit zerstörte Theater wieder spielen konnten, brachte man z.B. ein paar Nägel oder Kohlen mit. Das waren damals unsere "Eintrittskarten". Improvisieren war an der Tagesordnung. Die Hauptsache: Es wurde gespielt. Daß alles im klassischen Stil aufgeführt wurde, war eine Selbstverständlichkeit. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein klassisches Stück zu "verfremden".

Übrigens waren nicht alle Häuser zerstört. So wichen einige aus in den damaligen Admiralspalast, in dem die Aufführungen der Staatsoper stattfanden. Die Deutsche Oper spielt im heutigen Theater des Westens als "Städtische Oper". Konzerte gab es z.B. im Titania-Palast. Inzwischen war Berlin ja Viersektorenstadt geworden. Alle damaligen "Besatzungsmächte" gründeten Jugendzentren, in denen es Aufführungen gab. Ich war in einem German Youth Home, in dem wir Steptanz lernen konnten, mit klassischem Jazz vertraut gemacht wurden, aber auch mit viel klassischer Musik in Kontakt kamen. Am Lehniner Platz gab es ein britisches Theater, das überwiegend für deutsche Jugendliche spielte.

Die Klassik gab einem soliden Halt in der schweren Zeit. Auch in den Schulen wurde viel darauf geachtet. Die Werke von Goethe, Schiller usw. wurden regelrecht "erarbeitet". Wir lernten sie im Zusammenhang mit der Geschichte aus der Entstehungszeit kennen und lieben.

Halke: Der Hunger nach klassischer Kultur ist schon da, jedenfalls bei den Älteren. Die Schulen haben es in den letzten Jahrzehnten versäumt zu vermitteln, daß zu einer inneren Festigung das Wissen um Kultur gehört. Die Zeiten haben sich geändert. So sind immer Werke aus der jeweiligen "Welt" entstanden, wie wir z.B. bei Gerhard Hauptmann sehen, oder Bertolt Brecht. Deshalb muß man aber nicht klassische Werke im "neuen Gewand" bringen. Das paßt einfach nicht.

Vielleicht ging ja nach dem wirtschaftlichen Aufschwung die Sehnsucht nach Kultur etwas verloren. Die nachfolgende Generation wurde in den kommenden Wohlstand hineingeboren und mußte sich nichts "erarbeiten". Das fehlt ihr heute. Eine solide Ausbildung im klassischen Sinn ist der Grundstock für das Leben. Das sollte wieder das Ziel werden.

Halke: Mein Mann war 1951 aus Sachsen nach Berlin gekommen. Am Tag des Mauerbaus fuhr seine Mutter, die bei uns zu Besuch war, wieder nach Sachsen nach Hause. Mein Mann hat während der Teilung Deutschlands seine Heimat nicht besuchen dürfen, da er "in der Politischen Einheit Westberlin" lebte.

Ich habe seinerzeit in Kreuzberg gearbeitet. Während unserer Mittagspause sind wir meistens nicht im Büro geblieben. So waren wir in der Nähe der Fluchtstelle von Peter Fechter. Man hatte bereits auf ihn geschossen. Die Polizei aus dem Westen versuchte, dem schwer verletzten Mann zu helfen, wurde aber von der VoPo daran gehindert. Wir hatten ebenfalls keinerlei Möglichkeit, Hilfe zu leisten. Wir wurden dann auch abgedrängt. Wut und Verzweiflung über die Brutalität auf der einen Seite und Hilflosigkeit auf der anderen Seite hat mich lange nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Lage wurde sehr kritisch, da sich das alles nahe der Sektorengrenze abspielte. Vor dem Haus, in dem ich tätig war, stand dann eine Woche lang ein amerikanischer Panzer, damit es zu keinen Übergriffen kam.

Wirtschaftlich war der Mauerbau eine Katastrophe für Berlin. Ein Großteil der Arbeitskräfte kam aus dem Umland. Das war nun nicht mehr möglich. Die Modebranche hatte damals ihren Hauptsitz in Berlin. Ohne entsprechendes Personal war sie hier nicht mehr leistungsfähig. So verließ man die Stadt und ging nach Westdeutschland, hauptsächlich nach Düsseldorf. Ebenso verlagerten die meisten Industriebetriebe ihren Hauptsitz nach West- oder Süddeutschland. Hiervon hat sich die Stadt nie wieder erholt.

Halke: Ich habe mich zu einer erneuten Kandidatur bei der BüSo entschlossen, weil ich es für unabdingbar halte, daß die Jugend wieder eine klassisch-humanistische Bildung erhält, wie ich sie glücklicherweise noch bekommen habe. Deswegen freue ich mich auch, daß auf der BüSo-Liste viele junge Leute kandidieren, die ich gern mit meinen Erfahrungen unterstützen will.

Damit die Jugend in Berlin eine Zukunft hat, ist es unbedingt notwendig, sich wieder auf den Aufbau der Industrie zu besinnen. Nur so können produktive, gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden. Allein mit Dienstleistungen kann man keine Wirtschaft aufbauen, sie kann nur als Unterstützung der Industrie dienen und ist deshalb auch wichtig. Natürlich wünsche ich mir, die ich nun die Höhen und Tiefen im Leben dieser Stadt persönlich miterlebt habe, daß Berlin einmal an seiner Tradition als geistiges und industrielles Zentrum Europas anknüpft.

Dazu gehört es auch, daß die Menschen aufgeschlossener und toleranter gegenüber anderen Kulturkreisen würden. Schon Friedrich der Große hat gesagt: "In meinem Reich soll jeder nach seiner Fasson selig werden. Er muß nur auch danach handeln."

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Internetseite der BüSo
Internetseite der LaRouche-Jugendbewegung

 

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