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Aus der Neuen Solidarität Nr. 39/2006 |
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Bei der größten Hedgefonds-Krise seit der LTCM-Pleite 1998 verlor Amaranth Advisors LLC innerhalb von zwei Wochen zwei Drittel seines Investorenkapitals mit Wetten auf künftige Erdgaspreise, rund 6 Mrd. Dollar. Zudem zeichnet sich das Platzen der amerikanischen Immobilienblase ab: zwei Detonatoren für das Weltfinanzsystem.
Amaranth ist eine in tropischen Breiten häufig vorkommende Zier- und Nutzpflanze. Sie ist ziemlich unverwüstlich und kommt lange Zeit ohne Wasser aus. Ihre spinatartigen Blätter, vor allem aber ihre Blüten, sind äußerst nahrhaft und dienten schon den Inkas als Hauptnahrungsquelle. In der griechischen Mythologie ist Amaranth eine der Göttin Artemis geweihte Pflanze und ein Symbol für Unsterblichkeit. Das griechische Wort "amarantos" hat die Bedeutung "ewig blühend". Wegen dieses Gegensatzes zur schnell verblühenden Rose widmete Aesop beiden Pflanzen eine eigene Fabel. Auch Milton beschäftigte sich in seinem Verlorenen Paradies mit dem "unsterblichen Amaranth", das einst im Paradies vom "Baum des Lebens" genährt wurde.
Gibt es einen besseren Namen, um einen Hedgefonds zu benennen und Investoren geringes Risiko und ewig hohe Rendite vorzugaukeln? Eine Weile lief alles bestens. Doch im September 2006 ist die Pflanze plötzlich verdorrt. Amaranth Advisors LLC, ein 9 Mrd. Dollar schwerer Hedgefonds, hat innerhalb von zwei Wochen 65 Prozent seines Investorenkapitals mit Wetten auf künftige Erdgaspreise eingebüßt und steht vor dem Zusammenbruch. Gemessen am verlorenen Kapital, rund 6 Mrd. Dollar, handelt es sich um die weltweit größte Pleite eines Hedgefonds seit dem Untergang von Long-Term Capital Management (LTCM) im September 1998, der damals das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds brachte. Genau wie LTCM ist auch Amaranth in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut beheimatet.
Und wie im Falle LTCM glaubten die Manager von Amaranth, die Formel für risikofreie Spekulationsgewinne entdeckt zu haben. So gibt es zwar täglich extreme Schwankungen bei den Terminpreisen für Erdgas an der New Yorker Mercantile Exchange. Aber dabei steigen oder fallen die Terminpreise für die nach dem künftigen Auslieferungsmonat unterschiedenen Kontrakte mehr oder weniger im Gleichtakt. Und auf eines konnte man sich in der Vergangenheit immer verlassen: Wenn die Hurrican-Saison vorüber ist und der Frühling einsetzt, beginnen die Erdgasvorräte in den USA zu steigen. Die Erdgaspreise brechen dann regelmäßig ein. In den vergangenen Jahren lag daher der Erdgaspreis im April immer deutlich unter dem vom März. Deshalb ist März-Erdgas eigentlich immer teurer als April-Erdgas. Und auf diesen empirischen Befund verwettete Amaranth Milliarden von Dollar, die man zuvor von Banken, Versicherungen und nicht zuletzt von Pensionsfonds eingesammelt hatte. Die Wette ging verloren.
Die speziellen Derivatkontrakte von Amaranth kann man sich zunächst als doppeltes Termingeschäft vorstellen: Dem Einkauf eines beträchtliches Volumens an Erdgas zur Auslieferung im April 2007 und einem gleichzeitigen Leerverkauf von genau so viel Erdgas zur Auslieferung im März 2007. Man spricht von einem Leerverkauf, wenn man etwas verkauft, was man gar nicht besitzt, sondern erst nach Abschluß des Verkaufs einkauft. Mit anderen Worten: In der Erwartung fallender Preise kauft man im April und verkauft alles im März. Daß nun der März 2007 in der realen Welt dummerweise vor dem April 2007 liegt, und man daher im März eigentlich noch gar nichts zum Verkaufen besitzt, ist eine Einschränkung, von der man sich an den Derivatbörsen längst befreit hat. Beim Handel mit Papier-Erdgas stellt ein solche Verdrehung der Kausalität überhaupt kein Problem dar.
Um den Gewinn pro eingesetztem Kapital noch einmal dramatisch zu erhöhen, hat Amaranth diesem doppelten Termingeschäft eine weitere Variante hinzugefügt. Die Differenz zwischen dem Preis im März 2007 und dem Preis im April 2007 wurde von dem doppelten Termingeschäft abgetrennt und Amaranth investierte nur noch in diese Differenz. Dies bedeutet dann enorme Gewinne, wenn der Erdgaspreis im März 2007 um zwei oder drei Dollar über dem Erdgaspreis im April 2007 liegt, andererseits aber Totalverlust, wenn die beiden Preise übereinstimmen. Und genau dies ist geschehen. Zumindest gehen die anderen Spekulanten an der Nymex anhand der Hurrican-Prognosen für den Herbst und Winter gegenwärtig davon aus, daß der jährliche Preiseinbruch diesmal schon im Dezember stattfindet. Und weil der Unterschied der Erdgas-Terminpreise für März und April 2007 zum jetzigen Zeitpunkt verschwunden ist, ist Amaranth jetzt pleite, ganz unabhängig davon, wie sich die tatsächlichen Erdgaspreise im Frühling nächsten Jahres entwickeln sollten - rien ne va plus.
Fast exakt acht Jahre nach dem LTCM-Unfall war also wieder einmal ein unverzüglicher Einsatz des aus der Federal Reserve, dem US-Finanzministerium und den führenden Banken bestehenden "Plunge Protection Teams" gefordert, um einen großen Hedgefonds vor dem Untergang zu retten. Man hielt es diesmal, anders als im September 1998, für ratsam, keine melodramatische und publikumswirksame Nacht-und-Nebel-Aktion zu veranstalten und dadurch unnötig Staub aufzuwirbeln. Damals waren die Chefs der 16 größten Banken der Welt, auch der Deutschen Bank, binnen weniger Stunden aus ihren Büros, Betten und Golfplätzen abgeholt und zu einem Notstandstreffen in die Räumlichkeiten der New Yorker Federal Reserve verfrachtet worden, um dann einem gemeinsamen "Bail-Out"-Plan zuzustimmen, ob sie nun mit LTCM unmittelbar verstrickt waren oder nicht.
Schon am 20. September konnte Amaranth-Chef Nicholas Maounis die gute Nachricht verbreiten. In seinem Brief an die Investoren des Fonds teilte er mit, daß sich unglücklicherweise zwischen dem 1. September und dem 19. September mehr als 6 Mrd. Dollar oder 65% des Investorenkapitals verflüchtigt haben. Es sind also immer noch 3 Mrd. Dollar vorhanden. Weitere Verluste aufgrund der Erdgas-Kontrakte werde es nicht geben. Denn man habe einer "dritten Partei" sämtliche Kontrakte verkauft. Dieser Schritt, so Maounis, war notwendig, "um die Terminierung unserer Kreditfazilitäten zu verhindern und das Risiko einer konsequenten, erzwungenen Liquidierung durch unsere Kreditoren zu vermeiden."
Zugleich wurde den Medien von "zwei an den Verhandlungen beteiligten Personen" zugesteckt, daß es sich bei der "dritten Partei" um zwei finanzkräftige Unternehmungen handelt: die Investmentbank J.P. Morgan Chase und der 12 Mrd. Dollar schwere Hedgefonds Citadel Investment Group mit Sitz in Chikago. Die werden es schon richten. Man darf darüber spekulieren, ob und in welcher Weise J.P Morgan und Citadel für ihre gute Tat zum Fortbestand des Derivatekasinos durch die Federal Reserve oder das US-Finanzministerium entschädigt werden.
Selbst wenn es gelingen sollte, die Derivatkontrakte von Amaranth ohne großes Aufsehen aus der Welt zu schaffen, so wird es eine lange Liste von Opfern geben. Da wären zunächst die Investoren von Amaranth. Ein entsprechendes Bekenntnis haben inzwischen unter anderem die Pensionsfonds der Stadt San Diego und des Unternehmens 3M abgegeben.
Auch Caisse de Depot et Placement du Quebec, der größte Rentenfonds Kanadas, hatte in Amaranth investiert. Immerhin ist der momentan nicht für Stellungnahmen zugängliche Amaranth-Mitarbeiter, der die Erdgas-Wetten ausgearbeitet hatte, ein Kanadier, der 32jährige Brian Hunter. Er machte einen Uni-Abschluß in angewandter Mathematik, versuchte es erst bei der Deutschen Bank und durfte dann bei Amaranth mit Milliarden zocken. Ein "Bloomberg"-Team besuchte nun sein Büro in Calgary, konnte aber außer leeren Schreibtischen und heruntergefahrenen Computern nur eine halbleere Flasche mit hochprozentigem Alkohol entdecken.
Die wichtigsten Kreditgeber von Amaranth waren J.P. Morgan und Merrill Lynch. Sie werden einiges abschreiben müssen. Weitere Opfer sind vermutlich auch diejenigen Unternehmen, welche Kredite von Amaranth erhalten hatten. Denn neben Erdgas-Kontrakten hatte sich Amaranth auch mit Hochrisikokrediten beschäftigt, etwa Kredite zur Finanzierung von Private-Equity-Übernahmen. Diese Kredite wurden nun in Windeseile an andere Investoren verkauft. Die neuen Besitzer werden sich in Kürze an die jeweiligen Schuldner wenden und gewisse Forderungen stellen. Zu diesen Schuldnern zählen das deutsche Kabelunternehmen TeleColumbus, das deutsche Mobilfunkunternehmen Debitel, der britische Autozulieferer TI Automotive und der englische Fußballclub Manchester United.
Selbst wenn die Amaranth-Pleite in ihrer Dimension nicht mit der schon bald drohenden Implosion der amerikanischen Immobilienblase vergleichbar ist - bei letzterer steht ein tausendfach größerer Betrag an Hypothekenkrediten und zugehörigen Derivaten auf dem Spiel - so wirft der Fall erneut die Frage nach der Regulierung der spekulativen Fonds auf. In den USA hat die Regierung Bush gerade die bis dahin bestehenden Verbote für Rentenfonds, in Hedgefonds zu investieren, aufgehoben.
In Deutschland hatte sich dagegen der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, für eine weltweite Regulierung von Hedgefonds stark gemacht und diese als "schwarze Löcher" des Finanzsystems bezeichnet. Seither steht Sanio kräftig unter Druck, und man fordert seinen Kopf. Erst gab es einen Betrugsanfall in der BaFin-Computerabteilung und anschließend eine heftige Auseinandersetzung zwischen Sanio und dem Personalrat.
Lothar Komp
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