|
|
|
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |
|
Aus der Neuen Solidarität Nr. 40/2006 |
|
|
|
Bei der illegalen Entführung eines Ägypters in Italien, der anschließend in Ägypten verhört und gefoltert wurde, bediente sich die CIA einer Seilschaft im italienischen Polizei- und Geheimdienstapparat, die mit den Netzwerken der faschistischen Geheimloge P2 zusammenhängt. Der Fall könnte für eine Amtsenthebung Cheneys relevant werden.
Zwei parallele Ermittlungsverfahren in Mailand im Falle einer "außerordentlichen Überstellung" der CIA liefern die bisher umfangreichsten Beweis für eine Entführung ausländischer Staatsbürger im Ausland und ihre "Auslagerung" zwecks Inhaftierung, Vernehmung und Folter in Drittländer. Diese illegale Praxis, die massiv gegen das Völkerrecht und die Genfer Konvention verstößt, verfolgt die US-Regierung insbesondere auf Betreiben des Rechtsberaters und Stabschefs von Vizepräsident Cheney, David Addington.
In dem italienischen Fall wurde Haftbefehl gegen 26 amerikanische Staatsbürger erlassen. Die Nummer Zwei des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI, Marco Mancini, sowie mehrere italienische Komplizen Mancinis und der "Gruppe für Sonderoperationen" der CIA wurden verhaftet. Im Hintergrund dieser inoffiziellen Geheimdienststrukturen ist der Agentenveteran und Strippenzieher Licio Gelli aufgetaucht. Offenbar ist Dick Cheney bei der Durchführung seiner illegalen Operationen im Ausland auf die Beihilfe von Faschisten und vorbestraften Kriminellen angewiesen.
Im Juli stellten die Mailänder Staatsanwälte Auslieferungsanträge für 26 amerikanische Staatsbürger, darunter die früheren CIA-Residenten in Rom und Mailand, Jeff Castelli und Robert Seldon Lady. Castelli und Lady wird die Planung und Durchführung der Entführung von Nasr Osama Mustafa Hassan, besser bekannt unter seinem religiösen Namen Abu Omar, vorgeworfen. Abu Omar war am 17. Februar 2003 am hellichten Tage in der Via Guerzoni in Mailand gleich nach dem Verlassen seiner Wohnung entführt worden. Eine Zeugin berichtete Abu Omars Ehefrau, sie habe gesehen, wie zwei Männer ihn in einen Lieferwagen warfen und mit ihm davonfuhren. Einige Tage später zeigte Omars Ehefrau die Entführung bei der Polizei an.
Nach einem Jahr, am 20. April 2004, wurde sie von ihrem Ehemann angerufen. Er berichtete, er sei entführt und nach Ägypten geflogen worden, wo man ihn nun gefangen halte und foltere. Dasselbe berichtete Omar in einem anderen Telefongespräch ausführlicher einem Freund, der am Islamischen Zentrum in der Via Quaranta in Mailand lehrt. Omar erklärte, er sei inzwischen freigelassen worden, aber durch die Folter so verletzt, daß er kaum laufen könne. Er wies seine Frau und seinen Freund an, mit niemandem über die Sache zu reden, weil das die Bedingung gewesen sei, unter der man ihm erlaubt habe, mit seiner Familie zu sprechen.
Abu Omars Frau und der Lehrer wußten nicht, daß die Mailänder Staatsanwälte ihre Telefone abhörten. Die Staatsanwälte Armando Spataro und Ferdinando Pomarici wußten nunmehr, daß Abu Omar entführt worden war, und beschlossen, die Ermittlungen voranzutreiben.
Eine gründliche Prüfung der Unterlagen über Mobilfunkgespräche in der Via Guerzoni am Tag der Entführung ergab, daß 66 Mobiltelefone mit der Entführung zu tun hatten. Am Tatort in der Via Guerzoni gab es 17 Mobiltelefone, elf bewegten sich von der Via Guerzoni zur Autobahn, sechs über die Autobahn bis zum US-Militärstützpunkt in Aviano. Über eine Telefonnummer, die mit den Ziffern 335 begann und mit den Ziffern 1143 endete, wurde sowohl mit der Gruppe in der Via Guerzoni wie der, die Abu Omar an der Autobahn übernahm und nach Aviano brachte, kommuniziert. Das war offensichtlich der Leiter des Kommandos. Über mehrere der benutzten Telefone wurde auch mit dem CIA-Chef in Mailand Robert Seldon Lady gesprochen. Das war der Beweis, daß die CIA Abu Omar entführt hatte.
Spataro und Pomarici kam eine unglaubliche Nachlässigkeit des CIA-Kommandos zu Hilfe, das offenbar darauf vertraute, daß es von den italienischen Behörden geschützt würde. Die aus den USA eingeflogenen Agenten zahlten Hotels, Mahlzeiten und Mietwagen mit ihren eigenen Kreditkarten. Und sie wurden sogar "geblitzt", als sie zu schnell fuhren. Anhand der Kennzeichen konnte die Polizei die Mietfahrzeuge identifizieren und gelangte so an die Namen der Agenten.
Die Ermittler fanden auch heraus, über welche Flüge Abu Omar verschleppt wurde. Der Lear-Jet LJ35 Flugnummer Spar 92 hob am 17. Februar 2003 um 18.20 Uhr in Aviano ab und flog nach Deutschland zur US-Luftwaffenbasis in Ramstein. Dann wurde Abu Omar in einem Gulfstream (Flugnummer N85VM) von Ramstein nach Ägypten gebracht.
Damit ist zum ersten Mal eine "außerordentliche Überstellung" exakt dokumentiert.
Die Ermittler hatten jedoch den Verdacht, daß auch italienische Agenten beteiligt waren. Abu Omar sagte seiner Frau, daß mindestens zwei seiner Entführer Italienisch sprachen, und beschrieb den Mann, der ihn auf der Straße angesprochen hatte: "ein blonder großer Mann mit blauen Augen". Eines der Mobiltelefone am Tatort gehörte einem italienischen Polizisten namens Giuliano Pironi, auf den diese Beschreibung paßte und der wegen seines teutonischen Aussehens "Ludwig" genannt wurde. Pironi wurde verhört und gestand.
Mit Pironis Hilfe konnten Spataro und Pomarici die Operation in allen Einzelheiten rekonstruieren.
Wie die meisten Mitglieder der Antiterroreinheit der Carabinieri in Mailand kannte Pironi den örtlichen CIA-Stationschef Lady. Die Beamten der Einheit arbeiteten eng mit ihm zusammen, viele waren mit ihm befreundet. Lady, ein Veteran von CIA-Operationen in Honduras, wählte Pironi für den empfindlichsten Teil der Entführung aus: Die CIA-Gruppe brauchte einen italienischen Polizisten, der Abu Omar anhielt, ohne daß dieser Verdacht schöpfte, und im Notfall zufällig vorbeikommende andere Polizisten ablenken würde.
Bei seiner Vernehmung am 14. April 2006 sagte Pironi den Staatsanwälten: "Heute will ich Ihnen die Wahrheit sagen. Ich gebe zu, daß ich am 17. Februar 2003 in der Via Guerzoni war und Abu Omar aufforderte, mir seinen Ausweis zu zeigen... Ich war überzeugt, an einer Geheimdienstoperation mitzuwirken, die, wie mir Robert Lady sagte, mit Zustimmung des SISMI und des Innenministeriums organisiert und vorbereitet worden war."
Pironi sagte weiter, er habe zu SISMI wechseln wollen und diese Aktion für eine Art "Aufnahmeprüfung" gehalten. Er hatte über den gewünschten beruflichen Wechsel mit seinem Freund Giuliano Tavaroli gesprochen, einem ehemaligen Carabinieri, der als Sicherheitschef von Pirelli und dann der nationalen Telefongesellschaft Telecom Karriere gemacht hatte. Wie Pironi wußte, war Tavaroli eine Art "Zwillingsbruder" von Marco Mancini, dem Chef der Abteilung Gegenaufklärung des Militärgeheimdienstes SISMI. Doch dann war alles, was Tavaroli ihm anbieten konnte, ein Job bei der Telecom. Piroli war enttäuscht und fühlte sich ausgenutzt.
Der Verdacht der Ermittler, daß italienische Behörden und letztendlich die Regierung die CIA-Operation passiv oder sogar aktiv unterstützt hatten, wurde nun konkret. Er wuchs noch, als sie erkannten, daß Mancini die SISMI-Regionalchefs in Mailand, Padua und Triest vor der Entführungsoperation ausgewechselt hatte. Als sie einen der ausgetauschten SISMI-Offziere, Stefano Ambrosio, verhörten, wurde der Verdacht zur Gewißheit: Ambrosio, ein Freund Ladys, berichtete, Lady habe ihm vertraulich gesagt, Abu Omars Entführung sei "ein Projekt, das Jeff Castelli, der CIA-Stationschef von Rom, der für ganz Italien zuständig ist, im Rahmen präziser Anweisungen aus den Vereinigten Staaten vom CIA-Hauptquartier in Langley ausgearbeitet hatte". Bob Lady selbst sei skeptisch gewesen, habe aber seine Befehle ausgeführt. Lady halte nicht viel von Mancini, sondern halte ihn für "einen Gauner, der... nur in seinem eigenen Interesse handelt".
An dem Punkt beschlossen Spataro und Pomarici, Mancinis Telefon zu überwachen und weitere Beweise zu sammeln. Am 5. Juli 2006 wurden Mancini und sein Vorgänger, Gen. Gustavo Pignero (der 2003 Mancinis Vorgesetzter war), verhaftet.
Es ist nicht klar, ob SISMI-Direktor Nicolò Pollari von der Entführung wußte. Pollari bestreitet es und behauptet, die Regierung habe Beweise, die für ihn sprächen, doch die Dokumente unterlägen der Geheimhaltung, weil sie, wenn sie bekannt würden, "Italiens Beziehungen zu anderen Regierungen schaden würden". Dies ist derzeit das Thema einer Untersuchung des Parlamentsausschusses zur Überwachung der Geheimdienste, der die Regierung in der Sache unter Druck setzt.
Alles läuft auf die Hypothese hinaus, daß die Saat schon gelegt wurde, als Silvio Berlusconi im Oktober 2001 seinen "guten Freund" George W. Bush besuchte und ihm volle Unterstützung im "Kampf gegen den Terror" versprach. Möglicherweise beschloß man, eine private Struktur zu nutzen, weil es für alle Beteiligten zu brisant wäre, SISMI oder andere offizielle Regierungsorgane einzusetzen.
Unterdessen hat die parallele Ermittlung eines anderen Mailänder Staatsanwaltes wegen illegaler Abhöraktionen einen weiteren Aspekt der Verschwörung zutagegefördert. Man fand heraus, daß Mancini und sein Kumpan Tavaroli ein illegales Abhörnetz betrieben, mit dem sie die Aktivitäten der Staatsanwaltschaft verfolgten, und über Hunderte italienischer Bürger, darunter einige landesweit bekannte Politiker und Unternehmer, Dossiers anlegten.
Das System lief folgendermaßen: Mancini bat Tavaroli, Informationen über eine bestimmte Person zu beschaffen. Tavaroli leitete die Bitte an ein drittes Mitglied der Gruppe weiter, Emanuele Cipriani, der in Florenz eine Detektei betrieb. Ciprianis Detektei hatte praktisch keine eigenen Mitarbeiter, aber er hatte Verbindungen zu Dutzenden Polizisten und Staatsbeamten mit Zugang zu Polizei- und Gerichtsakten, die ihm (illegal) sensitive Informationen liefern konnten.
Die Dossiers, die Cipriani Mancini über Tavaroli lieferte, wurden von Tavarolis Telecom gut bezahlt. Die Staatsanwälte konnten die Überweisung von mindestens 20 Mio. Euro von der Telecom auf Ciprianis Konten in London und in der Schweiz nachweisen.
Darüber hinaus hatte Tavaroli eine Methode entwickelt, gerichtlich angeordnete legale Lauschangriffe mitzuhören, wodurch seine Freunde sofort gewarnt werden konnten, wenn gegen sie ermittelt wurde. In ihren Kreisen nannte man Tavaroli, Mancini und Cipriani die "Beagle-Boys".
Als Tavaroli, Cipriani sowie 19 Polizisten und Staatsbeamte verhaftet wurden und das System der "Telecom-Spione" aufgedeckt wurde, hatten die Italiener ein Déjà-vu-Erlebnis. Die ganze Geschichte erinnerte stark an die Geheimloge P2, deren Großmeister Licio Gelli Tausende von Dossiers angelegt hatte, mit denen er das halbe Land erpressen konnte.
Und tatsächlich haben die "Beagle-Boys" und die P2 mehr gemein als nur die Methoden. Tavaroli, Mancini und Cipriani sind alte Freunde aus der Zeit, als alle drei in den 80er Jahren an Operationen der Antiterroreinheit in der Division "Pastrengo" der Carabinieri beteiligt waren. In der Pastrengo-Division, die von der P2 stark infiltriert war, machte Marco Mancini zusammen mit Gustavo Pignero, seinem Vorgänger als Leiter der Gegenaufklärungsabteilung des SISMI, Karriere. Gefördert wurde er von einem Mann, der im Mittelpunkt etlicher wichtiger Terrorermittlungen stand, bei denen der Verdacht von Geheimdienstmanipulation und Vertuschung besteht. Dieser Mann war Oberst Umberto Bonaventura, in dessen Team Mancini Anfang der 80er Jahre aufgenommen wurde. Als Bonaventura zum SISMI wechselte, ging Mancini mit. Als Bonaventura aus dem SISMI ausschied, wurde er von Pignero abgelöst, dieser wiederum 2005 von Mancini.
Die wichtigste Terrorismus-Ermittlung, an der Bonaventura beteiligt war und bei der Manipulationen vorkamen, betrifft die "Moro-Papiere". Wenige Monate nach der Entführung und Ermordung des früheren Premierministers und Vorsitzenden der Christdemokraten Aldo Moro fanden Mitarbeiter von Gen. Alberto Dalla Chiesa 1978 in Mailand die Unterlagen über Moros Verhör durch die Terroristen der Roten Brigaden. Bonaventura, ein Hauptmann in Dalla Chiesas Team, bemächtigte sich der Papiere, bevor sie in die Akten kamen, und kopierte sie. Als er sie zurückgab, fehlten mehrere Seiten. Das hat Bonaventura im Mai 2000 vor dem Untersuchungsausschuß des Parlaments unter dem Vorsitz von Giuseppe Pellegrino selbst zugegeben. Bonaventura handelte im Auftrag von Kreisen, die fürchteten, Moro habe in den Papieren möglicherweise Geheimnisse der NATO oder andere militärische Geheiminformationen verraten. Dalla Chiesa, ein angesehener Ermittler, der 1984 von der Mafia umgebracht wurde, wußte nichts von Bonaventuras Maßnahme.
Oberst Bonaventura verwaltete auch das "Mitrochin-Dossier" über angebliche KGB-Spione in Italien, das er über den britischen Geheimdienst MI6 erhalten hatte. Mehrere Tage vor seiner geplanten Aussage vor dem "Mitrochin-Ausschuß" des Parlaments wurde Bonaventura am 7. September 2002 in seiner Wohnung tot aufgefunden; angeblich hatte sein Tod eine "natürliche Ursache".
Bonaventuras Schützling Mancini machte eine erstaunliche Karriere: Er begann als einfacher Unteroffizier und stieg zur Nummer Zwei des Militärgeheimdienstes auf. Das ist sehr ungewöhnlich und hat allerlei Fragen ausgelöst. Der Journalist und Terrorexperte Guido Olimpio schrieb im Corriere della Sera: "Angeblich schrieb der frühere CIA-Chef George Tenet einen Brief, um Mancinis Beförderung zu unterstützen."
Aber über Emanuele Cipriani werden die Verbindungen der "Beagle-Boys" zur P2 und ihrem Großmeister Licio Gelli noch greifbarer. Cipriani ist ein enger Freund der Familie Gelli, insbesondere ein Freund und möglicherweise auch Geschäftspartner von Gellis Sohn Raffaello. Cipriani bestreitet das nicht, aber Raffaello Gelli ist nicht nur Licios Sohn, er war auch Mitarbeiter seines Vaters, den er während der Gerichtsverfahren gegen ihn verteidigt und unterstützt hat. Außerdem hat eine der Privatdetekteien Ciprianis, Worldwide Consultants Security (WCS), ihr Quartier im Haus 20 Boulevard Princesse Charlotte in Monte Carlo, was zufällig auch die Anschrift von Raffaello Gellis Ehefrau Marta Sanarelli ist. Nach Berechnungen der Ermittler sind mindestens 17,5 Mio. Euro von Pirelli und der Telecom über die WCS-Konten bei der Barclays Bank geflossen.
Mit der Verbindung zwischen Cipriani und Raffaello Gelli schließt sich der Kreis. Die Verbindung zu Gelli erklärt, warum der Freimaurer Cipriani seine Drähte in Polizei und Staatsverwaltung ziehen konnte, um seine Dossiers anzulegen. Wir haben an anderer Stelle ausführlicher dargelegt, wer Licio Gelli war und worum es bei der P2-Verschwörung ging. Hier genügt es festzustellen, daß Gelli Mussolinis Faschisten angehörte und seine Freimaurerloge eine Schlüsselrolle bei großen Terroranschlägen spielte, etwa bei der Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 und beim Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna 1980. Die P2 mit ihren schätzungsweise 2000 Mitgliedern in der Elite der italienischen Politik, des Militärs, der Gerichte und der Geschäftswelt war ein "Staat im Staat", der in der Lage war, die italienische Politik zu beeinflussen, ja zu steuern. Gelli war jedoch nur ein Puppenspieler auf mittlerer Ebene; die P2 war selbst nur ein Ableger anglo-amerikanischer Freimaurernetze und ein Werkzeug der globalen synarchistischen Kreise. Heute scheint Raffaello Gelli drauf und dran zu sein, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Hierüber wird noch mehr zu berichten sein.
Claudio Celani
|
Lesen Sie hierzu bitte auch:
Die "Strategie der Spannung" in Italien, Teil 1 Die "Strategie der Spannung" in Italien, Teil 2 Die "Strategie der Spannung" in Italien, Teil 3 Die "Strategie der Spannung" in Italien, Teil 4 Berlusconi und Nigergate |
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |