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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47-48/2006

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Wie man nicht Schach spielt

Von Lyndon LaRouche

Gedanken zu dem Buch von Michael Isikoff und David Corn, Hubris. The Inside Story of Spin, Scandal and the Selling of the Iraq War, New York 2006. ("Hybris: Die interne Geschichte von Verdrehungen, Skandalen und wie der Irakkrieg verkauft wurde", bisher keine deutsche Ausgabe.) Der amerikanische Ökonom und demokratische Oppositionspolitiker LaRouche veröffentlichte diesen Artikel am 9. Oktober 2006.


1. Die Geschichte als klassisches Drama
Wissenschaft und Geschichte

Eine der weniger bedeutenden, lebensnahen Legenden aus den Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg war die Geschichte von den Wachen einer Rüstungsfabrik, die ratlos waren, weil es ihnen nie gelang herauszufinden, was denn da unter dem Sand versteckt sein könnte, den Arbeiter regelmäßig auf Schubkarren aus den bewachten Ausgängen schoben.

Die Geschichte geht so: Jahre später fragte ein ehemaliger Wächter einen dieser Arbeiter: "Mal ganz unter uns, was habt ihr da eigentlich immer geklaut?"

Die Antwort war: "Schubkarren."

Déjà vu!

Für mich, der ich diese Generation der Rüstungsarbeiter aus dem Krieg und das Rationierungssystem dieser Zeit kannte, war die Geschichte von den "Schubkarren" ziemlich glaubhaft. Aber denken wir nun an eine andere Geschichte mit einer ähnlichen Pointe, die ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann - eine Geschichte über meine Erfahrung mit dem Schachspielen.

Wer das Geheimnis des Spieles kennt, wird verstehen, warum Schach mir schließlich so langweilig wurde, daß ich es nicht mehr mit Begeisterung spielen konnte. Man wird dann auch verstehen, worin ich den wesentlichen Mangel an strategischem Urteilsvermögen in dem sonst lohnenden Produkt aktuellen Journalismus' Hubris von Michael Isikoff und David Corn sehe.1

Ein unvergeßlicher, großzügiger Lehrer, Lew Thistle, hatte mich in meinem ersten Jahr an der English High School in Lynn mit dem Schachspiel bekannt gemacht. Da ich noch nie etwas von Wettbewerben gehalten habe, war ich nie der beste auf dem Brett, konnte mich aber in anspruchsvolleren Varianten auszeichnen, etwa im Blindspiel, ziemlich gut in der "preußischen" Variante und mit verhältnismäßig großem Erfolg bei einem Blind-Simultan-Spiel mit acht Gegnern während der Heimreise zu Schiff am Ende meines Kriegsdienstes.

Ich verlor jedoch die Begeisterung für die ernsthafte Beschäftigung mit Schach, als ich einige Jahre später feststellte, daß der Newtonische Mathematiker Leonhard Euler im 18. Jahrhundert die Mathematik der Bewegung des Springers beim Schach entdeckt hatte. Wie der alte Säufer gegen Ende von Eugene O'Neills Stück Der Eismann kommt zu Hickey sagt: "Hickey, du hast dem Schnaps das Leben geraubt." Das Schachspielen machte mir keinen Spaß mehr.

Hat Euler meinem Spiel das Leben geraubt? Im Gegenteil, mir wurde plötzlich klar, daß es eigentlich nie welches gehabt hatte. Eine ganz ähnliche Reaktion erlebte ich gerade, als ich ich das Buch von Isikoff und Corn las.

Die Art der Reaktion wie die gegen Schach, die der Fall Euler auslöste, war für mich keine vereinzelte Erfahrung. Nah verwandt damit war, daß ich schon ein Gegner der Euklidischen Geometrie war, seit ich zum erstenmal in der Schule damit in Berührung kam. Aus der Beschäftigung mit der ironischen Wirkung des Verhältnisses zwischen Form und Masse bei den Bauten am Marinestützpunkt Charlestown in Massachusetts hatte ich von Anfang an erkannt, daß eine rein formale Geometrie wie die Euklidische in dem realen Universum, wo die alternative, physikalische Geometrie funktionell an erster Stelle steht, keinen Platz hat.

Wie das sterile Spiel der Euklidischen oder Cartesischen Geometrie beruht Schach auf einer Reihe fixer, axiomatischer und im Grunde willkürlicher Annahmen, der "Sinnesgewißheit". Akzeptiert man irgendeine Reihe solcher willkürlicher Annahmen, so entsteht ein blinder Glaube an einen falschen oder bloß vorübergehenden Zustand unserer Erfahrung im Universum. Es bringt einen falschen Glauben zum Ausdruck, der heute die gewöhnliche Ursache ist, wenn naturwissenschaftliche Universitätsabsolventen oder ehrliche Spezialisten für politische Nachrichtensammlung geistig versagen.

In der Naturwissenschaft wäre hier der große Fehler, davon auszugehen, das reale Universum folge mathematischen Systemen, die sich aus der willkürlichen, tatsächlich falschen, quasi babylonischen Sammlung von Definitionen, Axiomen und Sätzen priesterhafter akademischer Kanons ableiten, wofür eine sog. Euklidische oder Kartesische Geometrie typisch sind.

Zu recht warnte der Apostel Paulus in einem berühmten Satz aus seinem 1. Korintherbrief 13: Wir sehen mit unseren Sinnen nur "wie in einem dunklen Spiegel". Das wahre Universum folgt universellen Naturprinzipien, die, wie der Apostel warnt, unbestreitbare Wirkungen, aber an sich keine Gegenstände der Sinneswahrnehmung sind. Wie Johannes Keplers ureigenste Entdeckung des universellen Prinzips der Gravitation - das bereits ein durch sich selbst begrenztes, endliches Universums definiert - ist sie im Experiment nachweisbar als Prinzip des Universums, welches wir durch das Experiment entdecken müssen, wie Kepler die Gravitation entdeckte.

Die Fähigkeit, solche Entdeckungen zu machen und ihnen entsprechend zu handeln, ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet und über es erhebt. Und das unterscheidet auch kompetente wissenschaftliche Praxis grundsätzlich von so närrischen kindischen Phantasieprodukten wie einer Euklidischen oder Cartesischen Geometrie. Das ist die Fähigkeit zur Entdeckung universeller Prinzipien, die man mit den Methoden mathematischer Deduktion, wie man sie mit Euklid oder Descartes verbindet, niemals entdecken könnte. Diese begeisternde Kraft der Entdeckung unterscheidet die menschliche Gattung von bloßen Nachahmern wie Affen oder Menschenaffen.

Kein Tier kann an diese Besonderheit des Menschen heranreichen, nur der Mensch selbst - oder der Schöpfer selbst. Der Mensch ist nicht nur fähig, ein universelles Naturprinzip zu entdecken, er kann auch das Universum verändern, indem er auf der Grundlage solcher Entdeckungen entsprechend handelt - der Fall von Keplers Entdeckung der Gravitation veranschaulicht das. Das ist die Ursache dafür, daß die menschliche Bevölkerung bis heute auf etliche Milliarden gestiegen ist, während im Gegensatz dazu eine Menschenaffenart höchstens einige Millionen erreichen könnte.

Diese Betrachtungen veranschaulichen, warum ich auf die zugegebenermaßen nützlichen Enthüllungen der Verfasser Isikoff und Corn über den Irak-Betrug von Bush und Cheney doch enttäuscht reagierte. Es verlangte leider keine schöpferische Einsicht von ihnen; sie bemühten sich um keine klare Darstellung der Qualität des Entdeckens von Prinzipien, die einen Menschen vom Affen unterscheidet. Selbst ein Rhesusäffchen würde hier merken, daß man es betrogen hat, und wütend dagegen protestieren!2

Für mich ist in meiner täglichen Arbeit als strategischer Analyst das Ermitteln an sich eine unverzichtbare Pflicht. Aber solange es sich auf diese bloß deduktive Form beschränkt, macht es eigentlich keinen Spaß mehr. Entdeckungen, wie sie Enthüllungsjournalisten wie Isikoff und Corn machen, sind oft bis zu einem gewissen Punkt notwendige Hausaufgaben, aber es fehlt etwas sehr Wichtiges, das einzige, was wirklich wichtig ist: Sie erreichen nicht den eigentlichen Hintergrund, der zum Wohle der Menschheit erklärt werden muß. Sie identifizieren das Opfer eines Verbrechens, aber sie liefern keinen Schlüssel dazu, die Praxis dieses Mordens tatsächlich abzustellen. Sie lassen uns gefangen in den Problemen der Gesellschaft, als wären wir Fische in einem Aquarium. Trotz aller Verdienste der Arbeit von Isikoff oder Corn und vielen ähnlichen fehlt also die eigentliche Geschichte, die erzählt werden muß.

Ich erzähle diese Geschichte hier und jetzt.

1. Die Geschichte als klassisches Drama

Würden Sie versuchen, den Charakter des Römischen Reiches durch die Persönlichkeit Kaiser Neros zu seiner Zeit zu erklären? Oder wären Sie eher geneigt, die Rolle Neros anhand der Regeln zu beschreiben, die Sie in der Gründung des Römischen Reiches von Anfang an scheinbar unabänderlich eingeprägt sehen? Wenn Sie in politischen Angelegenheiten wirklich intelligent sind, würden Sie dann nicht lieber die Ursprünge des heute andauernden Irak-Fiaskos herausfinden, indem Sie auf so entscheidende Hinweise wie die Planung der späteren Regierung George W. Bush unter George P. Shultz zurückblicken? Gäben Sie die Schuld an der Explosion der Bombe oder nicht eher den Personen, die sie bauten und einsetzen?

Um etwa die Ursprünge des Römischen Reiches zu verstehen, muß man auf eine entscheidende frühere Zeit zurückblicken: die Selbstzerstörung Athens durch die Veränderung im Charakter, wofür die Ausbreitung des delphischen Kultes der Sophisterei im Athen des Perikles sorgte. Wer zwängte die Meinungsbildung im Athen des Perikles in die Grenzen dieses Kultes der Sophisterei, der heute wiederbelebt wurde - ganz besonders bei den oberen 20 Prozent der 68er Generation, die heute etwa zwischen 50 und 65 Jahre alt sind? Woher stammt die Kultur, die die Interaktion der Charaktere - etwa Präsident Bushs und des amerikanischen Kongresses oder auch Journalisten wie Isikoff und Corn - auf der heutigen historischen Weltbühne prägt?

Der offensichtlichste Fehler in den zahlreichen veröffentlichten Werken wie dem von Isikoff und Corn über die Zusammenhänge der folgenreichen strategischen Katastrophe Präsident George W. Bushs in Südwestasien besteht darin, daß sie von einer deduktiven Sicht der Geschichte ausgehen - quasi einer "Erde als Scheibe". Wie die meisten anderen politischen Journalisten und sonstigen Kommentatoren drücken Isikoff und Corn allen Geschehnissen unter der Regierung G.W. Bush von 2001 bis heute diese Sicht auf.

Die Wirkung ist die, als beklage sich der mißhandelte Sklave über seinen grausamen Herrn, diene diesem Herrn aber weiter, damit er weiter Gelegenheit hat, sich über ihn zu beklagen.

Auch wenn der heranstürmende Zusammenbruch des gegenwärtigen Finanz- und Währungssystems der Welt die wichtigste treibende Kraft hinter dem Vorstoß der Regierung Bush/Cheney zu neuen großen Kriegen ist, wird sich der typische Kritiker der Kriegspolitik der Regierung weigern, diese drohende weltweite wirtschaftliche Zusammenbruchskrise, die eigentlich das Entscheidende ist, bei der Beurteilung der Kriegsgefahr zu berücksichtigen.

Schon Shakespeare wußte es besser. Hätte man Isikoff und Corn rechtzeitig geraten, sich angemessen mit Shakespeare zu beschäftigen, dann hätten sie verstanden, wie man den Hintergrund des fortdauernden Irakkriegs - diese große Lüge, die Grund zur Amtsenthebung ist - angemessen analysieren sollte. Man betrachte z.B. den Monolog des Schauspielers, der zu Beginn von Shakespeares Heinrich IV. den "Chor" darstellt.

Dieser "Chor" dient Shakespeare dazu, bestimmte Grundannahmen einer physikalischen Geometrie darzulegen. Er soll dem Publikum zu verstehen geben, daß dies die Wirklichkeit hinter der sichtbaren Aufführung auf der Bühne ist, die selbst nur die Schatten davon darstellt. Man darf sich nicht in einfachen Annahmen wie bei Euklid fangen lassen, wenn man es mit einer Angelegenheit aus der besonderen Geometrie eines lebenden sozialen Vorgangs im wahren Universum zu tun hat.

Oder hören wir das unheilvolle Grollen des kommenden Untergangs der Regierung George W. Bush und aller, die sie immer noch in Schutz nehmen, wie es in Cassius' berühmtem Ratschlag an seinen Begleiter Brutus im 1. Akt (2. Szene) von Julius Cäsar seinen Widerhall findet:

"Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister:
Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus,
Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge."

Präsident George W. Bush jun., Vizepräsident Dick Cheney und ihre ganze Mannschaft sind, wie die meisten ihrer gewöhnlichen Kritiker, nur solche bedauernswerten Schwächlinge und Handlanger. Zugegeben, Bush und Cheney sind ziemlich brutale Schwächlinge, sie töten. Aber sie sind nur wie jene, die für den Großinquisitor Tomás de Torquemada folterten, oder vorher für die Inquisition gegen Jeanne d'Arc, oder wie Pontius Pilatus. Sie sind nur bösartige Handlanger.

Die Frage sollte in allen diesen Fällen sein: wessen Handlanger?

Müssen wir nicht berücksichtigen, daß z.B. Bush und Cheney unmittelbar Handlanger der Kreise um George Shultz sind, die sie in diesem Stadium der Geschichte in die amerikanische Präsidentschaft geholt haben? Sollten wir also nicht erkennen, daß alle, die Bush und Cheney für unabhängig handelnd halten, nicht mehr sind als leichtgläubige Opfer einer Macht, die genauso ihre eigenen - gewöhnlich ziemlich abstoßenden - Meinungen über die sich gewaltig auftürmende Weltkrise steuern? Ist das größte Verbrechen Lynne Cheneys vielleicht nur ihr unglaublich schlechter Geschmack bei der Wahl eines Ehemannes? Oder bei ihm, daß er charakterlich so verdorben war, das Schicksal, welches sie für ihn bestimmte, anzunehmen? Oder fragen wir: Wessen Handlanger ist denn der Regisseur Shultz selbst?

Um die heutige Überlebenskrise der Vereinigten Staaten unter der Regierung Bush zu verstehen, ist es ratsam, die Gegenwartsgeschichte zu ihren Wurzeln zurückzuverfolgen, und die findet man spätestens zu der Zeit, als bei einem Treffen zwischen Oktavian, dem späteren Kaiser Augustus, und den Priestern des Mithrakultes auf der berüchtigten Insel Capri das römische Kaiserreich geboren wurde.

Kaiser Nero war ein Geschöpf dieser imperialen römischen Ordnung, die in dieser Weise auf Capri ausgehandelt wurde. Von derselben Insel aus setzte Augustus' Nachfolger, Kaiser Tiberius, den Justizmord an Jesus Christus in Gang, über eine Sondervollmacht für derartige Morde, mit der er Pontius Pilatus (seinen mutmaßlichen Schwiegersohn) ausstattete. Nero war auch nur ein Handlanger dieses Systems, innerhalb dessen praktisch alle Hauptpersonen - im wahren Leben wie auf der Bühne, auch Julius Cäsar und Nero - jeweils zu ihrer Zeit und an ihrem Ort reagierten.

Sie handelten als Handlanger, wie der armselige George W. Bush, als Sklaven der politisch-weltanschaulichen Geometrie des Systems, in dem sie eingesperrt sind wie Fische im Aquarium. Alle waren dem Untergang geweiht, so wie die USA heute vielleicht dem Untergang geweiht sind, weil so viele Staatsführer und andere nach den verderblichen Handlangerspielregeln agieren - die Regeln, die mächtigere Leute ihnen vorgegeben haben und die beschreiben, wie man "mit dem Strom schwimmt". Sie alle sind automatisch mit dem Untergang geweiht, weil sie sich in das System, das sie und ihr Schicksal lenkt, als Rädchen eingegliedert haben. Sie sind dem Untergang geweiht, solange sie sich dafür entscheiden, weiter innerhalb der Grenzen dieses geistig-kulturellen Aquariums zu schwimmen.

So haben Isikoff und Corn als Handlanger der zeitgenössischen Presse in ihrer Reaktion auf die gegebenen Umstände ihrer Nachforschungen versagt. Sie sprechen von bedeutenden Gefahren, die man aus dem Aquarium sieht, in dem ihr Geist schwimmt, aber sie wollen ihren Geist nicht aus diesem Gefängnis befreien. So mögen sie ein paar Haie und andere Schrecken der Lage beschreiben, aber bisher tun sie überhaupt nichts, was unserer Nation tatsächlich einen Weg aus dieser tödlichen Falle weisen könnte.

Darüber hinaus drücken sie die Gewohnheiten einer zeitgenössischen Kultur aus, die von der Wissenschaft der Geschichte nichts weiß. Sie kennen nicht das Prinzip der sozialen Organisation, das seinen wesentlichen Ausdruck in der Geschichte der europäischen Wissenschaft findet, auf der die gemeinsamen Errungenschaften des klassischen Griechenland und der neuzeitlichen europäischen Zivilisation gründen. Sie beachteten praktisch gar nicht den wesentlichen, grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Affe, der die Grundlage aller sinnvollen menschlichen sozialen Organisation bildet. Dieses Prinzip wird massiv verletzt durch die Ideologie, die die Feinde des kurz vorher verstorbenen Präsidenten Franklin Roosevelt in Form von Sophismus einführten, um vor allem die im ersten Nachkriegsjahrzehnt geborene Generation der Mittel- und Oberschicht zu konditionieren.

Möglich wurde die wahnwitzige Regierung Bush/Cheney 2001-06 erst durch eine Politik, die der im ersten Jahrzehnt nach Franklin Roosevelts Tod geborenen Generation der wirtschaftlich-sozialen Mittel- und Oberschicht in ihrem sozialen Umfeld und ihrer Entwicklung aufgezwungen wurde. Das Konditionieren dieser Generation im Zusammenhang mit dem Kult vom "arbeiten, ohne sich die Hände schmutzig zu machen" und dem, was man im amerikanischen Unternehmertum den "Organization Man" nannte, erzeugte bei denen, die Mitte bis Ende der 60er Jahre in die Universitäten eintraten, eine Neuauflage der systemischen Störung, die man im alten Athen "Sophisterei" nannte. Die Konditionierung der sog. "68er Generation" verfolgte die Absicht, eine kulturelle Persönlichkeit zu prägen, der ein übergreifendes Verständnis vom Wesensunterschied zwischen Menschen und Affen oder Menschenaffen fehlt.

Entsprechende klassische Gelehrte würden erkennen, daß eine so verdorbene US-Regierung wie die von Bush und Cheney 2001-06 nur möglich ist, weil die Generation der "68er" in Europa und der "Babyboomer" in Amerika, die heute das Sagen hat, in dieser Weise konditioniert wurde. Der zweifelhafte Wahlsieg Bushs im Jahr 2000 wäre unmöglich gewesen, hätten nicht Gore, Lieberman und ihre Mannschaft eine vergleichbare kulturelle Torheit dargestellt. Sie verschenkten in ziemlich auffälliger Art und Weise den Sieg, weil es in ihren moralischen und geistigen Mängeln so angelegt war - mehr oder weniger dieselben Mängel wie die von Bush und Cheney. Fische können sich nicht aussuchen, ob sie im Wasser schwimmen.

Um die Auswirkungen des Problems zu verstehen - die Unwissenheit sonst intelligenter Menschen wie Isikoff und Corn ist dafür nur ein Beispiel - , muß man ein Problem verstehen, das in der Nachkriegszeit mit dem Erscheinen eines Büchleins des britischen Autors C.P. Snow, Zwei Kulturen, berühmt wurde.3 Snow belegte die vorherrschende üble Dichotomie zwischen Naturwissenschaft und klassischer Kultur, die sich in der Kultur der Britischen Inseln und anderswo gebildet hatte.

Dieser Zwiespalt besteht an der Oberfläche im wesentlichen darin, daß die in der letzten Zeit gelehrten mathematischen Disziplinen mit der Herausforderung der Frage der klassischen Ironie, wie sie William Empson in dem berühmten Buch Seven Types of Ambiguity (Sieben Arten der Mehrdeutigkeit) behandelt, nicht fertigwerden können.4 Eine ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte der europäischen Wissenschaft seit dem klassischen Griechenland ergibt jedoch unmittelbar, daß dieser scheinbare Zwiespalt an sich völlig absurd ist. Der Geisteszustand eines Menschen, der eine im Experiment nachweisbare Entdeckung eines universellen Naturprinzips hervorbringt, ist Ausdruck derselben, nur dem Menschen eigenen geistigen Fähigkeit, die sich in wahrhaft klassischer Ironie bei der künstlerischen Komposition in plastischen und nichtplastischen Künsten zeigt. Am deutlichsten sieht man diese Verbindung, als methodisches Prinzip, in den Hauptwerken Johannes Keplers.

Das Problem, das C.P. Snow behandelte, ist also kein Bestandteil der langen Welle der europäischen klassischen Kultur vom antiken Griechenland bis heute. Es ist vielmehr Ausdruck einer geistigen Störung, die unsere Institutionen verseucht und verhindert, daß die Schöpferkraft, die den einzigartigen Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmacht, zum Ausdruck kommt. Wenn wir Amerika und die Zivilisation vor der Zerstörung durch ihre eigene vermeintliche Führung bewahren wollen, müssen wir uns ändern. Wir müssen die gängigen geistigen Gewohnheiten, die uns in die Selbstzerstörung führen, verändern. Das ist das Thema, das ich in dieser Schrift behandele.

Ich habe mich damit auch in früheren Veröffentlichungen befaßt. Hier behandele ich es ausgehend von der kulturellen Krise in der strategischen Perspektive, für welche die systematischen Fehler von Isikoff und Corn typisch sind. Man muß erkennen, was bei ihrer Herangehensweise verlorengeht und daß dieser Fehler keine persönliche Eigenheit von ihnen ist, sondern typisch für eine weitverbreitete Störung im Handeln, die unsere heutige Weltzivilisation durchzieht und nun deren Weiterbestand gefährdet.

Wissenschaft und Geschichte

Betrachten wir zunächst die klassische Methode der wissenschaftlichen Arbeit und verfolgen dann, welche Bedeutung dies für das Wesen bestimmter sozialer Prozesse hat, das sich am deutlichsten im künstlerischen Ausdruck in den klassischen Künsten zeigt.

Sucht man beispielsweise nach dem Ursprung der grundlegenden Theoreme aus den betrügerischen Elementen des Euklid, so stößt man unmittelbar auf zwei Tatsachen hinsichtlich der Hauptmerkmale der ganzen Sammlung: Erstens sind alle diese Theoreme schlechte Kopien der eigentlichen Entdeckungen, die Kreise der Pythagoreer und Platons ein halbes Jahrhundert vor Euklid oder noch früher gemacht hatten. Bei den ursprünglichen Beweisen der Pythagoreer, Platons usw. wurden diese Lehrsätze mit einer Methode beschrieben, die derjenigen des Euklid oder des Aristoteles, von dem Euklid offenbar stark beeinflußt war, genau entgegengesetzt war.

Diese Methode der ursprünglichen Entdeckungen, die lange vor Euklid gemacht wurden, nennt man Sphärik. Die Griechen hatten sie von den ägyptischen Methoden in der Astrophysik übernommen und zur astrophysikalischen Grundlage der Entwicklung der physikalischen Geometrie auf der Erde weiterentwickelt.

Blicken wir aus der europäischen Neuzeit auf die alten Pythagoreer und Platon zurück, so erkennen wir in der klassischen griechischen Methode der Sphärik das wieder, was in der Mitte des 15. Jh. in Europa wiederbelebt wurde und als Grundlage der neuzeitlichen Wissenschaft diente, die Kardinal Nikolaus von Kues in seinem Werk De docta ignorantia und späteren Schriften über die Prinzipien der physikalischen Geometrie einführte. Diese Methode des Cusaners wiederum war erklärtermaßen die Grundlage für die Arbeiten des Begründers der neuzeitlichen europäischen Naturwissenschaften, einschließlich der Astronomie - Johannes Kepler, auf dessen Pionierleistungen als erklärter Cusaner seither alle wesentlichen Merkmale der kompetenten modernen Naturwissenschaft beruhen.

Die gesamte kompetente Naturwissenschaft von Kepler bis Riemann, einschließlich Leibniz' Entwicklung des Infinitesimalkalkulus, fußt auf den Grundlagen, die der Cusaner Kepler geschaffen hat. Diese Leistungen der neuzeitlichen europäischen Zivilisation beruhten wiederum auf den antiken Grundlagen der Wissenschaft und des Wissens, die man in der europäischen Zivilisation allgemein auf die Pythagoreer, Thales, Heraklit, Platon und seine Akademie bis zum Tod des Eratosthenes und Archimedes zurückführt.

Zugegeben, viele Professoren der Naturwissenschaften kennen diese Wurzeln der ernsthaften neuzeitlichen europäischen Wissenschaft gar nicht, oder sie wurden gehirngewaschen, damit sie sich nicht damit befassen. Das ist die Tradition, die der satanische olympische Zeus in Aischylos' Gefesseltem Prometheus lehrte. Für die verängstigten Opfer der olympisch-delphischen Tradition, wie die zahlreichen akademischen Sophisten heute, existiert der Akt der Entdeckung eines universellen Naturprinzips entweder gar nicht, oder er wird von denen, die wirkliches Denken bloß durch eine armselige Übung in mathematischer Ableitung ersetzen, einfach verboten. Dies ist der Fehler von Isikoff und Corn wie der meisten anderen, die derzeit das in ihrem Buch behandelte Feld beackern.

Die Lehre aus diesen Gedanken über die Gefahren davon, sich zum Untertan und Handlanger machen zu lassen, wie Isikoff, Corn und andere es tun, ist die: Wahre menschliche Freiheit liegt nur darin, daß der Einzelne und die Gesellschaft sich ganz auf die Entfaltung der schöpferischen Geisteskräfte verlassen - die Geisteskräfte, für welche diese Entdeckungen universeller Naturprinzipien bei den Pythagoreern, Platon, Kues und Kepler nur typische Beispiele sind. Wie ich oben bereits betont habe, sind das die gleichen Kräfte, die auch in der großen klassischen Kunst zum Ausdruck kommen. So dienten die großen Dramen des Aischylos oder in der Neuzeit von Shakespeare, Moses Mendelssohns Freund Lessing und Schiller als Grundlage der erforderlichen Staatskunst wie der allgemeinen Entwicklung des Individuums innerhalb des sozialen Prozesses.

Aus der Sicht der Naturwissenschaft im besonderen ist der wichtigste charakteristische Maßstab der Ereignisse, die die Geschichte zur Geschichte machen, welchen Nutzen die Gesellschaft aus dem Einfluß grundlegender Entdeckungen universeller Prinzipien in Wissenschaften und klassischen Künsten zieht - Entdeckungen, die in der einzig möglichen Weise gemacht wurden, nämlich über die souveränen Geisteskräfte, die in einzelnen Menschen entwickelt wurden. Dies ist die grundsätzliche, richtige Definition der Geschichte in ihrer reinsten Form, als Prozeß der Höherentwicklung der menschlichen Gattung durch die Höherentwicklung der schöpferischen Geisteskräfte des einzelnen jungen Menschen. Aus diesem Blickwinkel heraus beurteilen wir andere Sichtweisen der Geschichte: Naturprinzipien wurden entweder nicht entdeckt oder ihre Entdeckung wurde unterdrückt, oder die Uhr des Fortschritts wurde zurückgedreht, indem man falsche Annahmen einführte, wo gültige Prinzipien notwendig gewesen wären.

Wie Heraklit und Platon im Altertum betonten und wie Bernhard Riemann für die moderne Naturwissenschaft klarstellte, ist die Geschichte der Ausdruck der Entdeckungen wirkender universeller Naturprinzipien oder vergleichbarer Prinzipien durch den Schöpfer oder den Menschen.

Eine Kultur "technischen Nullwachstums" ist ein übelriechender Friedhof, und das wird auch bald das Schicksal der rein parasitären Raffkes der Regierung Bush sein: An diesem Ort würde man die tote Geschichte eines gescheiterten Staates begraben, wie ein Amerika unter einer fortgesetzten Regierung George W. Bushs - sie läge dann im Grabe Neros, gleich neben dem Cheneys. Eine Kultur, in der die Erfahrung des Entdeckens universeller Prinzipien der Naturwissenschaften und klassischen Künste keine charakteristische Eigenschaft des gesellschaftlichen Lebens ist, ist eine tote, eine gescheiterte Kultur. Das Bild dafür ist eine gesellschaftliche Existenz, wo Menschen so weit herunterkommen, daß sie planlos laut auf trommelartigen Gegenständen herumschlagen, bis ihre Zungen in den offenen Mündern geifern - sinnloser Ausdruck der hirntoten Ekstase einer Kultur, deren Existenz weniger als sinnlos geworden ist und Gefahr läuft, daß die Geschichte genau dieses Urteil über sie spricht.

Habe ich jemanden beleidigt? Hoffentlich, es wäre nur zu seinem eigenen besten.

Mit anderen Worten: Menschliche Kulturen stehen niemals still; entweder sie schreiten voran oder sie schreiten zurück. Anders als beim Schach gibt es in der Existenz der Gesellschaft keine feststehenden Regeln. Es gibt entweder eine Rückentwicklung, oder es kommt zur Entdeckung neuer Prinzipien - in dem Sinne wie Keplers große Entdeckungen - und zu ihrer Aufnahme in die aktuelle Praxis. Gleichzeitig ist die Geschichte aber auch ein vielschichtiger sozialer Prozeß, innerhalb dessen prinzipielle Fort- und Rückschritte, Antientropie und Entropie gewöhnlich gleichzeitig stattfinden.

Wenn eine neue Generation oder ein Individuum geboren wird, beginnt das menschliche Leben nicht als unbeschriebene Tafel. Die Entwicklung des neuen Individuums, ja ganzer Generationen vollzieht sich vor allem als Wirkung eines laufenden, immer weiterschreitenden, generationenlangen kulturellen Entwicklungsprozesses, der jedem neugeborenen Menschen und den sozialen Beziehungen, in die er gestellt wird, mit allen Vor- und Nachteilen seinen Stempel aufdrückt. Die Entwicklung, die sich in der neuen Generation vollzieht, ist kein mechanischer Prozeß im Sinne der statistisch-mechanischen Systeme der Anhänger des ebenso geschickten wie törichten René Descartes. Sie ist ein dynamischer Prozeß, wie ihn Leibniz definierte - dynamisch im Sinne des dynamis der klassischen Griechen oder des Begriffs der Dynamik in den Werken Bernhard Riemanns, wo er sehr weit entwickelt ist.

Dieser Begriff der Dynamik, der in der neuzeitlichen Wissenschaft mit Bernhard Riemanns Begriff vom Tensor verbunden ist, ist ein Begriff der physikalischen Hypergeometrie (nicht bloß mathematischer Formalismus wie im Elfenbeinturm). Er stammt aus der Antike - griechisch dynamis - und wird in der europäischen Zivilisation auf die Wissenschaft der Sphärik bei den Pythagoreern, wie dem berühmten Archytas und dessen Freund Platon, zurückgeführt. So bezeichnet man den Gedanken, der allen Werken Platons und der führenden Mitglieder seiner Akademie bis zum Tode des Eratosthenes zugrundeliegt. Leibniz führte den Begriff, als Dynamik übersetzt, in den modernen Gebrauch ein, um die Methoden der kompetenten neueren Naturwissenschaft von den statistisch-mechanischen Phantasien eines René Descartes abzugrenzen. Man bedenke, daß wir Descartes' Anhänger des 18. Jh. heute in anderem Gewand kennen, etwa den gescheiterten Methoden gewisser Langzeitprognostiker wie Merton und Scholes. Diese erbärmliche Methode, praktisch die gleiche wie die der Wissenschaftler, auf die Gulliver bei seiner Reise nach Laputa traf, wird heute von der Mehrheit der akademisch gebildeten Volkswirtschaftler verwendet.

Ich will aber in dieser Besprechung der Bedeutung des Buches von Isikoff und Corn technische Einzelheiten der Wirtschaftsprognose als solcher soweit als möglich meiden, damit wir unsere Aufmerksamkeit auf die Gestaltung der Geschichte als kulturelle Frage richten können. Mir geht es vor allem um die grundsätzlichen, quasi "ererbten" Eigenschaften der kulturellen Wurzeln und Wirkungen des Römischen Reiches - dem Präzedenzfall für das, was man heute "Globalisierung" nennt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie unterschiedlich stark betont, doch die Prinzipien sind letztendlich immer dieselben.

wird fortgesetzt


Anmerkungen

1. Michael Isikoff und David Corn, Hubris. The Inside Story of Spin, Scandal and the Selling of the Iraq War, Crown Publishers, New York 2006. ("Hybris: Die interne Geschichte von Verdrehungen, Skandalen und wie der Irakkrieg verkauft wurde", bisher keine deutsche Ausgabe.)

2. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen der dummdreisten Erfindung namens Sherlock Holmes und der lebensechten wissenschaftlichen Methode des Mitglieds der Cincinnatus-Gesellschaft und professionellen Nachrichtendienstlers Edgar Allen Poe, der zwar wegen seines epileptischen Leidens aus West Point entlassen wurde, aber als Nachrichtendienstler mit Veteranen dieses Dienstes wie James Fenimore Cooper zusammenarbeitete, mit dem er z.B. wegen eines Projektes des Marquis de Lafayette nach Paris beordert wurde. Nach seinem Tode wurde Poe sowohl vom Herausgeber und Schwindler Griswold u.a. wegen seiner Rolle im Geheimdienstgeschäft verteufelt, als auch von den amerikanischen Tories, die sich durch seinen wahren Patriotismus schwer beleidigt fühlten.

3. C.P.Snow, Two Cultures and the Scientific Revolution, Cambridge University Press, London und New York, Nachdruck 1993.

4. William Empson, Seven Types of Ambiguity, Penguin Books, Middlesex 1961.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Was LaRouche wirklich sagt - Erklärungen zur aktuellen politischen Lage - Internetseite der Bürgerrechtsbewegung Solidarität
Schriften von Lyndon H. LaRouche 1981-2006 - Internetseite des Schiller-Instituts

 

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