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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47-48/2006

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Wirtschaftsnachrichten

FSA warnt vor "Crash" durch Übernahmeschulden. Kredite an Private Equity Fonds (Beteiligungsgesellschaften) zur Finanzierung von mehr oder weniger feindlichen Übernahmen von Unternehmen sind für die großen Banken das Geschäft der Stunde. Das übernommene Unternehmen wird üblicherweise sofort gezwungen, sich selbst über die Emission von Anleihen massiv zu verschulden. Daran verdienen die gleichen Banken erneut. Ein Teil dieser Kredite und Anleihen wird umgehend an Hedgefonds weiterverkauft. Hinter den Hedgefonds und Private Equity Fonds stehen wiederum als Kapitalgeber "ganz seriöse" Versicherungen und Pensionsfonds. So haben alle etwas davon. Es sei denn, etwas geht schief. Am 6. November hat nun die britische Finanzaufsichtsbehörde FSA eine dringliche Warnung veröffentlicht, daß in diesem Teil des Finanzsektors möglicherweise schon bald eine Katastrophe bevorsteht. Der Londoner Guardian berichtete tags darauf mit der Überschrift: "FSA warnt vor ,unvermeidlichem' Crash".

Tatsächlich heißt es in dem FSA-Bericht, eine baldige Pleite eines von Private Equity Fonds übernommenen Großunternehmens sei wegen der meist extrem hohen Fremdverschuldung geradezu "unvermeidlich." In nüchternen Worten fügte die FSA hinzu: "Das hätte dann negative Auswirkungen für die Geldgeber, die Käufer der Kredittranchen, und wäre ein Risiko für die Aufrechterhaltung eines ordentlichen Marktes... Im Extremfall könnte so ein Vorfall negative Auswirkungen auf die finanzielle Stabilität und Teile der bririschen Wirtschaft haben." Im Jahre 2005 vervielfachte sich das Volumen des britischen Private Equity-Geschäfts auf 26 Milliarden Pfund. Weil die übernommenen Unternehmen erst einmal vom Aktienmarkt verschwinden und hiervon Tausende von Unternehmen betroffen sind, spreche man in London bereits von einer Verödung der Aktienlandschaft. Aufgrund der Gefahrenlage kündigte die FSA die Einrichtung einer verstärkten Aufsicht von Private Equity Fonds an.

Am 8. November legten die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken der Europäischen Union einen gemeinsamen Bericht über die Stabilität des EU-Bankensystems vor. Der Leiter der Bankenaufsicht der EU-Zentralbanken, Edgar Meister, betonte bei der Vorlage des Berichts, die Unternehmensschulden bei Übernahmen durch Beteiligungsgesellschaften bildeten eine neuartige Bedrohung der Stabilität des EU-Bankensystems.

Chinas Dollarberg. Am 9. und 10. November fand in Frankfurt ein merkwürdiges Gipfeltreffen der wichtigsten Zentralbank statt. Der Titel der Tagung lautete "Die Rolle des Geldes: Geld und Geldpolitik im 21. Jahrhundert." Zu den Teilnehmern zählten Ben Bernanke, Chef der Federal Reserve, Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, der Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Kazumasa Iwata, der stellvertretende Chef der Bank von Japan, der deutsche Geldpapst Otmar Issing sowie zahlreiche weitere Zentralbanker und Wirtschaftsprofessoren.

Formal ging es insbesondere um die Frage, ob sich Zentralbanken noch mit Geldmengen beschäftigen müssen oder ihre Zinspolitik allein anhand von Inflationsraten ausrichten können. Die EZB beharrt hier weiter auf dem althergebrachten Standpunkt, daß Geldmengen wichtig sind und ein übermäßiges Wachstum schon im Vorfeld durch Zinserhöhungen bekämpft werden muß, bevor es inflationäre Wirkungen entfacht.

Die Federal Reserve und die modernen Professoren sehen das anders: Wenn die Inflation da ist, können wir sie immer noch bekämpfen. Und ob Geldmengen heute noch eine primäre Ursache von Inflation darstellen, müsse angezweifelt werden. Ben Bernanke ging in dieser Frage inzwischen sogar so weit, die Veröffentlichung der Geldmenge M3 seit März diesen Jahres komplett einzustellen, weil es sich dabei um eine für die Geldpolitik der Federal Reserve belanglose Größe handle. Man munkelt aber, Bernanke habe dies vor allem deswegen getan, weil sich in den M3-Zahlen die direkten Interventionen der Federal Reserve in den Geldmarkt ablesen lassen. In Zeiten, in denen das "Plunge Protection Team" immer mehr zu tun bekommt, will man hier lieber nicht zuviel Öffentlichkeit erlauben.

Man kann davon ausgehen, daß auf einem Gipfel der führenden Zentralbanken in privater Runde nicht nur über Geldmengenaggregate gesprochen wurde. Einen Hinweis darauf lieferte das Interview, welches Zhou Xiaochuan am Rande der Konferenz gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters gab. Das zentrale Thema war dabei der chinesische Dollarberg, der alle ehemaligen Butterberge der Europäischen Union, zumindest nach aktuellen Währungskursen, wertmäßig bei weitem überragt. Vor fünf Jahren beliefen sich die Devisenreserven Chinas auf 200 Milliarden Dollar. Das allein hätte schon gereicht, um bei einer Neuauflage der Asienkrise von 1997/98 sämtliche damaligen "Rettungspakete" in der Region diesmal ohne Beteiligung des Internationalen Währungsfonds zu finanzieren. Vor ein paar Tagen hat nun das Volumen der chinesischen Devisenreserven die Marke von einer Billion Dollar überschritten. Das ist nicht nur eine Verfünffachung gegenüber 2001, sondern auch deutlich mehr als jedes andere Land auf der Welt. Rund 70% dieser Devisenreserven sind Dollarpapiere, zumeist amerikanische Regierungsanleihen.

Auf die Frage, ob China sie demnächst anderweitig investieren wolle, beispielsweise in US-Firmenanleihen oder hypothekengesicherte Wertpapiere, entgegnete Zhou, China erwäge "zahlreiche Instrumente" zur Diversifizierung: "Alle Zentralbanken versuchen zu diversifizieren... Wir haben schon seit einigen Jahren einen ganz klaren Plan zur Diversifizierung." Die Äußerung Zhou's löste unmittelbar einen heftigen Einbruch des US-Dollars aus. Denn jeder weiß: Schon ein verlangsamtes Wachstum des chinesischen Dollarberges könnte die Finanzierung des US-Leistungsbilanzdefizits von rund 800 Milliarden Dollar pro Jahr ins Stottern bringen, mit schlimmen Folgen für den Dollar. Dann müßte die Federal Reserve die Zinsen drastisch heraufsetzen, was wiederum den ohnehin einsetzenden Crash am Immobilienmarkt beschleunigen würde.

Offenbar haben sich die Zentralbanker momentan viel zu sagen. Nach dem 9./10. und 18. November trifft sich die gleiche Gruppenrunde erneut am 1. Dezember, erweitert um die Finanzminister und Zentralbankchefs von Rußland, Brasilien, Indien, Saudiarabien und Südafrika auf der Konferenz der G20-Staaten in Melbourne, Australien.

 

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