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Aus der Neuen Solidarität Nr. 49/2006

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Hintergründe des Litwinenko-Mordes

Der Tod des Exil-Russen Alexander Litwinenko in London läßt viele Fragen offen. Inzwischen fragen selbst britische Medien, ob Litwinenko nicht vielleicht "geopfert" wurde, um Präsident Putin zu schaden.

Die Darstellung, wonach der russische Präsident Wladimir Putin den Mord an Alexander Litwinenko in London "angeordnet" hätte, ist so durchsichtig, daß sich inzwischen selbst einige britische Medien wie z.B. der Daily Telegraph fragen, ob Litwinenko nicht vielleicht "geopfert" wurde, um Putin zu schaden. Relevant für den Fall sind die folgenden Fakten:

1. Der Zeitpunkt: Der Litwinenko-Fall eskalierte unmittelbar nachdem Rußland und Großbritannien ein Auslieferungsabkommen schlossen, das es ermöglichen wird, den russischen Oligarchen Boris Beresowskij und den tschetschenischen Rebellenführer Achmed Sakajew an Rußland auszuliefern. Die Nachricht vom Tod Litwinenkos wurde am 23. November bekannt - genau während des EU-Rußland-Gipfeltreffens in Helsinki, an dem Putin teilnahm. Dadurch erhielt der Fall das größtmögliche Medienecho.

2. Sämtliche Freunde Litwinenkos stehen in Beresowskijs Sold. Litwinenkos Freund und Nachbar Sakajew brachte ihn ins Krankenhaus, nachdem sich Symptome einer Vergiftung zeigten. Die Wohnungen beider waren ihnen von Beresowskij zur Verfügung gestellt worden.

Litwinenko wurde im Krankenhaus von dem russischen Filmproduzenten Andrej Nekrassow besucht, der derzeit zusammen mit David Satter vom Hudson Institute in Washington einen Dokumentarfilm über Rußland dreht. Litwinenkos PR-Manager war Lord Timothy Bell, der ebenfalls von Beresowskij bezahlt wird. Bell war auch PR-Mann für Lady Thatcher, als sie Premierministerin war, sowie für Lord MacAlpine, als dieser vor mehreren Jahren als Gastgeber der tschetschenischen Rebellenregierung fungierte.

3. Alle Erklärungen und Interviews, die Litwinenko auf seinem Sterbebett gab und in denen er Putin für seinen Tod verantwortlich machte, wurden von Alex Goldfarb veröffentlicht, einem Exil-Russen, der auch Direktor von Beresowskijs "Internationaler Stiftung für Bürgerliche Freiheiten" in New York ist. Zuvor war Goldfarb für eine von George Soros' Stiftungen tätig.

4. Eine äußerst dubiose Rolle in dem Fall spielte der Italiener Mario Scaramella, der Litwinenko in einem Londoner Restaurant traf und Scotland Yard sagte, er habe Litwinenko darüber informiert, daß er - neben Scaramella selbst und Beresowskij - auf der gleichen Todesliste stehe wie die ermordete russische Journalistin Politkowskaja. Putin habe, so Scaramella gegenüber Scotland Yard, ein Team des Geheimdienstes FSB mit dieser Mordliste entsandt.

Scaramella nannte den früheren FSB-Beamten Jewgenij Limarew, der in Paris und Venedig lebt, als Quelle seiner Informationen. Limarew dementierte Scaramellas Bericht jedoch sofort in einem Interview mit der Tageszeitung La Repubblica.

5. Scaramella ist Teil eines privaten Geheimdienstnetzwerks, das sich rühmt, mit US-Vizepräsident Dick Cheney in Verbindung zu stehen. Scaramella arbeitet für das in Washington ansässige "Präventionsprogramm gegen Umweltkriminalität" (EPP), das Limarew zufolge "institutionelle Unterstützung im Militärgeheimdienst" hat. Limarew berichtet auch, Scaramella habe ihm gesagt, sie könnten sich "auf Dick Cheneys Team im Weißen Haus verlassen". Scaramella versuchte über das EPP, Limarew und Litwinenko gefälschte Dossiers gegen italienische Gegner des Irakkriegs zu verbreiten, die dem "Mythrochin"-Untersuchungsausschuß des italienischen Parlaments zugeleitet werden sollten. Scaramella ist Berater des Ausschußvorsitzenden Paolo Guzzanti.

6. Quellen in Rußlands Regierung und Medien verweisen auf Beresowskij als möglichen Verantwortlichen für den Mord. "Wenn man die Frage stellt, wer von alledem am meisten profitieren könnte, kann die Antwort nur Beresowskij lauten", zitierte die Sunday Times am 26. November eine Quelle im Kreml. Komsomolskaja Prawda schrieb: "Sein Tod ist im Interesse derer, die die Beziehungen zwischen Rußland und dem Westen vergiften wollen."

7. Bei seiner Pressekonferenz in Helsinki erwähnte Putin zum dritten Mal öffentlich den Mord an dem Journalisten Paul Klebnikow: "Wir müssen auch über andere Morde dieser Art nachdenken. Auch ein anderer Journalist, der Amerikaner Paul Klebnikow, wurde ermordet. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet und der Fall vor Gericht gebracht. Leider wurden die Angeklagten von der Jury freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren wieder aufgenommen. Aber wir dürfen auch die politischen Verbrechen in anderen Ländern nicht vergessen, zu denen politische Morde in anderen Ländern Europas gehören."

8. Der russische Toxikologe Lew Fjodorow betonte am 27. November gegenüber Interfax: "Polonium wurde noch nie als Mordinstrument benutzt... Es scheint eine ziemlich exotische Geschichte zu sein, eine Art PR-Show. Die Geschichte der Forensik sagt uns, daß jemand, der einen anderen los werden will, dies möglichst ohne Aufsehen und ohne Spuren zu tun versucht. Und wenn man eine so riesige Show [mit einer so leicht zu entdeckenden Substanz] vorgeführt hat, dann bedeutet das, daß jemand sie brauchte."

al

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Russische Signale nach der US-Wahl - Neue Solidarität Nr. 47-48/2006
Die Lehren aus der "Chodorkowskij-Krise" - Neue Solidarität Nr. 46/2003
Oligarchischer Propagandakrieg gegen Putin - Neue Solidarität Nr. 37/2001
Was bezweckt der Mord an Anna Politkowskaja? - Neue Solidarität Nr. 42/2006

 

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