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Aus der Neuen Solidarität Nr. 49/2006 |
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Andere Folteropfer blicken später, nach ihrer Freilassung, auf die erlittenen Qualen zurück. Anders Abu Omar, der von der CIA nach Ägypten entführte Islamist: Er wird noch immer in Kairo gefangen gehalten.
Neues Beweismaterial, das in Italien publik wurde, enthüllt die die Entführung und Folterung ausländischer Bürger - unmenschliche Praktiken, die von Vizepräsident Dick Cheneys Rechtsberater als rechtens bezeichnet wurden. Italienische Medien veröffentlichten am 9. November die eidesstattliche Erklärung des in Italien ansässigen ägyptischen Imams Abu Omar. Die in arabischer Sprache verfaßte Erklärung wurde aus einem ägyptischen Gefängnis geschmuggelt, in dem Abu Omar noch immer unter barbarischen Umständen festgehalten wird, seit ihn ein CIA-Kommando am 17. Februar 2003 aus Mailand entführte. Sie wurde den Staatsanwälten in Mailand vorgelegt, die Haftbefehle gegen die CIA-Stationschefs von Mailand und Rom, 23 weitere Amerikaner sowie mehrere Beamte der italienischen Polizei und Geheimdienste erlassen haben, die an der Entführung direkt beteiligt waren oder sie unterstützt haben.
Die Staatsanwaltschaft hat die Authentizität von Abu Omars Erklärung bestätigt, die in der Tageszeitung Corriere della Sera fast vollständig abgedruckt wurde. Sie muß alle schockieren, die noch an die Würde des Menschen und an verfassungsmäßige Rechte glauben und nun erkennen müssen, daß die brutalsten Praktiken der spanischen Inquisition von der jetzigen amerikanischen Regierung wiederbelebt wurden.
"Aussage des Islamisten, der auf einer Straße in Mailand entführt wurde. So haben sie mich aus Italien entführt und in ägyptischen Gefängnissen gefoltert", lautet die Überschrift der eidestattlichen Erklärung: "Der Unterzeichner, Osama Mustafa Hassan Nasr, bekannt als Abu Omar, ein Islamist, der am 17. Februar 2003 in Mailand entführt wurde und immer noch im Tora-Gefängnis in Kairo festgehalten wird, schreibt diese Erklärung in seinem Grab: Ich bin ausgezehrt, meine Krankheit verschlimmert sich und ich befinde mich in einem äußerst kritischem Zustand. Mein Gesicht wurde durch die Folter entstellt.
"Ich will meine Entführung schildern. Ich ging am Montag, dem 17. Februar 2003 von meiner Wohnung in der Via Conte Verde 18/A zum Mittagsgebet zur Moschee ... In meiner Tasche hatte ich 450 Euro (400 davon, um die Miete zu bezahlen), meinen italienischen Flüchtlingspaß, meine Aufenthaltserlaubnis, mein Mobiltelefon, meine Sozialversicherungskarte, meine Uhr und Hausschlüssel. Alle diese Dinge befinden sich jetzt im Büro des ägyptischen Geheimdienstes im ,Garten Copa'... Als ich mein Haus verließ, sah ich einen weißen Lieferwagen, der vor mir her fuhr ... Vor einem öffentlichen Park sah ich einen roten Fiat. Der Fahrer rannte auf mich zu. Er zog eine Karte hervor. ,Ich bin Polizist.' Ich gab ihm meine Aufenthaltserlaubnis und meinen italienischen Paß. Er holte sein Mobiltelefon hervor und machte einen Anruf. Er sah wie ein Amerikaner aus: blondes Haar, helle Hautfarbe, etwa 170 m groß."
Die von Abu Omar beschriebene Person war ein italienischer Polizist, ein Unteroffizier der Carabinieri, Giuliamo Pironi, der wegen seines teutonischen Aussehens "Ludwig" genannt wurde. Pironi war von Robert Seldon Lady, dem Mailänder Stationschef der CIA, angeheuert worden, damit die Entführung nicht durch unerwünschte Zwischenfälle - etwa eine Polizeipatrouille - gestört würde.
Abu Omar schreibt weiter: "Dann hielt der weiße Lieferwagen dicht neben dem Bürgersteig. Ich verstand nicht, was vorging, ich sah nur zwei Personen, die mich buchstäblich hochhoben: Sie sahen jedenfalls wie Italiener aus, mindestens zwei Meter groß, etwa 30 Jahre alt. Meine Entführung wurde von einer ägyptischen Dame beobachtet." Diese Augenzeugin wurde von den Staatsanwälten verhört und bestätigte den Bericht, ist inzwischen jedoch seltsamerweise verschwunden.
"Als sie mich in den Lieferwagen warfen, versuchte ich, zu reagieren, aber sie schlugen mich auf den Magen und den gesamten Körper. Sie warfen mich nach hinten und bedeckten mein Gesicht ... Ich zitterte aufgrund der Schläge, und aus meinem Mund kam Schaum ... Dann hörte ich zwei Italiener streiten, einer von ihnen schrie. Sie zogen mich aus und machten eine Herzmassage bei mir ... Nach vier Stunden, meine Hände und Füße waren noch immer gefesselt, brachten sie mich in ein anderes Fahrzeug ...
Nach einer weiteren Stunde Fahrt erkannte ich aufgrund des Fluglärms, daß ich zu einem Flughafen gebracht worden war. Ich hörte Schritte: Sieben oder acht Personen kamen auf mich zu. Sie zerschnitten meine Kleidung mit Messern und zogen mir mit unglaublicher Geschwindigkeit etwas anderes an. Sie nahmen mir auch für einige Sekunden meine Augenbinde ab, um einige Fotos zu machen; ich sah viele Personen in Kampfanzügen. Sie wickelten meinen ganzen Kopf und mein Gesicht mit breitem Klebeband ein und schnitten Löcher über meine Nase und meinen Mund, damit ich atmen konnte ... Das Flugzeug hob ab."
Abu Omar beschreibt hier, wie er zum US-Luftwaffenstützpunkt Aviano gebracht und von dort zur US-Luftwafffenbasis Ramstein in Deutschland und weiter nach Ägypten geflogen wurde.
"Es war verdammt kalt ... Ich war bewegungsunfähig und konnte nicht atmen. Dann befestigten sie eine Beatmungsmaschine an mir ... Als wir landeten, bluteten meine Hände. In Kairo sagte mir ein ägyptischer Beamter: In diesem Raum sind zwei Paschas, d.h., zwei Geheimdienstoffiziere. Nur einer von ihnen redete. Er fragte nur: ,Wollen Sie mit uns kooperieren?' Der andere, wahrscheinlich ein Amerikaner, sprach nicht, aber nach einer Weile verstand ich, was er sagte: ,Wenn Abu Omar akzeptiert, dann kommt er mit uns nach Italien zurück.'
Meine Gefängniszelle war zwei Meter lang und einen Meter breit und ohne Licht. Es war ein Gebäude des Geheimdienstes. Sie fesselten mir meine Hände und einen Fuß, ließen mich gehen, und als ich hinfiel, lachten sie. Sie verpaßten mir Elektroschocks, Schläge und Ohrfeigen. Sie brachten mir Papier und einen Stift und forderten mich auf, alles über mein Leben außerhalb Ägyptens aufzuschreiben. Sie zeigten mir Fotos von Ägyptern, Tunesiern, Algeriern und Marokkanern, die in Italien lebten ... Ich hatte Schmerzen in den Knochen und Atemprobleme. Die Verhöre dauerten sieben Monate, bis zum 14. September 2003, aber sie erschienen mir wie sieben Jahre."
"Nach einer weiteren Reise brachten sie mich in ein anderes Gebäude, in der mich viele Hände überall am Körper schlugen. Sie sagten mir: ,Hier kommt nicht mal eine blaue Fliege hinein.' Als ich fragte, ob das die Toilette sei, sagten sie, das ist deine Zelle ... Es stank furchtbar ... Ich blieb noch sechseinhalb Monate an diesem Ort, Amn El-Dawla ... Die Zelle hatte keine Lüftung. Mir liefen Käfer und Ratten über den Körper ... Wenn die Wachen eintraten, mußte ich auf die Knie fallen, sonst verpaßten sie mir Elektroschocks ...
Sie gaben mir nur schlechtes Brot zu essen, das Sand enthielt, so daß mir die Zähne ausfielen. Man kann es nicht eintunken oder ablehnen, es dient dazu, ein Skelett am Leben zu erhalten ... Sie verhörten mich in einem Büro nahe der Zellen, so daß die übrigen Gefangenen das Rufen und Schreien von der Folter hören konnten ... Mein Haar und mein Bart wurden weiß.
Anfangs zogen mich die Wachen aus, bis ich nackt war, drohten, mich zu vergewaltigen, und verpaßten mir Elektroschocks. Einer von ihnen packte meine Genitalien und preßte sie, wenn ich nicht sprach ... Dann legten sie mich auf eine Eisentür, die sie ,die Braut' nannten. Dort verpaßten sie mir Tritte, Elektroschocks und kalte Güsse.
Sie gaben mir niemals den Koran. Die Zelle war immer dunkel, aber ich wollte ihn, um ihn zu küssen und im Arm zu halten. Aufgrund der Schläge wurde ich auf einem Ohr völlig taub ... Ich erlitt auch eine Folter, die sie ,die Matratze' nannten. Im Folterraum legten sie eine nasse Matratze auf den Boden, die einen elektrischen Stromanschluß hatte. Dann fesselten sie mir Hände und Füße hinter meinem Rücken. Eine Person saß neben meiner Schulter auf einem hölzernen Stuhl, der andere schaltete den Strom ein. Ich war ständig in Angst, und oft wurde ich ohnmächtig. Jetzt fehlt mir die Kraft, diese Folter weiter zu beschreiben."
Neben Robert Sefton Lady, dem früheren Mailänder Stationschef der CIA, wurde auch gegen dessen Vorgesetzten, Jeff Castelli, den früheren CIA-Stationschef in Rom, und andere Amerikaner Haftbefehl erlassen. Auf italienischer Seite wurden zunächst nur Haftbefehle gegen den Carabinieri-Offizier Pironi und einen ehemaligen Chef der Spionageabwehr des Militärgeheimdienstes SISMI, Marco Mancini, einen Freund Pironis, erlassen. Inzwischen erging jedoch auch ein Haftbefehl gegen den derzeitigen SISMI-Chef Niccolo Pollari, er behauptet, er habe das Ansuchen der CIA um Hilfe bei der Entführung abgelehnt.
Pollari hat zu seiner Verteidigung bei der Staatsanwaltschaft beantragt, Dokumente der italienischen Regierung sicherzustellen, die seine Unschuld beweisen können. Die Regierung will diese Dokumente nicht vorlegen, da sie behauptet, daß sie Staatsgeheimnisse enthalten. Ein namentlich nicht genannter Regierungsvertreter erklärte gegenüber der Presse, eine Veröffentlichung dieser Dokumente gefährde die Beziehungen zu einer ausländischen Regierung. Er sagte zwar nicht, daß es sich dabei um die Regierung Bush-Cheney in den USA handelt, aber seine Aussage deutet darauf hin, daß es zwischen der italienischen und der amerikanischen Regierung ein Abkommen über solche illegalen Aktivitäten gegeben hat.
Dieses Abkommen wurde von der früheren italienischen Regierung unter Silvio Berlusconi unterzeichnet, aber die gegenwärtige Regierung unter Romano Prodi hält offenbar an ihr fest. Das zeigt, daß sich vielleicht einiges geändert hat, aber nichts an der typischen Feigheit bestimmter Teile der politischen Klasse Italiens. Prodi steht jedoch unter enormem Druck der öffentlichen Meinung und Teilen seiner eigenen Regierung, im Fall Abu Omar einen Auslieferungsantrag zu stellen. Wie auch immer sich die italienische Regierung entscheidet, der Fall Abu Omar ist ein Fall, dessen sich der US-Kongreß unter der neuen demokratischen Führung dringend annehmen muß.
Claudio Celani
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Lesen Sie hierzu bitte auch:
"Vizepräsident für Folter" Dick Cheney muß gehen! Verantwortung für Folter lag auf höchster Ebene Italien: Faschisten als Entführer in CIA-Diensten |
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