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Aus der Neuen Solidarität Nr. 5/2006 |
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Es gibt keinen Grund, warum Berlin nicht an seine große Tradition als "Elektropolis" anknüpfen und wieder zur führenden Industriemetropole werden kann. Das Potential dazu ist in großem Maß vorhanden.
In den 50er Jahren mußten die Bundesbürger noch jeden Brief mit einer zusätzlichen Marke frankieren. Darauf stand "Notopfer Berlin", und bezahlen mußte man 2 Pfennig. Die Sympathie für die Berliner wuchs damit weder in Köln noch in München - aber zähneknirschend opferte man 2 Pfennig, denn immerhin war West-Berlin Frontstadt, dahinter begann für viele Westdeutsche gleich "die asiatische Steppe", und der Berliner Bär war weitaus sympathischer als der russische. Heutzutage kämen wir mit 2 Cent nicht mehr aus, wollten wir durch eine Operation "Notopfer" Berlin retten. Ganz abgesehen davon: Wer würde noch ein Opfer für Berlin bringen? Es droht keine Gefahr von russischen Bären mehr - und wenn der Berliner Bär an einer potentiell tödlichen Dauergrippe leidet, dann muß er nach Meinung der Mehrheit damit schon selbst fertig werden.
Ein weiteres Abrutschen Berlins in die Depression hätte allerdings deutschlandweit und damit auf europäischer Ebene Konsequenzen. Der wirtschaftliche Motor Europas kann es sich nicht leisten, wenn die eigene Hauptstadt in zunehmendem wirtschaftlichen Kollaps, steigender Armut und sozialer Desintegration versinkt. Statt Notopfer brauchen wir deshalb dringend eine Strategie zur Reindustrialisierung Berlins. Berlin muß wieder Industriemetropole von europäischem Rang werden.
Die Zahlen und Fakten des Niedergangs sind bekannt: Nur noch etwa ein Drittel der Berliner zahlt Steuern, von den Erwerbsfähigen sind 300 000 arbeitslos gemeldet, den öffentlichen Ausgaben von 21 Mrd. Euro stehen lediglich Einnahmen von 8 Mrd. gegenüber. Seit 1995 ist das nominelle Bruttoinlandsprodukt um 8,5% geschrumpft - von den 400 000 Industriearbeitsplätzen des Jahres 1991 hat gerade ein Viertel überlebt - diese Reihe ließe sich noch lange fortsetzen.
Ein solch massiver Absturz kann nicht auf regionale Fehlentscheidungen allein zurückgeführt werden. Natürlich gab und gibt es bürokratische Hemmnisse, Immobilien- und Bankenskandale. Der entscheidende Faktor für den wirtschaftlichen Niedergang Berlins liegt allerdings außerhalb auf europäischer und internationaler Ebene. Nach dem Fall der Mauer rechneten die Prognostiker mit einer Bevölkerung von 6 Millionen in Berlin. Wenn die Weichen in Richtung wirtschaftlicher Entwicklung Osteuropas gestellt worden wären, dann wäre das durchaus realistisch gewesen. Allerdings wurden die Weichen nicht in Berlin oder Bonn gestellt, sondern in London, und Paris - d.h. von Mitterrand und Thatcher. Die alten Kolonialmächte verpaßten Osteuropa eine "Schocktherapie" mit Hilfe des IWF und dem wiedervereinigten Deutschland mit Maastricht.
Auf dieser strategischen Ebene liegt aber auch der Schlüssel zur Umkehr. Berlin hat die Chance, Drehscheibe der Entwicklung Eurasiens und Knotenpunkt der ökonomischen, technischen und wissenschaftlichen Kooperation mit Rußland, China, Zentralasien und Osteuropa zu werden. Die wissenschaftliche und technische Intelligenz dieser Länder blickt voller Erwartung auf Deutschland, und hier vor allem Berlin, und fragt sich: Wann geht es endlich los?
Aber um in die Aufgaben der eurasischen Drehscheibe des 21. Jhs. hineinzuwachsen, muß Berlin wieder eine Industriemetropole von Weltformat werden - als launige Medien-, Film- und Eventstadt wird Berlin finanziell und sozial irgendwann implodieren.
Berlins Ausgangslage ist durch ein Paradox gekennzeichnet. Statistisch liegt Berlin im Vergleich der 16 Bundesländer hinsichtlich seiner Wirtschaftskraft auf Platz 16, jedoch bezüglich seines Innovationspotentials auf Platz 1! Während die Ausgaben des Landes Berlin für Forschung und Entwicklung mit 4,3% überdurchschnittlich hoch sind, während zusammen mit dem Brandenburger Umland hier neben sechs Universitäten eine ganze Reihe hervorragender technischer Fachhochschulen zur Bildung einer europaweit einzigartigen Forschungslandschaft geführt haben und durchaus Hunderte von kleinen und mittleren High-tech-Unternehmen mit diesen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeiten, hat Berlin konstant fast 20% Arbeitslosigkeit, und das Firmensterben scheint kein Ende zu nehmen. In den Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof und Buch arbeiten Hunderte von hochinnovativen Firmen auf Weltniveau - aber die Ergebnisse der Forschung werden woanders in Produktion umgesetzt.
Wie kann es gelingen, dieses durchaus respektable Potential so zu heben, daß der wirtschaftliche Notstand abgewendet wird und Berlin den Weltruf einer Industriemetropole wie vor 100 Jahren wiedergewinnt? Dazu lohnt ein kurzer Blick in die Geschichte.
In den 20er und 30er Jahren des 19. Jhs. entstand in Berlin durch Christian Peter Beuth "das wirksamste technische Ausbildungs- und Erziehungssystem der Welt". Schüler Beuths waren u.a. der Lokomotivbauer August Borsig und der frühe Pionier der Luftfahrt Otto Lilienthal. Der Lokomotivbau legte den Grundstein für Berlins Ruf als Zentrum des Maschinenbaus. Die Maschinen brauchten Energie und neue Antriebstechniken - Werner von Siemens und Emil Rathenau fingen in den 80er Jahren des 19. Jhs. mit der Elektrifizierung Berlins an. Mit den ersten Kraftwerken zur Erzeugung und Übertragung elektrischen Stroms wurde die zweite industrielle Revolution ausgelöst. Es entstanden Hunderte neue Produktionszweige vom Transformatoren- bis zum Kabelbau. Berlin wurde berühmt als "Elektropolis", als europäisches, wenn nicht weltweites Zentrum der neu und stürmisch sich entwickelnden elektrotechnischen Industrie.
1913 stammten 50% aller Erzeugnisse der Elektroindustrie aus Deutschland, hiervon wiederum 50% aus Berlin. In den 20er Jahren des 20. Jhs. fand jeder dritte Berliner in der Elektroindustrie Arbeit.
Um nur einige technische Pionierprodukte zu erwähnen, die aus Berlin kamen:
Mit dieser rasanten technisch-industriellen Entwicklung wuchs Berlin in den 20er Jahren zur Metropole mit 4 Millionen Einwohnern. Die hierfür nötige innerstädtische Infrastruktur aufzubauen, löste einen weiteren Schub für die Industrie aus. Daß Berlin gleichzeitig die Funktionen einer Industriemetropole, eines Wissenschafts- und Kulturzentrum sowie einer Hauptstadt vereinigte, stellte eine absolute Singularität auf europäischem Boden dar.
Die Entwicklung von Staaten, Gesellschaften und auch Städten ist immer von langen historischen Entwicklungslinien geprägt. Die "Archäologie" Berlins ist immer noch stark von der Epoche der Industrialisierung geprägt. Es gibt keinen Grund, warum Berlin nicht an seine große Tradition als Elektropolis anknüpfen und wieder zur führenden Industriemetropole werden kann. Das Potential dazu ist in großem Maß vorhanden. Wichtig ist allerdings, nicht nur die Stadt Berlin im engeren Sinn, sondern das brandenburgische Umland in die Überlegungen mit einzubeziehen. Man spricht deswegen heute von der Metropolenregion Berlin/Brandenburg. Folgende Technologiefelder sind bereits jetzt die ausgewiesenen Stärken dieser Region:
In der Bahnsystemtechnik arbeiten fast 50 000 Menschen, dazu kommen etwa 2000 wissenschaftliche Kräfte. Es ist geplant, Berlin/Brandenburg zum Zentrum der europäischen Bahnforschung auszubauen. Dies wird für die infrastrukturelle Erschließung Eurasiens von großer Bedeutung werden; nicht zuletzt deswegen haben die chinesischen Eisenbahnen letztes Jahr ein Büro in Berlin eröffnet.
In der Luft- und Raumfahrt arbeiten zur Zeit zwar nur 2700 Menschen - aber Berlin ist schon jetzt neben München und Hamburg das dritte Standbein der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Neben den Triebwerksherstellern MTU und Rolls Royce arbeiten viele Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen (KMUs) in der Region. Vor allem das Forschungspotential ist beachtlich: Die TU Berlin hat das größte Institut für Luft- und Raumfahrt in Europa. In Adlershof hat die DLR ein Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung errichtet. In Potsdam gibt es neben dem Geoforschungszentrum (GFZ), wo zusammen mit der NASA die Erde neu vermessen wird, auch ein astrophysikalisches Institut, das auch eng mit der NASA kooperiert. Und schließlich hat die ESA entschieden, im nur 100 km entfernten Cottbus an der TU einen Lehrstuhl für Aerodynamik und Strömungslehre einzurichten, um die Experimente auf der Columbus zu begleiten.
Medizintechnik: Hier ist Berlin deutschlandweit die Nummer eins mit fast 5000 Beschäftigten in innovativen Unternehmen. Mit der Charité verfügt Berlin über die größte europäische Universitätsklinik; das weltweit anerkannte deutsche Herzzentrum hat ebenfalls seinen Sitz in Berlin, um aus der Reihe renommierter Forschungseinrichtungen nur wenige zu nennen.
Die optische Industrie steht mit über 200 Betrieben und ca. 12 000 Beschäftigten in sehr bescheidenen Anfängen. Da die Schwerpunkte dieser Branche allerdings in den Bereichen Laser, Medizintechnik, Raumfahrt, Verkehrstechnik, Sensorik und Mikrosysteme liegen, ist unschwer zu erkennen, wie schlagartig hier eine neue "Großindustrie" entstehen könnte, wenn die Anwendung der Bahntechnik, Luft- und Raumfahrt sowie Medizintechnik um Größenordnungen wachsen würde.
Damit ergibt sich bereits implizit die Antwort auf die erwartete Frage eines unbefangenen Beobachters: Was verhindert die Freisetzung dieses technisch-wissenschaftlichen Potentials, so daß Berlin wieder zu einer Industriemetropole mit einer halben Million neuer produktiver Arbeitsplätze wird?
Wie schon erwähnt, ist die Erforschung, Entwicklung und Herstellung neuer Technologien auf Hunderte, wenn nicht Tausende von sog. KMUs verteilt. 80% der Entwicklungskosten müssen dafür aufgewendet werden, technologische Innovationen auf den Markt zu bringen. Angesichts der miserablen Finanzausstattung des hiesigen Mittelstands sowie der Weigerung der Banken zur Finanzierung des technischen Fortschritts erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Wie in der Gründerzeit des Industriezeitalters brauchen wir dringend einige Industriebanken, die den Unternehmen den nötigen "langen Atem" bei der Entwicklung neuer Technologien spenden.
Aber entscheidend ist bei der Implementierung neuer Technologien immer die Rolle des Staates. Borsig wäre ohne die staatlichen Aufträge zum Bau von Lokomotiven niemals zum Großunternehmer geworden. Das gleiche gilt für Siemens oder Rathenau - die ersten Aufträge zum Bau von Telegraphen oder Straßenbahnen kamen vom Staat. Der Durchbruch für Pioniertechnologien erfolgt immer nur, wenn irgendwann Großaufträge für ihren Einsatz vorliegen. Dies erfolgt im allgemeinen durch staatliche Projekte im Bereich der Infrastruktur. Insofern ist erfolgreicher technologisch-wissenschaftlicher Fortschritt immer die Folge politisch-strategischer Entscheidungen und nicht der "Marktkräfte".
Im übrigen ist auch der Wiederaufbau West-Berlins nach dem Krieg nur durch eine solche strategische Entscheidung ermöglicht worden. Dabei ging es nicht um die anfangs erwähnten Briefmarken, sondern um den sog. "long-term plan", der 1951 verfaßt worden war. Berlin hatte damals durch Kriegszerstörung und Teilung der Stadt schwere Wunden erlitten, und mit 200 000 Arbeitslosen war die Arbeitslosigkeit ähnlich hoch wie heute. Der "long-term plan" sah vor, durch massive Investitionen in den Wiederaufbau vor allem der elektrotechnischen Industrien innerhalb von drei Jahren 200 000 Arbeitsplätze zu schaffen. Auch wenn die Umsetzung schließlich sieben Jahre dauerte, führte dieser strategische Plan zur Vollbeschäftigung.
"Das war aber nur möglich durch den Marshall-Plan und die gemeinsame Hilfe des Bundes und der USA", wird man einwenden. Das stimmt, aber dies gerade unterstreicht den Hinweis auf die langfristige strategisch-politische Entscheidung, die in so einem Fall notwendig ist. Der nächste Einwand wird daher natürlich lauten: So etwas sei heute in Zeiten der Globalisierung und zumal angesichts der Haushaltslage nicht mehr möglich.
Wir kennen alle diese Argumente. Sie zu entkräften ist möglich, aber nicht Hauptinhalt dieses Artikels. Nur soviel sei gesagt:
1. Angesichts der Verwerfungen im internationalen Finanzsystem (Stichwort Hedgefonds, Währungskrisen, Derivat- und Immobilienblasen) wird es ohnehin über kurz oder lang zu einer Reorganisierung dieses Systems kommen müssen, wenn wir nicht eine weltweite Depression erleben wollen.
2. Im Rahmen einer solchen Reorganisierung werden auch die entsprechenden Institutionen auf Bundes- und Länderebene geschaffen, die langfristige Investitionen in Pionierprojekte der Technik ermöglichen, nach dem Vorbild der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).
3. Schon jetzt aber existiert ein äußerst intensives Interesse russischer und chinesischer Investoren, in Berlin in die Pionierbereiche der Technik zu investieren.
Jetzt kommt es vor allem darauf an, daß von Berlin selbst eine langfristige, durchaus auch visionäre Perspektive erarbeitet wird und schon jetzt Zeichen gesetzt werden, um einen weiteren Substanzverlust zu verhindern. Dabei wollen wir durchaus nicht übersehen, daß es im Rahmen der sog. kohärenten Innovationsstrategie des Senats, die zusammen mit der TSB, den Gewerkschaften, Arbeitgebern und Forschungsinstituten durchgeführt wird, viele wertvolle Ansätze gibt. Auch die jüngste Studie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Karlshorst leistet in einem Punkt wertvolle Hilfe, da sie direkt die öffentliche Hand in die Pflicht nimmt und die breitere Anwendung der in Berlin entwickelten Innovationen durch Aufträge des Staates bzw. des Landes erreichen möchte.
Allerdings: Das dort anvisierte Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro ist natürlich viel zu niedrig angesetzt. Damit das existierende Technologiepotential sozusagen "abheben" kann, ist es notwendig, in ganz anderen Dimensionen zu denken. Ohne Großprojekte in der Infrastruktur wird es keinen "take-off" geben.
Wir stellen hiermit eine Strategie zur Diskussion, mit der Berlin die Mobilopolis des 21. Jahrhunderts werden soll:
Es versteht sich von selbst, daß im Rahmen einer solchen Entwicklungsstrategie die optische Industrie der Region ebenfalls eine rasante Aufwärtsentwicklung erleben wird.
Wenn man die hier nur grob angedeuteten Entwicklungen nüchtern durchdenkt, inspiriert von der Geschichte, begeistert für die Zukunft - dann ist die Gewinnung von mindestens einer halben Million produktiver Arbeitsplätze im Großraum Berlin in den nächsten zehn Jahren nur realistisch. Lassen Sie uns an der Vision "Berlin als Mobilopolis des 21. Jahrhunderts" arbeiten - statt uns über Notopfer und Briefmarken zu ärgern, für die in diesen Zeiten ohnehin keiner bereit wäre zu zahlen. Statt von einem Notnagel zum nächsten zu stolpern, brauchen wir den großen Wurf.
Frank Hahn
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