|
|
|
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |
|
Aus der Neuen Solidarität Nr. 50/2006 |
|
|
|
Der Subkontinent gilt mit seinem starken Wirtschaftswachstum als "Musterland" der Weltwirtschaft. Da das Wachstum jedoch weitgehend auf Dienstleistungsexporte beschränkt ist und die Infrastruktur nicht entwickelt wird, bleibt der größte Teil der Bevölkerung von diesem Aufschwung ausgeschlossen.
Indiens jahrelange "beeindruckende Wachstumsrate" des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6% wird im Westen viel gelobt. Dieser "Erfolg" wurde auf die "magische Wirkung" der Liberalisierung und Globalisierung des Welthandels zurückgeführt. Auf diesem Wege werde aus dem Land mit mehr als einer Milliarde Menschen in äußerster Armut ein mit China vergleichbares, wirtschaftliches "Kraftwerk", behaupten Indiens Führer. In Wirklichkeit bedeutet es, daß Indiens billige Arbeitskräfte zunehmend hochbezahlte Arbeitskräfte im Westen ersetzen.
Eine Reise vom einen Ende Indiens zum anderen ließe sofort erkennen, daß das Wachstum des indischen BIP nur von einem Bruchteil seiner Bevölkerung erwirtschaftet wird. Der größte Teil der Nation bietet immer noch ein Bild ländlicher Armut und urbaner Verelendung. Die Armut in Indien wird dadurch noch verschlimmert, daß Investoren, die nicht mehr von Staatsmännern und "Visionären" geleitet werden, inzwischen in jene Landesteile investieren, wo die Investitionen den größten Gewinn abwerfen. Infolgedessen verschärfen sich die regionalen Unterschiede und erfassen Hunderte von Millionen Menschen.
Die endlose Armut ist für alle sichtbar, nicht versteckt wie in China. Man kann der Tatsache nicht ausweichen, daß relativ wenige "qualifizierte indische Arbeitnehmer", die per Telekommunikation mit Firmen im Westen verbunden sind, nicht in der Lage sind, Hunderte von Millionen Menschen aus der drückenden Armut zu befreien. Indien braucht Führung auf allen Ebenen, und die größte Gefahr für Indien ist derzeit, daß es eine solche Führung nicht hat.
So liegt das Mindesteinkommen, das nach Einschätzung der Weltbank notwendig ist, um über der Armutsgrenze zu leben, bei einem Dollar pro Tag oder 30 $ (1410 Rupien) pro Monat. Aber nach der Definition der indischen Regierung liegt die Armutsgrenze bei 10 Rupien pro Tag oder rund 300 Rupien (7 Dollar) pro Monat!
Nach Angaben der indischen Regierung liegt die Armutsgrenze bei monatlich 296 Rupien in den Städten und bei 276 Rupien in ländlichen Gebieten. Dies reiche, um täglich 2200 Kalorien an Nahrung zu kaufen, was medizinisch genüge, um dem Hungertod zu entgehen. Das ist jedoch eine absurde Lüge, denn mit diesem Geld könnte man in den Städten nicht einmal eine Mahlzeit pro Familie täglich kaufen, ganz zu schweigen von den übrigen zum Leben benötigten Dingen. Trotzdem sind Indiens Wirtschaftsplaner eifrig damit beschäftigt, die Zahl der Armen herunterzurechnen, indem sie diesen offenkundigen statistischen Betrug als Maßstab nutzen. Tatsächlich gibt es in Delhi - und darin sind die riesigen Slums eingeschlossen, die es überall in der Hauptstadt gibt - keine Unterkunft, in denen eine Familie für weniger als 2000 Rupien pro Monat leben könnte.
In anderen Worten: Nach der alten Definition der Weltbank von 1 $ pro Tag oder 365 $ pro Jahr leben 450 Millionen Inder unter der Armutsgrenze, und 700 Millionen Inder leben unter der Grenze des notwendigen Mindesteinkommens, die gemäß der neuen Definition der Weltbank, die bei 2 $ pro Tag oder 730 $ pro Jahr liegt.
Der Slogan der gegenwärtigen Führer Indiens lautet, "Indien steigt auf", nachdem die Vorgängerregierung wegen ihres betrügerischen Wahlslogans "Indien leuchtet" abgewählt wurden. Zu behaupten, das Land erreiche "neue Höhen" des Erfolges, ist fast eine kriminelle Lüge. Natürlich hat Indien, und das war schon immer so, das Potential, eine sehr mächtige und wirtschaftlich gesunde Nation zu werden. Die Gelegenheit, dies zu erreichen, liegt offen vor den Führern Indiens: 71% der Bevölkerung - 742 Millionen Menschen - sind jünger als 35, in anderen Worten, Indien ist keine alternde Nation, sie ist voller junger Menschen. Sie kann durch eine positive Führung in Bewegung gebracht werden.
Aber betrachten wir auch andere Zahlen: So verlassen z.B. fast 94% der indischen Kinder die Schulen, bevor sie zwölf Schuljahre abgeschlossen haben. Aber die indischen Führer tun nichts, um dies zu ändern. Sie wollen den westlichen Investoren - und den im Ausland ansässigen indischen Investoren - zeigen, daß Indien aufsteigt und bereit ist, zu leuchten.
Aber es ist nicht möglich, alle Menschen für immer zu betrügen. Während den Investoren in China ein "besonderer Platz" im wirtschaftlichen Prozeß angewiesen wurde, wird dies in Indien wahrscheinlich nicht geschehen. Indiens Infrastruktur ist in erbärmlichem Zustand. Massive Engpässe bei der Strom- und Wasserversorgung, überfüllte Eisenbahnen und Straßen und die verschwindende Zahl der gut ausgebildeten jungen Menschen bedroht langfristig Indiens Zukunft, die in den Händen visionsloser Führer liegt.
Indien hatte schon immer zu wenig Strom. Anfang der 60er Jahre überzeugte Dr. Homi Bhabha die politischen Führer, Indiens Zukunft liege in der Entwicklung der Kernenergie. Indien beschloß in den 50er Jahren, als Indiens Kernkraftprogramm noch in den Kinderschuhen steckte, ein dreistufiges Nuklearprogramm. In der ersten Stufe wurde Natururan (U-238) in Druckwasserreaktoren (PHWR) verwendet. In der zweiten Stufe sollte das aus den abgebrannten Brennelementen gewonnene Plutonium dazu verwendet werden, Schnelle Brüter (FBR) zu betreiben. Das Plutonium diente in den Brutreaktoren dazu, in einem 70%-Mischoxid (MOX)-Brennstoff in einem Thorium-232-Mantel, der den Kern umhüllte, Uran-233 zu brüten. In der letzten Stufe nutzen die Brüter Thorium 232, um Uran-233 für die Reaktoren der dritten Generation zu erzeugen.
Indien ist, was den Einsatz von Thorium angeht, die entschlossenste Nation der Welt, und in keinem anderen Land haben die Wissenschaftler mehr zur Erforschung der Kernphysik des Thoriums getan als in Indien. Die positiven Ergebnisse dieser Kernforschung haben die indischen Kernforscher dazu inspiriert, auf Thorium beruhende Brennstoffe in noch fortgeschritteneren Reaktoren einzusetzen, die derzeit entwickelt werden.
Aber anstatt dem Programm den nötigen Schwung zu geben, um diese "einheimische" Energiequelle als Anker der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens zu nutzen, denken die kurzsichtigen Führer Indiens ernsthaft daran, und betteln noch darum, ausländische Reaktortypen einzusetzen, die den indischen Möglichkeiten nicht gerecht werden.
Der führende Wasserexperte der Weltbank, John Briscoe, untersucht in der Studie Indiens Wasserwirtschaft: Warten auf eine turbulente Zukunft die Herausforderungen, vor denen Indien im Wassersektor steht. Er kommt darin zu dem Schluß: "Wenn die Praktiken des Wassermanagements nicht verändert werden - und zwar bald - wird Indien innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte mit einer schweren Wasserkrise konfrontiert sein."
Es ist kein nationales Geheimnis, daß nur wenige Flüsse Indiens Wasserüberschüsse haben. Die Wasserknappheit ist vor allem im Süden Indiens offensichtlich, wo das Einzugsgebiet der kurzen, in West-Ost-Richtung fließenden Flüsse klein ist. Aber gerade Südindien will sich mehr als irgendein anderer Teil des Landes - die Bundesstaaten Punjab, Haryana und Gujarat vielleicht ausgenommen - stark und schnell entwickeln. Der gesamte Süden des Landes ist von Meer umgeben und hat deshalb potentiell fruchtbare Gebiete. Aber aufgrund des Wassermangels lebt die Region ständig am Rande einer Katastrophe.
Erst hier zeigt sich die ganze Bedeutung der einheimischen Thorium-Reaktoren. Hätte Indien in seiner Führung Visionäre, ergriffen sie diese Gelegenheit mit beiden Händen. Was Indien braucht, und das kann in kurzer Zeit entwickelt werden, sind kleine, Thorium-betriebene Reaktoren mit 25-50 MW Leistung, die vor Ort die Energie liefern, um große Mengen an Meerwasser zu entsalzen. Neu-Delhi muß erkennen, daß kein ausländischer Hersteller ein Interesse daran hat, diese kleinen Reaktoren zu entwickeln. Aber gerade diese kleinen Reaktoren vervielfachten, wenn man sie wirksam nutzte, Indiens wirtschaftliche Kapazitäten sofort und auf Dauer.
Zahlreiche Berichte deuten in jüngster Zeit darauf hin, daß die Lage in den ländlichen Agrarregionen Indiens immer verzweifelter wird. In den letzten fünf bis sechs Jahren haben mindestens 950 000 Landwirte - fast eine Million Menschen - Selbstmord verübt, allein 850 in der südlichen Provinz Andhra Pradesh seit Mai 2004, weil die Hilfsmaßnahmen der Regierung nicht ausreichten. Ein Beobachter wies darauf hin, daß sich in Andhra Pradesh derzeit täglich sieben bis acht Landwirte das Leben nehmen.
Was steckt hinter dieser Selbstmordwelle? Untersuchungen zeigen, daß hierfür das Ausfallen der Ernten in den letzten fünf Jahren aufgrund des Wassermangels verantwortlich ist, was noch verschlimmert wurde durch Faktoren wie die Steigerung der Kosten für Saatgut und Düngemittel, das Versäumnis, Brunnen zu bohren und zunehmende Verschuldung.
Aus dem, was Indiens Führer sagen und tun, wird deutlich, daß sie versuchen, eine Variante des chinesischen Modells der wirtschaftlichen Entwicklung umzusetzen. Aber die Sache hat einen Haken: Während China sich in aller Welt Rohstoffe und Energieträger sichert, um Güter herzustellen, die billig ins Ausland verkauft werden können, nutzt Indien die Fähigkeit eines Teils seiner Bevölkerung, Englisch zu sprechen, um eine Dienstleistungsgesellschaft aufzuziehen.
Hierin werden Indiens Führer von zwei Schichten der Gesellschaft unterstützt. Erstens von Unternehmern: Erfolgreiche indische Industrielle wie die Tatas oder die Mittals sind ins Ausland gegangen, um dort funktionierende Werke aufzukaufen, denen es an Kapital mangelt. Diese Industrieunternehmen haben ihr Vermögen in Indien gemacht und investieren es jetzt im Ausland. Sie haben also die Politik der Regierung akzeptiert, die für den Aufbau blühender und produktiver Industrien notwendige Infrastruktur nicht aufzubauen. Sie sind also stark kompromittiert.
Zur anderen Gruppe von Unterstützern dieser Politik gehört die englischsprechende Mittelschicht Indiens. Mit ihren "Call-Centern" und anderen Dienstleistungen, die ihre Taschen mit Geld füllen, hat sich diese Gruppe dem kurzsichtigen Kurs der Regierung, den Dienstleistungssektor auszubauen, angeschlossen.
Indiens Führer sind natürlich erpicht darauf, die "Erfolge" vorzuweisen, die mit diesem Modell erreicht wurden. Aber das Wachstum des Computer/Software-Sektors in Indien, für den das Land weltweit Anerkennung findet, erfolgte nicht, weil man damit "die Tränen aus allen Augen Indiens wischen" konnte, wie es einer der größten Söhne Indiens, Mahatma Gandhi, anstrebte, sondern weil man damit ein Wachstum des BIP und der Devisenreserven erreichen konnte, um "irgendwann" in der Lage zu sein, den Armen zu helfen. Aber anders als China hat Indien nur geringe Devisenreserven, und auch diese Gelder sind einstweilen in Indiens profitablen Aktienmärkten geparkt - sie können sich innerhalb kürzester Zeit in Luft auflösen.
Die unzureichende Infrastruktur hindert Indien daran, im gleichen Maße ausländische Direktinvestitionen anzuziehen wie China. Auch wenn Ministerpräsident Manmohan Singh behauptet, er erwarte ausländische Direktinvestitionen in Höhe von etwa 150 Mrd. Dollar, mit denen Indiens Infrastrukturmängel beseitigt werden sollen, glaubt ihm dies niemand. Die Investoren haben erkannt, daß Indien kein Interesse an der Entwicklung eines blühenden Produktionssektors zeigt, sondern nur den Sektor des Dienstleistungsexports fördert, um schnelles Wachstum und schnelle Deviseneinnahmen zu generieren.
Aber auch diese Devisenreserven fangen an, aus Indien auszuwandern. So will beispielsweise der Tata-Konzern, der in Indien jährlich 5 Mio. t Stahl produziert, für 6,7 Mrd. Dollar den britischen Stahlkonzern Corus aufkaufen, der jährlich dreimal so viel Stahl produziert wie Tata. Auch Ranbaxy und andere indische Pharmaunternehmen kaufen Pharmafirmen in Europa und den Vereinigten Staaten, wodurch die Devisenreserven sinken. Es ist offensichtlich, daß Neu-Delhi, nachdem es die Produzenten durch die Nichtentwicklung der Infrastruktur gelähmt hat, ihnen große Teile der Devisenreserven überlassen hat, damit sie ihre Geschäfte in alle Welt ausdehnen können.
Eine ganz andere Sache ist es, die Inder zu überzeugen, daß die Armen diese Lage friedlich hinnehmen werden. Überall in Indien entstehen derzeit gewalttätige und militante Zellen. Aber Neu-Delhi spricht nur darüber, wenn diese Militanten blutige Anschläge verüben, wie etwa den Anschlag auf die Eisenbahn in Mumbai (Bombay) im vergangenen Juli. Es ist allgemein bekannt, daß die Maoisten in Indien die Kontrolle über einen breiten Landstreifen an sich gerissen haben, der sich vom Bundesstaat Bihar im Norden bis nach Tamil Nadu im Süden erstreckt und stark unterentwickelte Regionen der Bundesstaaten Jharkhand, Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Orissa und Andhra Pradesh umfaßt. Diese Gebiete haben einen gemeinsamen Nenner: Unterentwicklung und Armut.
Ramtanu Maitra
|
Lesen Sie hierzu bitte auch:
Inder wollen die Globalisierung nicht Indische Regierung wurde abgewählt |
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |