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Giftschwaden über Albion

Bemerkungen unseres Rußland-Korrespondenten Roman Bessonow zur Litwinenko-Affäre

Sollte die Ermordung des Exilrussen Litwinenko die russische Politik in Europa und Amerika diskreditieren, so hat sie ihr Ziel nicht erreicht. Und die Kopfschmerzen der britischen Ermittler werden bei diesem Fall immer stärker.


Boris Beresowskij und Alexander Litwinenko
Kirow, Molotow, Sidney Reilly?

Als die ersten Meldungen über die Vergiftung eines früheren KGB-Offiziers, der als persönlicher Leibwächter für Boris Beresowskij in London tätig war, Rußland erreichten, wurden sie von politischen Analysten, egal ob loyal oder weniger loyal gegenüber dem Kreml, nicht ernst genommen. Julia Latjnina, eine der sarkastischsten Kritiker des Kremls und der russischen Nachrichtendienste, betrachtete sie lediglich als Gerüchte. Wenige Tage später mußte sie sich vor den liberalen Zuhörern des Moskauer Radiosenders Echo verteidigen, als der unglückselige politische Flüchtling in London mit den klinischen Symptomen einer schweren Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wobei die Krankheitsbilder immer mehr auf eine radioaktive Vergiftung hindeuteten.

Die Vorbehalte gegenüber den ersten Berichten sind leicht zu erklären. Zunächst einmal fiel der Zeitpunkt zu offensichtlich mit einigen internationalen Ereignisse zusammen, an denen Rußland beteiligt war, und deren Ergebnisse nach allgemeiner Auffassung von großer Bedeutung für Rußland und Wladimir Putin persönlich sind. Die ersten Meldungen erfolgten am Vorabend des APEC-Gipfeltreffens in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, wo Putin mit den Präsidenten von zwei mächtigen Nationen der Welt - den USA und Chinas - persönlich zusammentreffen sollte. Während man damit rechnete, daß George Bush seine abschließende Beurteilung darüber abgeben würde, ob Rußland die Bedingungen für eine Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO) erfülle - einer Mitgliedschaft, der russische Ökonomen und besonders Industrielle eher mit Sorge als mit Freude entgegensehen - , ging es bei den Gesprächen mit China um Großprojekte im Bereich Energielieferungen. Diese Projekte waren ins Stocken geraten, nachdem der Konzern Yukos, der am Bau der strategisch wichtigen russisch-chinesischen Erdölpipeline beteiligt war, unter dem Druck der Finanzbehörden und der Gerichte letzten Endes abgewickelt worden war.

Eine Woche nach dem APEC-Gipfel reiste Putin zum Gipfeltreffen der EU und Rußlands nach Helsinki und eine weitere Woche später sprach er am 28. November vor dem Gipfeltreffen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) in Minsk. Für Rußland ein wichtiges Ereignis, das verschoben worden war, um zeitlich mit dem NATO-Gipfeltreffen in Riga zusammenzufallen. Alle diese Ereignisse waren lange im voraus vereinbart, und man rechnete allgemein aus politischer und wirtschaftlicher Sicht damit, daß sie für Rußland erfolgreich verliefen.

Boris Beresowskij und Alexander Litwinenko

Alexander Litwinenko war für Boris Beresowskij als persönlicher Leibwächter tätig, seit dieser "Oligarch" massiven Einfluß auf die Entscheidungsprozesse im Kreml gewonnen hatte. Boris Jelzin hatte Beresowskij zum stellvertretenden Staatssekretär und später zum Sekretär des GUS-Leitungsgremiums ernannt. Als sein Boss in Ungnade fiel und entlassen wurde, teilte Litwinenko alle Unannehmlichkeiten seines Chefs und übernahm auch dessen Haß gegenüber dem neuen Führer Rußlands und teilte die Rachegelüste, denen Beresowskij öffentlich Ausdruck verliehen hatte.

In den letzten vier Jahren hatte der im Exil lebende Beresowskij dem neuen Kremlchef wiederholt politischen und persönlichen Ärger angekündigt - von sozialen Revolutionen bis hin zu einem Putsch des Geheimdienstes, dem Putin einmal selbst angehörte. Bei seinen Bemühungen als selbsternannte Kassandra bediente sich Beresowskij gerne der Dienste seines früheren Leibwächters. Dieser hatte in Zusammenarbeit mit dem noch zu Sowjetzeiten in die USA emigrierten Jurij Filschinkij in zahlreichen Büchern ein beeindruckendes Bild der finsteren Verbindungen russischer Dienste zum organisierten Verbrechen gezeichnet.

Aber ein zentraler Aspekt der literarischen Arbeiten Litwinenkos, die Beteiligung des früheren KGB bei den Bombenanschlägen 1999 in Moskau, die angeblich Putin den Weg zur Macht ebnen sollten, klang in den Ohren ernsthafter Kenner der russischen Politik kaum überzeugend. Nicht nur für Julia Latjnina, die selbst in einigen romanhaften Büchern die Entartung der russischen Dienste beschrieben hatte, sondern auch für Rußlandkenner in England und den USA war es spätestens seit 1999 klar, daß der russische Geheimdienst FSB gar nicht mehr in der Lage war, derartig komplexe Operationen durchzuführen, wie sie ihm von Litwinenko und seinem Mitautor zugeschrieben wurden.

Jeder amerikanische Experte mit Arbeitserfahrungen im Moskau der 90er Jahre würde das gleiche bestätigen, daß unter den Bedingungen eines "ungezügelten freien Marktes" , der unter der Regierung Jegor Gajdars eingeführt wurde, der FSB wie die anderen Dienste auch, der "Kommerzialisierung", dem moralischen Niedergang und daraus folgender institutioneller Schwäche verfallen waren. Das alles trat besonders spektakulär im Zusammenhang mit der Schande des kommerzialisierten und erschreckend ineffizienten ersten Tschetschenienkrieges ans Tageslicht.

Für jeden einigermaßen kompetenten Beobachter war offensichtlich, daß Wladimir Putins Bemühungen, den Einfluß von Personen wie Beresowskij und des Yukos-Mehrheitsaktionärs Michail Chodorkowskij zurückzudrängen, die natürliche Absicht enthielten, die Abhängigkeit der staatlichen Politik von den Interessen privater Großkonzerne zu beenden, die für die Jelzin-Ära typisch war. Dies gilt auch für die Tatsache, daß Rußland erst in der Lage war, seine umfangreichen Auslandsschulden zu bezahlen, nachdem die oligarchischen Interessen ihren unnatürlich starken Einfluß auf die staatliche Politik verloren hatten. Hinzu kam das steigende Einkommen aus dem Erdöl- und Erdgasexport, das, wenn schon nicht für das Wohlergehen der Bevölkerung verwendet, dann doch zumindest den Staatshaushalt und die Devisenreserven auffüllte.

Aus dieser Sicht, die von den meisten unvoreingenommenen Rußlandexperten geteilt wird, wurde immer deutlicher, daß sich das düstere Bild, das Litwinenko und seine Mitautoren von Rußland zeichneten, immer weiter von der Wirklichkeit entfernte. Im Herbst 2006 hatten die Einzelheiten der kriminellen Entartung des FSB in der Jelzin-Ära, die in Litwinenkos Schriften zu diesem Thema zutreffend beschrieben worden waren, praktisch ihre Bedeutung selbst für MI6-Vertreter verloren. Die westliche Geheimdienstgemeinde war sicherlich an einer detaillierten Beschreibung der russischen Dienste interessiert, aber je länger die Gruppe Beresowskijs in weiter Distanz zu ihrem Untersuchungsobjekt agierte, desto geringer war der Wert der veralteten Fakten, die dem KGB-Offizier zunächst Ruhm eingebracht hatten, der sich in einen privaten Leibwächter und dann in einen Romanautor verwandelt hatte.

2006 war der Wert von Boris Beresowskij für jeden ernstzunehmenden Strategen, der politische oder wirtschaftliche Operationen gegen russische Interessen plante, so gering wie der wirkliche Einfluß des Oligarchen in Moskau, St. Petersburg, Kiew oder dem Kaukasus. Beresowskijs diskreditierte sich mit seinen Machenschaften, politische Bewegungen sowohl in Rußland wie auch in der Ukraine aufzubauen, zunehmend selbst. Sobald über einen Politiker aus Moskau, Kiew oder selbst in Bischek bekannt würde, daß er mit Beresowskij in irgendeiner Verbindung steht, wäre sein Ruf dahin oder zumindest stark beschädigt.

Ab und zu fand Beresowskij, dessen Überzeugungsgabe stärker als seine Fähigkeit zur Selbstkritik ist, einen gewissen risikobereiten "Geschäftsmann", um seine Vorhaben in den Staaten der früheren Sowjetunion voranzubringen, oder einen Politiker oder Zeitungsherausgeber, der seine politische Absichten vorantrieb. Aber mit jedem neuen Versuch wurden die Ergebnisse magerer. Selbst wenn sein Name noch nicht genannt wurde, die Handschrift wurde oft erkannt - so etwa im Falle der seltsamen Episode des mit Sprengstoff vollbepackten Fahrzeuges, das in der Nähe des Büros der Partei "Unsere Ukraine" in Kiew gefunden wurde, dessen Insassen zugaben, der "Boss" hätte sie von London aus eingesetzt, um die Popularität dieser Partei zu fördern.

2006 hatte die Erfahrung derartiger "Nebenwirkungen" Beresowskijs mögliche Klienten aus der Geschäftswelt, der Politik und des Journalismus vertrieben, und seine früheren Vertrauten in Moskau und Kiew stritten nunmehr jegliche Verbindung zu ihm ab, wie etwa David Zhwania aus Kiew, der die "Entführung" des russischen Präsidentschaftskandidaten Iwan Rybkin verbockte, bis zum romantisch-nationalistischen Herausgeber Alexander Prokhanow in Moskau, dessen neues Idol nicht länger Beresowskij, sondern der liberale Imperialist Anatolij Tschubajs ist.

Der früher einmal führende politische und geschäftliche Strippenzieher wurde in seiner unfreiwilligen Rolle als politischer Emigrant eher zum Kopfschmerz als zum nützlichen Instrument sowohl der britischen wie der französischen Geheimdienste. Im Herbst 2006 war Boris Beresowskij als Oppositionspolitiker, als Finanzier und als ideologischer Einflußagent gescheitert. Die enttäuschten Kontrolleure warteten unruhig auf die nächste abenteuerliche Affäre mit einem unvermeidlichen Fehlschlag. Beresowskij brachte keinen Nutzen mehr, aber die Verpflichtung ihm gegenüber, die die britische Regierung 2001 aufgrund einer persönlichen Entscheidung des damaligen Innenministers David Blunkett eingegangen war, konnte aufgrund des befürchteten Imageverlustes nicht einfach aufgegeben werden.

Der Tod des KGB-Offiziers Alexander Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus fiel zwar zeitlich mit dem Gipfeltreffen der EU und Rußlands zusammen, beeinflußte das Ergebnis aber kaum. Russische wie britische Beobachter erklären übereinstimmend, der Gipfel sei durch die Sabotagehaltung der Polen und die Bemühungen einiger Eurobürokraten geprägt worden. Bei dieser Sachlage zog es die Führungsriege des "rosa-revolutionären" Georgien vor, auf dem GUS-Treffen in Minsk zu erscheinen, anstatt dem hysterischen Vorgehen der Polen zu folgen.

Kurz nach Litwinenkos Tod wurde auf einer tschetschenischen separatistischen Internetseite, die mit Beresowskijs politischem Flüchtlingskollegen Ahmed Sakajew sympathisiert, berichtet, der frühere KGB-Offizier sei kurz vor seinem Tode zum Islam übergetreten. Litwinenko hat die britischen Einwanderungsbehörden über diesen Schritt jedenfalls nicht informiert, als er etwa einen Monat vor seiner Vergiftung die britische Staatsbürgerschaft annahm.

Zugleich informierte er auch die Nachrichtendienste nicht über seine Treffen in einer Sushi-Bar in London am mutmaßlichen Tag seiner Vergiftung am 1. November, und ebensowenig über seine geheimen Treffen in Israel zwei Wochen zuvor, wo er mit dem Yukos-Großaktionär Leonid Newzlin zusammentraf. Wie Moskowskij Komsomolets vermutet, kann die Vergiftung auch weit weg von London, insbesondere in Israel, stattgefunden haben.

Interessanterweise machte die Information über einen "technischen Zwischenfall" im israelischen Kernzentrum Dimona, der mehrere Wochen vertuscht worden war, in der internationalen Presse exakt an dem Tag die Runde, als Scotland Yard über die Spuren des Polonium-210, dem Litwinenko zum Opfer fiel, an mindestens sieben Orten in London berichtete, darunter auch Beresowskijs Büro.

Kirow, Molotow, Sidney Reilly?

Viele loyal zum Kreml stehende russische Zeitungen und Internetseiten versuchen, den Tod Litwinenkos auf Beresowskijs eigene Intrigen zurückzuführen. Aber der Ex-Oligarch selbst scheint über die politischen Folgen des russischen "Politunfalls" nicht begeistert zu sein. Tatsächlich verlor Beresowskij den Mitarbeiter, dem er am meisten vertraute. Niemand aus dem kleinen Kreis um Beresowskij ist in der Lage, die Lücke zu füllen, und niemand hat eine entsprechende Karriere als populärer Schriftsteller über russische Geheimdienste und deren Schattenseiten gemacht. Beresowskij steht nun allein wie weiland Robinson Crusoe ohne seinen geliebten Freitag.

Die Information über den Übertritt Litwinenkos zum Islam sowie dessen letzte Reise nach Israel macht die ganze Angelegenheit außerordentlich undurchsichtig. Die privatwirtschaftlichen Hintergründe von Litwinenkos Israelreise bringen möglicherweise eher westliche Geschäftsleute als Wladimir Putin ins Schwitzen. Israelischen Medienberichten zufolge wollte Litwinenko einige geheime und zugleich explosive Informationen über die Entwicklungen im Fall Yukos an in Israel lebende Großaktionäre übermitteln. An der Neuverteilung der Yukos-Anteile im Zusammenhang mit den Verfahren gegen das Unternehmen sind internationale Finanzinteressen wie etwa die Familie Rothschild beteiligt. Der in London ansässige Baron Nathaniel Rothschild wurde in russischen Medien bereits als Konkurrent zu Leonid Newzlin im Kampf um die Hinterlassenschaften des derzeit inhaftierten Michail Chodorkowskijs bezeichnet.

Neue Vertuschungsmanöver wie der Bericht des Guardian über einen mysteriösen Nachrichtenoffizier namens Kirow erklären besser die Beunruhigung der Vertuscher des wirklich wichtigen Hintergrundes: Wertpapiere des Jukos-Konzerns. Enthüllungen über diese Geschäfte mit den Überbleibseln des Unternehmens könnten beispielsweise die Rechtmäßigkeit solcher politischer Investitionen wie den Verkauf der Raffinerie Maseikiai in Litauen an das polnische Unternehmen PKN Orlen in Frage stellen. Selbst Warschauer Zeitungen schreiben, dieses Geschäft sei von amerikanischer Seite eingefädelt worden.

Statt ein Triumph der Wahrheit, der Demokratie und der tschetschenischen Unabhängigkeit zu sein, ahnt man in diesem Fall einen großen Skandal in den Führungsetagen der Geschäftswelt. Wie zutreffend Litwinenkos Beschreibung der Schattenwelt des Sicherheitsapparates Jelzins auch sein mögen, die Ermittlungen sollten sich eher auf diejenigen finanziellen und persönlichen Verbindungen von Geheimdiensten und privaten Wirtschaftsinteressen konzentrieren, die er in seinen belletristischen Werken nicht erwähnte.

Roman Bessonow

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Hintergründe des Litwinenko-Mordes - Neue Solidarität Nr. 49/2006
Was bezweckt der Mord an Anna Politkowskaja? - Neue Solidarität Nr. 42/2006
Rußland als gleichberechtigter Partner - Neue Solidarität Nr. 8-9/2006

 

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