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Aus der Neuen Solidarität Nr. 8-9/2006 |
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Ein Staat, in dem sich die Bürger nicht wohlfühlen, wird sich auflösen! Das soll meine These sein. In diesem Beitrag möchte ich klären, warum das so ist. Sie werden sich jetzt erstmal wundern über die Überschrift, und sich fragen, was ein Notebook mit einem Staat zu tun hat - das ist Ihr gutes Recht. Doch gestatten Sie mir einige Zeilen und geben Sie sich der Muße hin und mir etwas Zeit, Ihnen den tieferen Zusammenhang zu erklären.
Viele sind der Meinung, wenn wir mehr staatliche Betriebe privatisieren und damit den Staat Schritt für Schritt auflösen, sind die Menschen besser motiviert und leisten mehr. Aber stimmt das in der Praxis wirklich? Ich möchte die Frage so stellen: Warum sind in einem sog. Sozialstaat die Menschen so unmotiviert und arbeiten schlecht (gesprochen aus dem Blickwinkel eines Teils der Bevölkerung - die Realität ist wohl differenzierter zu sehen) und warum soll das bei privatisierten Betrieben besser sein bzw. ist es das wirklich? Ich vermute, ein Hauptgrund besteht darin, daß die Menschen, die diese Meinung vertreten, sehr unzufrieden mit ihrem Staat sind. Auch hier möchte ich, wie kleine Kinder das immer wieder tun, nach dem "Warum?" fragen.
Stellen wir uns dazu einen Unternehmer der heutigen Zeit vor. Er führt sehr erfolgreich ein Internetunternehmen, das Software programmiert. Dieser Mensch macht jetzt Mittagspause, wie viele andere auch, und setzt sich mit seinem Notebook in ein Café. Er bestellt einen Espresso, prüft einige Daten in seinem Notebook und liest dann seine privaten E-Mails. "Nichts Besonderes" werden Sie sagen. Stimmt, bis hierher nichts Besonderes. Doch jetzt zahlt er seinen Espresso und verläßt diesen Ort, ohne sein Notebook mitzunehmen. Nicht, daß er es vergessen hätte, nein, auch zuviel Geld hat er nicht. Sie werden sagen, das ist doch komplett verrückt, das macht doch keiner. Vielleicht haben sie recht, vielleicht aber auch nicht.
Gehen wir einfach mal davon aus, er sei etwas verrückt, denn am nächsten Tag kommt er wieder, möchte sein Notebook abholen und wundert sich wirklich, daß er es nicht mehr vorfindet. Was war passiert? "Klar", werden Sie sagen, "es wurde geklaut." Aber von wem? Ich behaupte, von jemanden, dem es nicht gehört, also einem Dieb, und Sie stimmen mir sicher zu. Aber hier möchte ich wieder fragen wie ein kleines Kind (und entschuldigen Sie bitte meine Penetranz, denn Kinder können mitunter auch sehr nerven mit ihren ewigen "Warum?")
Also, warum hat er es geklaut? Ich möchte behaupten, daß der Dieb vermutlich kein Programmierer für Software ist. Natürlich könnte er es sein, aber da solche Leute so selten bei uns sind, daß man sie aus dem Ausland einfliegen muß, gehe ich von der größeren Wahrscheinlichkeit aus, daß es ein Mensch war, der das Notebook nicht so nutzen kann, wie es der Unternehmer konnte. Denn sonst hätte er ja kein Dieb werden müssen, oder? In diesem Falle hätte er das Notebook einfach liegengelassen, weil er selber eines besitzt und weder Zeit noch Lust hätte, so ein Notebook weiterzuverkaufen. Unser Dieb konnte nichts anderes mit diesem Notebook anfangen, als es weiterzuverkaufen. Weil er niemals gelernt hatte, eines zu bedienen, ist der Nutzen für ihn nur ein rein materieller.
Aber was macht der Unternehmer? Wird er den Dieb verfolgen? Vielleicht, aber ich glaube, eher wird er Anzeige gegen Unbekannt erstatten und sich dann ein neues Notebook zulegen. Er nimmt sich ab diesem Moment vor, viel besser aufzupassen. Er hat gemerkt, wie wichtig es für seine Arbeit ist und daß er es deshalb auch gegen Diebe verteidigen muß.
An dieser Stelle habe ich eine ganz besondere Bitte an Sie: Lesen Sie den letzten Abschnitt noch einmal. Dieses Mal stellen Sie sich aber einfach vor, daß Sie der Unternehmer sind und das Notebook die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. "Das ist doch Unsinn," sagen Sie vielleicht. Ob es wirklich Unsinn ist, sollten wir also klären.
Ich behaupte, daß das Notebook für den Unternehmer genauso wichtig ist wie die Verfassung seines Landes. "Wo ist denn da der Zusammenhang?", fragen Sie vielleicht. Um das zu klären, müssen wir uns erst einmal ein Land ohne Verfassung vorstellen. Aber ist es dann überhaupt noch ein Land? Viele nehmen eine Verfassung als so selbstverständlich hin wie den Boden, auf dem sie stehen. Das ist sie aber nicht. Sie wurde doch von Menschen gemacht, die für die Bevölkerung Deutschlands etwas Gutes wollten. Sie verfaßten unter anderem einen Sozialstaat. Was besagt also eine Verfassung? Sie legt doch die Rechte aller Menschen, die dort wohnen, und die Bedingungen, unter denen Wirtschaft betrieben wird, fest: Wie die Ausbildung unserer Kinder zu erfolgen hat, kurz, sie legt die Grundlage, das Regelwerk, für unser Zusammenleben fest. Sie ist also nicht selbstverständlich wie der Boden, auf dem wir stehen, sondern dafür ist viel Blut geflossen, bis es zu einem solchen Regelwerk kommen konnte.
Jetzt zu dem Notebook. Hierauf sind unter anderem vielleicht die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens gespeichert, die Preislisten, die Angebote und die Produkte selbst, die programmierte Software. Das Notebook stellt also eine der materiellen und immateriellen Voraussetzungen für die Wirtschaftstätikkeit des Unternehmens als solches dar, oder?
Wenn Sie also den Abschnitt gerade noch einmal gelesen haben und statt des Notebooks sich die Verfassung gedacht haben, ist Ihnen vielleicht vieles klar geworden. Es könnte Ihnen z.B. klar geworden sein, welch ein Menschenschlag und welche Moral unsere heutigen Politiker haben. Aber wußten Sie das nicht schon vorher? Sie könnten aber auch festgestellt haben, warum diese Personen an so eine machtvolle Position überhaupt gelangen konnten, in der sie unsere Verfassung einfach außer Kraft setzen. Unsere Grundvoraussetzung für Wirtschaft, z.B. Infrastruktur, Schulen usw. privatisieren sie - d.h. machen sie zu Geld, wie der Dieb das Notebook. Sie verkaufen etwas, das ihnen gar nicht gehört; denn die Infrastruktur ist Eigentum des Landes und seiner Bürger kraft seiner Verfassung. Diese Verfassung hat das Volk sich gewählt. Somit ist die Infrastruktur beispielsweise Eigentum des Volkes.
Die Politiker sind aber von uns gewählt worden, zumindest die im eigenen Land, nicht die in der EU. Die EU-Kommission wurde ernannt, wie Sie vermutlich wissen, ernannt von Menschen, die von privaten Wirtschaftsinteressen geleitet werden, selbsternannte Politiker, man könnte sie auch Privatisierer oder ... nennen! Diese Politiker hier im Land oder in der EU handeln so, weil sie nichts anderes gelernt haben und kennen.
Damit wären wir bei der Bildung angelangt, und damit soll sich mein nächster Brief befassen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Ihr Olav Sünneke, Bundesbürger
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