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Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/2006

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Für ein Notgesetz zur Rettung der Autoindustrie

Von Lyndon LaRouche

Dieser an Gewerkschafter, Abgeordnete und Wirtschaftsfachleute gerichtete Aufruf Lyndon LaRouches wird derzeit in hoher Auflage in Washington und in ganz Amerika verbreitet.


Das Ziel

Der Zweck der folgenden Mitteilung ist, zu bewirken, daß unverzüglich dringend gebotene Bundesgesetze formuliert werden: Gesetze, die verhindern, daß mit dem drohenden Zusammenbruch der amerikanischen Automobilindustrie eine praktisch unumkehrbare Kettenreaktion beginnt, mit der mehr oder weniger die gesamte gegenwärtig vorhandene Realwirtschaft der Vereinigten Staaten zerstört wird.

Diese Mitteilung besteht aus zwei Teilen: Der hier folgende erste Teil faßt die Natur der vorgeschlagenen Notgesetze zusammen. Der zweite Teil, die angefügte Dokumentation, besteht aus einer Auswahl der relevanten Fakten aus vorläufigen Gesprächen und Untersuchungen, die seit dem Treffen von Vertretern der Autoindustrie mit anderen am 27. April 2006 in Washington zusammengetragen wurden.

Es ist viel dringende Arbeit zu leisten, um die im zweiten, angehängten Teil dieses Berichts zusammengestellten Daten zu filtern. Die Zusammenstellung wird vorgelegt, um allgemein das Ausmaß die und Beschaffenheit der Herausforderung zu umreißen, die gemeistert werden muß, wenn unsere Nation diesen nationalen Notstand bewältigen soll. Obwohl die Einzelheiten noch weiter ausgearbeitet werden müssen, steht der Kern der Gesetzgebung, die für diese Krise benötigt wird, im Prinzip schon fest.

Das Ziel

1. Die Bedrohung, die überwunden werden muß

Seit fast zwei Generationen, seit etwa 42 Jahren, sind die gegenwärtig führenden Kreise in Regierung und Privatunternehmen unserer Volkswirtschaft der Wahnvorstellung verfallen, die "nachindustrielle" Ausrichtung sei für unsere Wirtschaft eine verfügbare und sogar unvermeidbare Langzeitoption. Unter dem Einfluß dieser Wahnvorstellung, die sich immer weiter verbreitete, sind unabhängige Landwirtschaft, Handwerksbetriebe, Gesundheitswesen und grundlegende wirtschaftliche Infrastruktur unserer Republik allgemein, gemessen pro Kopf und pro Quadratkilometer, praktisch im ganzen Land zusammengebrochen.

Am besten lassen sich die Auswirkungen an der Kernregion des Mittleren Westens darstellen, der wir in hohem Maße unseren Sieg im Zweiten Weltkrieg verdankten. Wir erleben, wie das einst mächtige agro-industrielle Potential des Gebietes, das die östlichen Teile der Staaten New York und Pennsylvania und die Bundesstaaten Ohio, Michigan und Indiana umfaßt, pro Kopf und Quadratkilometer immer schneller und immer weiter zusammenbricht. Es ist die Region, die auch das Kernstück der amerikanischen Automobilindustrie umfaßt.

Die Graphik zeigt die von Schließung bedrohten Werke der Automobilindustrie und deren Zulieferer.
Diese Produktionskapazitäten könnten im Rahmen einer Konversion anders eingesetzt werden.
Auf dem kleineren Bild erkennt man, wie stark besonders die Bundesstaaten Michigan, Indiana und Ohio betroffen sind.

Als in den letzten Jahrzehnten die Leitungsfunktionen unserer Wirtschaft in die Hände von Managern und Angestellten der "68er"-Generation geriet, gewöhnte sich die entstehende Führung unserer Wirtschaft einschließlich der maßgeblichen Regierungseinrichtungen an ein Spektrum bestimmter Ideologien, die mit der "nachindustriellen Gesellschaft", "Outsourcing" (Auslagerung von Produktionskapazitäten und Arbeitsplätzen) und "Globalisierung" zusammenhängen. Das Resultat dieses jahrzehntelangen kulturellen Wertewandels ist, daß die meisten Menschen, die inzwischen wichtige Positionen in Industrie und Regierung einnehmen, überhaupt nicht mehr instinktiv einschätzen können, wie sich ein Zusammenbruch der amerikanischen Automobilproduktion - wie er sich jetzt, kombiniert mit dem hyperinflationären, raketenartigen Anstieg der Weltrohstoffpreise abzeichnet - auswirken würde.

Veranschaulicht wird dieser Trend durch den auffälligen Gegensatz zwischen der heftigen politischen Reaktion auf die Folgen des stark steigenden Erdölpreises und der kaum wahrnehmbaren Reaktion auf die noch viel raschere Hyperinflation bei anderen Kategorien von Grundstoffen. So machen sich die verständigeren Seelen unter den Leuten von Macht und Einfluß zwar besorgt Gedanken darüber, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Folgen einer plötzlichen Massenarbeitslosigkeit und drohenden Nichtzahlung der Renten in den genannten fünf Bundesstaaten und vergleichbaren Orten aufzufangen; aber es war nicht zu erkennen, daß sie begriffen hätten, wie das Zusammentreffen der Auswirkungen eines Zusammenbruchs der Automobilindustrie mit der inzwischen hyperbolischen Wachstumsrate der weltweiten Hyperinflation der Rohstoffpreise den Fortbestand unserer Nation überhaupt in Gefahr bringt.

Mit anderen Worten, die Ideologie der "nachindustriellen" Weltsicht der an den Universitäten herangezogenen "68er" prägte eine heute politisch einflußreiche Generation, die dazu konditioniert wurde, bei Wirtschaft nur an Geld zu denken statt an die Produktion und Verteilung der Güter, auf die das menschliche Leben für seinen Fortbestand angewiesen ist. In diesen Schichten wird praktisch überhaupt nicht verstanden, was technischer Fortschritt als solcher für das Entwerfen und Herstellen der physischen Mittel menschlicher Existenz eigentlich bedeutet.

Einflußreiche Kreise in diesen genannten Schichten verfügen gewöhnlich über wenig Einsicht in die Eigenschaften unserer Wirtschaft, die uns gegen die zunehmende Bedrohung schützen. Man versteht nicht, daß der unmittelbar drohende Zusammenbruch von Ford, General Motors und anderer Unternehmen angesichts der Konzentration an Maschinenbaupotential in der Flugzeug- und Automobilindustrie die Gefahr eines allgemeinen Zusammenbruchs heraufbeschwört, der uns alle plötzlich sozusagen in die Steinzeit zurückwürfe.

Die angestrebte Bundesgesetzgebung soll eine solche gewaltige nationale Tragödie verhindern, solange wir im Land überhaupt noch eine Automobilindustrie haben, die man verteidigen könnte.

2. Der dringende erste Schritt

Wie die Fakten zeigen, stehen die USA mehr oder weniger sofort vor einem scheinbar unabänderlichen Abbau der Mehrheit der produktiven Kapazitäten im Bereich der Automobilindustrie und verwandten Industriebereichen.

Abgesehen von den realen Anlagen der bedrohten Werke stehen diese Betriebe nicht nur für ihre gegenwärtige Belegschaft, sondern für einen viel weiteren Kreis von Arbeitskräften, die mit diesen Fabriken zusammenarbeiten oder -gearbeitet haben. Diese Unternehmen stehen nicht nur für die Arbeitsplätze, die direkt in ihnen angesiedelt sind; ganze Gemeinden, inklusive vieler Wirtschaftsorganisationen, Krankenhäuser, Schulen etc. hängen von der weiteren Existenz dieser Betriebe ab. Nimmt man die Liste der unmittelbar bedrohten Werke, so muß man erkennen, daß ein großer Teil der angesprochenen Kernregion dieser fünf Bundesstaaten völlig von diesen Werken abhängig ist.

Wenn man an Beschäftigungsmöglichkeiten für den Teil der Arbeiternehmerschaft denkt, die mit diesen aufgelisteten Firmen verbunden ist, sollten wir diese Arbeiter in zwei Hauptkategorien unterteilen: solche, die mit der Herstellung der Produkte der jeweiligen Fabrik befaßt sind, und solche, die mit dem Entwurf der Produkte und Werkzeugmaschinen befaßt sind, von denen die geforderte Qualität der Produktion des größeren Teils der Beschäftigten abhängt. Für die dringenden Aufgaben, die in diesem Bericht angesprochen werden, brauchen wir genau diese Kombination dieser beiden voneinander abhängigen Komponenten der produktiven Arbeitskräfte. Diese beiden Facetten der Standorte, die im Zusammenhang zu sehen sind, müssen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des US-Kongresses stehen.

Wie [der frühere Chef der Automobilarbeitergewerkschaft UAW] Walter Reuther und andere vor dem Krieg gegen Adolf Hitler betonten, können diese Werke außer Autos viele andere Dinge von nationalem Interesse produzieren. Eisenbahnen, Kraftwerke, wesentliche Teile für die Erneuerung des Netzes der Binnenhäfen und Wasserwege - das sind nur einige typische Beispiele, für die diese Industrie genausogut geeignet ist wie für die Herstellung von Autos.

Aus unseren Erfahrungen der Vergangenheit, einschließlich des wichtigen Beispiels des hohen Nutzens von Kennedys Mondlandeprojekt für unsere Volkswirtschaft, wissen wir: Projekte der Art, die wir zur Wiederherstellung unserer verfallenden nationalen wirtschaftlichen Basisinfrastruktur von Wasserkraft, Massenverkehr und anderer grundlegender Bereiche brauchen, lassen sich am besten von den Regierungen auf kommunaler, bundesstaatlicher und Bundesebene verwirklichen. Das unvermeidlichen Einbeziehen privater Zulieferer, die zum Erfolg dieser nationalen Infrastrukturprojekte der Regierung beitragen, bildet unter unserer Verfassungsordnung den natürlichen Motor für einen schnellen Aufschwung in der Privatwirtschaft.

Aus der Vorgehensweise der "Reconstruction Finance Corporation" (RFC) unter Präsident Franklin D. Roosevelt sollten wir gelernt haben: Wenn die Arbeiternehmer im Rahmen solcher öffentlichen Projekte sinnvoll beschäftigt werden, fällt der jährliche Zuwachs des Nettoeinkommens der Nation pro Kopf und Quadratkilometer höher aus als die jährliche Abschreibungsrate der Investition.

Ein Beispiel: Der kontinuierliche Anstieg der durchschnittlichen Arbeitsproduktivkraft in den USA vom Beginn der Wiederaufbaumaßnahmen, die nach Harry Hopkins' Berufung (in den 30er Jahren) in Gang gesetzt wurden, bis zum Beginn des Vietnamkriegs 1964 hatte die höchste Nettoanstiegsrate realen Wachstums und die höchste Rate der Verbesserung der Lebensstandards in den USA im ganzen 20. Jahrhundert.

Der Nettoertrag aus öffentlich geförderten Programmen wie dem Tennessee-Valley-Projekt und dem Raumfahrtprogramm für die Nation als ganze wird nicht am Profit gemessen, wie es für private Unternehmen üblich ist, sondern am physischen Nettoertrag für die nationale und regionale Produktivität insgesamt, die sich aus der Schaffung entsprechender öffentlicher Arbeit ergibt.

Aber besonders seit Einführung der Deregulierungsmaßnahmen 1977 hat das Nettoeinkommen der unteren 80 Prozent unserer Bevölkerung über etwa drei Jahrzehnte hinweg kontinuierlich abgenommen. Der heutige Nettoeffekt dieses Rückgangs ist nun eine drohende Katastrophe. Berücksichtigt man die nicht bezahlten Produktionskosten, die aus der Vernachlässigung der wirtschaftlichen Grundinfrastruktur entstanden, so waren die Jahre ab 1977 für die Mehrheit der Amerikaner ein erschreckender Niedergang, der uns nun an den Rand einer weltwirtschaftlichen Zusammenbruchskrise geführt hat. Die kumulativen physischen Auswirkungen zeigen, daß die offiziellen Argumente, mit denen diese Wirklichkeit der neueren US-Wirtschaftsgeschichte geleugnet wird, nichts anderes sind als eine betrügerische, vorsätzliche und oft hysterische sog. "grenzwertig-utilitaristische" Fälschung der Inflationsrate seit mehr als einem Vierteljahrhundert.

Jetzt muß daher per Gesetz eine Bundesbehörde für öffentliche Vorhaben (Federal Public Corporation) eingerichtet werden. Sie sollte diejenigen Teile der Automobilindustrie übernehmen, die von den Automobilgesellschaften verworfen werden und die sonst den Eigenschaften entsprechen, die ich in diesem Bericht allgemein dargelegt habe.

3. Der Vorteil des amerikanischen Systems

In dem Bericht von Finanzminister Alexander Hamilton an den Kongreß wird die Fähigkeit der Bundesregierung, eine solche allgemeine wirtschaftliche Erholung für einzelne Bereiche und die gesamte Volkswirtschaft in Gang zu setzen, unausgesprochen als eine Frage des Prinzips der Regierung behandelt.

Diese Verfassungsordnung unserer Nation spiegelt wider, daß die Gründerväter die Lehren aus dem Vorgehen der Massachusetts Bay Kolonie in der Zeit vor 1689 und Benjamin Franklins Vorschlag für das Papiergeld ernstgenommen haben.

Im Gegensatz zu den typischen europäischen Volkswirtschaften sieht die verfassungsmäßige Form unserer Regierung und Wirtschaft anstelle eines Geldsystems ein Kreditsystem vor. Dies äußert sich im staatlichen Monopol auf die Ausgabe und die Steuerung des Umlaufs des von der Bundesregierung geschaffenen Geldes. Es steht im Gegensatz zur typischen europäischen Regierung, deren Wirtschaftspolitik der Aufsicht von Währungssystemen untersteht, die von privaten, oft räuberischen Finanzinteressen beherrscht werden und die in Zentralbanken zum Ausdruck kommen. Nach unserer Verfassung wird das Bankenwesen durch die Instrumente eines Nationalbanksystems reguliert, das sich auf von der Bundesregierung geschaffenen Kredit stützt.

Ausgabe und Umlauf von legalem Geld unserer Republik dient nicht nur zur Förderung der Verbreitung von Erzeugnissen, sondern auch als Kredit, der in die Ausgabe und Erhaltung von Langzeitinvestitionen zur Erhöhung von Kapitalinvestitionen in den öffentlichen wie privaten Sektor fließt. Zum Beispiel haben die wichtigsten Investitionsgüter eine physische Lebensdauer von einer bis zwei Generationen, also einer Spanne von 25 bis 50 Jahren. Die Entwicklung des Tennessee-Tals veranschaulicht diesen Aspekt. Ein anderes Beispiel ist, wie Deutschland sich beim Wiederaufbau in der Nachkriegszeit an Präsident Roosevelts Politik der Förderung der öffentlichen Infrastruktur und des privaten Unternehmertums durch öffentlichen Kredit anlehnte. Dies zeigt, daß das Wachstum der Gesamtwirtschaft nicht nur durch die Anschubfinanzierung über öffentliche Kredite beschleunigt wird, sondern auch durch die später zunehmenden Rückzahlungen, die für eine zusätzliche Erhöhung des Finanzkapitals sorgen, das insgesamt für Investitionen für die Wirtschaft zur Verfügung steht.

Betrachten wir die Folgen des Programms der Kreditanstalt für Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland. Hermann Abs von der Deutschen Bank unterstützte dieses Vorgehen als einen Weg, die Methoden Präsident Roosevelts beim Einsatz der RFC auf Deutschland zu übertragen, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. Unter dem Nachkriegssystem der festen Wechselkurse, das auf Initiative der USA unter Roosevelt eingeführt wurde, war bis zur Mitte der 60er Jahre die geldwerte Abschreibung mittel- bis langfristiger Investitionen vom Weltsystem der festen Wechselkurse mit dem US-Dollar als Leitwährung geschützt.

Erst als das System aus dem Gleichgewicht gebracht wurde - hauptsächlich durch die Politik der ersten Regierung Harold Wilson in England und die längerfristigen Auswirkungen der Politik der US-Regierung unter den ruinösen Bedingungen des langen Krieges in Indochina - , zerbrach das Bretton-Woods-System unter dem wachsenden Einfluß einer Politik, die Roosevelts System der festen Wechselkurse entgegengesetzt war.

An diesem Punkt ist die folgende zusammenfassende Erläuterung notwendig.

In Präsident John F. Kennedys Steuer- und Kreditpolitik zur Investionsförderung war dieser wichtige Unterschied unausgesprochen berücksichtigt: Ein System fester Wechselkurse ist immer ein System "fairen Handels", im Unterschied zum System des "Freihandels".

Der "Freihandel" der Britischen Ostindiengesellschaft ab 1763 und später des britischen Empire - jenes System, für das der in London ausgebildete Karl Marx voll des Lobes war - , ist eine neuzeitliche, anglo-niederländische liberale Spielart des mittelalterlichen Systems in Europa, des von Venedig gesteuerten Lombard-Bankensystems, das im "dunklen Zeitalter" des 14. Jh. zusammengebrochen war. Tatsächlich ist der sich nun anbahnende Crash des Systems der Finanzderivatblasen, das der frühere Federal-Reserve-Vorsitzenden Alan Greenspan in der Zeit von 1987-2006 entfesselt hat, im wesentlichen ein Ausdruck der gleichen absurden Politik, die zum Zusammenbruch der mittelalterlichen Lombardliga und zum Platzen der John-Law-Blasen des frühen 18. Jh. führten.

Im Gegensatz zu einem solchen europäischen Modell liberaler Finanzsysteme unter der Knute unabhängiger Zentralbanken war die verfassungsrechtliche Ausgestaltung des Amerikanischen Systems der Verteidigung der Integrität öffentlicher Kredite verpflichtet.

Auch wenn die Bundesregierung Kredit für jeden Zweck aufbringen muß, wenn dies im Interesse der Öffentlichkeit dringend geboten ist, muß doch im allgemeinen das Ziel einer fähigen US-Bundesregierung darin bestehen, den relativ größten Teil der Ausgabe von Geld und sonstigem öffentlichen Kredit in Form realer Langzeitinvestitionen zu binden: für die produktive Verbesserung grundlegender wirtschaftlicher Infrastruktur, der privaten Industrie, der Verbesserung der Arbeitsproduktivkraft und für die Entwicklung der individuellen schöpferischen Potentiale, wovon aller menschliche Fortschritt letztendlich abhängt.

Eine weise Politik mißt Fortschritt heute in Intervallen von etwa 25 Jahren, also der Spanne der Entwicklung junger Menschen von der Geburt bis zur intellektuellen Reife für die Arbeit und das Leben in einer wahrhaft modernen produktiven Gesellschaft. Entsprechend diesem Anliegen binden wir neue Kredite, statt sie bloß als Geld zum Fenster hinauszuwerfen, so weit wie möglich an langfristige Investitionen, am besten Investitionen, die eine absehbare physische Lebensdauer von einer oder mehr Generationen haben.

Um die inhärente Übertragbarkeit solcher Kredite zu sichern, benötigen wir die Steuerungsinstrumente einer Politik fester Wechselkurse und "fairen Handels".

Solange es jedes Jahr eine Nettosteigerung der Arbeitsproduktivkraft gibt, wird somit die Möglichkeit der Gesellschaft, in öffentliche und private Kapitalausweitung zu investieren, im Grunde nur dadurch eingeschränkt, neue erfolgversprechende Investitionsmöglichkeiten dieser Art zu finden.

Unsummen in verrückte Grundstücksgeschäfte und andere Formen des Glückspiels zu pumpen, wie es unter dem fehlgeleiteten Kemp/Roth-Gesetz passierte und wie Greenspan die Geldmenge "M3" vollpumpte, muß im Interesse finanzpolitischer Verantwortung unbedingt gezügelt werden. Die Ausgabe öffentlichen Bundeskredits muß im wesentlichen an vorwiegend langfristige, inhärent produktive Investitionen in die produktive wirtschaftliche Grundinfrastruktur sowie in technischen Fortschritt zur Erhöhung der physischen Qualität und Produktivität der Investitionen in private Unternehmen geknüpft sein. Dieses Gebot der Klugheit ist der unverzichtbare Schlüssel zu den Maßnahmen der amerikanischen Regierung, die notwendig sind, um das Problem, das der voranschreitende Zusammenbruch des amerikanischen Maschinen- und Anlagenbaus verkörpert, anzugehen und zu lösen.

Die Regierung kann gewaltige Mengen an Krediten als Kapital ausgeben unter der Bedingung, daß dieses Kapital für sinnvolle langfristige Investitionen in Verbesserungen im öffentlichen Sektor und effektive private Unternehmungen eingesetzt wird. Investitionen in Finanzinstrumente zum Zweck reiner Spekulation oder für Prestigekonsum der finanziell Bessergestellten sollte verhältnismäßig sehr viel höher besteuert werden, Investitionen in die reale Verbesserung der Quantität und Produktivität der Wirtschaft dagegen sollten bevorzugt behandelt werden. Die Regel ist nicht etwa "die Reichen schröpfen", sondern der Umsicht den Vortritt zu geben.

Dabei muß voll und ganz berücksichtigt werden, daß sich das gegenwärtige Währungs- und Finanzsystem in der Endphase einer weltweiten Finanzkrise befindet und viel ernster ist als noch die Große Depression der 30er Jahre.

Die Volkswirtschaften West- und Mitteleuropas sowie die gegenwärtige Wirtschaft der USA arbeiten gegenwärtig auf einem Niveau, das weit unterhalb einer Kostendeckung liegt. Diese Volkswirtschaften sind wiederum der wichtigste Markt, von dem die Volkswirtschaften Asiens in so starkem Maße abhängen, daß ein Zusammenbruch des US-Dollars eine Kettenreaktion in Gang setzen würde, die das ganze Weltsystem zu Fall brächte - auch beispielsweise China und Indien, wenn diese versuchen, in den Beschränkungen des gegenwärtigen IWF-Systems zu arbeiten. Die gegenwärtige hyperinflationäre Spirale der Finanzspekulation bei Rohstoffen wie Metallen und Erdöl hat nur eine einzige Ursache: daß maßgebliche Finanzkreise sich in Erwartung des nahe bevorstehenden Zusammenbruchs des ganzen gegenwärtigen Finanzsystems auf solche Werte stürzen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfordert die Rücksicht auf Absicherung der Politik, daß wir davon ausgehen, daß dieser Zusammenbruch nicht mehr als ein paar Monate entfernt ist, wenn ihn keine dramatische Reform verhindert. Was in diesem Bericht vorgeschlagen wird, ist solch eine dringend notwendige Reform. Jede Regierung, die eine solche Veränderung nicht wünscht, muß entweder reformiert werden, oder sie wird auf denkbar unangenehme Art und Weise von den Ereignissen reformiert werden.

4. Konkrete notwendige Maßnahmen

Die Teile der Automobilindustrie, deren Abbau vorgesehen ist, müssen sofort von der amerikanischen Regierung übernommen werden. Ihr Stammpersonal und die gegenwärtigen Standorte müssen sofort passende Arbeiten zugewiesen bekommen, entsprechend der besonderen Fähigkeiten moderner Entwicklungsabteilungen (Maschinen- und Anlagenbau), die ingenieurtechnisch für neue Produkte und entsprechende Maschinen und Fertigungsanlagen verantwortlich sind.

Die folgende Liste ist exemplarisch:

1. Seehäfen und Binnenwasserwege: eine Mitarbeit der übernommenen Produktionsstätten und des Pionierkorps der US-Armee liegt nahe.

Die Vergrößerung des Pionierkorps, zusammen mit dem Gegenstück bei der Nationalgarde der Bundesstaaten, sollte bei den vorgeschlagenen Reformen eine führende, deutlich erweiterte Rolle spielen. In diesem Zusammenhang sollte die große Bedeutung von Organisationen berücksichtigt werden, die sich an Roosevelts Civilian Conservation Corps aus den 30er Jahren anlehnen: Arbeitslose Jugendliche werden aus ihrer Perspektivlosigkeit befreit und in erzieherische und andere Entwicklungsprogramme eingebunden, um ihnen eine fruchtbare Zukunft als Bürger und die Aussicht auf eigene intakte Familien zu eröffnen.

Die Auszehrung und sonstige Zerstörung der technischen und anderen Fähigkeiten der Streitkräfte in der nationalen Sicherheit machen es in der Welt von heute umso wichtiger, daß das Pionierkorps ganz natürlich bestimmte zivile Aufgaben übernimmt - im Inland und darüber hinaus.

Als Paradebeispiel kann das komplexe System von Flüssen und Kanälen von der kanadischen Grenze bis zum Golf von Mexiko gelten, das zwischen den Rocky Mountains und den Allegheny Mountains hauptsächlich in den Mississippi abfließt.

2. Die Auszehrung der Grundwasserreserven muß umgekehrt werden. Das kann am besten durch den Einsatz der Kernenergie für die Meerwasserentsalzung oder vergleichbare Systeme zur Trinkwassergewinnung geschehen. Diese Programme müssen mit den anderen Vorhaben der Entwicklung von Seehäfen und Wasserwegen abgestimmt werden.

3. Die beschleunigte Entwicklung von Energiequellen mit hoher Energieflußdichte wie Kernspaltung und ein auf 25 Jahre angelegtes Programm zur Entwicklung serienreifer Kernfusionsreaktoren sind geboten.

Bei diesem Aspekt des Programms muß man die Tatsache berücksichtigen, daß mit den wachsenden Bedürfnissen der Menschheit die relativ reichsten Vorkommen wichtiger Rohstoffe innerhalb der Sedimentablagerungen der Biosphäre der Erde zunehmend erschöpft wurden. Das vorhersehbare Problem für die beiden kommenden Generationen ist aber nicht, daß unüberwindbare Grenzen aufträten, mit Ausnahme des Falls der Erschöpfung fossiler Frischwasserlager. Die Gefahr besteht darin, daß ohne einen baldigen schnellen Anstieg der Energieflußdichte der entsprechenden Prozesse der Kostenanstieg der Herstellungskosten pro Kopf eine kritische Lage für die Welt hervorrufen würde. Um mit den steigenden Betriebskosten der Erschließung und Förderung solcher Ressourcen fertig werden zu können, muß es jetzt weltweit bestimmte dramatische wirtschaftliche Veränderungen geben.

Als ein erster Schritt muß man im großen Stil gasgekühlte Hochtemperaturkernspaltungsreaktoren bereitstellen, die nicht nur bei der Meerwasserentsalzung und ähnlichen Aufgaben zum Einsatz kommen, sondern auch bei der Erzeugung auf Wasserstoff basierender synthetischer "Erdöle". So kann man die Abhängigkeit von Transport und Verbrennung von Erdöl und Erdgas verringern und diese wichtigen Rohstoffe vorrangig als chemischen Grundstoff zur Produktion anderer wichtiger Güter verwenden, wofür sie besser geeignet sind. Das bedeutet auch, daß man die Aufgabe hat, hier das sture Festhalten an den bisherigen Praktiken zu überwinden.

Gleichzeitig muß die Entwicklung geeigneter Prototypen mit einem breiten Einsatzspektrum, die derartige synthetische Treibstoffe herstellen und verbrauchen, beschleunigt werden.

Längerfristig muß man daran arbeiten, die allgemeine Verwendung mineralischer Rohstoffe weltweit so zu organisieren, daß der gegenwärtige Trend des raschen Anstiegs der Produktionskosten verarbeiteter Grundstoffe umgekehrt wird.

4. Die Reorganisierung und Entwicklung des Massenverkehrs

Die Kolonialisierung Nordamerikas beruhte seit Ende des 17. Jh. auf der Entwicklung von Straßen, Wasserwegen und später Eisenbahnen. Das ging einher mit der klaren Vorstellung eines einheitlichen Staatsgebiets einer kontinentalen Nation vom Atlantik bis zum Pazifik, die im Norden durch Kanada und im Süden durch Mexiko begrenzt ist. Diese Vorstellung wurde entwickelt, als John Quincy Adams Außenminister war. Die Integration der Vereinigten Staaten durch ein transkontinentales Eisenbahnnetz unter John Quincy Adams' ehemaligem Protegé, Präsident Abraham Lincoln, machte die USA zu einer kontinentalen Macht, die so stark war, daß keine fremde Macht sie militärisch erobern konnte.

Im Rahmen des Wandels zu einem "nachindustriellen Utopia" ab 1968 wurde diese Einheit der USA auf ihrem Gebiet ruiniert und beinahe zerstört.

Kennzeichnend für den Niedergang der USA ist der Verfall großer, ehemals entwickelter, agroindustrieller Landesteile und gleichzeitig die Vermehrung schlecht gebauter, oft dem Stile Hollywoods nachempfundener Gebäude in den ausufernden Vorstädten sowie rasant steigende Immobilienpreise und Mieten in den Städten.

Dieser funktionale Niedergang der physischen Organisationsstruktur im Land erinnert an die Mißstände in Mexiko-Stadt, Kairo und vergleichbaren aufgeblähten, von Massenarmut heimgesuchten Metropolen des Entwicklungssektors. Es gibt wünschenswerte Grenzvorgaben bei der Größe funktionierender Stadtgebiete und ähnlich funktionell definierte Grenzen sinnvoller Besiedelung um solche Städte herum.

Ein großer Teil dieses Verfalls und der sie begleitenden Fehlsteuerung war ein Nebeneffekt der Kampagne zur radikalen Deregulierung, die während der Jahre 1977-81 unter Federführung der Trilateralen Kommission in Gang gesetzt wurde. Die Durchsetzung der Deregulierung zusätzlich zur immer stärker nachindustriellen Orientierung der Jahre 1968-76 setzte sich nach 1981 in Form einer anhaltenden Verschlechterung der Flächennutzung auf dem gesamten amerikanischen Territorium fort.

Dieser Zerfallsprozeß, der sich mittlerweile über mehr als eine Generation hinzieht, führte dazu, daß zu viele Menschen einen Großteil ihres Lebens für das tägliche Hin- und Herpendeln zur Arbeit und andere Fahrten für ihre täglichen Verrichtungen vergeuden.

Wohnung, regelmäßige Aufgaben in der Gemeinde und Arbeitsplatz sollten innerhalb einer angemessenen Zeitspanne erreichbar sein und erledigt werden können, und im besten Falle sollte man Arbeitsplätze, Geschäfte, Schulen zu Fuß erreichen können. Bei der weiteren Entwicklung der USA in dieser Hinsicht sollte man Gegebenheiten bevorzugen, die einen dezentralisierten, wirtschaftlichen Tagesablauf ermöglichen - und das sinnvoll über das ganze Land verteilt.

Dies bedeutet die Rückkehr zu einer Betonung des Massenverkehrs von Menschen und Gütern gleichermaßen und entsprechende Rückführung der Nutzung von Straßen und Autobahnen für den Massengüter- und -personenverkehr im Rahmen eines funktionell integrierten, vernünftigen Ausbaus des Wasser-, Schienen-, und Luftverkehrs. Hier ist an den Bau von Magnetschwebebahnen für den Personen- und Güterfernverkehr sowie den Einsatz von Hochgeschwindigkeitszügen zur Verbindung von Stadt- und Vorstadtgebieten gedacht. Dies schließt auch eine vernünftige Organisation des Luftverkehrs ein. Insgesamt könnte man mit solchen Maßnahmen viel der bisher vergeudeten Lebenszeit freisetzen.

Im Rahmen dieser allgemeinen Ausrichtung der Wirtschaftspolitik müssen wir den gegenwärtig unvermeidlich sich anbahnenden Ruin der amerikanischen Grundstücksblase berücksichtigen. Die Vorstadtgegenden um Washington sind für wichtige Aspekte dieser Anomalie beispielhaft. Viele der dort angeblich erreichten "Verbesserungen" sind von schlechter, manchmal unaussprechlich schlechter Qualität und liegen in Gebieten, wo städteplanerisch gar keine oder nur unzureichende Infrastruktur vorhanden ist. Der unvermeidliche Zusammenbruch der Immobilienblase wird dazu zwingen, die wirtschaftlichen Funktionen weiter im Land zu verteilen und damit den Trend des letzten Vierteljahrhunderts umzukehren.

Wenn Menschen in vernünftig entworfenen Gemeinden mit eher dezentralem Charakter angesiedelt werden, schließt das die Verlagerung von Arbeitsplätzen und anderem ein, was wiederum zu einer Streßminderung durch den Abbau extrem verkehrsreicher Regionen führt. Dazu benötigt man ein Fernverkehrssystem, das die Kosten und den Zeitverlust bei den täglichen Fahrten zugunsten hocheffizienter Formen des Personenmassenverkehrs zwischen Bevölkerungszentren vermindert.

Dies alles zieht weitere Veränderungen nach sich: bei der Verteilung von Kraftwerken, bei der Wasserwirtschaft und bei der Förderung der Entwicklung von Grünflächen in gegenwärtig verfallenen und wasserarmen Regionen der USA. Und wir bereiten uns damit auf das zu erwartende Bevölkerungswachstum in den kommenden zwei Generationen vor.

5. Im Prinzip überschneiden sich maßgeblichen Teilbereiche des gegenwärtigen Automobilsektors schon mit unserer Raumfahrt- und Luftfahrttechnik.

Der Schwerpunkt unseres Weltraumprogramms verlagerte sich immer stärker von der Erkundung anderer Planeten auf die Erforschung der gemeinsamen systemischen Natur des Sonnensystems. Da die Notwendigkeit wissenschaftlichen Fortschritts relativ zur Entwicklung des Lebens auf der Erde wächst, wird die Unterscheidung zwischen Leben und physikalischer Chemie der Erde und physikalischer Chemie des Sonnensystems im allgemeinen nach und nach verschwinden. Es gibt Prozesse im Sonnensystem und darüber hinaus, die entscheidende Aspekte der Bedingungen unserer Existenz auf der Erde selbst beeinflussen; wir müssen uns daran machen, diese Prozesse zu erforschen und uns ihnen zu stellen. Raumfahrttechnik wird mit der Arbeit und den Produkten des Maschinen- und Anlagenbaus hier auf der Erde naturgemäß verschmelzen, wenn aus der Naturwissenschaft ganz natürlich die angewandte astrophysikalische Wissenschaft wird.

Als unmittelbare praktische Auswirkung davon ergibt sich, daß die Aufgabe, die Biosphäre in der Tiefe zu beherrschen, auch dazu führen muß, das Produktionsniveau in Asien und Afrika qualitativ zu erhöhen. Die entwickelteren Regionen Europas und Amerikas müssen sich verstärkt darum bemühen, auf die Bedürfnisse des ganzen Planeten und der ganzen Menschheit mit einer wissenschaftsintensiven Herangehensweise zu antworten.

Das Maschinenbauprinzip, der Motor einer erfolgreichen Automobil- sowie Luft- und Raumfahrtindustrie, ist auch wesentlich für die Ausarbeitung von Versuchsanordnungen im Rahmen der Grundlagenforschung. Für die Industrie stellt sich in den kommenden Jahrzehnten die Herausforderung, das natürliche Potential aller Arbeiten im Werkzeugmaschinenbau auf die Stufe zu heben, die für grundlegende wissenschaftliche Entdeckungen nötig ist. Die Mobilisierung der amerikanischen Automobilindustrie im Zweiten Weltkrieg sollte dabei ein Vorbild sein.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Kernthema: Produktive Kreditschöpfung - Neue Solidarität online
Das "Hamilton-Projekt" - Neue Solidarität Nr. 15/2006

 

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