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Aus der Neuen Solidarität Nr. 52/2008 |
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Von Toni Kästner,
LaRouche-Jugendbewegung
Die Bewegung für die Emanzipation der Juden gründet auf den Ideen von Moses Mendelssohn und Friedrich Schiller - aber in Wirklichkeit ist sie eine Bewegung für die Emanzipation aller Deutschen und aller Menschen.
Helga Zepp-LaRouche, die Bundesvorsitzende der BüSo, sagte einmal, daß man, wenn wirklich jemand vorgehabt hätte, die durch den 2. Weltkrieg verursachten kulturellen Schäden wieder zu reparieren, die deutsch-jüdische Kultur hätte wiederbeleben müssen, und damit einhergehend die deutsche Klassik. Da ich diese Aufforderung für berechtigt und notwendig halte, möchte ich an dieser Stelle ein Stück klassische und auch deutsch-jüdische Kultur wiederbeleben und Deutschland zum Geschenk machen. Denn schon Schiller sagte, daß wohl das größte Geschenk, welches ein Mensch dem anderen machen kann, Wahrheit ist. Dies sagte er in seiner Antrittsrede als Geschichtsprofessor in Jena, wo er über die Universalgeschichte referierte.
Aus diesem Grund möchte ich mich einmal mehr Moses Mendelssohn zuwenden, denn lange fragte ich mich, was an ihm ist, das ihn zu einem so großartigen Menschen machte - außer daß er sehr schöne Gedanken hatte. Dieselbe Frage stellte sich mir aber nicht nur bei ihm, sondern auch bei Schiller und all den anderen großen Geistern der Geschichte. Was war es also, das ihnen so große Bedeutung gab und Frau Zepp-LaRouche zu der Aussage veranlaßte, daß wir wieder zu den Prinzipien der Klassik zurückkehren müßten, wenn wir die Kinderkrankheiten der Menschheit endlich überwinden wollten? Im folgenden hoffe ich, diese Frage anhand eines speziellen Falls etwas beleuchten zu können, und damit einer neuen und vielleicht noch unbekannten Seite der Geschichte eine Tür in die Köpfe und Herzen der Menschen zu öffnen.
Wir wissen ja bereits einiges über Moses Mendelssohns Wirken; wir wissen, daß er es war, der bereits die Ideen in ihrer Aufgabenstellung vordefinierte, die später ausführlich von Schiller behandelt wurden, so wie in seiner Schrift „Über das Erhabene und Naive in den Schönen Wissenschaften“. Darin trifft er zu Beginn die Aussage, daß es bereits viele vor ihm gab, die über das Erhabene schrieben, aber es an jemanden fehle, der zeigt, wie man zu dieser Erhabenheit gelangen könne. Wenn man dies weiß, ist es so, als hätte Schiller genau dies mit seiner Schrift über das Erhabene getan. Es würden sich noch viele solche Beispiele finden lassen, in denen Mendelssohns Ideen später noch einmal auftauchen, gerade bei Schiller. Aber dies kann ja nicht alles sein, was Moses Mendelssohn Bedeutung verlieh, denn es muß mehr dazu gehören, Unsterblichkeit zu erlangen, als Ideen zu formen und diese dann weiterzugeben. Einen Hinweis darauf, was dieses Mehr sein könnte, bekommen wir, wenn wir uns die folgenden Ereignisse betrachten. Denn nicht das Denken allein erhebt uns zur Unsterblichkeit, sondern die Handlungen, die den Ideen entspringen. Diese unsere Handlungen sind es, die, als Reflektionen unserer Ideen, anderen zum Vorbild dienen und dadurch unsere Seele unsterblich werden lassen.
Moses Mendelssohn, der selbst in einem für die damalige Zeit typischen Judenghetto aufwuchs, ohne je eine Aussicht auf eine unbeschwerte Zukunft zu haben, sagte sich bereits als junger Mann, er möchte seinen Brüdern helfen, sich von der Unterdrückung zu befreien, die ihnen teils auferlegt war und teils einfach so blieb, weil sie es so hinnahmen, wie es war. Er sagte, daß dies nur auf einem Wege geschehen könne - auf dem Wege der Veredelung der gesamten Menschheit. In diesem Zeichen stand auch gleich sein erstes großes Werk Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele, in dem er, wie der Titel bereits erahnen läßt, die Unsterblichkeit der menschlichen Seele behandelt. Er tat dies nicht nur aus religiösen Gründen oder aus Gründen, die sich aus seinem Judentum herleiteten, sondern, weil für Moses Mendelssohn dies eine Frage war, ohne deren Beantwortung kein Voranschreiten der Menschheit möglich ist, auch nicht für den einzelnen Menschen, egal welcher Religion oder welchem Stand er angehört.
Jetzt verwundert es einen auch nicht, daß so viele von Mendelssohns Ideen bei Friedrich Schiller wiederzufinden sind, der schon seit frühester Jugend dieser Meinung war. Der junge Schiller las, wie uns seine Schwägerin Caroline von Wolzogen in ihrer Biographie über ihn wissen läßt, begierig alle die philosophischen Werke Mendelssohns, und auch durch seinen Freund Christian D. F. Schubart, der begeistert von Mendelssohn war, wird er einiges über ihn in Erfahrung gebracht haben. So trug es sich zu, daß man bei Schiller, wie bei keinem anderen Deutschen, Mendelssohns Ideen reflektiert und weiterentwickelt sieht. Das ist aber bei weitem nicht alles, denn dazu kommt noch, daß Schiller selbst ein großer Geist war, der nicht damit zufrieden sein konnte, die Ideen eines anderen in sich zu verarbeiten, sondern ebenfalls eigene Ideen entwickelte und zu Papier und auf die Bühne brachte.
Doch kommen wir auf Mendelssohn selbst zurück und auf seine Aussage, daß seine Brüder, die Juden, sich nur emanzipieren können, wenn die gesamte Menschheit einen Prozeß der Emanzipation durchläuft. Ich glaube, niemand wird abstreiten, was die deutsche Klassik unter Mendelssohn, Lessing und Schiller für die Entwicklung der Menschheit getan hat. Aber hat sich dadurch auch Mendelssohns Vorstellung von der Befreiung seiner Brüder verwirklicht?
Ja, das hat sie, denn es waren, wie am Beispiel Sachsens klar zu erkennen ist, diese Ideen und Ideale, die dafür sorgten, daß die Juden Deutschlands ein integraler Teil der Gesellschaft wurden. Doch bevor es dazu kommen sollte, war es Mendelssohn, der der jüdischen Gemeinde zu Dresden ermöglichte, überhaupt weiter existieren zu können, denn 1777 sollten viele der verarmten Juden aus Dresden ausgewiesen werden, mit der Begründung, sie seien für den Staat nicht „gewinnbringend“. Mendelssohn schrieb daher für den Erhalt der jüdischen Gemeinde zu Dresden einen Brief an den geheimen Kammerrat von Ferber und schloß diesen Brief mit folgenden Worten:
„Die höchste Stufe der Weisheit ist unstreitig, Gutes tun. Glücklich, wem die Vorsehung den Willen und die Macht beschieden, Sittlichkeit und Bruderliebe unter den Menschenkindern durch Werke und Taten zu verbreiten, und dem Vorurteile entgegenzutreten, so oft es der Glückseligkeit der Menschen im Wege steht.“
Dieser Brief half, die jüdische Gemeinde zu erhalten, weil er auf Menschen traf, die die darin enthaltene Botschaft, daß es doch nichts besseres gäbe, als die Glückseligkeit aller zu befördern, verstanden. Wie weit dieses Verständnis in den politischen Rängen Sachsens in den kommenden Zeiten reichen sollte, zeigte sich 1836, also 59 Jahre nach Mendelssohns Brief, als eine Petition gegen die Juden Dresdens an den sächsischen Landtag eingereicht wurde und auch eine Gegenpetition erschien. Ich sage das, weil es damals nicht selbstverständlich war, daß Landtagsabgeordnete zu diesem Thema auch eine Gegenpetition zuließen, denn Juden gehörten damals zur untersten Bevölkerungsschicht, für die sich in der Regel keiner einsetzen wollte. Doch das wohl deutlichste Beispiel dafür, daß Mendelssohns Ideen auf fruchtbaren Boden gestoßen waren, ist, daß bei der Verlautbarung der Petition, die sich für die Bürgerrechte der sächsischen Juden aussprach, der spätere König und damalige Prinz Johann sagte, „es tue ihm Leid, daß in dem Land, in dem er lebe, Einwohner noch um ihre Gleichstellung bitten müssen.“
Doch zunächst müssen wir nochmals 35 Jahre in der Geschichte zurückgehen, um dann weiter voran zu schreiten - wir müssen zurück in das Jahr 1801. In diesem Jahr wurde in der Dresdner Gemeinde Bernhard Beer geboren, der für die Ideen und die Ideale der deutschen Klassik einstand, wie nur wenige vor ihm. Bereits als 25-Jähriger wollte er sein Wissen um diese Ideen auch weitergeben, weil er der festen Überzeugung war, daß sich nur etwas verändern kann, wenn die Jugend dazu angeregt wird, über höhere Wahrheiten der Religion und die Bestimmung des Menschen nachzudenken und dann auch nach ihren Überlegungen handelt. Dazu veranstaltete er mit den jungen Menschen seiner Gemeinde Studienkreise, in denen sie lasen, diskutierten und einzelne Themen ausarbeiteten.
Als dann 1836 das große Vorhaben endlich geschafft war und die Juden Sachsens auch Berufe wie alle anderen Mitbürger ausüben durften, sah er die Zeit gekommen, die Gedanken Mendelssohns aus den Studierkellern herauszulassen und in die Tat umzusetzen. Das konnte aber nur geschehen, wenn es der jüdischen Bevölkerung ermöglicht würde, die sich ihnen nun bietenden Möglichkeiten zu ergreifen. Das Problem war jedoch, daß trotz der Aufhebung gesetzlicher Beschränkungen die Beschränkungen in den Köpfen weiter existierten. Außerdem war die wirtschaftliche Lage der meisten Familien so schlecht, daß sie ihren Kindern keine Bildung ermöglichen konnten.
Wie konnte es bewerkstelligt werden, diese Situation zu verändern; wie sollte ein verarmter Bevölkerungsteil die Möglichkeiten einer handwerklichen Ausbildung oder eines Universitätsstudiums wahrnehmen, ohne die finanziellen Mittel zu besitzen, diese zu finanzieren und sich die nötigen Arbeitsmaterialien zu beschaffen? Dies waren die Probleme, mit denen sich Beer konfrontiert sah. Er verstand, daß die allgemeine Masse der Menschen erst nach höherer Bildung strebt, wenn sie etwas zu essen auf dem Tisch hat. Also war die notwendige Konsequenz für ihn, alles in seiner Macht stehende zu tun, um den jungen Menschen zu ermöglichen, ein Handwerk zu erlernen. So erlangte der von ihm im Jahre 1829 zu Moses Mendelssohns hundertjährigem Geburtstag gegründete Mendelssohn-Verein zu Dresden eine noch größere Bedeutung, denn er sollte das Modell dafür werden, wie es zu bewerkstelligen sein könnte, die Jugend in Arbeit zu bringen. Dieser Verein hatte das Ziel:
„jede nützliche Tätigkeit bei der hiesigen israelitischen Jugend zu befördern, so wie überhaupt verbesserte Gesinnung über Isrealiten und Isrealitentum zu verbreiten, und wird vorerst sich bestreben, hilfsbedürftige Knaben hiesiger Gemeinde die Mittel zum Erlernen nützlicher Erwerbszweige, freier und technischer Künste auch der Wissenschaften zu verschaffen, und zwar soweit solches landesgesetzlich geschehen kann.“
Weiter hatte dieser Verein sich das Ziel gesetzt, während der Ausbildung der Knaben darauf zu achten, daß diese allen ihren Pflichten weiterhin nachkamen und sich um ihre Weiterbildung bemühten, um sicherzustellen, daß sie auch von den neu gewonnenen kulturellen Vorzüge einen Nutzen hatten und aus der Lethargie ihres Ghettobewußtseins erwachten.
Diese Bestrebung nach gesellschaftlicher Veränderung, die der Verein nach dem Vorbild der Ideen Mendelssohns anstrebte, hatte eine massive wirtschaftliche Verbesserung für Sachsen zur Folge. Denn nun endlich war man auf dem Weg, eine Umgebung zu schaffen, in der die Entfaltung der persönlichen Fähigkeiten eines jeden möglich wurde, egal welchem Stand oder Religion er angehörte. Dadurch entstanden nach und nach neue Betriebe und Wirtschaftszweige in Sachsen. Die zwei größten von ihnen waren der Maschinenbau und die Textilindustrie, wobei letztere zu einem großen Teil von den Söhnen und Töchtern derjenigen aufgebaut wurden, die durch die von Bernhard Beer geschaffenen und beeinflußten Institute die Möglichkeit erhalten hatten, ihre Chancen zu ergreifen.
Durch die sich verbessernde wirtschaftliche Lage Sachsen wuchsen auch die jüdischen Gemeinden und so auch die religiöse und kulturelle Akzeptanz. Die Zahl der sächsischen Juden stieg von 874 im Jahr 1832 auf über 3346 im Jahre 1871 und bis zur Jahrhundertwende auf 12.000 an. In Chemnitz beispielsweise, das in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts als das Manchester Sachsens bekannt war, gab es 1930 allein 600 Wirkerei- und Strickereibetriebe; davon waren 212 in jüdischem Besitz, eine Tatsache, die noch 100 Jahre zuvor als unmöglich galt. Weiter ist zu beachten, daß der größte Teil der sächsischen Juden als Unternehmer tätig wurde und somit sehr wichtig für die Entstehung des sächsischen Mittelstandes war. Sie haben entscheidend dabei geholfen, das Land zu dem zu machen, was es einmal war, denn wie hätte die Elektrifizierung stattfinden können oder die Eisenbahn gebaut werden sollen, ohne einen Mittelstand, der diese Entwicklungen trägt?
Wenn man sich diese Entwicklungen anschaut, fragt man sich natürlich, ob es wirklich sein kann, daß zwei Menschen, Moses Mendelssohn und Friedrich Schiller als herausragendste Figur der deutschen Klassik, durch ihr Wirken soviel verändert und diesen Prozeß von der jüdischen Emanzipation bis zur Industrialisierung Sachsens entscheidend geprägt haben sollen?
Ja, natürlich haben sie das, denn es waren ihre Ideen in den Köpfen derjenigen, die diese Veränderungen getragen haben. Es waren dies die Ideen, die Menschen dazu veranlaßten, aus ihren alten Gewohnheiten auszubrechen und nach vorn zu schauen. Dies galt und gilt bis heute gleichermaßen für alle Menschen. Genau deswegen, weil sie alle begeisterten und für alle Geltung hatten, konnten es auch nur diese universellen Ideen sein, die die Macht besaßen, das geistige Ghetto, in dem die Juden damals in ganz Europa gehalten wurden, zu durchbrechen. Moses Mendelssohn hatte also recht, als er sagte, daß seinen Brüdern nur dann Gerechtigkeit widerfahren könne, wenn der gesamten Menschheit Gerechtigkeit widerfahre.
Wie wichtig diese Ideen waren, wird deutlich in einem Artikel der jüdischen Zeitung „Ost und West“ von 1905, in dem der Autor zwar eigentlich über Übersetzungen von Schiller ins Hebräische spricht, aber sehr schnell darauf kommt, warum Schiller für die damaligen Juden und die Haskala (von den Ideen Mendelssohns ausgehende Emanzipation der Juden) so wichtig war. Im Unterschied zu Goethe, der zwar als großer Gelehrter bei den Juden galt, war Schiller derjenige, der für sie nicht nur ein großer Gelehrter war, sondern auch ein Freund im Geiste, der ihr Herz erwärmte und sie zur Verbesserung anspornte:
„...Seitdem die Kenntnis des Hochdeutschen sich unter den Juden Polens und Litauens, hauptsächlich dank der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, ausbreitete, hielt auch Schiller unter ihnen seinen Einzug. Er eroberte sich hier den Boden nur sehr langsam, behauptet aber bis heute das Feld. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er der Liebling des Ghettos. Schiller las man hier nicht; man studierte, man lernte ihn, man konnte ihn auswendig, man vertiefte sich in ihn, man forschte in ihm, wie man in den heiligen Schriften forschte, und man las auch in ihn tausenderlei Dinge hinein, und aus ihm heraus, ganz wie es mit den heiligen Schriften geschah, Schiller kannten junge und alte, Männer und Frauen; Jünglinge und Jungfrauen erbauten, begeisterten, berauschten, erzogen sich an ihm. Schiller war ihre heimliche Liebe, wenn sie hinter den mächtigen Talmud-Folianten im Bethamidrasch standen; er war ihr Freund und Tröster, wenn sie nachher draußen im Leben von feindlichen Gewalten bedrängt wurden. Er ward unser Schiller...
Was die Juden des Ostens so mächtig zu Schiller hinzog und ihnen so lieb und teuer machte, war, abgesehen von der Zeitstimmung der Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit, von der sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beherrscht waren, und der Schiller einen so grandiosen Ausdruck verlieh, noch etwas ungleich Tieferes und Dauerhafteres. Es war Schillers warme und echte Religiosität, die, frei von allen beengenden Schranken, die ganze Menschheit umspannte. Es war ferner die herbe Reinheit und Keuschheit seiner Gesinnung, bei aller Glut und Liebesempfindung, die den Lesern aus seinen Gedichten und Dramen entgegen weht. Es war sein sonniger Optimismus, der der Zuversicht entquoll, daß der endliche Sieg in der Welt dem Göttlichen und Guten gehört. Es war schließlich das Zwiefache und scheinbar Gegensätzliche in Schillers Wesen: er, der nationalste unter den größten deutschen Dichtern, war zugleich so universell. Er verstand und liebte die Menschen so vieler Zeiten und Völker, und Gott gab ihm zu sagen, was sie litten. Schiller machte den Juden keine Komplimente, er kannte sie nicht und schilderte sie nicht. Er bestach sie auch nicht etwa durch Anklage an die Bibel, die man z.B. bei Goethe so häufig antrifft. Gleichwohl fühlten sie, daß in ihm ein Geist lebte, der in seinen tiefsten Tiefen den Geistern aus der Mitte ihres eigenen Volkes verwandt war, die sie von der Urzeit her verehrten. Darum liebten sie so innig und herzlich - das schönste Herz, das in Deutschland gelebt und gelitten...
Zu diesen wenigsten gehörte der Oberrabbiner von Zollkiew in Galizien, Hirsch Chajoth, eine der ersten talmudischen Koryphäen des 19. Jh., von dem man erzählt, daß er an einem Sabbathmorgen im Jahre 1832 tief betrübt in die Synagoge kam und mit dem Anfang des Gottesdienst ungebührlich zögerte, da man ja nur in fröhlicher und gehobener Stimmung beten darf. Als man ihn befragte, was die Ursache seines Kummers wäre, antwortete er seufzend, er habe soeben einen Brief erhalten, der ihm berichtete, Goethe sei gestorben. - Ach Rabbi, Goethe ist gestorben! - Und man sprach die beim Vernehmen einer Trauerkunde vorgeschriebene Benediktion. Wenn ihr Oberhaupt um Goethe trauerte, mußte es mindestens Rabbi Goethe sein.
Doch war er, wie gesagt, in Wirklichkeit nur der Rabbi der allerwenigsten. Schiller dagegen wird das ganze jüdische Volk als einen seiner Erzieher zur Kultur, als einen seiner größten Wohltäter stets mit dankbarer Verehrung nennen.“ (Ost und West, Heft 5, Mai 1905 – www.compactmemory.de)
Ich möchte diese Auszüge nur stellvertretend anführen für die Fülle an Material mit der gleichen Aussage. Schiller, Mendelssohn und die anderen Vertreter der Deutschen Klassik befreiten die Menschheit und brachten sie dem Zeitalter der Vernunft näher. Darum wurden sie von den Menschen geliebt. So wird klar, daß die antisemitischen Hetztiraden, die Ende des 19. Jahrhunderts begannen und ihren grausamen Höhepunkt in der Verachtung und Vernichtung menschlichen Lebens in der NS-Zeit fanden, letztlich gegen die ganze Menschheit gerichtet waren, gegen das Zeitalter der Vernunft und des Fortschritts - gegen Schillers Konzept der Schönen Seele des Menschen.
Zum Abschluß möchte ich noch ein letztes Beispiel anführen. Victor Klemperer, der Vetter des Komponisten Otto Klemperer und selbst deutscher Jude, lebte während des gesamten 2. Weltkrieges in Dresden und überlebte dort. Er mußte zusehen, wie Freunde und Verwandte verhaftet, ermordet und verschleppt wurden. Trotzdem schreibt er als deutscher Jude in seinem Tagebuch am 11. Mai 1942: „ Den schwersten Kampf um mein Deutschtum kämpfe ich jetzt... Ich bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muß daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut...“. Und am 30 Mai: „Ich bin deutsch und warte, daß die Deutschen zurückkommen; sie sind irgendwo untergetaucht.“ Klemperer ist mit den Ideen Mendelssohns und Schillers aufgewachsen und davon geprägt worden. Dies gab ihm die Kraft zu diesen Aussagen und dazu, diese schwere Zeit durchzustehen.
Wenn wir heute auf die Geschichte zurückschauen, dann erkennen wir unsere Verantwortung für die Zukunft - wenn wir uns nicht vom Zeitgeist täuschen lassen. Wir müssen an dieser Stelle der Geschichte erkennen, daß der jetzige Zustand der Politik und Wirtschaft ein Resultat der Kultur ist, in der wir aufgewachsen sind und die jeden Tag auf uns einwirkt. Daher gilt: Wenn wir die Ideen von Mendelssohn und Schiller wieder wachrufen, kann Deutschland seine Seele wieder finden - statt sich von Selbsthaß und Ignoranz zerstören zu lassen und, alle schönen und guten Dinge vergessend, in den Abgrund zu gleiten.
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Lesen Sie hierzu bitte auch: „Moses Mendelssohn war kein Heiliger, seine Größe lag in seinem Mensch sein“ - Neue Solidarität Nr. 24/2007 Mit dem Schwarzen Block zurück in die Steinzeit? - Neue Solidarität Nr. 24/2007 In der „besten aller möglichen Welten” ist der Bürger nicht ohnmächtig! - Neue Solidarität Nr. 23/2007 Die ästhetische Erziehung von Lessing und Mendelssohn bis zu Schillers „schöner Seele“ - Neue Solidarität Nr. 14-15/2007 Moses Mendelssohn gab Deutschland seine Seele - Neue Solidarität Nr. 13/2007 Wie Deutschland seine Seele wiederfinden kann! - Neue Solidarität Nr. 32/2004 |
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