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Von Lyndon H. LaRouche
Vollständige deutsche Übersetzung des ersten Kapitels von LaRouches Schrift vom 19. Dezember 2004 (auf englisch erschienen in dem Buch "Earth's Next Fifty Years", Hrsg. Lyndon LaRouche PAC, Leesburg VA, März 2005.)
Kompetente Wissenschaft oder ein ehrlich angestrebter Dialog der Kulturen geht immer von der Annahme aus, daß in der Gesamtheit der vorhandenen Überzeugungen jeder nationalen Kultur oder jedes Lehrgebäudes ein bedeutender Teil falsch ist. Das erste Prinzip der Wissenschaft sollte demnach sein, sich damit zu befassen, was am ganzen Gebäude der öffentlichen oder wissenschaftlichen Meinung - und sei sie noch so stolz vertreten - falsch ist. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die besonderen Paradoxa, die im Grenzbereich eines allgemein anerkannten Gedankengebäudes liegen. Ein Beispiel sind die jeweiligen Grenzen zwischen nichtlebenden Systemen, lebenden Systemen und Systemen der menschlichen Erkenntnis in Wernadskijs Noosphäre mit ihrem unterschiedlichen Wesen und ihren jeweiligen Besonderheiten als universelle physikalische Systeme, aus denen sich das bekannte Universum als ganzes (als Riemannsches integriertes System) zusammensetzt.
Ob man diese Methode anwenden darf, hängt nicht davon ab, ob es schon klare Anzeichen für irgendeinen bestimmten Fehler in den gerade anerkannten Überzeugungen gibt. Ein guter Gesundheitszustand heißt nicht nur, daß keine Krankheit sichtbar zu erkennen ist, man muß auch Krankheiten entdecken und vorbeugen, die wir bisher noch nicht richtig als Bedrohung erkannt haben - so wie es im Falle der Retroviren war. Mit dieser Methode können wir erkennen, daß selbst an bisher nicht widerlegten allgemeinen Überzeugungen etwas falsch ist. Sie ist kein bloßes Flickzeug, das man herausholt, wenn man eindeutig falsche Ansichten entdeckt hat. Es ist eine Denkweise, die bei jeder Gelegenheit alle anderen verdrängen muß.
Die Methode, aus unserem Wissen über die Zukunft zu lernen, wie ich sie in der Einführung zu dieser Schrift beschrieben habe, ist nicht neu. Sie stammt aus der Antike. In der Naturwissenschaft gehört sie unausgesprochen zur Methode der Sphärik, welche die Pythagoräer und Platon, neben anderen Vertretern der klassischen29 griechischen Antike, der in Ägypten entwickelten Astronomie entlehnten. Tatsächlich wurde mit allen wirklich klassischen Strömungen des europäischen wissenschaftlichen Denkens seit jener Zeit diese Methode wieder aufgegriffen - als bewußtes Mittel, um die entgegengesetzten verkommenen Methoden von Eleaten, Sophisten und anderen philosophischen Reduktionisten zu vermeiden. Das ist beispielsweise die Methode Keplers, was sich darin widerspiegelte, daß er zukünftige Mathematiker aufforderte, den infinitesimalen differentialen Kalkulus zu entwickeln, wie Leibniz (und nur er) es dann wirklich tat.30
Diese Entdeckungen, nacheinander von Kepler, Leibniz und Bernoulli, Gauß, Riemann u.a., sind der Beleg der Methode, mit der die Menschheit Vorwarnungen entdeckt und so ein gewisses Vorwissen der noch nicht erlebten Zukunft erwirbt. Dies hängt ab vom Begriff der Kraft im klassischen griechischen Sinne, wie ihn die Pythagoräer, Platon und seine Akademie u.a. auffaßten31 - der Begriff eines universellen Naturprinzips, wie wir mit Recht sagen können. Wie Wernadskij die Begriffe der Biosphäre und Noosphäre entwickelte, ist ein weiteres Beispiel für die Anwendung dieser klassischen Methode der Kräfte.32
Wie ich in dieser Schrift zeigen werde, liefert diese Sichtweise die einzige vertrauenswürdige Herangehensweise für einen "Dialog der Kulturen". Das angesprochene Werk Wernadskijs liefert einen solchen notwendigen Bezugspunkt, um die Herausforderungen der modernen Volkswirtschaft zu bewältigen, indem man diese Probleme von einem höheren Standpunkt aus, vom Erhabenen aus angeht.
Diese grundlegenden Entdeckungen solcher Kräfte in der Wissenschaft haben gezeigt, daß die größte Ansammlung von Fehlern gewöhnlich in Annahmen steckt, die irregeführte Vertreter einer irrenden Kultur zu ihrer unerschütterlichen Überzeugung machen. Oft machen sie daraus a priori-Annahmen. Die kartesische Ordnung von a priori-Definitionen, Axiomen und Postulaten bei den Empiristen oder das aristotelische astronomische Schema des Betrügers Claudius Ptolemäus im Römischen Reich sind typisch für etwas, was oft nicht nur ein intellektuell verhängnisvoller Irrtum, sondern bewußter Betrug ist.33 Daher muß sich die Wissenschaft immer einen Ausgangspunkt suchen, der im Universum praktisch existiert, aber außerhalb des Bezugsrahmens liegt, in dem sich der vermutete Fehler in den Annahmen verbirgt - sie braucht einen Bezugsrahmen außerhalb der Reichweite der derzeitigen Überzeugungen des Forschers. Bei Fragen, welche die Natur des einzelnen Menschen und der Menschheit im allgemeinen betreffen, ist Wernadskijs Vorstellung der Noosphäre ein außerordentlich nützlicher und derzeit äußerst wichtiger Ausgangspunkt für das Verständnis der Probleme, die in nächster Zukunft erkannt und gelöst werden müssen.
Ein Beispiel: Um die Vorurteile, die eine verderbliche ideologische Trennmauer zwischen Kunst und Wissenschaft geschaffen haben, leichter zu überwinden, wollen wir nun diese Einleitung zur angewandten Naturwissenschaft verlassen, um damit den Fall der klassischen Ironie in englischsprachigen oder anderen Gedichten und Dramen zu vergleichen. Immerhin ist der Dialog der Kulturen selbst Kultur im weitesten Sinn des Begriffs. Was überall in der Kultur als ganzer wahr ist, muß auch in jedem ihrer Teile als wahr nachzuweisen sein.
Köstliche Akademikerwitze über "die Beerdigung der Grammatiker" oder die Abneigung des gebildeten Denkers gegen zeitgenössische Stilfibeln sind von klinischer Bedeutung, weil sie die Aufmerksamkeit auf die axiomatischen Wurzeln eines großen Mangels der gängigen Kulturen lenken: Diese Kulturen sind unfähig, einheitliche Begriffe der Wahrheit zu definieren, die auf systematisch kohärente Weise für sprachliches wie für naturwissenschaftliches Denken anwendbar wären.34 Diese Schwäche, die "Torheit der Grammatiker" in der Entwicklung des Individuums kann ein lähmendes Hindernis auf dem Weg zu einem Dialog der Kulturen und damit auch der Naturwissenschaft sein.
Gerade wenn es um einen Dialog der Kulturen geht, wäre es töricht, sich auf Vereinbarungen zu verlassen, die nur nach dem Wörterbuchverständnis der toten Worte eines Grammatikers zustandekommen. Wir brauchen etwas Lebendiges, nicht leblose Worte, denen jeder nach seinem Gutdünken irgendeine willkürliche Bedeutung beilegen kann. Die Lehre vom "Buchstaben des Gesetzes", wie sie der berüchtigte Richter Antonin Scalia vom Obersten Gerichtshof der USA vertritt, ist ein Paradebeispiel für solches pathologisches Verhalten moralisch toter Geister. Um eine Art "intelligenter Kommunikation" zu ermöglichen, müssen wir Worte zum Leben erwecken - eine Wiederbelebung, die in jedem steifen Grammatiker einen heiligen Schrecken hervorruft, wie er auch Rembrandts Belsazar traf!
Um eine literarische oder künstlerische Kultur in das gleiche System einzubinden wie eine wissenschaftliche Kultur, wie sie Wernadskijs Werk zur Noosphäre verkörpert, betrachte man diejenigen Grundsätze einer Sprachkultur, die zwischen der Vorstellung der Kultur im allgemeinen und Wernadskijs Werk eine Brücke schaffen können.
Shakespeare und alle anderen fähigen Schriftsteller, Dichter und Philosophen wußten es schon immer: Wie ich hier zeigen werde, existiert Wahrheit - anders als Scalia meint - nur in dem, was man Ironie oder Metapher nennt; in dem, was dem schlecht gebildeten Kopf erscheint wie Brüche in den wörtlichen Bedeutungen, welche diese Leichenbestatter des Geistes, die Grammatiker, den Worten beigelegt haben. Die Wahrheit steckt in den scheinbaren Brüchen, "dazwischen", im Prinzip der Ironie, wie es William Empson in seinem bemerkenswerten Werk Sieben Arten der Mehrdeutigkeit behandelt.35
Mehrdeutigkeit, als welche die klassische Ironie eines großen Dichters manchmal erscheinen mag, ist so verstanden die einzige wirksame Methode, durch Äußerungen in einer gemeinsamen Sprache die Fesseln der wörtlichen Bedeutung aufzubrechen, um den Menschen aus der Sklaverei toter Worte zu befreien und genaue Vorstellungen wahrer Ideen und durch die Ironie erweckter lebendiger Worte zu vermitteln. Für einen Menschen, der wirklich denken kann, ist der Grammatiker die perfekte Verkörperung des funktionell Schwachsinnigen, der einem bei der Suche nach wahren Ideen im Wege steht. Wirklich lebendiges Wissen findet man nur in den transzendentalen Ausdrücken, die wir als klassische Ironie bezeichnen.
Diesen Punkt klarzustellen, trifft den Kern des Problems, um das es hier unmittelbar geht.
Stellen wir uns die Frage: Warum ist es für eine angemessene naturwissenschaftliche Arbeit notwendig, daß wir die Entdeckung eines experimentell nachgewiesenen Naturgesetzes mit dem Namen des betreffenden Entdeckers verbinden? Nicht die Namen, die man manchmal den mathematischen Formeln beilegt, mit denen man eine Wirkung der Anwendung eines Prinzips beschreibt, sondern der Name des Entdeckers selbst.
Diese Frage sollte Aufmerksamkeit für einige entscheidende Beispiele der Bedeutung klassischer Ironie in uns wecken: Wir müssen beweisen, warum wir die Methode des Grammatikers als "Spiel mit toten Worten" bezeichnen müssen.36
Indem wir die Entdeckung eines Naturgesetzes mit dem Namen des Entdeckers verbinden - beispielsweise Archimedes - , sind wir unausgesprochen verpflichtet, in unserem eigenen Geist das entsprechende Erlebnis der Entdeckung hervorzurufen und nachzuvollziehen - in dem Fall die des Archimedes oder auch die des Archytas, als er sich mit der Verdoppelung des Würfels befaßte. Wir verpflichten uns, die innere kognitive Erfahrung des Vorganges dieser Entdeckung nachzuvollziehen. Wir versuchen also, eine Nachbildung der entsprechenden Entdeckung aus dem Geist dieser Person, wie sie es damals erlebte, in unseren eigenen souveränen Denkabläufen ins Spiel zu bringen. Indem wir das tun, wird die entsprechende Entdeckung als "lebendige Idee" definiert, und die Worte, die ironisch benutzt wurden, um uns die Richtung anzugeben, werden zu "lebendigen Worten" - Worte, die für uns lebendige Bedeutung haben - anstelle toter Buchstaben. Das ist mit "Hervorbringen und Vermitteln wirklicher Ideen" gemeint. Das heißt es, Ideen platonischer Art lebendig zu machen.
Ein Beispiel: Manche machen den großen Fehler anzunehmen, Entdeckungen von Naturgesetzen ließen sich an einer Tafel oder am Computer vorführen. Das behaupten z.B. die wirren Anhänger der "Informationstheorie". Gauß hat die Wahrheit bewiesen, als er 1799 in seiner Schrift den entsprechenden Schwindel von Empiristen wie D'Alembert, Euler, und Lagrange aufdeckte. Er bewies erneut, daß Entdeckungen von Prinzipien nicht durch formale mathematische Konstruktionen arithmetischer oder kartesischer Art zustandekommen. Die Entdeckung wird durch die formalen Paradoxa - etwa algebraische Paradoxa, die sich an einer Tafel darstellen lassen - nur angestoßen. Aber die eigentliche Entdeckung vollzieht sich weder an der Tafel noch im Innenleben eines Computers - das geht nur innerhalb der souveränen Erkenntnis, der Vorgänge der Hypothesenbildung, die eine einzigartige Fähigkeit des menschlichen Geistes sind und die den Menschen vom Tier unterscheiden.
Den Namen des ursprünglichen Entdeckers zu nennen, ist eine Herausforderung: die Herausforderung, den Vorgang der Entdeckung, wie er sich im Geist dieses namentlich bekannten Entdeckers vollzog, im eigenen Geist nachzuvollziehen. Das kann man nur tun, indem man seine entsprechende Hypothese im eigenen Geist neu erschafft. Die scheinbar, doch wunderbar paradoxe ontologische Bedeutung meiner Äußerung wird deutlich werden, wenn man die folgenden Kapitel dieser Schrift über Wernadskijs Begriff der Noosphäre konzentriert verfolgt.
Bereits an dieser Stelle kann uns Wernadskijs Gedanke der Noosphäre helfen, einiges von der physischen Bedeutung des gerade Gesagten zu erhellen. Unser lebendes Gehirn und sein Zubehör erweckt z.B. den Ablauf von Archimedes' Entdeckung wieder zum Leben, so wie er sich im Geiste des Archimedes vollzogen hatte. Er wird innerhalb der Funktionen unseres lebendigen Gewebes wiedergeboren.37 Dieser Vorgang ist die charakteristische Form des Hypothesenbildens, das Platons Sammlung der sokratischen Dialoge zusammenfaßt. Daß dieses Wiederbeleben der lebendigen Idee hinter dem Namen Archimedes - die lebendige Erkenntnis jenes damals lebenden Archimedes - etwas Physisches ist, haben die Ausleger von Wernadskijs Werk anscheinend bisher noch nicht begriffen. Sowohl das sowjetische "materialistische" als auch das liberal-empiristische Dogma sind Hindernisse, auf die man achten muß, wenn man sich mit den Beweisen für diesen Fehler befaßt.
Vielleicht ist es an dieser Stelle notwendig, diesen Gedankengang noch einmal zu rekapitulieren: Die Ironie, die Person des Entdeckers mit der Entdeckung eines Naturprinzips gleichzusetzen, verpflichtet uns, die lebendige Erfahrung dieses ursprünglichen Vorgangs in seinem Geistes als lebendige Erfahrung in unserem eigenen Geist nachzuvollziehen. Dies ist sozusagen ein Modellfall für die Funktion der klassischen Ironie als dem einzig wahrhaftigen Weg, über Arten der Verständigung, die praktisch tot sind, wenn man sie nur für sich behandelt (wie es bloße Grammatiker tun), von einem Geist zum anderen eine lebendige Erfahrung von Wahrhaftigkeit zu vermitteln, selbst wenn Tausende von Jahren dazwischen liegen.
Die klassische Tragödie, etwa von Aischylos, Shakespeare oder Schiller, ist in der Kunst ein Modell für die gleiche Bedeutung der klassischen Ironie, wie ich sie für den anderen Fall dargelegt habe, daß man ironisch Namen wie Archimedes, Kepler oder Gauß benutzt, um den Geist des Hörers anzuregen, die entsprechende Entdeckung eines Naturprinzips nachzuvollziehen. Dies dient uns wiederum dazu, zu zeigen, wie man festlegt, welche Prinzipien man annehmen sollte, um einen Dialog der Kulturen zu entwickeln, und vor denen zu warnen, die nicht angewandt werden sollten.
Wozu studiert man die klassische Tragödie?
Zum Beispiel: Wozu braucht man klassische Schauspieler? Sprechen die gedruckten Worte nicht für sich selbst? Sollte nicht irgendeine bunt zusammengewürfelte Schar von Laienschauspielern, die den Text des Dramas vorträgt, genausogut in der Lage sein, die Absicht eines Verfassers wie Schiller oder Shakespeare zu vermitteln? Vielleicht fehlen ihnen ein paar Feinheiten, aber vermindert das die Fähigkeit, die vom Schriftsteller beabsichtigte Bedeutung zu vermitteln? Der sophistische Pedant würde auch fragen: Ist das Rezitieren klassischer Dichtung nicht eine Frage des "Geschmacks"?
Aber das sind nur Meinungen. In Wirklichkeit muß eine Schauspieltruppe, die ihr Fach beherrscht, beispielsweise in den Eingangsszenen zu Hamlet oder Julius Cäsar den Geisteszustand des alten Rom zu Zeiten Cäsars und Ciceros oder von Hamlets legendenhaftem Dänemark, so wie Shakespeare es sah, lebendig auf die Bühne bringen, noch bevor die Hauptpersonen des Stückes selbst aufgetreten sind. Aus Gründen, die ich weiter unten erläutern werde, ist es bei der Komposition klassischer Tragödien fast schon ein Prinzip, daß die Hauptperson erst auftreten darf, wenn das Paradoxe an dem ganzen Umfeld, in dem sie erscheint, im Geist des Publikums schon zu einer ganz bewußten, klar umrissenen Erfahrung geworden ist - und natürlich durch Proben und die Erfahrung wiederholter öffentlicher Aufführungen auch in den Köpfen der Schauspieler der klassischen Bühne.38
Ich werde versuchen, diesen Punkt, der ein wesentlicher Gesichtspunkt des Dialoges der Kulturen ist, zu verdeutlichen: Das Wesen des Dramas liegt jenseits der Buchstaben, sozusagen "in den Ritzen". Ein wahrer Dialog dieser Art findet nur in dem Bereich statt - dem Bereich der platonischen Hypothesenbildung - , wo die Wahrheit liegt: in dem universellen Prinzip der spezifisch menschlichen Kommunikation, der klassischen Ironie.
So muß beispielsweise in den Eröffnungsszenen der beiden Tragödien Shakespeares, die uns hier zur Veranschaulichung dienen, das Publikum sehr rasch, nachdem der Vorhang sich geöffnet hat, das unheimliche Gefühl bekommen, daß das Universum auf der Bühne ein ganz anderes kulturelles Universum ist als ihre eigene reale Lebenswelt. Das wechselseitige Verhalten der Schauspieler auf der Bühne darf die Worte nicht so ausdrücken, als hätten sie Menschen aus der zeitgenössischen Kultur des Publikums gesprochen, und die Zuschauer dürfen nicht es nicht als Geschehen innerhalb ihrer eigenen zeitgenössischen Erfahrung auffassen. Andernfalls wäre die Aufführung von Anfang an künstlerisch mißlungen.
Das heißt: Die ableitbaren Verhaltensregeln zwischen den Menschen der einen Kultur sind anders als die einer anderen. Die klassische Tragödie handelt davon, wie die systemischen Eigenschaften einer Kultur, als Ganzes betrachtet, zu deren Untergang führen. So spürt der zeitgenössische Zuschauer die oft scheinbar nur ganz feinen Unterschiede zu dem vermeintlich gleichen Gespräch, wenn es innerhalb der Kultur der Zuschauer wiederholt würde. Es muß ganz klar sein, daß diese Gespräche in diesem anderen kulturellen Umfeld stattfinden - an einem anderen Ort der physikalischen Raumzeit, der für die Kultur steht, die das Thema der Tragödie bildet.
Man muß also hervorheben, daß die Hauptfiguren einer Tragödie auf der Bühne anders handeln, anders denken, Teil einer qualitativ anderen Kultur sind als die Zuschauer oder die Schauspieler als Privatpersonen. Selbst wenn sie die gleichen Worte aussprechen, ist die Bedeutung in irgendeiner Hinsicht eine ganz andere. Schließlich haben sie sich von einer Gesellschaft, ihrer Alltagswelt außerhalb der Bühne, in eine andere Welt begeben, die Welt einer vergangenen geschichtlichen Epoche, einer anderen Kultur und anderer Lebensumstände. Ein guter Autor oder Regisseur muß das Genie haben, eine tiefe Einsicht in diese systemischen Unterschiede zu entwickeln und die Feinheiten der kulturellen Substanz anzuführen, die den Rahmen des vom Autor beabsichtigten Themas bilden.39
Es zeichnet den großen Dichter aus, daß er solche Möglichkeiten wirksam ausschöpft. Seine Absicht ist, das Publikum aus dem Universum, in dem es lebt, geistig in ein anderes Universum zu versetzen, wo der Umgang der Menschen miteinander in der Gesellschaft qualitativ anders ist als in der Welt der Zuschauer. Die Schauspieler müssen sich selbst und ihr Verhalten untereinander in dieses andere Universum verlegen; das eigene sollten sie solange auf der Straße geparkt lassen.
Deshalb ist es unbedingt erforderlich, daß die Schauspieler im Stück von Anfang an nicht bloß Verse rezitieren. So müssen die Schauspieler in der Eröffnungsszene von Julius Cäsar Römer jener Zeit sein. Die Worte, die sie sprechen, haben nicht die Bedeutung, die sie hätten, wenn sie ein Zeitgenosse spräche. Wenn man wie ein lebendiger Römer in entsprechender Stellung handelt und reagiert, mit all der "Körpersprache" und den emotionalen Abstufungen, die dieser Römer unter den entsprechenden Umständen an den Tag legte, wird auf unheimliche Weise der Unterschied deutlich, wie sich diese Römer verhalten und wie wir in unserer Zeit und an unserem Ort diese Zeilen sprächen. Die Wirkung auf den Geist der Zuhörer muß die sein, daß hier etwas unheimlich und "anders" ist, das man spürt und erkennen kann, das aber außer Sichtweite des Zuschauers ist.
Nur ein Beispiel für solche scheinbar unwichtigen, aber entscheidenden Kritikpunkte: Wie spricht Casca Ciceros Namen aus? Was ist seine "Körpersprache"? Wie hätte man dieselben Worte unter heutigen Umständen ausgesprochen? Tatsächlich sieht man hier - zwischen der klassischen Sichtweise, für die Cicero steht, und dem Umfeld des quasi faschistischen Cäsar - schon den erbitterten, alles beherrschenden und für die Tragödie entscheidenden Kampf der Kulturen im alten Rom. Wie gut Shakespeare diesen Zusammenhang verstand, zeigt sich daran, wie er auf höchst ironische Weise Cicero fast körperlich spürbar in die Szene einbezieht. Diese Bedeutung Ciceros, den man gar nicht sieht, ist für die Aufführung der ganzen Tragödie entscheidend. Die Zuschauer werden vielleicht zuerst nicht wissen, warum dieser Bezug auf Cicero so bedeutsam ist, aber Regisseur und Schauspieler müssen die Zuschauer diese Bedeutung spüren lassen.40
Die Absicht des großen Dichters ist nicht, den Zuschauern einfach nur eine bestimmte Lösung für das in der Tragödie vorgestellte Paradox aufzudrängen. Keineswegs; solche Dummheiten überlassen wir den Romantikern, die behaupten, alles zu erklären, aber in Wirklichkeit alles Besondere einer historischen Situation kaputtmachen, indem sie das Schicksal ganzer Völker und Zivilisationen auf die Ebene ihrer Schlafzimmersicht von Scheitern und Triumph einzelner Helden und Bösewichter herabziehen - fast schon Seifenopernniveau!
Nehmen wir Schillers Jungfrau von Orleans: Schiller hat die Grundlagen von Ort und Zeit der damaligen Ereignisse sorgfältig nachgeforscht und die wahre Bedeutung Johannas nachgeschöpft. Johannas Wirken in der Wirklichkeit jener Zeit und jenes Ortes - die reale Auswirkung ihres damaligen Handelns, bis zum Augenblick ihres Todes, als die Inquisition sie auf dem Scheiterhaufen verbrannte - habe ich vor kurzem mit dem Martyrium Martin Luther Kings verglichen, so wie er selbst es begriffen hatte und noch bis zum Morgen seiner Ermordung mit seinen eigenen Worten zum Ausdruck brachte.
Analysis situs! So wie es Leibniz und Riemann verstanden. Es war ihr Handeln in dieser besonderen Lage, wie Schiller es vermittelt, was aus diesem Augenblick der Menschheitsgeschichte heraus die Entwicklung in Gang setzte, der u.a. zur Gründung der ersten wirklich souveränen Nationalstaaten der bekannten Geschichte führte: Frankreich unter Ludwig XI. und England unter Heinrich VII. Durch das Handeln Jeanne d'Arcs und seine Folgen wurde die Macht der jahrhundertealten ultramontanen Ordnung im mittelalterlichen Europa - des Bündnisses des venezianischen Geldadels mit den normannischen Rittern - gebrochen. Und das wird bei einer werkgetreuen Aufführung von Schillers Stück deutlich.
In ähnlicher Weise ist der Maßstab für das Handeln der Vereinigten Staaten heute praktisch immer noch, was wir nach Martin Luther Kings Tod alles unterlassen haben. Martin war nicht Johanna - wieder Analysis situs! Die Kulturen sind verschieden, aber das Prinzip, daß der Mensch ein Werkzeug ist, die Zukunft zu erschaffen, ist der höhere Standpunkt, von dem aus man die unterschiedlichen besonderen Eigenschaften der verschiedenen Zusammenhänge begreifen muß.
Halten wir hier einen Moment inne, um diesen Punkt zu unterstreichen. Er ist für den Erfolg eines Dialoges der Kulturen entscheidend.
In der realen Geschichte erhält die individuelle menschliche Existenz durch die Geschichte der lebendigen Worte Bedeutung in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gleichzeitig. Das Vermitteln von Ideen als lebendigen Worten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft drückt die Unsterblichkeit des einzelnen aus - wie der Widerhall einer alten vedischen Hymne über Astronomie in Mittelasien vor Tausenden von Jahren. Nur eine verdorbene Kultur wie die empiristische oder sophistische wird dem Menschen diese Verbindung durch lebendige Worte (d.h. wahre Ideen im Sinne der platonischen Hypothesenbildung) vorenthalten. Die "erzieherische" Wirkung klassischer Dramen, Musik, Dichtung, Malerei, Bildhauerei und Architektur besteht darin, über das lebendige Wort im Zuschauer oder Zuhörer ein Verständnis der Unsterblichkeit zu wecken. "Gestern sprach mein Geist mit dem Geist des Archimedes. Unsere Geister waren verbunden durch ein Kommunikationssystem, das uns über Jahrtausende hinweg zusammenführt." Die Figur auf der klassischen Bühne, das ist nicht unser Nachbar, der Verse aufsagt, sondern eine vielleicht längst verstorbene Persönlichkeit wie Johanna oder Amerikas Held Martin Luther King, der durch das Medium der lebendigen Worte auf der Bühne wieder lebendig wird. Diese lebendigen Worte verbinden diese reale Vergangenheit unmittelbar mit unserer Gegenwart und bringen so Menschen verschiedener Generationen zusammen - so wie Raphael Sanzio in seinem Fresko Die Schule von Athen sich selbst in der Gleichzeitigkeit der Ewigkeit darstellte.
Auf diese Weise wird der Mann, der vom Rang aus zuschaut, über die Verbindung zu den lebendigen Worten, die auf der Bühne gesprochen werden, ein Gefühl wahrer Unsterblichkeit spüren - vorausgesetzt, Regisseur und Schauspieler lassen die Zuschauer diese Worte wirklich als lebendige Worte fühlen. Hierin liegt das wahre Geheimnis klassischer Tragödien. Wer das lebendige Wort nicht fühlt, der hat an Shakespeares und Schillers Tragödien noch nichts Wesentliches verstanden.
Deshalb gilt für alle wahrhaft klassischen Tragödien, wie bei Schillers Herangehensweise, das strenge Prinzip geschichtlicher Genauigkeit des Historikers. Analysis situs! Bedeutungen lassen sich nicht ohne weiteres aus einer bestimmten Raumzeit des Universums in eine andere verfrachten. Jeder Teil der Geschichte hat einzigartige, historisch präzise Merkmale. Hamlet ist nicht Julius Cäsar. Hamlets sagenhaftes Dänemark ist nicht dasselbe wie die römische Kultur zur Zeit Ciceros - jener Cicero, der für das Stück ganz entscheidend ist, obwohl er kaum darin auftritt, so wie er es auch für die Wendepunkte der wahren Geschichte im Rom jener Zeit war.
Allen gemeinsam aber ist, wie wir die Fähigkeit entwickeln müssen, zu verstehen, nach welchen Gesetzen man die Geschichte verändert, denn sie sind die eigentliche Grundlage der Gesetzgebung und Auslegung der Gesetze der Regierung. Wir verbinden unterschiedliche Zeiten und Orte der Geschichte nicht durch bestimmte Handlungen als solche. Wir verbinden sie mittels der Naturgesetze, der einzig verfügbaren wirklichen Verbindung im sich ständig wandelnden Territorium der Geschichte. Dafür, für die Strategie, bedürfen wir der Methode, die alle historischen Besonderheiten zusammenfaßt. Die Geschichte muß für uns ein Reich der lebendigen Worte sein, die die Unsterblichkeit aller menschlichen Erfahrung und Entwicklung in einem einzigen Bild einfassen, so wie der wahrhaft klassische Historiker vor uns nahtlos die Gleichzeitigkeit der Ewigkeit entfaltet. Solche klassischen Dichter sind die wahren Historiker, das ist die Aufgabe, die sie erfüllen sollten.
Wenn wir viele verschiedene Orte und Zeiten der Geschichte betrachten, müssen wir es vermeiden, "den Durchschnitt zu nehmen", wie es Shakespeares alberner Polonius getan hätte. Wir brauchen ein Konzept, das über allen Versuchen steht, die Geschichte in hermetisch getrennte Abteilungen zu ordnen. Bei diesem Vorhaben kann das Werk Wernadskijs für unsere Arbeit über ein Konzert jeweils ganz eigenständiger Kulturen Wesentliches beitragen.
Nehmen wir als Beispiel in diesem Licht den Geist in Hamlet. Man stellt sich vor, wie dieser Geist während des Monologes im Dritten Akt schweigend und unsichtbar im Dunkel erscheint. Man betrachtet, wie dieser Monolog mit dem früheren Monolog im zweiten Akt vorbereitet wurde. In der Schlußszene spürt man, wie die Wucht des tragischen Untergangs die ganze Kultur dieses sagenhaften Dänemark erfaßt. Während Hamlets Leiche weggetragen wird, stellt Fortinbras seine Torheit zur Schau und schockiert das Publikum mit seinem lüsternen Prahlen, und gleichzeitig richtet der wie betäubte Freund des toten Hamlet den Blick von der Bühne in das versammelte Publikum und spricht unmittelbar zu ihm, fast als wäre die Figur des Chorus (aus Heinrich V.) herbeigerufen worden.
Nun rufe man sich das Bild des Geistes und der Handlung jener Szene zu Beginn des Stücks in Erinnerung. Shakespeare braucht den Geist, und man muß in der Schlußszene spüren, wie der Geist schweigend, unsichtbar, aber doch spürbar anwesend ist. Denn ohne das könnte Shakespeare dem Publikum nicht so leicht dieses unheimliche Gefühl vermitteln, was für ein Geist, was für ein Aberglaube und welcher typische Umgang alle Schichten der auf der Bühne vorgestellten Kultur kennzeichnen. "Die sind alle völlig verrückt!" "Dieses Dänemark ist ein wahrer Alptraum!"
Ich kann dieses Gefühl verstehen, aber man muß vorsichtig sein. Es reicht nicht aus, diese Figuren nur allgemein als verrückt darzustellen. Es muß eine ganz bestimmte Art von Wahnsinn sein, den man ihnen bei der Aufführung gibt: eben der Wahnsinn, der ihrem kulturellen "Goldfischglas" eigen ist. Man darf nicht impulsiv in grotesker Weise gegen das Grundprinzip historischer Stimmigkeit verstoßen. Ohne das Gespür für die historisch stimmige Darstellung (wenn man an die britische Geschichte denkt) oder, was von der Wirkung her das gleiche ist, für das treffend Legendenhafte, das unheimlich in der Irrationalität aller Charaktere dieser Kultur durchscheint, wird hier - und genauso auch in Shakespeares Behandlung von Macbeth und Lear - die wahre Absicht des Dichters nicht angemessen vermittelt. Es reicht nicht, das Stück aufzuführen; man muß das Drama und die darin dargestellte Kultur an ihrem Ort und in ihrer Zeit erleben.
Die Drama Hamlet endet in der Schlußszene mit einem Appell an das Publikum: Es soll erkennen, daß die treibende Kraft der Tragödie nicht in der Person Hamlets an sich liegt, sondern in der Kultur dieses Dänemarks als dem eigentlichen Thema des Dramas. Hamlets ist deshalb so erbärmlich, weil er nur allzusehr den verrückten Dänen jener sagenhaften Zeit verkörpert. Noch bevor die Hauptfigur die Bühne betritt, muß das Publikum die Wucht des Verderbens als dramatische Ironie spüren, vergleichbar mit dem großen Ausbruch zu Beginn der Ersten Symphonie von Brahms. Wenn man das beachtet, wird die Hauptfigur zu einem Menschen im Kampf mit den Kräften des Untergangs, die seine Kultur auszeichnen. Kann er den bösen Zauber dieses Untergangs brechen, oder erweist er sich nur als ein weiteres bedauernswertes Mitglied jener Kultur, die sich selbst zum Untergang verurteilt hat, weil er nicht den Willen aufbringt, diese Kultur so zu ändern, wie es notwendig wäre, um ihre Menschen zu retten?
Dabei hat in der klassischen Tragödie wie in der wahren Geschichte jeder Fall seine historischen Besonderheiten. Jeder Augenblick der Geschichte ist kulturell einzigartig, dies aber paradoxerweise innerhalb einer nahtlos kontinuierlichen, doch vielfach verknüpften Riemannschen Universalität der Gleichzeitigkeit der Ewigkeit. Solche unterschiedlichen Augenblicke der Geschichte lassen sich nicht auf eine einfache Formel reduzieren. Bei jedem wichtigen Thema eines klassischen Dramas müssen der Dichter und die Schauspieler den Stoff des Dramas als ein einzigartiges Ereignis auffassen, das keine Formel hervorrufen könnte. Auf diese Weise müssen sie dem Drama ein ganz bestimmtes Leben verleihen - sie müssen das ironische Gefühl vermitteln, daß hier ein "lebendiges Wort" wirkt. Ein Drama ist nicht wirklich klassisch - weder die Dichtung noch die Aufführung - , solange sein zentrales Thema nicht ein einzigartiger schöpferischer Akt ist: das hypothetische Aufstellen einer Lösung für ein Problem, das nie zuvor in der Geschichte aufgetreten ist und nie wieder in genau gleicher Weise auftreten wird.
In letzter Zeit beziehe ich mich des öfteren auf den Sieg Friedrich des Großen über die Österreicher bei Leuthen als Beispiel für das Prinzip des Oberkommandierenden im wichtigsten Führungsamt einer Nation oder des Kommandeurs, der persönlich die Verantwortung für den historischen Ausgang eines Krieges übernimmt. Solche Beispiele drücken das Wesen des Inhalts von Tragödien aus. Friedrichs neuartiges Vorgehen angesichts einer Lage, in der sein Heer den gut ausgebildeten und fachmännisch eingesetzten österreichischen Kräften zahlenmäßig weit unterlegen sein würde, war eine erfolgreiche Lösung, die einzigartig auf diese Situation zugeschnitten war. Soll man versuchen, daraus eine "Durchschnittslösung" für gleichgelagerte Fälle abzuleiten? Das wäre ein Schwindel; nicht nur, daß der exzentrische Friedrich auch ein schöpferisches Genie war, sein Handeln war ganz auf diese historische Situation zugeschnitten - wieder Analysis situs.
Was man daraus lernen kann: Die Kleingeister unserer Kultur und ihresgleichen haben einen erbärmlichen Hang zu der Behauptung - so wie der Betrüger Claudius Ptolemäus im Römischen Reich - , nachdem Gott die Welt erschaffen habe, müsse die Schöpfung a priori vollkommen sein. Wenn wir also, so behauptet der Sophist, den Gedanken zulassen, Gott selbst könne in das Universum eingreifen und es ändern, dann wäre das so, als behaupte man, Gott habe Fehler gemacht, die er nun nachträglich ausbügeln müsse. Dieser Sophist beleidigt damit Gott! Gott hat recht; es sind Sophisten wie Aristoteles und später sein Anhänger Ptolemäus, die unrecht hatten - wenn sie nicht einfach nur dumm sind.
Wenn wir mit dem Menschen und der Gesellschaft zu tun haben, haben wir es mit einem schöpferischen Wesen zu tun, das oft Fehler macht, aber als lebendiges Abbild eines Gottes geschaffen ist, dessen Lebensweite die ständig fortgesetzte Schöpfung ist. Wie Heraklit betonen würde, und der Platon des Parmenides stimmt ihm zu: Im Universum gibt es nichts als Veränderung, und das ist auch das ontologische Wesen des Schöpfers.
Diese Sicht der Schöpfung ist für jeden Verfasser klassischer Tragödien, der sein Handwerk versteht, der Standpunkt, von dem aus er seine Themen wählt. Der ureigene Inhalt der klassischen Tragödie ist die schöpferische Kraft (zur platonischen Hypothesenbildung) des menschlichen Geistes. Seit Platons Dramen, seinen sokratischen Dialogen, wurden alle klassischen Tragödien danach komponiert, ob diese Hypothesenbildung vorhanden ist oder ob ihr Eingreifen fehlt.
Wir wollen um der Deutlichkeit willen diesen letzten Gedankengang noch einmal rekapitulieren; man bedenke folgendes:
Der einzig angemessene Inhalt eines klassischen Dramas ist, darzustellen, daß dieser Akt schöpferischer Vernunft und schöpferischen Willens notwendig ist. Dieses Element, welches Schiller als das Erhabene bezeichnet, ist der eigentliche Inhalt des Dramas - ob es nun in der Tragödie stattfindet oder ob es als naheliegendes schöpferisches Handeln stattfinden sollte, aber nicht tut. Das ist das Erlebnis, das man im Geist des Publikums hervorrufen muß, so wie uns der Name des Entdeckers eines Naturprinzips verpflichtet, seine Hypothesenbildung in den lebendigen Vorgängen unseres Geistes nachzuvollziehen. Dieser Vorgang der Hypothesenbildung, das Erhabene bei Schiller, ist das Wesen der gelungenen Aufführung einer klassischen Tragödie, so wie dies schon für das Werk Shakespeares galt. Über die besondere historische Vermittlung durch Abraham Kästner und Gotthold Ephraim Lessing wurde sein lebendiges Wort, der "lebendige Shakespeare" wiederbelebt und beeinflußte die klassische humanistische Renaissance des späten 18. Jh., die von Deutschland ausging. Dank des Wirkens von Kästner, Lessing u.a. lebt Shakespeare heute wieder.
Diese Einstellung zur klassischen Tragödie ist beispielhaft für den Geisteszustand, den man haben muß, bevor man Fragen eines Dialoges der Kulturen erörtert. Die Tragödie, wenn sie denn als solche endet, liegt nicht in den Führern der Gesellschaft, sondern in dem, was sie nicht sind. Die eigentliche Dynamik der Tragödie liegt vor allem in der Kultur, für die der tragische Hauptheld allzu typisch ist.
Deshalb verabscheute Platon Entsprechendes an den griechischen Tragödien seiner Zeit: Platon vermißte in diesen von ihm kritisierten Tragödien den Kontrast zu dem, was Schiller später das Erhabene nannte, und er bewies auch in seinen Dialogen dieses Prinzip.
Zum Vergleich betrachte man, wie bekannte Autoren versucht haben, Gegenstände der zeitgenössischen Geschichte zu behandeln. Zu den gelungeneren unter den neueren amerikanischen Tragödien zählen Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden und Eugene O'Neills Der Eismann kommt. Ein klassisch ausgebildeter Schauspieler wie Lee J. Cobb hätte das Ironische der Hauptfigur des Handlungsreisenden wirksam vermitteln können: daß sie nämlich nicht das Tragische dieser Figur auf der Bühne verkörpert, sondern das Tragische der damals zeitgenössischen amerikanischen Kultur überhaupt. Der Eismann kommt ist für die leicht erkennbare Absicht sehr schön komponiert, aber das Publikum neigt dazu, sich nur mit der vermeintlichen Tragödie Hickeys zu befassen, statt mit dem tragischen Scheitern der Volkskultur, deren Opfer er wird. Hickey "nimmt dem Schnaps das Leben", aber die treibende Kraft der Tragödie ist nicht Hickey selbst, sondern der "Schnaps" der allgemeinen Weltsicht dieser Kultur - ähnliches gilt auch für den Tod eines Handlungsreisenden. In beiden Fällen besteht die Gefahr, daß unsere verdorbene Zeit das Publikum dazu verführt, das Drama mit dem verwirrten Geist des Romantikers zu sehen und den Kern der Tragödie in der Hauptfigur auszumachen statt in der Gesellschaft, die diese Figur vor unseren Augen herumschlenkern läßt wie eine Marionette an den kulturellen Fäden ihrer Zeit und ihres Ortes. Die Gefahr besteht darin, daß das Gefühl des Erhabenen fehlt, welches uns, das Publikum der Gegenwart, bei dem Erlebnis des entsprechenden fruchtbaren Ausgangs der Tragödie auf der Bühne mit uns selbst verbindet.
Da das Prinzip der klassischen Tragödie nur wirkt, wenn die Veränderungen der Kultur einer ganzen Nation ihr eigentliches Thema bilden, hätten diese modernen Dichter besser daran getan, ihre Tragödien um eine führende Persönlichkeit dieser Gesellschaft und Kultur herum aufzubauen. So könnte man es eher vermeiden, in der Tragödie nur die Angelegenheit eines einzelnen zu sehen, statt in dieser Führungsperson das beispielhafte Opfer einer Unterordnung unter die Kultur der Gesellschaft zu erkennen. Diese Hauptperson muß nicht gerade einer der letzten Präsidenten sein, aber die schicksalhaften Entscheidungsprozesse der Nation und die Verkommenheit der Amerikaner, die eine solche Travestie zulassen, müssen sich in ihr in angemessener Weise widerspiegeln. Das Thema der klassischen Tragödie ist, wie Platon und Schiller fordern, die Geschichte der Menschheit. Um die lebendigen Worte des erhabenen Erlebnisses abzuleiten, braucht man ein echtes historisches Thema, entweder aus bekannten Orten und Zeiten der wahren Geschichte oder aus Legenden, die vergleichbare Bedeutung hatten.
So gesehen war es ein Fehler, in dem Fall von Miller und O'Neill, daß sie statt Personen an der Spitze der Nation "kleine Leute" zu tragenden Figuren ihrer Tragödien machten, auch wenn dieser Fehler auf entsprechende modische Forderungen des "Theatergeschäfts" und des zahlenden Publikums ihrer Zeit zurückging. Sie taten ihr Bestes, und ich bewunderte das Ergebnis sehr, weil es klassische Tragödien waren. Aber ich erkannte auch, daß die krankhaften Romantiker und Existentialisten, die sich wie die Räuber unter die Kritiker und das Theaterpublikum mischten, das tiefere Verdienst dieser Werke wahrscheinlich übersehen würden.
Das Thema der klassischen Tragödie sind die notwendigen Veränderungen in der Kultur als ganzer. Der Versuch, anstelle einer solchen Veränderung einer ganzen Kultur eine lokale Änderung innerhalb der Kultur zu setzen, kann offensichtlich nur dann aufgehen, wenn Dichter und Regisseur sich dieses gerade von mir dargelegten Problems bewußt sind. Die Schilderung der Hexenprozesse von Salem in Millers Hexenjagd ging als Tragödie schief, weil das Massachusetts der Zeit der Winthrops und Mathers falsch dargestellt ist, um einer reflexartigen Reaktion auf die Hexenjagd McCarthys und Trumans in der Ära Truman willen, und dabei etwas herauskam, aus dem sich keine wahrhaften "lebendigen Worte" ableiten ließen.41
Ein Beispiel: Vor etwa einem Jahrzehnt erhielt ich eine Führung durch eine berühmte Moskauer Maschinenfabrik, deren Name mir ihrer Bedeutung wegen während der gefährlichen Zeit der Belagerung Moskaus durch die Wehrmacht wohlbekannt war. Ich hatte zu jener Zeit wie viele Menschen meiner Generation bei dieser Belagerung aus der Ferne mitgefühlt. Nun beobachtete ich in einem Gebäude in dieser Fabrik einzelne Männer bei der Arbeit, die offenbar schon so alt waren, daß ich sehr lebhaft an die Arbeiter denken mußte, die im Krieg unter dem Feuer der Belagerung gearbeitet hatten. Nicht lange nach meiner Besichtigung wurde die Fabrik stillgelegt. Als ich davon erfuhr, vergoß ich stille Tränen und dachte an einige Gesichter der altgewordenen Männer bei der Arbeit an diesen Maschinen, die man ihnen nun weggenommen hatte, und ich dachte an die Zeit der Belagerung durch die Wehrmacht. Nun sagen Sie mir: Was ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Tragödie? Der einzelne? Oder das System? Die Gesellschaft? Trägt nicht die Gesellschaft in solchen Fällen die Verantwortung für das Leiden des einzelnen?
Könnte jener Arbeiter, der mehr als alle anderen meine Aufmerksamkeit erregten, im Mittelpunkt eines Dramas über die heutige postsowjetische Gesellschaft Rußlands stehen? Sicherlich, aber man muß dabei mit einem Gespür für das Wesen der klassischen Tragödie vorgehen und die gesellschaftlichen Abläufe von oben nach unten, die das Schicksal des Arbeiters prägen, mit darstellen, so wie das Clifford Odet in Warten auf Lefty tat.
Denken wir dann noch einmal an die Methoden, nach denen große klassische Gedichte oder Tragödien komponiert werden. Ich habe beschrieben, welche Absicht solche Werke prägen sollte. Welche Methode dient nun dieser Absicht?
Man betrachte den Fall, wo dasselbe Bild oder Wort oder dieselbe Wortfolge an jeder der verschiedenen Stellen, an der sie in einem Gedicht auftaucht, eine andere Bedeutung hat. Trotzdem definiert gerade der Widerspruch - die formale Diskontinuität (Mehrdeutigkeit) unterschiedlicher Bedeutungen, die demselben Begriff an verschiedenen Stellen eines Werkes beizumessen sind - diese Mehrdeutigkeit als einzigartigen, klar umrissenen und unterscheidbaren Gegenstand, der ein lebendiges Wort sein kann (in dem Sinne, wie ich oben "lebendige Worte" definiert habe). Diese Methode, eine solche Singularität zu erzeugen, bildet die Grundlage der klassischen Ironie. Percy Shelley veranschaulicht das in seiner Schrift Zur Verteidigung der Poesie.42 Indem wir den Unterschied, der hier als Diskontinuität auftritt, mit einem bestimmten Namen versehen, haben wir, als Dichter oder als mitdenkendes Publikum, die vorhandene Sprache so gebraucht, daß wir unserem geistigen Wortschatz einen neuen Begriff, ein solches neues Wort hinzufügen. Auf diese Weise nehmen tote Worte eine lebendige Bedeutung an.
Das ist die Ironie, die aus der jeweils verwendeten Sprache eine lebendige Sprache macht. Die Sprache lebt nicht durch ihre Form an sich, sondern durch die ironische Art und Weise, in der man sie gebraucht. Im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten, einen stehenden nominellen Wortschatz zu verwenden, werden Bedeutungen lebendiger Worte entwickelt - man denke insbesondere an Bedeutungen universeller Naturprinzipien. Wenn sich die Bedeutung, der Bezug eines Begriffes anhand seines Platzes in einem deduktiven System definieren läßt, ist er kein lebendiges Wort, solange man ihn in diesem Sinne gebraucht. Es muß eine sinnvolle funktionelle Diskontinuität im Gebrauch des Wortes geben, die gewährleistet, daß der Geist das Vorhandensein eines solchen geistigen Gegenstands spürt.
Dem entspricht aber wiederum, daß eine Sprache, die auf diese Weise gebraucht wird, dadurch neue Diskontinuitäten erzeugt, die neu entdeckten Zuständen in dem durch diese Sprache dargestellten Universum entsprechen. Das ist der Weg, wie wir astronomischen Objekten, neu entdeckten Naturgesetzen und anderen geistigen Begriffen, die wir durch ihr streng abgegrenztes Vorhandensein als Diskontinuitäten kennenlernen, ihren Namen geben. Das war tatsächlich die Methode beispielsweise Keplers, der als erster ein allgemeines Gesetz der Gravitation definierte, oder vorher von Archytas, der einen eindeutigen Lösungsweg zur Verdoppelung des Würfels durch kontinuierliche geometrische Wirkung fand. Dies ist auch das unverzichtbare aktive Prinzip bei der Schaffung klassischer Kunstwerke.
Das ist der grundlegende Ausdruck der künstlerischen Kreativität, auf die sich Shelleys Verteidigung der Poesie bezieht: die Veränderung einer Sprache in Zeiten, in denen die Fähigkeit, tiefgreifende und leidenschaftliche Gedanken über Menschen und Natur zu empfangen und mitzuteilen,44 im Leben der Menschen zunimmt. Diese Fähigkeit drückt sich in der Vermittlung eines lebendigen Wortes aus.45
Man leitet die Bedeutung irgendeiner Aussage ab, indem man prüft, ob sie solche lebendigen Worte enthält. Nur lebendige Worte können als Ideen im strengen, technischen Sinn des Wortes gelten. Man erkennt eine Idee in einer Aussage daran, ob diese Idee als ableitbares lebendiges Wort darin vorhanden ist oder nicht. Diese abgeleitete Bedeutung ist die Frucht des gleichen geistigen Vorgangs wie beim Nachschöpfen einer Idee aus den Anhaltspunkten des jeweiligen Problems, das sie löst - etwa wenn ein heutiger Schüler Archytas' Konstruktion der Verdoppelung des Würfels nachvollzieht.
So wird beispielsweise aus der Idee, den Erdumfang zu kennen, ein lebendiges Wort im Geist dessen, der es verwendet, wenn er das Experiment nachvollzogen hat, mit dem Eratosthenes um 200 v.Chr. den Großkreis der Erde maß, indem er anhand von Sonnenbeobachtungen in Tiefbrunnen den Sonnenstand an zwei Orten entlang einer Nord-Süd-Strecke in Ägypten verglich und dann mit der gleichen Methode die Großkreisentfernung vom ägyptischen Alexandria nach Rom maß. Der Beweis der sog. "Sonnenhypothese" des Aristarch von Samos ist ein ähnlicher Fall, den man z.B. mit den bekannten Teilen der Arbeiten von Thales früher vergleichen kann. Die Ansammlung solcher nacherlebter Entdeckungen grundlegender wissenschaftlicher Beweise bildet die notwendige gewöhnliche Grundlage, dem jugendlichen Geist ein Gefühl wissenschaftlicher Bildung zu vermitteln.
So beginnt z.B. die Idee hinter Carl Gauß' Angriff auf die Behandlung der Algebra bei D'Alembert, Euler und Lagrange für den heutigen Schüler ein lebendiges Wort zu werden, wenn er den Ursprung von Eulers Fehler zurückverfolgt, indem er die Arbeit von Cardanus und anderen über die Quadratwurzeln auf die Verdoppelung des Quadrats bei Archytas' Freund Platon zurückführt. Dies führt zu einem umfassenderen Verständnis, was Euler mit seinem Schwindel eigentlich angreifen wollte, nämlich Leibniz' und Bernoullis Entdeckung des Prinzips des infinitesimalen Kalkulus in seiner verbesserten Form auf der Grundlage der Kettenlinie: Leibniz' Prinzip der universellen kleinsten physikalischen Wirkung. Diese Verbindung von Leibniz zu Gauß führt zur Verallgemeinerung des mathematisch-physikalischen Prinzips des komplexen Bereichs bei Gauß, Riemann u.a.
Ich habe dieses Beispiel gewählt, um die Denkweise anzugeben, wie man sich mit der Angelegenheit so befassen kann, wie es für die hier anstehende Vorstellung angemessen ist.
Diese Ideen, die nur "zwischen den Ritzen" existieren, sind "lebendige Worte" in dem Sinn, den der deutsche anti-kantianische Philosoph Herbart mit dem Begriff der "Geistesmasse" beschrieb. Bernhard Riemann erkannte, daß diese Bedeutung bei Herbart die vorbewußte Vorstellung von Naturwissenschaft und ebenso von Literatur darstellt. In beiden Fällen ist es mehr als nur ein angemessener Fachausdruck des Spezialisten. Der Begriff entspricht, auch wenn er heute selten in dieser Bedeutung gebraucht wird, der wesentlichsten Vorstellung in der ganzen klassischen Philosophie. Er verweist auf etwas, das zumindest oberflächlich dem ähnelt, was der Psychologe Wolfgang Köhler "Gestalt" nennt, auch wenn dieser eine weit gröbere Vorstellung der entsprechenden geistigen Funktion hat. Damit sind wir in einem Grenzbereich des wesentlichsten Arbeitsbegriffes im Versuch eines Dialogs der Kulturen angelangt.
Wie ich in entsprechenden Veröffentlichungen wiederholt betont habe, ist die Art und Weise, wie der Mensch die Welt um sich herum physiologisch wahrnimmt, keine unmittelbare Erkenntnis der wirklichen Welt, die er wahrnimmt, sondern seine Auslegung der Reaktion seines Sinnesapparates auf die Begegnung mit der Welt jenseits seiner Sinne. So sieht der Blinde. Indem der Mensch so die wahre Welt jenseits der Sinne wahrnimmt, schafft er eine potentielle Erkenntnis der Wirklichkeit auf zwei jeweils höherstehenden Ebenen über die Sinneswahrnehmung als solche hinaus. Eine solche Erfahrung nennt man platonischen Realismus. Es ist der platonische Realismus, der dem Werk von Kues, Leonardo, Kepler, Leibniz, Gauß, Riemann u.a. zugrunde liegt. Er tritt auch durch Wernadskijs Gedanken der Noosphäre zutage.
Auf der erste Stufe geht es hier um geistige Vorgänge, von denen Köhler sagt, Affen und Menschen hätten sie gemeinsam. Der Strom von Eindrücken, der auf die Sinnesorgane des Kleinkinds einströmt, wird zu einer Welt benennbarer Sinnesobjekte "entschlüsselt". Diese Gegenstände stellen sich dem Kind nicht direkt dar, sondern sind das Ergebnis davon, wie die Sinneserfahrungen praktisch von der Gesamtheit der menschlichen geistig-körperlichen Vorstellungskraft des Kindes verarbeitet werden. So macht der gesunde Geist des Kindes aus einem nicht zu bewältigenden Strom von Wahrnehmungen eine verständliche Ansammlung von spielerischen Gegenständen und Beziehungen zwischen Gegenständen.
Auf der zweiten Stufe kommt es zu einer ähnlichen Entwicklung auf einer qualitativ höheren Reaktionsordnung, die es nur beim Menschen gibt und nicht bei den Menschenaffen: die Entdeckung einer höheren Ordnung geistiger Gegenstände, z.B. der Entdeckung eines experimentell definierten Naturgesetzes.
Diese höhere Ebene findet man in der klassischen Kunst, wo Herbart für die Erziehungsarbeit den Fachausdruck "Geistesmasse" verwandte, und in der Wissenschaft, wo Riemann es mit seinem Begriff "Dirichlets Prinzip", nach seinem Lehrer und Amtsvorgänger Lejeune Dirichlet, verbindet. Dieser Berührungspunkt der beiden Verwendungen der Bedeutung des Begriffs der Geistesmasse ist der Schlüssel zu einer vernünftigen Herangehensweise an einen Dialog der Kulturen. Die mit diesem Begriff der "Geistesmasse" verbundene Vorstellung verweist auf den zentralen Gedanken einer Kulturwissenschaft, der Wissenschaft, die einem Dialog der Kulturen angemessen ist.
Dies bringt uns zum physikalischen - statt bloß formal mathematischen - Begriff des komplexen Bereichs. Der Gedankengang, den ich schon oft bei anderen Gelegenheiten beschrieben habe, läßt sich wie folgt zusammenfassen.
Riemann bezieht sich auf seinen Begriff der Geistesmasse nur in einem bestimmten Zusammenhang, in einer Reihe verwandter, teilweise bruchstückhafter Schriften, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurden. Trotzdem ist die Vorstellung, die er mit diesem Begriff in dem posthum erschienenen Werk verbindet, pädagogisch für ein besseres Verständnis praktisch unverzichtbar, wenn sich der Lernende heute etwa mit seinen Hauptwerken wie seiner Habilitationsschrift oder zur implizit physikalischen Geometrie der Abelschen Funktionen befaßt. Die Bedeutung des Begriffs der Geistesmasse bei Riemann, und unausgesprochen auch bei Herbart, führt uns unmittelbar wieder zurück zu unserer Behandlung der Frage des lebendigen Wortes. Dieses Riemannsche Verständnis des lebendigen Wortes ist wesentlich, um ganz zu begreifen, welche besondere Bedeutung Wernadskijs Noosphärenbegriff hat, um die drängenden Fragen der Wirtschaft und Kultur der heutigen Welt zu definieren.
Riemann meint das lebendige Wort, wenn er von Geistesmasse spricht.
Mathematisch-physikalisch läßt sich die Wirklichkeit dieses Begriffs nur durch die Vorstellung eines physikalischen - statt bloß mathematischen - komplexen Bereichs ausdrücken.
Wir nehmen die Gegenstände unserer Umgebung nicht unmittelbar wahr. Was wir wahrnehmen, ist der Eindruck, den die Welt um uns herum auf uns macht, so wie unser Geist diesen Eindruck auf unseren biologischen Sinnesapparat beurteilt. Dies ist nicht unähnlich der Art und Weise, wie das Kleinkind einen Strom von Wahrnehmungen in eine verständliche Umgebung von Gegenständen verwandelt. Aber es besteht in der Hinsicht ein qualitativer Unterschied zwischen dem Tier und dem menschlichen Geist.
Die Schwerkraft beispielsweise wird von den Sinnen auf allerlei Weise wahrgenommen, ist aber an sich kein Gegenstand der Sinne. Sie läßt sich auch nicht in einen greifbaren Gegenstand verwandeln, so wie der Geist des gesunden Kindes einen Strom von Wahrnehmungen in Gruppen unterscheidbarer Gegenstände verwandelt. Dennoch existiert und wirkt die Schwerkraft, wie Kepler sie definiert, als Gegenstand unseres Geistes. Sie wird zu einem solchen geistigen Gegenstand, wenn wir sie durch die Fähigkeit, die wir mit dem Begriff lebendiges Wort verbinden, erkannt haben. Sie ist dann ein Gegenstand der höheren Erkenntnis des menschlichen Geistes, des Bereiches wahrer Ideen, auf den wir sonst im Zusammenhang mit der Ironie in der klassischen Poesie und Tragödie begegnen. Hier ist also die Stelle in den geistigen Abläufen des Menschen, wo klassische Kunst und Naturwissenschaft, richtig definiert, ein und dasselbe werden.
Alle wahren universellen Naturgesetze sind von dieser gleichen Art.
Hier ist die Auflösung von C.P. Snows Paradox der "zwei Kulturen". Hier liegt der Schlüssel für einen erfolgreichen Dialog der Kulturen.
Allerdings gibt es innerhalb dieser Einheit einen untergeordneten qualitativen Unterschied zwischen den beiden. In der Naturwissenschaft liegt unser Hauptaugenmerk auf der Entdeckung von Gegenständen höherer Ordnung im physikalischen Bereich, d.h. der Entdeckung der gesetzmäßigen Abläufe im nichtlebenden wie lebenden Bereich. In der klassischen Kunst hat sich das Verhältnis der Noosphäre zur Biosphäre verlagert: Hier geht es um die sozialen Vorgänge an sich, die zwischen dem Geist des einzelnen und dem funktionalen Verhältnis der Gesellschaft zur Biosphäre vermitteln. Im höheren Bereich wirkt der einzelne auf die Biosphäre über sein Wirken auf die Gesellschaft. Die Schwierigkeiten, die auftreten, wenn man das in dieser Weise als ganzes auffaßt, lassen sich sehr weitgehend lösen, wenn man sich auf die erkenntnistheoretische Bedeutung von Wernadskijs Noosphärenbegriff bezieht.
Wir werden uns jetzt dieser entscheidenden Frage zuwenden, um dann im nächsten Kapitel auf die Aufgabe der Erkenntniskraft des einzelnen zurückzukommen. Vorher gehen wir ausdrücklich auf die Schwierigkeit ein, die nach unseren bisherigen Ausführungen eine Spannung im Geist des Lesers aufgebaut haben dürfte: Was ist der menschliche Geist, physikalisch gesehen?
Wernadskijs Riemannsche Definition der Noosphäre stellt uns ein Universum vor, das sich als vielfach verknüpfte physikalische Geometrie aus drei experimentell unterscheidbaren Ebenen universeller Naturgesetze zusammensetzt. Jede der drei läßt sich durch die von Riemann beschriebenen einzigartigen experimentellen Beweise, wie man sie mit der Entdeckung aller universellen Naturprinzipien verbindet, klar unterscheiden.
Die unterste der drei Ebenen, das sog. Anorganische und Präbiotische, umfaßt diejenigen Abläufe, für deren experimentellen Nachweis es weder notwendig noch zulässig ist, eine ursächliche Mitwirkung eines Prinzips des Lebens anzunehmen. (Damit weisen wir den radikal positivistischen Gegnern einer solchen Idee des Lebens, wie z.B. dem für die "Künstliche Intelligenz" berüchtigten John von Neumann, ihren Platz in den rein anorganischen Ascheimern an, worin sie ihr Dasein ohnehin von vornherein vorgesehen haben.) Die zweite, im Verhältnis dazu höhere Ebene, ist die der lebenden Vorgänge, für welche Louis Pasteurs Tradition die entsprechende experimentelle Herangehensweise beschrieben hat. Der dritte Bereich definiert sich durch den Vorgang der Erkenntnis im schöpferischen (noetischen) Geist des einzelnen, über welchen universelle Naturprinzipien wie die Keplerschen entdeckt werden und ohne den es solche Entdeckungen niemals gäbe.
Der Bereich der anorganischen und lebenden Abläufe zusammengenommen bildet die Biosphäre. Der Teil der Biosphäre, in dem die menschliche Erkenntnis vorherrscht, bildet die Noosphäre.
Alle drei Wirkungsbereiche sind untereinander "vielfach verknüpft" im Riemannschen Sinne. In Wernadskijs Biogeochemie wird diese Sicht auf den sich entfaltenden Zustand des Planeten Erde hinsichtlich seiner Zusammensetzung aus unterschiedlichen Anteilen unterschiedlicher Hinterlassenschaften (Fossilien) angewandt. Hierbei wird das Abfallprodukt eines Vorgangs zum möglichen Kapital eines anderen und zum Schlüssel zum Verständnis und zur Lösung der "Rohstoffproblems" unserer Zeit. Das ist die klar ersichtliche Absicht der Existenz unseres Planeten - wäre seine Selbstentfaltung auf diese beiden Bezugspunkte beschränkt. So aber dringen wir Menschen in diesen Plan als immer wichtigerer Mitspieler ein, indem wir quasi von außen und von oben in diese Entwicklung des Planeten eingreifen.
Es gibt heute keine Rohstoffkrise des Planeten an sich. Es gibt nur eine Krise, die durch die Dummheit der modernen Physiokraten entstanden ist. Die Rohstoffkrise kommt von wissenschaftlich völlig ungebildeten Männer und Frauen, die durch ihr Geld viel mehr Macht haben, als für sie und für diesen Planeten gut ist.
Gegen diese Sicht gibt es keine begründeten Einwände. Die Hinterlassenschaften, aus Wernadskijs Sicht untersucht, beweisen es. Könnte keine Zunge reden, sie würden doch aussagen, daß dies die Wahrheit der Existenz unseres Planeten ist, von seinem Ursprung bis in die heutige Zeit. Es ist die Absicht des Schöpfers, die da ausgebreitet liegt.
Das Umwerfendste an dieser Sicht Wernadskijs ist: Es widerlegt alle Versuche, die menschliche Schöpferkraft zu erklären, indem man sie in einem Gehirn ausmacht, das nur zur Biosphäre gehört. Aus diesem Grunde wird derjenige, der die Bedeutung dessen, was ich bisher geschrieben habe, zu begreifen beginnt, von einer schleichenden Beunruhigung erfaßt. Die besonders empfänglichen Leser werden an dieser Stelle meines Berichtes schon eine unheimliche Vorahnung spüren.
In der modernen Gesellschaft neigen wir zu der Auffassung, wir selbst verkörperten alle wesentlichen Eigenschaften unseres Lebens, auch unserer Persönlichkeit, innerhalb der Grenzen eines biologischen Vorganges als solchem. Aber wie das Verhältnis zwischen der wachsenden Ansammlung im Wernadskijschen Sinne höherwertiger Hinterlassenschaften belegt, gibt es eine Macht, die nicht auf den Bereich der Biosphäre begrenzt ist, die für all dies an unserer menschlichen Existenz verantwortlich ist. Etwas Höheres greift in die biologischen Abläufe des einzelnen lebenden Menschen ein, um die Wirkungen, die wir mit der Noosphäre und ihr allein verbinden, hervorzurufen. Genau das erfahren wir, inmitten seines Wirkens, beim Vermitteln einer Idee als lebendigem Wort, wenn ein früherer Einschnitt in der beschriebenen Art und Weise wiederbelebt wird, wie ihn uns etwa ein längst verstorbener Archimedes aus dem Altertum hinterlassen hat, damit er heute im Geist eines Schülers wiedergeboren wird.
Wenn man darüber nachdenkt, muß es uns dämmern, daß die ganze Menschheit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine pulsierende Masse von Selbstentwicklung ist, wie in einer Art Gleichzeitigkeit der Ewigkeit, die sich als Kontinuität durch das gesetzmäßige Wiederbeleben über lebendige Worte ausdrückt. Wir fühlen uns an diesem Punkt unserer Überlegungen mit Recht getröstet, denn die Vorstellung des geistigen Wirkens ist jetzt wissenschaftlich klar. Wie im Fall der wirklichen Johanna von Orleans, den Schiller uns vorstellt, wird das Selbstwertgefühl erhoben, weil man erkennt, daß der Gedanke der Unsterblichkeit des einzelnen eine reale Grundlage hat, und nicht bloß eine kindische Fantasie ist. Man teilt nicht mehr Hamlets Angst vor dem "Land, von dem noch kein Wanderer zurückgekehrt ist". Es vervielfacht sich die geistige Kraft des einzelnen für Beiträge zum beständigen Fortschritt der Menschheit und zu dem, wozu auch immer eine - vom Schöpfer - geliebte Menschheit in ihrem Dasein noch dienen soll.
Das allein wäre schon ein großer Segen für eine Menschheit, die heute so unter der gefährlichen Last von Staatsführern leidet, die aus Angst vor einer Sterblichkeit, die noch schlimmer ist als bloß der Tod, schwach und ängstlich werden. Bestenfalls macht diese Angst aus ihnen Hamlets, wenn sie nicht noch korrupter oder feiger sind.
Sprechen wir kurz über den Schlüssel dazu, wie man diesen Punkt über die "Hamlets" in die Form eines lebendigen Wortes übersetzt.
Eine Seite aus in meinem Leben
In den Jahren 1983-89 geriet ich wegen der möglichen Folgen meines Vorschlages, den Präsident Ronald Reagan dann am 23. März 1983 als "Strategische Verteidigungsinitiative" (SDI) vorstellte, in Lebensgefahr. Der sowjetische Generalsekretär Jurij Andropow lehnte Präsident Reagans Vorschlag, über sein Angebot auch nur zu verhandeln, schroff ab, und aus verwandten Gründen drohte meinem Leben Gefahr sowohl von mächtigen Kreisen in den Vereinigten Staaten als auch spätestens ab 1986 von der sowjetischen Regierung unter Generalsekretär Gorbatschow, dessen Drohungen ebenso reichlich und weitverbreitet wie unheilvoll waren.
So geschah es in der Nacht vom 6.-7. Oktober 1986, kurz vor dem Gipfel zwischen Reagan und Gorbatschow in Reykjavik, daß mehr als 400 bewaffnete Beamte, darunter sogar Sondereinheiten, mit gepanzerten Fahrzeugen nach Leesburg in Virginia und Umgebung kamen, um mich in aller Öffentlichkeit zu töten. Es gab keinen Zweifel, daß ihr Auftrag darauf hinauslief, mich und viele andere an dem Ort, wo ich mich damals aufhielt, umzubringen. Höhere Stellen meiner Regierung griffen am Morgen des 7. Oktober ein, so daß diese beabsichtige Mordaktion eingestellt wurde. Doch dieser kurzfristig abgebrochene Plan für meine Ermordung und das abgekartete juristische Vorgehen gegen mich aus dem Justizministerium und anderen Stellen in den Jahren 1983-89 und danach waren ein und dieselbe Sache. Man ließ mich später wissen, wenn es mir gelänge, mich dem juristischen Komplott erfolgreich zu entziehen, würde man mich beim nächsten Mal mit Sicherheit umbringen.
Ich komme an dieser Stelle wieder auf diese Angelegenheit zurück, weil sie als Beispiel wirksam und dramatisch vor Augen führt, wie sehr es den maßgeblichen Politikern in Europa und den Vereinigten Staaten heute an politischem Mut und Nervenstärke fehlt. Was für ein Gegensatz dazu, wie weit ich mich in Dingen wie der SDI vorwagte, obwohl ich schon ahnte, welches Risiko es für mich persönlich bedeuten würde!
In der Hinsicht war es ein glücklicher Zug, der aus der Erziehung meiner Familie und der allgemeineren Erfahrung unserer Gesellschaft in den letzten etwa 80 Jahren herrührt, daß mich als Erwachsener niemals Furcht davon abhalten konnte, manchmal sogar Gefahren für mein Leben einzugehen, wenn ich mich dazu moralisch verpflichtet fühlte. Es gab viele andere Ereignisse in meinem Leben, die das veranschaulichen, darunter noch mindestens ein oder zwei weitere geplante Mordanschläge, die sich zwar weit weniger dramatisch darstellten als das Geschehen vom 6.-7. Oktober 1986, die aber in gehörigem Maße die gleiche grundsätzliche Entwicklung im heutigen öffentlichen Leben in Europa, den USA und anderswo zum Ausdruck brachten. Weil ich selbst beinahe mit einem solchen Schicksal Bekanntschaft gemacht hätte, verstand ich sehr gut, was einem Walther Rathenau, Kurt von Schleicher, Martin Luther King, Aldo Moro, Jürgen Ponto, Indira Gandhi oder Alfred Herrhausen widerfahren war.
Im Laufe des Lebens habe ich auch einen anderen Aspekt hiervon erfahren: Hauptsächlich infolge der Propaganda und verwandten Unternehmungen des "Kongresses für kulturelle Freiheit" haben wir seit jener Zeit einen viel kleineren Anteil möglicher Führungspersönlichkeiten für Krisenzeiten hervorgebracht - weit weniger, als ich es noch als Jugendlicher und junger Erwachsener beobachten konnte. Das eigentliche Verbrechen der Existentialisten - einschließlich der moralisch verkommenen Vertreter der Frankfurter Schule wie Theodor Adorno und Hannah Arendt - besteht darin, daß sie den Gedanken, ehrlich nach der Wahrheit zu suchen und danach zu handeln, aus unserer Kultur verbannen. Damit kann es große Staatsmänner kaum oder gar nicht mehr geben.
Hauptsächlich infolge dieses existentialistischen Feldzuges glauben nur wenige aus der sog. "Babyboomer"- oder "68er-Generation" noch so weit an die Wahrheit, daß sie bereit wären, für irgendeine Sache im Dienst der Wahrheit (im Gegensatz zu irgendwelchen romantischen Schwärmereien) ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Sie neigen dazu, sich entweder vor Angst schlotternd in irgendeinem Mauseloch zu verkriechen oder aber mit entblößter Brust eine selbstmörderische Flucht nach vorne anzutreten. Sie glauben nicht mehr daran, daß die Wahrheit wirksam existiert, und das haben wir so üblen Charakteren wie Adorno oder Arendt zu verdanken.
Dieses typische Syndrom bei den Nachkriegsgenerationen in Europa, Nord- und Südamerika ist ein besonderer Ausdruck eines "Hamlet-Problems". Das sichtbare Verhalten des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten ist hier nur ein typisches, wenn auch extremes Beispiel: ein übellauniger, verzogener, einfältiger Bengel, der immer wieder in verschiedenster Form öffentlich moralische und geistige Verkommenheit an den Tag legt.
Der entscheidende Punkt, um den es mir dabei geht, ist der Wesenszusammenhang zwischen Wahrheitsliebe und Unsterblichkeit, ganz besonders hinsichtlich der politischen Führung der Gesellschaft in einer Krise wie der gegenwärtigen.
Jedes intelligente Mitglied unserer Kultur weiß, daß wir alle irgendwann sterben. Diese Gewißheit in der sich entwickelnden Persönlichkeit des Erwachsenen führt zu einer bestimmten, geistig und moralisch gesunden Einstellung zum eigenen Leben. Man sieht im sterblichen Leben ein Talent, das am Ende auf jeden Fall verbraucht sein wird - das Gleichnis von den Talenten aus dem Neuen Testament erinnert uns daran. Statt sich hysterisch an die bloße sinnliche Erfahrung des Lebens im Jetzt zu klammern, denkt ein wirklich erwachsener Mensch an die Bedeutung dessen, was er oder sie mit diesem sterblichen Leben anfängt. Er denkt daran im Hinblick auf die Welt, die er bei seinem unvermeidlichen Ableben hinterlassen wird.
Für denjenigen, der die Sterblichkeit des einzelnen so auffaßt, besteht die größte Angst im Leben darin, er könne vielleicht am Ende sein Leben vergeudet haben, weil er nichts wirklich Nützliches für spätere Generationen oder zur Ehre früherer Generationen beigetragen hat. Damit wird Gewißheit in der Frage der Wahrheit - Wahrheitsliebe, wie man sie nur mit dem verbinden kann, was ich über lebendige Worte gesagt habe - zum alles überragenden Antrieb für das Handeln im Leben; und so war es auch bei mir.
Ein solcher Mensch spürt sicherlich keinen Drang zu einem frühen Tod. Im Gegenteil, die Arbeit für die Lebensaufgabe stärkt den Lebenswillen, ja "Lebenshunger": Man schüttelt die Nöte und Gebrechen des Alters ab, um weiter an dem zu arbeiten, was man als sein Lebenswerk erkannt hat.
Das soll nicht heißen, daß ich immer schon im voraus wußte, wofür ich mich im Laufe meines Lebens entscheiden würde. In manchem war ich mir schon seit der Kindheit sicher, und im Laufe der Jahrzehnte wurde es immer mehr. Aber für alle, die wie ich immer so zu entscheiden und zu handeln suchten, wie es der Wahrheit am besten dient, war und ist die Suche nach der Wahrheit und die sozusagen reflexartige Bereitschaft, notfalls dabei das Leben zu riskieren, das Wichtigste an der eigenen Identität als sterbliches Wesen.
Nachdem alles das allgemein dazu gesagt ist, ist der folgende Punkt zu betonen - und es sollte offensichtlich sein, warum das den Dialog der Kulturen grundsätzlich betrifft - : Die Frage der Wahrheit ist das Entscheidende, ganz besonders für eine Zivilisation, die so bedroht ist wie die gegenwärtige. Wenn in den maßgeblichen Kreisen auf der Welt Hamlet-artige und noch schlimmere Feigheit um sich greift, ist das deshalb die größte Gefahrenquelle für die Menschheit überhaupt. Sollte man also beim Dialog der Kulturen das axiomatisch Unvereinbare einfach so hinnehmen, wie das bei den entsprechenden Kreisen heute eine unübersehbare Tendenz ist, so wäre die Folge mit Sicherheit eine weltweite Katastrophe - weil es Menschen in wichtigen Ämtern an Mut fehlt, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
Verstärkt wird diese Gefahr noch durch die Ausbreitung von Existentialismus und wahrheitsfeindlichem Fanatismus, der sich z.B. in verschiedenen Arten von "religiösem Fundamentalismus" ausdrückt, allem voran jene rechten religiösen Fundamentalisten, die den harten Kern der Unterstützerbasis von Präsident George W. Bush bilden.
Dieser Präsident hat immer wieder öffentlich gelogen, und das zu allen wesentlichen Fragen seiner Zeit. Er log über den Irakkrieg, er log über seine Mitverantwortung für die Folter von Kriegsgefangenen, und er log über seine Absicht, dem Volk die Rentengelder zu stehlen, damit sich gewisse Finanziers unter seinen Unterstützern bereichern und diese "Beute" aufteilen könnten. Er wählt seine politischen Ziele aus, indem er an die Stelle der Wahrheit seine persönlichen, gewöhnlich irrationalen Gefühle setzt. Immer wieder handelt er so: Wenn er denkt, daß er sich bei etwas in diesem Augenblick wohlfühlt, dann tut er es, ohne Rücksicht auf die Folgen für ihn selbst, seine Nation oder die Menschheit. Eben weil dieser fundamentalistischste Präsident der jüngeren Zeit sich in vielen entscheidenden politischen Fragen auch als der vielleicht größte, unmoralischste Lügner erwiesen hat, hängt heute über den Vereinigten Staaten wie über allen Teilen der Welt in ihrem Einflußbereich eine dunkle Wolke des drohenden selbstverschuldeten Untergangs.
Das Problem ließe sich in den Griff bekommen, wenn die Menschen allgemein und in den USA insbesondere gewillt wären, sich ohne Rücksicht auf eigene Furcht oder Vorteil für die Wahrheit einzusetzen. Das gilt insbesondere für Politiker und andere Führungspersonen. Es bleibt bei dem, was ich betont habe: Die Wahrheit kann sich nur durchsetzen, wenn sie erfolgreiche Verfechter hat - vor allem eine Führung, die diese Herausforderung mit dem gleichen Ernst und der gleichen Sorgfalt annimmt, wie man das von den besten Militärkommandeuren eines Landes erwarten würde.
Ich kann mit Ihnen über solche Dinge sprechen, weil ich mir das Recht und die Pflicht dazu erworben habe. Um Ihretwillen wünschte ich mir, es gäbe mehr Menschen wie mich. Das Überleben unserer Nationen hängt heute an so wenigen Fäden, an so wenigen kostbaren Menschen, die die Herausforderung wahrer Führung mit allen Verantwortlichkeiten und Risiken auf sich nehmen. Es ist ungeheuer wichtig, daß wir tun, was notwendig ist, um so viel andere wie möglich zu erheben und anzuspornen.
Anmerkungen
29. Der Begriff "klassisch", wie er in dieser Schrift durchgängig gebraucht wird, hat nichts mit der verbreiteten Vorstellung von etwas bloß "Herkömmlichem" zu tun, wie sie etwa ungebildete Leute in Amerika heute mit dem Wort "Klassiker" verbinden. Beispielhaft ist der verallgemeinerte Maßstab von Pythagoras, Thales, Solon von Athen, Platon und der klassischen griechischen Bildhauerkunst im Unterschied zur archaischen Kultur; genauso ist es im Fall von Italiens Cicero und der Renaissance des 15. Jhs. mit der Wiederbelebung des klassischen Griechisch gegen das Gemeine der übrigen lateinischen Kultur, insbesondere der Kultur und Tradition des Römischen Reiches.
30. Die Behauptung der Anhänger des Venezianers Antonio Conti, ihr Schützling Issac Newton habe die Infinitesimalrechnung entdeckt÷ ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern geradezu grotesk. Einen typischen klassischen Beweis für den Leibnizschen Kalkulus, gegen diese Behauptung von Newtons zweifelhaften Bewunderern, lieferte Gauß mit seiner Berechnung der Bahn des Asteroiden Ceres. Diese Entdeckung - ein Vorläufer von Gauß' allgemeinem Krümmungsprinzip - war ein strenger Beweis dafür, warum die echte Infinitesimalrechnung notwendig war, von der alle die abartigen Apologeten von Newtons Prioritätsanspruchs im 18. Jh. und danach - wie D'Alembert, Euler und Lagrange - behaupteten, es könne sie gar nicht geben, weil ihr nichts im wirklichen Universum entspreche. Diese Behauptung der Bewunderer Newtons, er habe etwas entdeckt - das Infinitesimal - , von dem sie und ihre Nachfolger behaupteten, das gebe es gar nicht, ist eine bemerkenswerte Wortverdrehung, wie sie nur Scharlatanen vom Schlage eines François Quesnay oder dessen Plagiator Adam Smith würdig ist.
31. Etwa Aristarch von Tarent und Eratosthenes sowie später Nikolaus von Kues (z.B. in seiner Schrift De docta ignorantia).
32. Siehe auch: Lyndon LaRouche, The Economics of the Noösphere (Washington 2001). Es ist daher eine köstliche Ironie, daß der vielleicht bedeutendste aller sowjetischen Wissenschaftler, Wernadskij, der wichtigste Nachfolger Mendelejews und Begründer der sowjetischen angewandten Kernphysik, einer der größten Wissenschaftler des 20. Jhs. war. Ist er doch nach amtlicher sowjetischer "Histomat"- und "Diamat"-Lesart ein Idealist in der platonischen Tradition. Hier hat die sowjetische philosophische "Objektivität" der Engelsschen Tradition mit ihren üblen systematischen Fehlern bei der Anwendung auf die Praxis in der zivilen Wirtschaft völlig versagt. Das führt unter anderem auch die Krise der Kultur des 20. Jhs. vor Augen, die der bemerkenswerte Brite C.P. Snow im Paradox der "beiden Kulturen" ausmachte: der Dichotomie, die gesellschaftliches Denken und naturwissenschaftliches Denken hermetisch voneinander trennte. In einer Kultur, die durch Koexistenz von reduktionistischer Naturwissenschaft und irrationalem antiklassischen Denken geprägt ist, sind Zusammenbrüche im Gang der Zivilisation zu erwarten - nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch so, wie es im Sowjetsystem geschah.
33. Die "Sonnenhypothese", auf die Nikolaus von Kues Bezug nimmt, war schon vor Eratosthenes' Zeit bekanntermaßen belegt worden, und Aristarch von Samos hat das festgehalten. Claudius Ptolemäus kannte diese Aufzeichnungen und verfälschte bewußt die Fakten für seinen Appell für jene ptolemäische Fantasievorstellung, der erst Kepler wirklich wieder wissenschaftlich den Garaus machte.
34. Vgl. C.P. Snow, Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz, Stuttgart 1988. (Engl. Original: Two Cultures and the Scientific Revolution).
35. William Empson, Seven Types of Ambiguity (Middlesex 1961). Wir wollen uns damit Empsons Gedankengang nicht vorbehaltlos anschließen, sondern betonen, daß sein Werk, bei allen Irrtümern, die es enthalten mag, ernstgenommen werden muß.
36. Bei einem Internetforum am 9. November 2004 machte ich eine Bemerkung über einen Mathematiker, der eine Plastikpuppe heiratete, weil ihm ihre Maße so gut gefielen.
37. Man beachte schon hier einen für die Wirtschaftswissenschaft bedeutsamen Punkt, mit dem ich mich weiter unten befassen werde. Die Erkenntnisprozesse des menschlichen Geistes sind von einer höheren Ordnung als das Prinzip des Lebens an sich, so wie lebende Vorgänge mit nichtlebenden in Wechselwirkung stehen, aber keine sind. Die Erkenntnis ist aber auf einen lebenden Vorgang, den des menschlichen Geistes, angewiesen, um die Idee eines Prinzips, die ein Archytas oder Archimedes hervorgebracht hat, wiederzubeleben. So werden derartige wahre Ideen sowohl innerhalb der zeitgenössischen Gesellschaft wie auch über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg vermittelt.
38. Deshalb: Bitte gebt uns die Theatergesellschaften mit klassischem Repertoire wieder! Sorgt euch nicht darum, ob sie sich wirtschaftlich auszahlen - das Geld, das sie kosten, ist sehr gut angelegt. Aufführungen dieses Theaters auf Film festhalten? Ausgezeichnet - so haben Regisseur und Schauspieler eine Hilfe bei der Vervollkommnung ihrer Live-Aufführungen vor Publikum. Anschließend kann man das beste Ergebnis mit demselben Ensemble für ein Massenpublikum wiederholen. All das trägt dazu bei, ein immer besseres, angemesseneres Ergebnis zu erzielen - was einschließt, Schauspieler heranzuziehen, die immer besser in der Lage sind, die höheren Ziele zum Nutzen der Gesellschaft, die Verfasser und Darsteller unausgesprochen beabsichtigen, zu erreichen.
39. Eine besonders durchschlagende Wirkung, wenn man Werke von Shakespeare und Schiller erlebt, betrifft deren geschichtliche Treue bei der Darstellung von Ort und Zeit, ihr feines Gespür für historische Genauigkeit. So berühren beispielsweise Shakespeares Dramen zur englischen Geschichte die wichtigsten Wesensmerkmale der Zeit des ultramontanen Bündnisses des venezianischen Geldadels mit den normannischen Rittern im Mittelalter. Sobald man seine Aufmerksamkeit auf diese historischen Abläufe als Gegenstand des Dramas wendet, statt auf irgendwelche netten touristenartigen Bemerkungen zu historischen Daten, Personen und Orten, spürt man die Macht von Shakespeares schöpferischem Geist. Was Schiller betrifft, soweit ich mich hier auf ihn bezogen habe, so ist sein Gespür für die Feinheiten der Geschichte noch genauer und leidenschaftlicher als das Beste von Shakespeare.
40. Nur ein geschichtlich ungebildeter Mensch könnte behaupten, daß ich in dieser Beurteilung von Cascas Äußerung falsch liege. Shakespeares Wesen als Dichter zeigt uns eine Persönlichkeit, deren Wurzeln in der italienischen platonischen Renaissance des 15. Jhs. liegen, wie sie auch bei Sir Thomas More (Morus) zum Ausdruck kommt - jenem More, in dem die venezianische Finanzoligarchie, verkörpert u.a. durch Francesco Zorzi, Kardinal Pole und Thomas Cromwell, ihren Todfeind sah.
41. Die historischen Unterlagen belegen, daß die Hexenprozesse von Salem eine Operation der erklärten politischen Gegner der Winthrops und Mathers waren, aus der langfristig die politische Basis der verräterischen Hartford-Konvention Anfang des 19. Jhs. (wie die Unterstützer von Lowell und Perkins in den "Syndikaten") hervorging. Es gibt also eine Parallele zu dem Komplex um Harriman, Russell, Truman und Alan Dulles, der das Ferment für die Hexenjagd in der Zeit vor Eisenhowers Präsidentschaft schuf. Der Angriff dieser Kräfte galt dem verstorbenen Präsidenten Franklin Roosevelt, und er hält bis zum heutigen Tag an. Ohne die Helden von Massachusetts, die für die spätere Gründung unserer Republik stehen und gegen die sich die Machenschaften von Salem richteten, ist Millers dramatische Behandlung des Stoffes unsinnig.
42. Man vergleiche meine und Shelleys Auffassung dieses Begriffes mit den Erklärungen in William Empsons Seven Types of Ambiguity (Sieben Arten der Mehrdeutigkeit), worauf schon weiter oben Bezug genommen wurde.
43. So wie die Darstellung einer physikalischen Funktion durch einen Begriff des mathematischen komplexen Bereichs - beispielsweise bei Gauß oder Riemann - sich auf ein Naturprinzip bezieht, das vorhanden ist und wirkt, sich aber nicht unmittelbar als Gegenstand durch Sinneswahrnehmung erfassen läßt. Siehe z.B. Gauß' Dissertation aus dem Jahr 1799 als Angriff auf Empiristen wie D'Alembert, Euler und Lagrange, welche die Existenz des Leibnizschen infinitesimalen Kalkulus (d.h. des Prinzips der universellen geringsten Wirkung) bestreiten wollten, obwohl hier tatsächlich der von Gauß, Riemann u.a. entwickelte komplexe Bereich zu verorten ist. Man vergleiche damit das Prinzip der Elektrodynamik, wie es Ampère und Weber mit Hilfe von Gauß sowie Riemanns Rolle als Experimentalist entwickelten.
44. Shelleys wichtigster Bezugspunkt war an dieser Stelle nicht nur die Amerikanische Revolution von 1776-89, sondern die ganze Welle humanistischen Aufschwungs, die in Deutschland um Persönlichkeiten wie Abraham Kästner, dessen Schüler Lessing und Moses Mendelssohn entstand und sich allgemein auf die europäische Kultur ausweitete. Die Schrecken des Jakobinerterrors und das Wüten Napoleon Bonapartes verdarben diesen humanistischen Aufschwung, und daraufhin breitete sich kultureller Pessimismus aus, der u.a. in der romantischen Reaktion auf Napoleons Tyrannei, dann Metternichs Wiener Kongreß und im Protofaschismus der Hegelschen Geschichts- und Staatstheorie niederschlug, die bis zu zu Adolf Hitler und darüber hinaus wirkte. Shelley und Heinrich Heine, der die Romantische Schule in Deutschland verurteilte, waren gefangen im Abebben des klassischen Ferments in der Kunst - auch wenn beispielsweise Schumann und Brahms später noch viel erreichten. Es war noch kein Ende, aber ein ganz beträchtlicher Abschwung. So fiel auch der Tod von Gauß, Dirichlet und Riemann in den 50er und 60er Jahren des 19. Jhs. mit dem Ende der an Tiefe und Breite fruchtbarsten Periode der Wissenschaft in Europa zusammen, und seither gewannen immer mehr die Reduktionisten die Überhand. 45. Die Stelle in einer Äußerung, an der sich eine Idee befindet, gibt an, daß eine Diskontinuität vorhanden ist. Es entspricht dem Ort, wo eine Idee erzeugt wird, im Sinne von Platons Begriff der Wirkung nach dem Hypothesenprinzip. Mit dem experimentellen Nachweis, daß eine solche hypothetische Idee einzigartig wirksam ist (d.i. ein einzigartiges Experiment im Sinne Riemanns), ist ein Naturprinzip aufgestellt.
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