Aus FUSION 3/96:

Das wissenschaftliche Bild von BSE:
unvollständig, aber erschreckend


Besonderheiten von Scrapie
Besteht Gefahr für den Menschen?

Politikerwahnsinn gefährlicher als Rinderwahnsinn!

Nach Merkmalen und wahrscheinlichem Ursprung zu urteilen, gehört die Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) zu einer recht genau definierten Familie übertragbarer Krankheiten von Menschen und Tieren, die sich in einer fortschreitenden, stets tödlichen Zerstörung von Hirngewebe äußert. Der Begriff "spongiform" bezieht sich auf die besonderen, schwammartigen Veränderungen des Gehirns, die durch die Krankheit hervorgerufen werden.

Bevor die spongiforme Enzephalopathie im Jahre 1985 bei Rindern in Großbritannien entdeckt wurde, war dieser Krankheitskreis vor allem in zwei Formen aufgefallen: Erstens als weitverbreitete Krankheit unter Schafen (Scrapie oder Traberkrankheit), die schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein großes Problem der Schafherden in Europa ist. Und zweitens als Gruppe bislang äußerst seltener Hirnkrankheiten beim Menschen, zu der die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD), das Gerstmann-Sträussler-Syndrom (GSS) und Kuru gehören. Bei allen diesen Krankheiten hat es sich als sehr schwer herausgestellt, Ursachen und Ausbreitungswege festzustellen.

Bei Scrapie kommt es oft vor, daß nur ein einziges Schaf einer Herde betroffen ist; man nimmt an, daß hier genetische Faktoren bei der Übertragung eine wichtige Rolle spielen. Wenn in der Vergangenheit Scrapie in größerem Umfang ausgebrochen ist, waren dem meist übermäßige Inzucht oder Zuchtpraktiken vorausgegangen, die auf eine schnelle Vermehrung der Tierpopulation in Zeiten "großer Nachfrage" abzielten.

Dennoch wurde in den dreißiger Jahren nachgewiesen, daß Scrapie künstlich übertragen werden kann, indem kleine Mengen Hirngewebe erkrankter Tiere direkt in das Nervensystem gesunder Tiere injiziert wurden. Später wurde gezeigt, daß es auch bei der Creutzfeld-Jakob-Krankheit eine Art übertragbaren Erreger gibt. D.C. Gajdusek und anderen gelang es, CJD auf Schimpansen zu übertragen, indem diesen ein Hirngewebe-Extrakt menschlicher CJD-Opfer injiziert wurde. Mit gleichen Mitteln konnte die Krankheit auch von Schimpansen auf Schimpansen weiter übertragen werden.

Aus diesen Experimenten erfuhr man, daß die Latenz- oder Inkubationszeit für Scrapie und andere übertragbare Enzephalopathien - die Zeitspanne zwischen der ursprünglichen Infektion und dem ersten Auftreten von Krankheitssymptomen - außerordentlich lang sein kann. Bei unbeabsichtigten Übertragungen von CJD in Krankenhäusern durch Transplantate oder kontaminierte chirurgische Instrumente kann die Inkubationszeit bis zu 30 Jahren betragen. Aus diesem Grund wurden Scrapie und CJD zunächst als "langsame Viruserkrankungen" bezeichnet, womit sie in die gleiche Kategorie fielen wie Maedi-Visna (eine Viruserkrankung von Schafen) und das mit HIV verbundene AIDS beim Menschen. Interessanterweise können auch Maedi-Visna und die HI-Viren fortschreitende Hirnerkrankungen auslösen. Es gibt dabei jedoch wichtige Unterschiede.

Besonderheiten von Scrapie

Bei der Suche nach einem Virus als möglichem Erreger von Scrapie stellten D.R. Wilson, I.H. Pattison und andere mehrere überraschende und beunruhigende Tatsachen fest, die für das heutige BSE-Problem wichtige Implikationen haben.

Erstens wurde festgestellt, daß der Hirnextrakt erkrankter Schafe auch nach der Behandlung mit den üblichen Methoden zur Sterilisierung von Instrumenten, medizinischen Präparaten und Nahrungsmitteln noch infektiös blieben. Diese außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Hitze, Chemikalien und sogar intensive ultraviolette Strahlung legte die Vermutung nahe, daß diese Krankheit von einem Infektionsträger völlig neuer Art verursacht sein könnte. Dieser Schluß wurde durch die Feststellung erhärtet, daß die infizierten Tiere keine erkennbare Immunreaktion gegen den Erreger zeigen. (Tatsächlich ist der Erreger von Scrapie und ähnlichen Krankheiten nach der heute am meisten favorisierten Hypothese gar kein gewöhnliches Virus, sondern lediglich ein Protein - ein natürlich vorkommendes Protein, dessen Eigenschaften sich durch Änderung seiner räumlichen Anordnung verändern.)

Zweitens veröffentlichten Pattison und Millson 1961 die Ergebnisse von Experimenten, bei denen Scrapie durch orale Verabreichung von nur 100 ml infektiöser Hirnemulsion auf Schafe übertragen werden konnte. Andere Experimente ergaben, daß die Krankheitsträger von Scrapie nicht nur im Hirn konzentriert sind, sondern auch in anderen Körperorganen vorhanden sein können, wenn auch in wesentlich geringerer Konzentration.

Drittens wurde nachgewiesen, daß Scrapie auf andere Tierarten, zuerst auf Ziegen und Mäuse, übertragbar ist und dort eine analoge Degeneration des Gehirns hervorruft wie bei Schafen. Diese und spätere Experimente mit Krankheitsübertragungen auf andere Tierarten ließen auf die Existenz einer sogenannten "Artenbarriere" schließen, die jedoch nicht absolut ist, sondern u.a. von der Dosierung des infektiösen Materials und der Methode der Übertragung (durch Injektion ins Gehirn oder auf andere Weise) abhängt.

Diese Erkenntnisse, die in den fünfziger und sechziger Jahren in Großbritannien gewonnen wurden, hätten in Verbindung mit den Ergebnissen entsprechender Forschungen in anderen Ländern eigentlich eine Vorwarnung sein, die beachtet werden sollte, wenn man die Überreste von Schafen als Futtermittelzusätze "recycelt". In jedem Fall müßte sichergestellt sein, daß die Erreger durch den dabei eingesetzten Verarbeitungsprozeß vollständig inaktiviert werden. Allerdings geschah in Großbritannien insbesondere seit Ende der siebziger Jahre das genaue Gegenteil.

Als Mitte der achtziger Jahre die ersten BSE-Fälle auftraten, war die auffallende Ähnlichkeit zu Scrapie sofort deutlich. Daraus folgte die naheliegende Hypothese - die heute unter Forschern weitverbreitet, wenn auch nicht allgemein anerkannt ist - , daß BSE das Ergebnis einer "Passage" des Scrapie-Erregers durch die Arten-Barriere infolge der "Wiederverwertung" von Schafsresten als Zusatz zum Rinderfutter war.

Ganz unabhängig von der Hypothese über einen möglichen "Artensprung" der Krankheit mußte unbedingt erwartet werden, daß BSE viele biologische Eigenschaften mit Scrapie gemein hat, darunter einen übertragbaren Erreger, die hohe Widerstandskraft dieses Erregers gegen gängige Sterilisationsverfahren und die Möglichkeit der Übertragung auf oralem Weg. Daher war es nicht sonderlich schwer zu erraten, was geschehen würde, wenn man die Kadaver BSE-infizierter Rinder samt Hirn an gesunde Rinder verfüttert und bei der Herstellung solcher Futtermittel Methoden einsetzt, die den die scrapieähnlichen Erreger nicht sicher inaktivieren. Angesichts der eben angeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse kann man es nur als sträflichste Fahrlässigkeit bezeichnen, daß eine solche Verwertung von Rinderkadavern zugelassen wurde. Diese Art "Kannibalismus" war mit großer Wahrscheinlichkeit der wichtigste Faktor bei der schnellen, epidemieartigen Verbreitung von BSE ab 1985.

Besteht Gefahr für den Menschen?

Es bleibt die entscheidende Frage, ob beim Verzehr von Fleisch oder Verarbeitungsprodukten BSE-infizierter Rinder eine signifikante Gefahr für den Menschen besteht. Ein starkes Argument gegen eine solche Gefahr scheint die Beobachtung zu sein, daß Menschen schon seit langer Zeit Schaffleisch essen und dabei zweifellos sehr häufig auf oralem Weg mit dem Scrapie-Erreger in Berührung gekommen sind. Scrapie hat in der Vergangenheit häufig unter Schafen in Europa grassiert, und man kann kaum davon ausgehen, daß der Scrapie-Erreger durch normales Kochen in allen Fällen inaktiviert wurde. Trotzdem gibt es zwischen dem Verzehr von Lammfleisch und CJD bzw. anderen Formen spongiformer Enzephalopathien beim Menschen praktisch keinen Zusammenhang. Die Häufigkeit dieser Krankheiten ist nach wie vor extrem gering - im allgemeinen in der Größenordnung von 1-2 Fällen pro 1 Million Menschen pro Jahr. Es ist deshalb zu vermuten, daß die "Artenbarriere", welche den Menschen vor der Infektion mit Scrapie schützt, sehr hoch ist.

Andererseits geht die Beruhigung, die uns dieses Argument verschafft, von der Annahme aus, daß die Übertragungsmöglichkeit von BSE praktisch identisch ist mit der von Scrapie. Leider deuten jüngste Forschungen auf einige signifikante Unterschiede.

Wie wir schon bemerkt haben, kann Scrapie leicht auf gesunde Schafe übertragen werden, wenn man ihnen Suspensionen von Hirngewebe scrapiekranker Schafe oral verabreicht. Die orale Übertragung von Scrapie auf andere Arten scheint jedoch wesentlich schwerer zu erfolgen. Bei BSE zeigt sich ein anderes Bild. In einer der letzten Ausgaben des Fachmagazins British Veterinary Record wurde über Experimente berichtet, bei denen in scrapieresistenten Schafen eine spongiforme Enzephalopathie entstand, als man ihnen das Äquivalent von 0,5 g Hirngewebe von BSE-infizierten Rindern oral verabreichte. Auf ähnliche Weise wurden Mäuse mit BSE infiziert. Außerdem trat nach dem Ausbruch von BSE bei britischen Rindern die spongiforme Enzephalopathie erstmals auch bei Katzen (68 Fälle bis August 1995) und verschiedenen Zootieren (21 Fälle) auf, bei denen diese Krankheit zuvor nicht beobachtet wurde. Es gibt Anlaß zu dem Schluß, daß es sich hierbei um Fälle oraler Übertragung durch BSE-kontaminierte Rinderprodukte handelt.

Diese Feststellungen, die zwar noch nicht endgültig bestätigt sind, deuten darauf hin, daß der BSE-Erreger leichter auf andere Arten übertragen werden kann als der Scrapie-Erreger.

Dazu kommt, daß in den vergangenen Jahren in England bei mindestens zehn Patienten eine neue Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aufgetreten ist, die bisher noch nicht beobachtet worden war. Anders als die gewöhnliche Form der sporadischen CJD, die vor allem ältere Personen betrifft, tritt diese Form bei jungen Menschen auf (Durchschnittsalter 26,3 Jahre) und ruft ein deutlich anderes Bild von Hirnschädigungen hervor. Auch wenn es noch keinerlei direkte Beweise gibt, muß doch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß die neue Form der CJD durch die Übertragung des BSE-Erregers auf den Menschen entstanden ist. Eine sofort erforderliche Konsequenz dieses Verdachts muß es sein, in jedem Fall auszuschließen, daß BSE-kontaminiertes Material in die menschliche Nahrung gerät.

Politikerwahnsinn gefährlicher als Rinderwahnsinn!

So besorgniserregend der Ausbruch von BSE und seine möglichen Folgen für die Gesundheit des Menschen sein mögen, spricht vieles dafür, daß das Problem BSE unter Kontrolle gebracht werden kann. Bereits die 1988 erlassenen, von der britischen Regierung nicht sehr konsequent durchgesetzten Maßnahmen - insbesondere das Verbot der weiteren Verwendung von Schafs- und Rinderkadavern als Rinderfutter - haben die Zahl der neuen BSE-Fälle seit 1993 deutlich sinken lassen. Selbst wenn eine sehr viel größere Zahl von Menschen aufgrund des Kontakts mit dem BSE-Erreger CJD oder ähnliche Krankheiten entwickeln sollte - der schlimmste annehmbare Fall - , erscheint es äußerst unwahrscheinlich, daß daraus eine dauerhafte Epidemie entsteht, die dann von Mensch zu Mensch weitergegeben würde. Bei allen bekannten Krankheitsbildern dieser Art, einschließlich Scrapie, BSE und CJD, ist eine solche "horizontale Übertragung" unter normalen Bedingungen außerordentlich selten.

Doch leider leben wir nicht unter normalen Bedingungen. Die größte Gefahr geht nicht von dieser oder jenen Krankheit aus, sondern von der grassierenden sträflichen Fahrlässigkeit, die uns Dinge wie BSE und die weltweite AIDS-Pandemie beschert hat. Alle diese Seuchen treten im Kontext einer allgemeinen Zersetzung der menschlichen Immunabwehr auf. Die Kombination von AIDS und therapieresistenter Tuberkulose sowie die "Renaissance" klassischer Epidemien wie Cholera und Malaria in vielen Teilen der "Dritten Welt" sind dafür exemplarisch. Weltweit gehen die Ausgaben für lebensnotwendige Wasser- und Sanitärsysteme, öffentliche Gesundheitseinrichtungen, den Pflanzen- und Tierschutz sowie Impf- und Präventionsprogramme drastisch zurück, während parallel der materielle Lebensstandard des überwiegenden Teils der Weltbevölkerung ebenso sinkt.

Die rücksichtslose Deregulierung und Globalisierung in allen Bereichen der Weltwirtschaft und die systematische Zerstörung der Nahrungsmittelerzeugung beschwören die Gefahr eines globalen "biologischen Holocausts" herauf. Ohne Not vervielfachen wir auf diese Weise die Verbreitungsmöglichkeiten für Krankheiten von Menschen, Tieren und Pflanzen, schwächen unsere "epidemiologische Flanke" und züchten neue Erreger, die zum Auftreten bisher unbekannter Krankheiten führen. Wenn wir den Thatcherismus in seiner bisherigen Form weiter tolerieren, könnte BSE nur ein milder Vorgeschmack auf das kommende Unheil gewesen sein.

Dr. Jonathan Tennenbaum