Aus FUSION 3/96:

Bericht über einen beeindruckenden Besuch

China setzt auf Fortschritt


Entwicklung oder Freihandel
Hochtechnologieprojekte

Wirtschaft und Menschenrechte

Von Dr. Jonathan Tennenbaum

Während man in Deutschland und anderen westlichen Ländern mit geradezu blindwütigem Eifer den Industrie- und Sozialstaat demontiert, setzt die chinesische Führung seit einiger Zeit auf die Industrialisierung ihres Landes mit Hilfe modernster Technologien. Trotz einer Vielzahl schwerwiegender Probleme hinterläßt China mit seiner optimistischen Aufbaustimmung verglichen mit dem erdrückenden Kulturpessimismus und wirtschaftlichen Abbau in den westlichen Industrienationen einen erfrischend positiven Eindruck.

Anlaß meines Besuches in China war eine vom chinesischen Staatskomitee für Wissenschaft und Technik ausgesprochene Einladung zu einem großen internationalen Symposium in Beijing am 7.-9. Mai 1996, an dem ich zusammen mit der Präsidentin des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche und unserer Mitarbeiterin Mary Burdman teilnahm. Im Anschluß an das Symposium hatten wir Gelegenheit, zahlreiche Gespräche zu führen, an Seminaren teilzunehmen und u.a. das Forschungszentrum für Kernenergie der Universität Qinghua zu besichtigen. Sehr aufschlußreich für uns war auch ein Ausflug in die Provinz Hebei, wo wir die großen landwirtschaftlichen Anstrengungen Chinas sehen konnten.

Von ganz besonderem Interesse war das große Symposium mit dem Thema "Die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen entlang der Neuen Eurasischen Landbrücke". Diese neue "Landbrücke" oder "Kontinentalbrücke" ist die seit 1992 durchgehend geöffnete, ca. 10000 km lange Eisenbahnlinie, die von dem chinesischen Osthafen Lianyungang durch den Nordwesten Chinas bis an die Grenze zu Kasachstan und von dort in nordwestlicher Richtung durch Kasachstan nach Rußland führt, um dann über Moskau, Minsk, Warschau und Berlin den Europahafen Rotterdam zu erreichen. Zu dem Symposium waren über 460 Teilnehmer aus 34 Nationen gekommen. Neben führenden Diplomaten und Staatsmännern kamen auch viele Fachexperten aus den relevanten technischen Bereichen zu Wort, darunter Kommunikations-, Transport- und Verkehrsexperten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Polen, Finnland, Rumänien, aus den Ländern Zentralasiens und natürlich aus China selbst.

Das Symposium selbst ist Teil einer diplomatischen Initiative der chinesischen Führung, jene "Landbrücke" zwischen China und Europa zu einer großen wirtschaftlichen "Entwicklungsachse" zu machen. Damit hoffen die Chinesen, die wachsende Diskrepanz zwischen den reicheren Küstenprovinzen und den vergleichsweise unterentwickelten Provinzen im "Hinterland" auszugleichen, gleichzeitig aber die gesamte Entwicklung Eurasiens voranzutreiben und Chinas Verhältnis zu den Ländern entlang der "Brücke" auf eine langfristig stabile Grundlage zu stellen.

Aus den Reden der chinesischen Vertreter auf der Konferenz, darunter auch hohe Repräsentanten der Provinzregierungen, wurde deutlich, daß es hier nicht um bloßes "PR" ging. China hat bereits erhebliche Investitionen getätigt, um die Infrastruktur entlang der "Brücke" zu entwickeln und die Wirtschaftsstrukturen der betroffenen Provinzen auf das "Zeitalter der Landbrücke" vorzubereiten. So sind während den letzten 10 Jahre über 2000 Kilometer der nordwestlichen Hauptbahnstrecke Chinas doppelspurig ausgebaut, große Strecken davon elektrifiziert und zahlreiche Zweig- und Parallelstrecken hinzugefügt worden. Die Hafenanlagen in Lianyungang, Rizhao und Qingdao werden ausgebessert und zahlreiche Umschlagplätze werden entlang der Linie gebaut. Neben den Verbesserungen der Transportinfrastrtur laufen auch zahlreiche Industrieprojekte, nicht zuletzt um die reichen Rohstoffvorkommen im Nordwesten des Landes besser ausbeuten zu können.

Im nächsten Jahr wird noch ein weiteres Großprojekt abgeschlossen sein: der Bau des "Transeurasischen Glasfaserkabel-Fernleitungsnetzes", das sich von Shanghai bis nach Frankfurt am Main erstreckt - das längste Landkabelsystem der Welt!

Die Redeauszüge, die wir im Anschluß an diesen Artikel abdrucken, vermitteln einen Eindruck des regelrechten Aufbaufiebers, das sich z.Z. entlang der neuen Landbrücke entfaltet.

Der Umstand, daß ich und Frau Zepp-LaRouche eingeladen wurden, auf diesem Symposium zu sprechen, wird die meisten Leser dieser Zeitschrift nicht überraschen. In FUSION haben wir mehrmals über das "Jahrhundertprojekt" des Aufbaus einer integrierten hochmodernen Transport-, Energie-, Wasser- und Kommunikationsinfrastruktur vom Atlantik zum Pazifik geschrieben. Im der vorletzten Ausgabe von FUSION haben wie einige Elemente des ursprünglichen Vorschlages von Lyndon LaRouche beschrieben, wonach ein solches eurasisches Infrastrukturprogramm - neben dringend notwendigen Reformen des internationalen Finanzsystems - den Grundstein zur Lösung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in Ost und West darstellt.

Eine Besonderheit von LaRouches Vorschlag liegt darin, die Hauptstrecken ("Magistralen") des transkontinentalen Eisenbahnnetzes zum Rückgrat eines Systems von "Entwicklungskorridoren" zu machen, also Streifen von etwa 50 km auf beiden Seiten der Eisenbahnlinien, wo ein relativ dicht ausgebautes Infrastrukturnetz optimale Bedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung schafft. Damit lassen sich die Entwicklungsnachteile der riesigen, dünn besiedelten Räume überwinden, die entlang der "Eurasischen Brücke" im Nordwesten Chinas, Zentralasiens und großer Teile Rußlands herrschen.

Hierüber haben ich und Frau Zepp-LaRouche auf dem Symposium gesprochen, wobei ich mehr die wirtschaftlich-technischen, Frau Zepp-LaRouche mehr die strategischen Aspekten des von ihrem Mann zuerst entwickelten Konzepts behandelten. Die Reaktion der chinesischen Teilnehmer darauf war sehr positiv; in der abschließenden Sitzung wurde der Beitrag von Frau Zepp-LaRouche als eine der wichtigsten Reden während des Symposiums hervorgehoben.

Tatsächlich fanden unsere Vorschläge in China allgemein ein ausgezeichnetes Echo. Dies hängt zum Teil damit zusammen, daß einige führende chinesische Ökonomen schon längerem mit ähnlichen Konzeptionen arbeiten. Es sei auch erwähnt, daß Lyndon LaRouches Analyse über die Krise des internationalen Finanzsystems in China ziemlich bekannt ist. Der Begriff "Finanz-AIDS" hat sich weit herumgesprochen, nachdem ein von mir gehaltener Redebeitrag auf einem Seminar in Beijing im letzten Jahr von einer bekannten chinesischen Wirtschaftsfachzeitschrift in Übersetzung veröffentlicht wurde, was dann mehrere weitere Artikel und Diskussionen nach sich gezogen hat.

Das Prinzip, Infrastrukturprojekte auf der Grundlage moderner Technologien als Lokomotive einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung einzusetzen, paßt gut in die heutige Debatte in China selbst. Dort spricht man gern von einer "Renaissance der Seidenstrasse" - also jener Handelswege, welche schon in der Zeit des Römerreiches China mit Europa und Afrika verbanden. Die Seidenstraße war übrigens kein einzelner Weg, sondern einen weitverzweigtes Netz von Handelsstraßen und Schiffahrtswegen, welche im Norden über Sibirien, im Süden nach Indien und Persien bis in den Nahen Osten und nach Afrika liefen. Schon vor 1000 Jahren gab es also ein eurasisches Netzwerk! Entlang dieser Verkehrswege entwickelten sich wie an einer Perlenkette reiche Handelsstädte. Dort begegneten sich die verschiedenen Kulturen, Religionen und Völker Eurasiens. Bis zum heutigen Tag wirkt der Begriff "Seidenstraße" wie ein Zauberwort, und zwar nicht nur in China, sondern in weiten Teilen Zentralasiens, in Iran und anderen arabischen Ländern. Wenn die Chinesen heute die Eisenbahnverbindungen nach Europa als "Neue Seidenstraße" bezeichnen, verbinden sich damit ganz konkrete Hoffnungen. Nach den verheerenden Erfahrungen mit der Kulturrevolution in den sechziger Jahren bricht sich jetzt das lange historische Gedächtnis der chinesischen Elite wieder Bahn.

Nicht nur in China ist der Traum von einer "Neuen Seidenstraße" lebendig geworden; besonders bemerkenswert war auch der Redebeitrag des iranischen Vizeaußenministers Broujerdi auf dem Symposium. Broujerdi hob die große Bedeutung der gerade in diesem Jahr fertiggestellten 150 km langen Eisenbahnverbindung zwischen Mashhad in Iran und Tedzhen in Turkmenistan hervor. Damit eröffnet sich die "südliche Landbrücke" von China nach Europa über Kasachstan, Usbekistan, Iran und die Türkei. Der iranische Vizeminister sprach von einer Vielzahl weiterer Projekte, die sich in verschiedenen Phasen der Verwirklichung befänden und zusammengenommen eine kleine wirtschaftliche Revolution für die ganze Region bedeuteten.

Es gab auf dem Symposium viele andere interessante Aspekte, die aber hier im einzelnen nicht besprochen werden können. Es wurde aber klar, daß die Wiederbelebung der alten Seidenstraße eine der wichtigsten Tendenzen darstellt, die zur Zeit auf der internationalen Szene zu beobachten ist. Deswegen kann ich nur schwer verstehen, warum das Symposium in Beijing in der westeuropäischen Presse praktisch keine Erwähnung gefunden hat. Ist man bei uns überhaupt noch in der Lage, neue Chancen und Perspektiven wahrzunehmen, geschweige denn Gebrauch zu machen? Die Zukunft gehört denjenigen, die langfristig denken und die geschichtlichen Möglichkeiten nutzen!

Entwicklung oder Freihandel

Konfliktstoff lieferten auf der Konferenz vor allem die Versuche des EU-Vizepräsidenten Leon Brittan, zusammen mit den Vertretern der Welthandelsorganisation und einigen anderen supranationalen Gremien alle Entwicklungspläne in den Rahmen einer radikalen Freihandels-, Freimarkt-, Globalisierungs- und Privatisierungspolitik zu stellen. Oberstes Ziel war offenbar, die chinesische Regierung dazu zu zwingen, ihren "unzeitgemäßen" Anspruch auf nationale ökonomische Souveränität aufzugeben und sich den Spielregeln der sogenannten "internationalen Gemeinschaft" zu unterwerfen. Die Chinesen ließen sich aber durch die ziemlich grob formulierten Forderungen Sir Brittans wenig beeindrucken. Und das ist vollauf berechtigt.

Die wirtschaftliche Zerstörung Rußlands, der meisten Entwicklungsländern und jetzt auch der meisten Industrieländer durch eben jene "Spielregeln" des ungezügelten Freihandels stärkt bei Chinas Elite den Eindruck, daß sie bei der Wirtschaftsreform einen "eigenen Weg" einschlagen müsse. Mit 1,2 Mrd. Einwohnern und der Tradition einer 5000jährigen Geschichte ist die chinesische Führung nicht bereit, sich von irgendjemandem Bedingungen diktieren zu lassen. Die Chinesen sind schlau genug, um erkannt zu haben, daß der Aufstieg der USA, Japans, Deutschlands und Frankreichs zu reichen Industrienationen auf genau jenen "protektionistischen" Methoden der Nationalökonomie basierte, welche man China nun verbieten möchte! Nicht zuletzt deswegen bleiben die Chinesen hart. Und darüber waren Sir Brittan und andere Vertreter der "internationalen Gemeinschaft" sichtlich verärgert.

Hochtechnologieprojekte

Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war ein Besuch des Instituts für Nukleartechnologie (INET) der Universität Qinghua, welches am Fuße der Berge nördlich von Beijing liegt. Hier wird unter anderem Chinas erster Hochtemperaturreaktor (HTR) gebaut - eine 10-MW-Versuchsanlage nach dem Vorbild des in Deutschland entwickelten "Kugelhaufenreaktors". Während man in Deutschland fast alle Anstrengungen auf diesem Bereich eingestellt hat, setzt man in China auf die Zukunft dieser einzigartigen Energiequelle. Der HTR soll einen wichtigen Bestandteil der Energieversorgung Chinas im nächsten Jahrhundert bilden, und zwar nicht nur für die Stromerzeugung, sondern auch für industrielle Anwendungen. So sollen Hochtemperaturreaktoren u.a. als Dampfquelle benutzt werden, um die großen Reserven schweren Öls vor allem im Nordwesten des Landes nutzen zu können.

Der Bau des HTR-10 begann am 14. Juni letzten Jahres (siehe auch unser Interview mit Prof. Wu Zongxin in FUSION 4/1995). Wir haben den Bauplatz besichtigt, wo gerade die unterirdischen Teile des Reaktorgebäudes fertiggestellt werden. Aufträge für das Reaktorgefäß und andere wesentliche Komponenten sind bereits erteilt worden. Der Bau der gesamten Anlage soll 1998 abgeschlossen sein, und die erste Kritikalität ist für Anfang 1999 vorgesehen.

Die ersten Planungs- und Entwicklungsarbeiten für den HTR-10 sind in Zusammenarbeit mit dem Jülicher Institut des im April diesen Jahres verstorbenen Prof. Rudolf Schulten und mit der Firma Siemens durchgeführt worden. Danach soll der HTR-10 praktisch als Vorstufe für den zukünftigen Bau von modularen Kernreaktoren nach dem Prinzip des "Siemensmoduls" dienen. Letzterer ist für eine Serienproduktion besonders geeignet. Neben dem Reaktor will man am INET eine Anlage zur Herstellung und Weiterentwicklung der kugelförmigen Brennelemente des HTR betreiben. Bei optimalem Fortschritten erwägt man sogar Versuche mit einer Heliumturbine zur direkten Stromerzeugung im primären Kühlkreis des Reaktors. Bei zukünftigen Reaktorgenerationen könnte man dann auf den aufwendigen Sekundärkreis mit dazugehörenden Wärmetauschern verzichten und eine viel effizientere Stromerzeugung erreichen. Nach dem Besuch beim INET war deutlich, daß sich die Chinesen Schritt für Schritt vorwärts bewegen wollen, bis sie die Kugelhaufenreaktor-Technologie vollkommen beherrschen.

Am INET konnten wir einen weiteren Forschungsreaktor, einen 5-Megawatt-Wärmereaktor, besichtigen, der für nichtelektrische Anwendungen konzipiert ist. Dieser Reaktor, der bereits mehrere Jahre erfolgreich läuft, zeichnet sich durch einen sehr hohen Grad inhärenter Sicherheit und Einfachheit im Betrieb aus. Zum Beispiel erfolgt die Kühlung des Reaktors ohne Pumpen, allein durch die natürliche Zirkulation des Kühlwassers, und ein sinnreiches hydraulisches Steuerungssystem sorgt für eine sichere, automatische Abschaltung des Reaktors im Störfall. An diesem Versuchsreaktor werden seit Jahren nicht nur Anwendungen für Raumheizung in den Städten ausprobiert, sondern auch (mit Hilfe einer "Wärmepumpe") für die Kühlung im Sommer. Außerdem ließe sich dieser Reaktor als Wärmequelle für Entsalzungsanlagen einsetzen.

Das INET arbeitet zusammen mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA an Studien über den Einsatz der Kernenergie für die Entsalzung von Meerwasser. Mehrere Projekte sind bereits ins Auge gefaßt, vor allem in Nordafrika. In China selbst gibt es Überlegungen, die Kombination von Wärmereaktor und Entsalzungsanlage für die Trinkwasserversorgung der Küstenstadt Dalian einzusetzen. Nach den erfolgreichen Arbeiten am 5-MW-Wärmereaktor hat die chinesische Regierung bereits den Bau eines Nachfolgereaktors, einer 200-MW-Pilotanlage, beschlossen.

Insgesamt waren wir von der Ernsthaftigkeit der chinesischen Forscher sehr beeindruckt, die mit relativ bescheidenden Mittel große Zukunftsperspektiven für ihr Land eröffnen. Frau Zepp-LaRouche meinte gegenüber einem der Leiter des HTR-Projekts in China halb im Scherz: "Bitte beeilen Sie sich mit diesem Projekt, damit wir den HTR bald wieder nach Deutschland zurückimportieren können!"

Wirtschaft und Menschenrechte

Unsere Reise nach China hat auch dazu beigetragen, die gegenwärtige Diskussion über Menschenrechte in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Erstens glaube ich, daß zur Beurteilung der Lage in China nicht so sehr der Vergleich mit den sogenannten westlichen Demokratien entscheidend ist, sondern viel eher der Vergleich mit China selbst in früheren Perioden. Frau Zepp-LaRouche ist in der wohl einmaligen Lage, darüber ein Urteil abzugeben, denn sie war erstmals als junge Journalistin in der späten Phase der Kulturrevolution vor 25 Jahren in China. Für sie ergab sich der unumstößliche Eindruck, daß sich China seit jener Zeit auf geradezu unglaubliche Weise zum Positiven verändert hat.

Dieser Prozeß der positiven Veränderung hält offenbar weiter an, wobei man realistischerweise davon ausgehen muß, daß die chinesische Führung in absehbarer Zeit keine organisierte politische Opposition im Lande dulden und am "Einparteisystem" festhalten wird. Trotzdem hat sich die Atmosphäre für öffentliche Diskussionen offenbar enorm gelockert, was man aus der chinesischen Presse und aus der enormen Flut neuer Bücher zu jedem beliebigen Thema schließen kann, wo z.T. sehr hitzige Debatten über Grundsatzfragen ausgetragen werden. Interessant ist auch die Flut neuaufgelegter klassischer Werke der chinesischen Philosophie, Geschichte und Staatskunst.

Diese und andere Aspekte der heutigen Entwicklung in China richtig einzuschätzen, bedürfte einer längeren Diskussion. Dazu gehört auch die Frage, wie die tragischen Ereignisse von 1989 aus heutiger Sicht zu beurteilen sind. Ich möchte hier nur folgendes zu bedenken geben.

Wenn die Führungselite Chinas es für nötig hält, die politische und sonstige Entwicklung im Lande mit z.T. diktatorischen Mitteln im Griff zu behalten, so muß dies nicht unbedingt bloß als Ausdruck reiner Machtbesessenheit angesehen werden. Einerseits muß man die Geschichte Chinas und die daraus resultierende Mentalität der Menschen kennen, andererseits aber auch die reale Bedrohung, die jede Nation heute erfährt, die versucht, ihre Souveränität und ihr Recht auf Entwicklung zu verwirklichen.

Bei nüchterner Betrachtung der gegenwärtigen Entwicklung auf der Welt entsteht ein starker Verdacht, daß die von westlichen Medien und Politikern hochgespielte Kampagne über "Menschenrechte" in China nicht sehr viel mit echter Sorge über die Lage von 1,2 Milliarden Menschen zu tun hat, sondern vielmehr mit offenen geopolitischen Interessen. Hält man sich vor Augen, welch unglaubliche Zahl von Menschenleben in jenen Entwicklungsländern umgekommen ist, die sich dem Diktat des Internationalen Währungsfonds (IWF) gefügt haben, entpuppt sich die ganze Menschenrechtsdiskussion noch mehr als ablenkende Heuchelei.

Während in unseren westlichen Medien selbstherrlich über Demokratie und Menschenrechte doziert wird, werden Millionen von Menschen im Entwicklungssektor dem Tod durch lokale Kriege, Hungersnöte und Epidemien preisgegeben, weil diese Ländern unter den "Spielregeln" des heutigen internationalen Wirtschaftssystems längst zu reinen Kapitalexporteuren geworden sind. Die Regierungen dieser Entwicklungsländer, ob gewählt oder nicht, haben so gut wie nichts zu sagen; sie sind praktisch nur die Verwalter der mörderischen "Anpassungs"- und Austeritätsprogramme, die vom IWF und den internationalen Banken diktiert werden.

Nicht zuletzt weil China in gewissem Maße auf seiner Souveränität beharrt, ist es von allen mir bekannten Entwicklungsländern das einzige, wo noch in größerem Ausmaße Investitionen in die grundlegende produktive Infrastruktur stattfinden und der Großteil der Bevölkerung mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft blicken kann. Eben deswegen laufen die Versuche, China zu destabilisieren, an allen Fronten auf Hochtouren. Leute wie Gerald Segal vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) in London sprechen seit Jahren offen darüber, daß die westliche Politik auf eine Aufteilung Chinas hinarbeiten soll. Die Tatsache, daß sich China bedroht fühlt, rechtfertigt natürlich nicht alles, was die chinesische Führung tut. Es ist nur wichtig zu verstehen, daß die Wahrnehmung einer solchen Bedrohung vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte und Mentalität bestimmte Reaktionen hervorruft.

Von diesen geopolitischen Faktoren abgesehen liegt für mich die große gesellschaftliche und politische Herausforderung Chinas nicht in dem Aufbau liberaldemokratischer Formen nach westlichem Vorbild - die unter den heutigen internationalen Umständen ohnehin sofort ausgenutzt würden, um das Land zu destabilisieren - , sondern in der Erziehungspolitik. Wenn die Führung Chinas es mit der Modernisierung und Entwicklung des Landes ernst meint, dann muß das Bildungsniveau der Bevölkerung dramatisch angehoben werden, und zwar nicht nur für die städtische Mittelklasse. Dieses Ziel ist ohne eine geeignete Wirtschaftspolitik nicht möglich, geht aber über enge wirtschaftliche Gesichtspunkte hinaus. Auch in dieser Hinsicht sollten wir uns im Westen vor jeder Heuchelei hüten. Denn wir sind selbst auf dem besten Wege, mit der katastrophalen Verdummung der Bevölkerung durch Massenmedien, Sport-Fetischisierung und die Rock-Drogen-Sex-"Gegenkultur" den Begriff "Demokratie" in eine traurige Farce zu verwandeln.

Die Begegnung mit China sollte ein fruchtbarer Anlaß sein, das Beste auf beiden Seiten zum Tragen zu bringen. Es gilt, in gegenseitiger Achtung und dem Verständnis der wirklichen Probleme eine bessere Welt im 21. Jahrhundert aufzubauen.