Aus FUSION 3/96:

EDITORIAL

Neue Arbeitsplätze vom Mars


Es ist nicht schwer, die Massenarbeitslosigkeit abzubauen und mittelfristig eine dauernde Vollbeschäftigung zu schaffen, wenn Politiker und Wirtschaftsbosse nur das erforderliche Hirn und den politischen Willen dazu aufbrächten. Es sind nämlich nur drei Dinge dazu nötig:

1. Finanzreformen auf nationaler und internationaler Basis, um die enorme Blase von Schulden und Spekulation auf den Finanzmärkten zu beseitigen und gleichzeitig neue Mechanismen zur Kreditschöpfung für gezielte produktive Investitionen im großen Stil in Gang zu setzen. Diese Aufgabe erfordert natürlich die Zusammenarbeit einer hinreichend starken Kombination von Nationen, wobei den USA eine Schlüsselrolle zukommt.

2. Ein großes Paket von (hauptsächlich) staatlich finanzierten Infrastrukturprojekten im In- und Ausland, einschließlich des Baus eines europäischen (und später eurasischen) Magnetbahnnetzes, sowie "konventioneller" Eisenbahn-, Straßen-, und Kanalprojekte sowie der Wohnungsbau.

Die direkten und mittelbaren Auswirkungen dieser beiden Maßnahmen - die wir bereits in früheren Ausgaben von FUSION ausführlich besprochen haben - reichten aus, die Massenarbeitslosigkeit in kurzer Zeit zu beenden. Will man aber auf Dauer Prosperität und Vollbeschäftigung garantieren, dann muß ein weiteres Element hinzukommen, welches für eine gesunde Wirtschaftsentwicklung das allerwichtigste ist:

3. Eine Vervielfachung der gegenwärtigen Finanzierung von wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung, mit Schwerpunkt auf Gebieten wie bemannter Raumfahrt, Überschall- und Hyperschallflug, Fusionsenergie, fortgeschrittenen Kernreaktoren (wie z.B. dem Hochtemperaturreaktor mit Heliumturbine), elektromagnetischer Biophysik usw. Das mittelfristige Ziel muß sein, 10% oder mehr der Erwerbstätigen in Forschung und Entwicklung zu beschäftigen.

Der für Deutschland und andere Industrieländer bei weitem effektivste Weg, dieses Ziel zu erreichen, ist die maßgebliche Beteiligung an einem großen, langfristig angelegten Programm zur Schaffung permanenter Siedlungen auf dem Mars.

Jesco von Puttkamer hat Recht, wenn er in seinem neuesten Buch die Beschäftigungswirkung eines solchen Mars-Programms hervorhebt. Bis zur Schaffung einer ersten lebensfähigen "Wissenschaftsstadt" auf dem Mars muß eine umfangreiche extraterrestrische Infrastruktur aufgebaut werden, wozu auch industrielle Aktivitäten auf dem Mond gehören. Durchbrüche sind auf praktisch allen Bereichen der Wissenschaft und Technologie gefordert: von der Entwicklung eines Fusionsantriebs für Raumschiffe und anderen, revolutionären Antriebsmethoden über völlig neue Werkstoffe und Verarbeitungsmethoden bis hin zur Biologie und Medizin. Keine andere Aufgabe kann so viele verschiedene Bereiche der Forschung und Wirtschaft gleichzeitig auf ein gemeinsames Ziel hin ausrichten wie ein 40jähriges Programm zur Erschließung und Besiedlung des Mars.

Das gebetsmühlenartig wiederholte Argument, ein bemanntes Mars-Projekt sei "zu teuer", belegt den miserablen Zustand der heutigen Wirtschaftswissenschaften, die ansonsten überaus praktische "Erfolge" bei der Vernichtung von Arbeitsplätzen vorzuweisen haben. Wir haben in FUSION wiederholt darauf hingewiesen, daß das amerikanische Apollo-Programm, mit dem die erste bemannte Mondlandung gelang, eine der rentabelsten Investitionen der neueren Geschichte gewesen ist. Dies wurde in einer Wirtschaftsanalyse der renommierten Firma "Chase Econometrics" nachgewiesen. Chase untersuchte den direkten und indirekten Produktivitätsgewinn, welcher der amerikanischen Wirtschaft aus dem Apollo-Programm im Zuge der Entwicklung neuer Technologien, der Steigerung des Qualifikationsniveaus von Arbeitern, Ingenieuren, Lehrern usw. erwuchs. Die Schlußfolgerung war, daß für jeden Dollar, der in das Apolloprogramm gesteckt wurde, die amerikanische Volkswirtschaft einen Nettogewinn von mehr als 10 Dollar "einkassierte"!

Es steht außer Zweifel, daß der wirtschaftliche "Gewinnkoeffizient" eines langfristigen Mars-Projekts ungleich größer sein wird, als das bei dem Apollo-Programm der Fall war. Die Mondlandung war damals eine große technische Leistung, welche mit der Lösung zahlloser Einzelprobleme verbunden war, stellte aber an und für sich keine größere "technologische Revolution" dar. Das Ziel der Marsbesiedlung hat eine ganz andere Qualität: Seine Verwirklichung erfordert völlig neue Dimensionen menschlicher Aktivität, Wissenschaft und Technologie.

Die Erschließung "neuer Dimensionen menschlicher Aktivität" ist genau das, was letzten Endes fortdauernd Arbeitsplätze schaffen kann. So war es immer. Man denke nur an die Industrialisierung Europas. In dem Zeitraum von 1882 bis 1907 - welcher von kontinuierlich aufeinanderfolgenden Revolutionen im Bereich der Elektrizität, der Chemie, des Maschinenbaus usw. gekennzeichnet war - wurden in der deutschen Industrie 5 Millionen industrielle Arbeitsplätze "aus dem Nichts" geschaffen, die Anzahl der Industriebeschäftigten verdoppelte sich. Wir müssen auch bedenken, daß die Mehrzahl der produktiven Arbeitsplätze heute Tätigkeiten sind, für die es vor 150 Jahren nicht einmal einen Namen gab. Und wie hätte jemand vor 50 oder 70 Jahren reagiert, wenn er gesehen hätte, daß heute Bereiche wie "Lasertechnik", "Kerntechnik" oder "Raumfahrttechnik" Zehntausende oder gar Hunderttausende von Menschen beschäftigen?

Ein zentrales Charakteristikum wissenschaftlicher Revolutionen ist, daß sie neue "Freiheitsgrade" produktiver Aktivität eröffnen. Dies geschieht genau auf die Art und Weise, wie es der Physiker Bernhard Riemann in seiner berühmten Habilitationsschrift von 1854 anhand der "negentropischen" Entwicklung einer Mannigfaltigkeit durch Entfaltung neuer "Dimensionalitäten" beschrieb. Es entstehen vollkommen neue "Sektoren" der Industrie, die den Makroökonomen zwingen, entsprechende neue Spalten in seine "Input-Output"-Tabellen einzuführen. Während einerseits die Anzahl der Arbeitskräfte, die für die Herstellung einer gegebenen Quantität und Qualität eines Produktes erforderlich ist, ständig abnimmt, entstehen gleichzeitig vollkommen neue Tätigkeiten, neue Aufgaben, neue Arbeitsbereiche.

Wer dieses ABC der industriellen Entwicklung verstanden hat, dem leuchtet sofort ein, daß die Balance zwischen neu geschaffenen Arbeitsplätzen einerseits und den durch Produktivitätserhöhung in den bestehenden Bereichen "überflüssig" gewordenen Arbeitsplätzen andererseits letzten Endes eine Funktion der Dichte grundlegender wissenschaftlicher Revolutionen ist. Von "künstlichen" wirtschaftspolitischen Faktoren abgesehen spiegelt die heutige Beschäftigungskrise eine schon seit längerer Zeit andauernde Stagnation des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts wider. Nicht zuviel, sondern zuwenig Fortschritt ist die Kernursache unserer Misere.

Deshalb: Der kürzeste Weg zu neuen Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Wohlstand weist Richtung Mars!