Aus FUSION 4/96:

EDITORIAL

Internet und Bildungsnotstand


Bundesforschungsminister Rüttgers ist sich sicher: "Der Einzug digitaler Informations- und Kommunikationstechnik in die privaten Haushalte ist ein ganz wesentlicher Schritt auf unserem Weg in die Informationsgesellschaft.". Die dafür nötige Infrastruktur besitze Deutschland bereits - "davon können andere nur träumen." Den einzigen Schwachpunkt sieht der Minister darin, daß Frauen mit nur 10% der Internetbenutzer massiv unterrepräsentiert seien.

Ob das ein so gravierender Nachteil ist, ist tatsächlich die Frage. Außerdem ist zweifelhaft, ob der Weg in die Informationsgesellschaft überhaupt der richtige ist.

Minister Rüttgers warnt zwar davor, daß die "Informationsgesellschaft" keine Zwei-Klassen-Gesellschaft werden dürfe, "mit einer Oberklasse von Netzwerkbeherrschern und einer Unterklasse von Computer-Analphabeten". Tatsache ist jedoch, daß die derzeitige Entwicklung genau auf eine solche Aufteilung der Gesellschaft hinausläuft - und auch so gewollt ist. Es soll hier keineswegs der Computer verteufelt werden, aber was Minister Rüttgers hier unter "Netzwerkbeherrscher" versteht, ist nur zu häufig ein stupider Internetsurfer, der in Hinblick auf die wirklichen Erfordernisse der Zukunft viel eher als Analphabet anzusehen wäre.

Für die Vorkämpfer der Informationsgesellschaft liegt deshalb nicht zufällig der entscheidende Ansatzpunkt in der Bildungspolitik. Wenn Schüler heute besser in den virtuellen Weiten des Internet surfen können, als ihre Rechenaufgaben lösen, und naturwissenschaftliche Fächer immer mehr aus dem Unterrichtsplan verschwinden, die Aggressivität an den Schulen unkontrollierbare Ausmaße annimmt und Schiller oder Beethoven vielen Schülern nicht mehr bekannt sind, dann muß man sagen, in Deutschland herrscht Bildungsnotstand.

Einigen scheint diese massive Absenkung des Bildungsniveaus durchaus in den Kram zu passen. Für sie spricht der britische Vordenker der konservativen Mont-Pèlerin-Gesellschaft, der ehemalige Times-Chefredakteur Lord William Rees-Mogg, der am 5. Januar 1995 in seinem Hausblatt schrieb: "Für die Bildungspolitik gibt es (im Informationszeitalter) faszinierende Perspektiven, die höchst unmodern erscheinen. Im 20. Jahrhundert war man der Meinung, für das Wirtschaftssystem der Massenproduktion sei eine breite Bildung der Massen erforderlich, zumindest in Form bestimmter minimaler Fertigkeiten. Im 21. Jahrhundert... muß (man) sich... darauf konzentrieren, die obersten 5% auszubilden, von deren Fähigkeiten wir alle abhängen." Und Rees-Mogg machte es am 21. Juni 1995 in der gleichen Zeitung ganz deutlich, daß er mit diesen 5% eine spezifische, "genetisch" bestimmte "kognitive Elite" meint, welche "immer reicher werde", sich "von allen anderen physisch immer mehr trenne" und "zunehmend untereinander verheirate". Der Rest der Gesellschaft werde sich vergeblich "abmühen, mit dieser Elite Schritt zu halten", und zur "Unterklasse" absinken.

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird das nicht als die spinnerten Ansichten einen britischen Lords abtun können.

Typisch für die Situation in Deutschland ist eine "Denkschrift", welche im letzten Jahr von 22 "Wirtschaftsfachleuten" (darunter solche maßgeblichen Herren wie der Vorsitzende der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, und Reinhard Mohn vom Medienriesen Bertelsmann) unter dem Titel Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft veröffentlicht wurde. Genau wie Rees-Mogg meinen diese selbsternannten Fachleute: "In einer Gesellschaft, deren Nervensystem von Medien und Informationstechnologie gezogen wird, verändern sich die Prämissen im Bildungswesen." Die Schule habe sich auf das zu konzentrieren, "was wir im Leben nach der Schule benötigen", das heißt, auf die Vermittlung von "Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben und Rechnen", wobei präzisiert wird, daß beim "Lesen können... nicht das Ziel ist, Goethe und Böll lesen zu können". Mehr als das Lesen der Bedienungsanleitung des neuen Fernsehgerätes wird von den 95% der neuen "Unterklasse" im "Leben nach der Schule" ohnehin nicht "benötigt".

Ist Herr Rüttgers da wirklich gut beraten, wenn er die Frauen vermehrt als Benutzer der Kommunikationsmedien gewinnen will?

Die von der Kommission vorgeschlagene Erziehungsvision ist ein Alptraum. Sie wäre das Ende der Allgemeinbildung und die völlige Kommerzialisierung unseres Bildungssystems, das auf dem Erbe der Renaissance aufbauend und orientiert an den Humboldtschen Prinzipien einer "universellen Erziehung des Menschen", einst Generationen ausgezeichneter Wissenschaftler, Künstler, Historiker und Erzieher hervorgebracht hat. Sie wäre die Erfüllung von Norbert Wieners Konzept vom Menschen als "Informationsmaschine", wo an die Stelle schöpferischen, problemlösenden Denkens die kalte Logik und die Entpersönlichung des Individuums träte.

Produktion statt Unterhaltung

Dem Erziehungsabbau in der Schule entspricht der immer größere Einfluß der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie in der Gesellschaft insgesamt. Davor warnen inzwischen sogar "liberale" Wirtschaftswissenschaftler wie John Kenneth Galbraith, der die "verheerende politisch-psychische Korruption" durch die Allgegenwart kommerzieller Hollywood-Unterhaltung angeprangert hat. In einer Rede in Cambridge (USA) sagte er kürzlich: "Landwirtschaft und Industrie stehen in Beziehung zu den fundamentalen Realitäten des menschlichen Lebens. Unterhaltung ist Flucht aus der Realität." Genau darum geht es. Wenn die Bevölkerung nicht mehr lebennah spürt, daß die Dinge zum täglichen Überleben erst produziert werden müssen, d.h. der Strom eben nicht aus dem Internet kommt, dann werden über kurz oder lang nicht mehr jene Fähigkeiten da sein, die Lyndon LaRouche in seinem Aufsatz "Warum wir den Mars kolonisieren müssen" (siehe Seite 14) als das "Kolumbus-Prinzip" beschreibt. Wenn niemand sich mehr wagt oder es überhaupt für nötig hält, auf der Grundlage schöpferischer Hypothesen bahnbrechende Entdeckungen zu machen, dann wird die menschliche Zivilisation moralisch und physisch degenerieren.

In FUSION vertreten wir seit langem die Auffassung, daß man diesem bewußt verordneten Kultur- und Wissenschaftspessimismus nur eine neue mitreißende neue Perspektive für die gesamte Menschheit entgegensetzen kann - die Perspektive der Eroberung und Besiedlung des Weltraums.

Viele stimmen einer solchen mobilisierenden Herangehensweise zwar zu, zweifeln aber angesichts der leeren Kassen an deren Durchführbarkeit. In in diesem Heft erklärt Lyndon LaRouche emphatisch, daß gerade wegen der tiefen Wirtschaftskrise, die die gesamte Welt erfaßt hat, ein umfassendes Raumfahrtprogramm nötig ist. "Gerade weil sich immer mehr Menschen auf der Welt eine ausreichende Mahlzeit nicht mehr leisten können, brauchen wir ein Programm der Mars-Kolonisierung. Ein solches wissenschaftsstimuliertes Programm für den Wirtschaftsaufschwung ist heute ein weit wichtigeres Unterfangen für unseren Planeten und ein viel praktischeres dazu, als noch in der Zeit von 1985-86 war, als ich meine ursprünglichen Vorschläge zu diesem Thema formulierte."

Anstatt sich in die virtuelle Realität der "Informationsgesellschaft" zu flüchten, sollten wir lieber daran gehen, unser Universum in realer Raumzeit zu erforschen.