"Nachindustrielle Gesellschaft" oder Wachstum und Beschäftigung?

Wie man drei Milliarden Arbeitsplätze schaffen kann


Die Industriegesellschaft als großes Experiment
Singularitäten und Arbeitsteilung

Seit Jahren hören wir regelmäßig in den Medien, von Politikern und angeblichen Wirtschaftsexperten die paradoxe Botschaft: Die Wirtschaft wächst, aber die Beschäftigung geht zurück! Betrachtet man dies mit gesundem Menschenverstand, stellt sich sofort die Frage, was das eigentlich für ein "Wachstum" sei, das uns täglich mit neuen Meldungen über Entlassungen und Firmenschließungen beglückt.

Daß diese Frage äußerst selten gestellt und noch seltener beantwortet wird, hängt damit zusammen, daß viele von uns Opfer einer ideologischen Verblendung geworden sind, die unter dem Namen "nachindustrielle Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft" verbreitet und verkauft wird. Danach soll aufgrund der Fortschritte in der modernen Verfahrens- und Steuerungstechnik eine Situation entstanden sein, wo der größte Teil der heutigen Industriebeschäftigten nicht mehr gebraucht werde, um die materiellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. In Zukunft, so heißt es, seien nur noch relativ wenige automatisierte Großanlagen erforderlich, die von einer Handvoll hochspezialisierter Ingenieure und Techniker bedient werden. Entsprechend seien Massenentlassungen in zahlreichen Industriesektoren "ganz natürlich"; früher oder später müßten wir uns mit den strukturellen Folgen des Übergangs in die "nachindustrielle Gesellschaft der Zukunft" abfinden. Schon heute gebe es aufgrund der ungeheuren Produktivkraft der modernen Technik eine riesige Überproduktion, man wüßte nicht mehr wohin mit dem ganzen Zeug, das man heute mit einem Knopfdruck herstellen könne!

Gleichzeitig eröffne sich durch die Revolution der Computer- und Kommunikationstechnik eine neue, wunderbare Zukunft - das "Informationszeitalter". Jeder werde am Bildschirm alles konsumieren und erledigen können, was man sich nur vorstellt: ein "virtuelles" Paradies! Wenn es überhaupt noch Arbeitsplätze geben werde, dann im Bereich der Informationstechnik und der sogenannten "Entertainmentindustrie". Nicht nur im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland ist man daran gegangen, die nutzlos gewordenen, "schmutzigen" Industrieanlagen abzubauen, um Platz für moderne Freizeitsparks, Einkaufszentren und andere Vergnügungspaläste zu schaffen. Und natürlich soll der Übergang ins nachindustrielle Paradies möglichst rasch und "wettbewerbsmäßig" erfolgen.

Doch es fehlt nicht an Hinweisen, die auf eine weit weniger idyllische Zukunft für die Menschen der "nachindustriellen Gesellschaft" hindeuten. Lord Rees-Mogg, ein Anführer der "neokonservativen Revolution" in England und den USA, gibt offen zu, daß es in der zukünftigen Informationsgesellschaft auch "viele Verlierer" geben werde. Das Ende der Industriegesellschaft bedeute zugleich das Ende des Wohlstandsstaates. Die allgemeine Gesundheitsfürsorge sei "zu teuer geworden", ja sogar der Anspruch auf eine Allgemeinbildung der Kinder wird von Lord Rees-Mogg in Frage gestellt. In der zukünftigen Gesellschaft werden nur 5% der Menschen - die Leistungselite - eine richtige Ausbildung brauchen, behauptet er. Den Rest der Bevölkerung betrachtet der britischer Lord als "nutzlose Verbraucher", deren Lebensstandard drastisch reduziert werden soll.

Tatsächlich spricht die heutige Lage in den USA - dem Land, das seit 20 Jahren als Vorreiter der "nachindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft" gilt - für eine düstere Prognose. Nach jüngster Darstellung mehrerer amerikanischer Studien und Zeitungsartikel ist der reelle materielle Lebensstandard für die überwiegende Mehrheit der Amerikaner seit den 60er Jahren um 30-50% gesunken. Wo vor 30 Jahren in den amerikanischen Industriestädten das Einkommen des Haushaltsvorstands ausreichte, um eine Familie mit drei Kindern zu ernähren, müssen jetzt beide Eltern voll arbeiten, öfters mit mehrfachen Jobs. Der durchschnittliche Amerikaner ist heute deutlich schlechter ausgebildet, schlechter gekleidet und schlechter ernährt als in der Generation zuvor. Die einst hochentwickelte Industriegesellschaft degeneriert immer mehr zu einer "Ramschwirtschaft", und in immer mehr Gegenden Amerikas findet man Zustände, wie sie sonst nur in den armen Entwicklungsländern herrschen. Diese Situation ist nicht bloß durch eine "Umverteilung nach oben" entstanden; tatsächlich produziert die amerikanische Industrie pro Kopf der Bevölkerung weit weniger als vor 30 Jahren, unzählige Produkte werden im Lande einfach nicht mehr hergestellt. Glaubt man den Verfechtern des unbegrenzten "Freihandels", müßte der Ersatz einheimischer Produkte durch billige Importe für den Verbraucher sowie die Wirtschaft insgesamt einen Gewinn bringen. Warum ist es dann aber zu der dramatischen Verarmung der einst riesigen amerikanischen Mittelklasse gekommen, was immer mehr zur politischen Frage Nummer eins in den USA wird?

Das Beispiel USA konfrontiert uns mit einem Paradox: Wie kann es sein, daß einerseits die Produktivkraft der modernen Technologie so ungeheuer gestiegen ist, während es andererseits plötzlich "zu teuer" geworden sein soll, eine vernünftige materielle Versorgung, Erziehung und Gesundheitsfürsorge der Bevölkerung zu gewährleisten, was bis vor kurzem als selbstverständlich galt?

Am Beispiel USA wird deutlich, was man an den Parametern der physischen Ökonomie schon längst hätte ablesen können: Die "nachindustrielle Gesellschaft" ist nichts als eine böse Illusion, ein Schwindel. Weder vom weltwirtschaftlichen noch vom nationalökonomischen Standpunkt gibt es "Überproduktion" oder "Überkapazitäten", die die Entlassung von Millionen Industriebeschäftigten rechtfertigen würden. Der Eindruck einer astronomischen Produktivitätssteigerung durch moderne Technologien, der sich bei der isolierten Betrachtung einzelner Massengüter ergibt, trifft keineswegs auf die Volkswirtschaft als Ganze zu. Bei einer gründlichen physisch-ökonomischen Analyse der führenden Industrieländer kommt man zu dem schockierenden Schluß: Der größte Teil jenes angeblichen "Wirtschaftswachstums" der letzten 20 Jahre, welcher nicht bloß auf mehr oder weniger verdeckte Formen von Inflation zurückzuführen ist, erfolgte auf Kosten eines wachsenden Investitionsdefizits in den grundlegenden Bereichen Infrastruktur, Städtebau und Industrie. Die marode Lage der amerikanischen Innenstädte ist ein Paradebeispiel dafür. In Deutschland und den westeuropäischen Nachbarländern ist die Situation noch nicht ganz so kraß, entwickelt sich aber sehr schnell in die gleiche Richtung.

Die heutige Krise der Industriegesellschaft hat also nichts mit einem angeblich unvermeidlichen, naturgegebenen Übergang in das "nachindustrielle Zeitalter" zu tun, sondern ist das Ergebnis von mehr als 20 Jahren inkompetenter Wirtschaftspolitik seitens der USA und anderer führender Industrienationen. Die Industriegesellschaft steckt nur deswegen in der Krise, weil man sich inkompetenterweise geweigert hat, jene Kosten zu bezahlen, die eine Fortsetzung der industriellen Entwicklung erfordern.

Wenn wir hier von "unbezahlten Kosten" sprechen, so darf dies keineswegs als ein Argument für die heutige Politik der blinden Lohnkostensenkungen und Budgetkürzungen mißverstanden werden. Ganz im Gegenteil, die von den meisten Regierungen praktizierten Einsparungen beschleunigen noch den Abbau der Industrie, sie sind nur die Fortsetzung jener industriefeindlichen Wirtschaftspolitik, welche die heutige Krise verursacht hat. Tatsächlich ist die heutige Sparpolitik selbst zu einer der wesentlichsten Ursachen der wachsenden Budgetdefizite geworden, weil die Kürzungen der staatlichen oder staatlich unterstützten Investitionen in Infrastruktur, Wohnungsbau, Hochtechnologie usw. die produktive Basis der Wirtschaft und damit die Steuerbasis weiter schrumpfen lassen. Nicht zu hohe Reallöhne, sondern ein riesiges, weltweites Defizit an produktiven Investitionen - zusammen mit einem erdrückenden Krebsgeschwulst von Schulden und Spekulation - ist es, was der Industriegesellschaft das Rückgrat gebrochen hat.

Eine kompetente Wirtschaftspolitik müßte auf das genaue Gegenteil dessen abzielen, was heute passiert: Statt industrielle Beschäftigung abzubauen, sollte der inzwischen massiv überblähte Dienstleistungssektor auf ein gesundes Maß zurückgebildet und gleichzeitig die produktive Basis der Wirtschaft mit Hilfe umfangreicher Investitionen neu aufgebaut werden. Dazu gehören insbesondere die infrastrukturellen Aufbauprogramme des "Produktiven Dreiecks" und der "neuen Seidenstraße" sowie die beschleunigte Einführung revolutionärer Produktionstechnologien und eine Vervielfachung der Ausgaben für Bildung und Forschung im Hochtechnologiebereich - einschließlich in Spitzenbereichen wie der Fusionsforschung und der bemannten Raumfahrt. Zu den Instrumenten, welche die Umsetzung einer solchen industriellen Wachstumspolitik erfordern, gehört eine selektive Steuerpolitik zur Begünstigung produktiver Investitionen, ein Mindestmaß an Protektionismus und die Hamiltonische Methode der produktiven Kreditschöpfung, die wir an anderer Stelle dargelegt haben.

Mit anderen Worten, die Industriegesellschaft muß auf höherer Ebene fortgesetzt werden.

Viele, die unsere Analyse sonst teilen, haben gerade an diesem Punkt konzeptionelle Schwierigkeiten. "Was würde es denn bedeuten, die Industriegesellschaft weiter zu entwickeln? Sollen wir einfach immer mehr und mehr produzieren? Natürlich muß produziert werden, um die Armut in der Welt zu reduzieren. Aber stoßen wir nicht irgendwo an eine Grenze? Was ist der Zweck des Ganzen?"

Bevor wir eine Antwort auf diese Fragen geben können, müssen wir uns zunächst Klarheit darüber verschaffen, was überhaupt Wesen und Sinn einer "Industriegesellschaft" ist. Dazu hat sich schon vor 300 Jahren Gottfried Wilhelm Leibniz in seinen Akademieplänen und seinem Memorandum über Sozietät und Wirtschaft treffend geäußert. Hier und in anderen Schriften, wo Leibniz die konzeptionelle Grundlage der modernen Industriegesellschaft legt, stellt er bemerkenswerterweise nicht die materielle Produktion an sich, sondern die Entwicklung des menschlichen Geistes in den Mittelpunkt, und zwar auf folgende Weise:

Da sich der Mensch durch seine Fähigkeit zum schöpferischen Denken vom Tier unterscheidet, brauchen wir als Menschen eine Gesellschaft, die das kreative Denkvermögen jedes Individuums durch Erziehung und nicht zuletzt durch Ausübung der Denkfähigkeit fördert und weiterentwickelt. Dazu braucht man aber entsprechende Formen der menschlichen Beschäftigung.

Mit anderen Worten, die Qualität der menschlichen Tätigkeiten steht im Mittelpunkt des ursprünglichen Konzepts der Industriegesellschaft. Gleichzeitig ist aber klar, daß eine höhere, das kreative Geistesvermögen stärker herausfordernde Beschäftigungsform auch eine entsprechende wachsende materielle Basis erfordert.

Leibniz bezieht diese Diskussion natürlich auf die Situation seiner Zeit. Er legte großes Gewicht darauf, die Bevölkerung durch Verbreitung von Technik und Wissen von der Last niederer körperlicher Arbeit zu befreien und den monotonen, geisttötenden Alltag der reinen Agrargesellschaft durch Veränderung und Fortschritt mit neuem Leben zu erfüllen. Dafür seien die Entwicklung der Manufakturen einerseits und die Förderung der "Wissenschaften und Künste" andererseits für die Zukunft der Gesellschaft entscheidend wichtig.

Leibniz erkannte ganz allgemein, daß nur eine Gesellschaft, die sich im Zustand ständiger Entwicklung befinde, der innersten Natur des Menschen gerecht werden könne. Dies erfordere, so Leibniz, daß wir Gott und die Herrlichkeit der Schöpfung nicht bloß mit Gebet und Andenken, sondern auch mit Werken ehren, indem der Mensch als Abbild Gottes an der weiteren Entwicklung des Universums aktiv teilnimmt. Nur durch eine solche Teilnahme an der Schöpfung könne der Mensch überhaupt die höheren Gesetze der Schöpfung erkennen und sich in der Ausübung seiner schöpferischen Fähigkeiten dem Schöpfer selbst nähern.

Die Industriegesellschaft als großes Experiment

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die untrennbare Beziehung zwischen der modernen Industriegesellschaft und den Naturwissenschaften. Nicht nur hängt die Entwicklung der modernen Industrie von einem ständigen Fluß neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfindungen ab, sondern alle produktiven Aktivitäten in einer gesunden, wachsenden Industriegesellschaft haben implizit einen wissenschaftlichen Charakter und wirken am Prozeß der Erweiterung menschlicher Erkenntnisse mit.

Das läßt sich bildlich so formulieren: Die moderne Industriegesellschaft stellt ein großes, sich immer weiter entwickelndes wissenschaftliches Laboratorium dar. Das "große Experiment", an dem die ganze Bevölkerung teilnimmt, besteht in der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft selbst! Nur durch die ständige Intensivierung und Erweiterung der menschlichen Tätigkeiten im Universum sind wir in der Lage, die Übereinstimmung unseres Denkens mit der gesetzmäßigen Ordnung des Universums zu prüfen und durch neue Hypothesen und Denkmethoden zu verbessern.

Die produktive Tätigkeit in der Gesellschaft hat somit einen doppelten Charakter.

Einerseits muß das "Labor" der menschlichen Existenz physisch aufrechterhalten werden: 1. Die Haushalte, aus denen die neuen Generationen hervorgehen, müssen mit Nahrungsmitteln, Wohnungen, Konsumgütern und notwendigen Dienstleistungen wie Erziehung und Gesundheitspflege versorgt werden. 2. Das ganze "Laborinventar" - d.h. alle Produktionsmittel der Gesellschaft zusammen mit den Versuchsgeräten der Forschung selbst - muß ständig auf dem neusten Stand gehalten und erneuert werden. So gesehen erscheint der Produktionsprozeß als Mittel, um die materiellen Voraussetzungen zum "Betrieb" des großen Experiments zu schaffen.

Andererseits machen die gleichen Produktionsprozesse und vor allem ihre ständige Weiterentwicklung die Substanz des Experiments selbst aus. Die Produktionsmittel der Industrie, Landwirtschaft usw. sind im Grunde nichts anderes als wissenschaftliche Geräte, die zu bestimmten Zwecken spezialisiert und perfektioniert worden sind. Zusammengenommen verkörpern sie das vorläufige Ergebnis eines fortlaufenden Prozesses der wissenschaftlichen Hypothesenbildung.

Dabei ist es entscheidend wichtig zu erkennen, daß der Einsatz solcher "verdichteten Hypothesen" in den Produktionsprozessen nicht nur eine Anwendung, sondern zugleich implizit auch eine Prüfung des menschlichen Wissens darstellt. Dies macht den Industriebeschäftigten in gewissem Grad zu einem Wissenschaftler oder zumindest zu einem wissenschaftlichen Assistenten, der am Erkenntnisfortschritt teilnehmen kann. An diesem Prozeß mitzuwirken, ist für die Menschen in einer Industriegesellschaft die eigentliche Triebfeder und Befriedigung.

Die Produktionsmittel stellen sich hier als Träger eines geistigen Prozesses dar; sie dienen als materielle Vermittler neuer Ideen, die von einzelnen Forschern und Erfindern auf die Produzenten und zuletzt auf die ganze Gesellschaft übergehen. Als Forscher und Erfinder gelten natürlich nicht nur diejenigen, die solche Berufe unmittelbar ausüben. Dazu gehören auch alle, die an irgendeiner Stelle im Gesamtprozeß Verbesserungen oder Innovationen entwickeln oder auch nur an der Lösung eines der unzähligen Einzelprobleme teilnehmen, die bei der Einführung neuer Technologien oder Produktionsverfahren gelöst werden müssen.

Wie Leibniz früher müssen wir den wissenschaftlichen Gehalt des gesamten Prozesses hervorheben. Der einzelne Forscher kann eine neue Hypothese allein entwickeln und sie einer vorläufigen Prüfung unterziehen. Doch die eigentliche Bedeutung und auch die Grenzen einer Hypothese werden erst erkennbar, wenn sie in den menschlichen Alltag integriert wird, was hauptsächlich in Form entsprechender Technologien erfolgt.

Mit seinem Konzept der "relativen potentiellen Bevölkerungsdichte" hat Lyndon LaRouche diesen Sachverhalt auf den Punkt gebracht: Nicht die scheinbare Übereinstimmung von Theorie und Beobachtung als solche, sondern das wachsende Potential, eine höhere Quantität und Qualität des menschlichen Lebens pro Einheit des bewohnten Erd- (oder Welt)raums aufrechtzuhalten, ist der entscheidende Maßstab für neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

Singularitäten und Arbeitsteilung

Die eigentliche Ursache der ständigen quantitativen und qualitativen Erweiterung der Beschäftigung in jeder kompetent geführten Industriegesellschaft haben wir bisher noch nicht angesprochen. Wenn wir die Geschichte der Naturwissenschaften und Technik untersuchen, dann stellen wir fest, daß der Prozeß des Fortschritts immer mit der Schaffung neuer "Freiheitsgrade" oder "Dimensionen" der menschlichen Tätigkeit zusammenhängt. So hat zum Beispiel die technische Nutzung der Elektrizität und des Magnetismus im 19. Jahrhundert neue Industriezweige und Berufe geschaffen, für die es vorher weder eine Vorstellung noch einen Namen gab.

Wir können dieses Phänomen anhand von "Input-Output-Tabellen" verdeutlichen, die in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und in der industriellen Planung benutzt werden. Bei der Erstellung solcher Tabellen müssen die industriellen Tätigkeiten in Branchen und Sektoren unterteilt werden. Diese sind wiederum vom Grundcharakter der Technologie bestimmt, zum Beispiel "Elektrotechnik", "Chemie" usw. Letztlich müßten diese Unterteilungen noch viel feiner sein, so daß einzelne Industriebereiche wie "Lasertechnik", "Nukleartechnik", "Mikroelektronik", "Plasmatechnik", "supraleitende Werkstoffe und Systeme" usw. separat in den Input-Output-Tabellen erfaßt werden. Jeder dieser Sektoren und Subsektoren umfaßt Vorgänge eines spezifischen technologischen Charakters, welche von den Beschäftigten spezialisiertes Wissen, Ausbildung, Erfahrung und Fertigkeiten verlangen. Mit anderen Worten, jede Unterteilung einer industriellen Input-Output-Tabelle entspricht auch einer "Arbeitsteilung" ganz spezifischen Charakters. Es läßt sich somit auch eine Art "Beschäftigungstabelle" erzeugen, die vom jeweiligen Stand der Technologie abhängig ist.

------Bild von Laser-Schweissmachine oder Laser-Schneidemaschine Bildtext: Produktionsmaschinen wie dieser Laser sind im Grunde nichts anderes als wissenschaftliche Geräte, die zu bestimmten Zwecken spezialisiert und perfektioniert worden sind. (Foto: Heraeus)

Entscheidend dabei ist, daß sich die "Input-Output-Tabelle" sowie die "Beschäftigungstabelle" infolge des technologischen Fortschritts in ständigem Wandel befinden. Wie insbesondere das Beispiel der Elektrizität zeigt, gehen wissenschaftliche Revolutionen stets mit dem Entstehen vollkommen neuer industrieller Tätigkeiten einher, die in den bisherigen "Input-Output-Tabellen" noch gar nicht vorkamen oder absehbar waren. Mit jedem weiteren Fortschritt müssen in die Tabellen neue Spalten und Reihen eingefügt werden, Technologien und Produkte müssen berücksichtigt werden, die es vorher nicht gab. Fassen wir die (sicher etwas willkürlich gewählte) Unterteilung der Tabellen in Branchen, Sektoren und Subsektoren analog zur mehrdimensionalen Geometrie oder zum "Phasenraum" des Physikers als "Koordinaten" auf, stellt sich die Hinzufügung neuer Spalten und Reihen als Zunahme der Freiheitsgrade oder der "Dimensionalität" des Systems dar.

Es ist natürlich wahr, daß der technologische Fortschritt in bestimmten Zweigen teilweise oder ganz wieder aufhören kann. Dies sieht man deutlich am Beispiel der heute selten gewordenen Dampflokomotiven, deren Herstellung früher ein sehr bedeutender Industriezweig in Europa und Amerika war. Allerdings zeigt die Geschichte eindeutig, daß beim anhaltenden wissenschaftlichen Fortschritt viel mehr neue Freiheitsgrade enstehen, als alte wegfallen. Dies ist keine zufällige Erscheinung. Betrachtet man zum Beispiel heute die Herstellung eines Automobils in seiner Gesamtheit - also von der Rohstoffgewinnung in Bergwerken bis zur Herstellung der Einzelteile und ihre Zusammensetzung - wird ein ungeheuer viel komplizierteres Verfahren sichtbar, das eine ungleich höhere Arbeitsteilung voraussetzt als der Dampflokomotivenbau zu früheren Zeiten.

Der eigentliche Grund dieser immer mehr zunehmenden volkswirtschaftlichen Dimensionalität liegt in der Natur des Universums selbst. Wenn wir von den täglichen Erscheinungen, die wir mit bloßem Auge sehen können, in den Bereich des "extrem Großen" bzw. "extrem Kleinen" eindringen, stoßen wir immer wieder auf "Singularitäten", d.h. auf Stellen, wo im Universum etwas geschieht, was vom Standpunkt unseres bisherigen Wissens entweder unmöglich oder zumindestens unvorhersehbar war. Solche neuen physikalischen Realitäten können mit herkömmlichen Mitteln nicht adäquat erfaßt werden, sondern erfordern neue Begriffe, Meßverfahren und Parameter. Hier liegt der Ursprung jener zusätzlichen "Dimensionen", die sich früher oder später in einer Ergänzung oder Neufassung der volkswirtschaftlichen Input-Output-Tabelle ausdrücken. Aus einem Versuchsaufbau, den der kreative Physiker entwirft, um einen neuen "Effekt" oder eine "Anomalie" hervorzubringen und zu studieren, geht in der Folge eine ganze Familie neuer Technologien hervor. Dafür gibt die Geschichte der Elektrizität, der Chemie usw. unzählige Beispiele. Andersherum hilft uns jeder technologische Durchbruch, noch weiter in den Bereich des "unendlich Kleinen" (Mikrophysik) und "unendlich Großen" (Astronomie und Astrophysik) sowie in die Grundlagen der Biologie vorzudringen, um dort weitere Entdeckungen zu machen. Die wichtigsten Anomalien stecken heute wahrscheinlich in "exotischen" Sternen, Galaxien und Galaxienhaufen einerseits sowie den subatomaren Prozessen andererseits.

Daß der Fortschritt in diesem Sinne nie zu Ende geht, sondern die Dichte der Singularitäten immer weiter zunimmt und das Universum auf diese Weise unerschöpflich ist, gehört zum "Urwissen" der platonischen Tradition der Naturwissenschaften. Diese Tradition verläuft von Platon selbst über Augustinus, Nikolaus von Kues, Leonardo da Vinci, Johannes Kepler und Leibniz bis zu Gauß, Riemann und Cantor im 19. Jahrhundert. Sie wurde von LaRouche und seiner Schule heute wieder aufgegriffen.

Wichtig ist die Erkenntnis, wie die zunehmende Dichte erkennbarer physischer Singularitäten im Grenzbereich von Wissen und Technik mit der Steigerung der potentiellen Bevölkerungsdichte der Menschheit einerseits und der Beschäftigung andererseits zusammenhängt. Die Fähigkeit, immer mehr Menschen auf einem immer höheren Standard des materiellen Verbrauchs, der Erziehung und der Lebenserwartung zu erhalten, ist eine Funktion des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts. Dieser Fortschritt hat aber seinerseits den Effekt, die Anzahl der Freiheitsgrade oder Dimensionalitäten der Wirtschaft zu vervielfachen, was wiederum zu einer immer höheren Arbeitsteilung und entsprechenden Steigerung der Quantität und Qualität der Beschäftigung führt. Gleichzeitig steigt der materielle Verbrauch, vor allem auch im Bereich der industriellen Ausrüstung.

Eine solche Zunahme des Verbrauchs findet in jedem Fall statt. Selbst bei einem angenommenen "Nullwachstum" bzw. technologischer Stagnation erforderte die bloße Aufrechterhaltung der Gesellschaft einen immer größeren Aufwand für die Gewinnung von Rohstoffen und anderer "Naturressourcen". Auf Dauer würde dies zum Zusammenbruch führen, wenn es nicht gelingt, durch wissenschaftlich-technologische Durchbrüche neue Ressourcen und Ressourcentypen nutzbar zu machen und so die scheinbaren "Grenzen des Wachstums" zu überwinden. Voraussetzung dafür ist allerdings eine steigende Kapitalintensität und ein steigender Energieaufwand in der Wirtschaft insgesamt. Wie in der Natur gibt es auch in der physischen Ökonomie nur die Alternative: Wachstum und Entwicklung oder Tod.

----------Bild von Astronauten auf dem Mond Bildtext: Das Apollo-Projekt der USA hat in den 60er und 70er Jahren Tausende neue Technologien und Produktionsverfahren und dadurch direkt und indirekt mehrere Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen. (Foto: NASA)

Wenn wir auf das Bild des "großen Experiments" zurückblicken, kann man sagen, daß das "Großlabor" der menschlichen Gesellschaft immer weitere "Abteilungen" eröffnen muß, je mehr neue Bereiche der physischen Realität entdeckt werden; und gleichzeitig braucht jede Abteilung im Durchschnitt ständig mehr und besser qualifizierte Mitarbeiter und pro Mitarbeiter eine umfangreichere und bessere technische Ausrüstung. Das Tempo, in dem das immer aufwendiger gewordene "Experiment" ausgedehnt werden kann, ist ein Maßstab für den Erfolg des "Experiments". Das Labor stellt ja eben selbst die menschlichen und materiellen Voraussetzungen für seinen eigenen Weiterbetrieb dar, es ist selbsterhaltend und selbstbegrenzend durch den erreichten Realisierungsgrad des kreativen Potentials seiner Mitarbeiter - also der menschlichen Bevölkerung.

Das Labor der menschlichen Gesellschaft bestimmt auch seinen eigenen "Markt" und erzeugt seine eigene "Nachfrage". Die Nachfrage von Produkten ist genauso wie Erziehung, Forschung und andere nützliche Dienstleistungen nicht von irgendwelchen fixen "materiellen Grundbedürfnissen" der Bevölkerung bestimmt, sondern letztlich nur vom Grad der Kreativität und vom Wissensdurst der Menschen sowie von der physischen Notwendigkeit, das "Experiment" mit all seinen akkumulierten Singularitäten samt Mitarbeiterstab (der Weltbevölkerung) am Laufen zu erhalten. Die qualitative und quantitative Erweiterung der Nachfrage, und damit auch der Beschäftigung, wird also vom Prozeß der wissenschaftlichen Entdeckungen vorangetrieben. Genau hier liegt der Schlüssel zur Vollbeschäftigung in einer kompetent geführten Industriegesellschaft. Wir sind nicht die Sklaven eines blinden Marktes, sondern umgekehrt, wir bestimmen die Märkte durch eine bewußte Politik zur Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dazu dient vor allem die Methode der Hamiltonischen produktiven Kreditschöpfung.

Die Aufgabe der physischen Ökonomie liegt darin, dieses "Großexperiment" erfolgreich zu betreiben. Dazu gehört in erster Linie, die fundamentalen "Randbedingungen" zu beachten, welche Lyndon LaRouche definiert hat (siehe vorhergehendes Kapitel). Würde die Weltwirtschaft auf entsprechende Weise entwickelt - mit Hilfe großer Infrastrukturprojekte wie der "neuen Seidenstraße" und großer Wissenschaftsprojekte wie der Realisierung der Kernfusion und der Kolonisierung des Mars -, dann gäbe es kein Problem, Anfang des kommenden Jahrhunderts 3 Milliarden neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Ein Haupthindernis ist der bleibende Einfluß jener oligarchischen Kreise, die seit jeher das "Große Experiment" von Leibniz zu sabotieren suchen. Sie haben die Wahnvorstellung der "nachindustriellen Gesellschaft" und andere "grüne" Hirngespinste in die Welt gesetzt, die alle auf das gleiche hinauslaufen: die menschliche Kreativität zu unterdrücken und den Menschen zu bestialisieren. Nicht der technologische Fortschritt, sondern die Sabotage des "Großen Experiments" durch industriefeindliche Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ist schuld an der heutigen Massenarbeitslosigkeit. Der Weg steht aber offen, diesen Zustand durch eine andere Politik zu beenden.

Dr. Jonathan Tennenbaum