Aus FUSION 3/97:

AIDS

Einige zusätzlichen Bemerkungen
zur Kontroverse um Prof. Duesberg


Von Dr. Jonathan Tennenbaum

1. Wie mein Kollege Dr. Lillge richtig bemerkt, liegt die Stärke der Argumentation von Dr. Duesberg und seiner Anhänger ausschließlich auf der negativen Seite. So stellen sie fest, und teilweise wohl mit Recht, daß die gängige Lehrmeinung in bezug auf AIDS und HIV in vielen wichtigen Punkten nicht bewiesen ist. Bloß ist damit nicht viel gewonnen. Denn streng genommen hat Duesberg auch nichts bewiesen, zuallerletzt seine eigene Theorie über die Ursache jener tödlichen Erkrankungen, die unter die klinische Definition AIDS fallen. Wo ist seine bis ins Detail der Mechanismen nachvollziehbare Erklärung? Vage Hinweise auf "unnormale" Lebensstile, spezielle Probleme der Bluter und anderer sogenannter Risikogruppen, Einwirkungen von Drogen usw. mögen unerfahrene Laien durch oberflächliche Plausibilität beeindrucken; stichhaltige Beweise sind von Prof. Duesberg nicht vorgelegt worden. Die Argumentation von Prof. Duesberg erinnert dagegen sehr an den erbitterten Widerstand gegen Louis Pasteur, als dieser gegen das damals populäre Dogma der "spontanen" Entstehung von Krankheiten die Rolle übertragbarer Keime durchsetzen mußte.

2. Es ist durchaus kein Skandal, wenn Lehrmeinung und klinische Praxis bei der Bekämpfung von AIDS lediglich auf Hypothesen beruhen, die höchstens einen begrenzten, aber keinen absoluten Anspruch auf Wahrheit haben. Wer verlangt, daß die Medizin ausschließlich auf der Grundlage "mathematisch streng" bewiesener, über jeden denkbaren Zweifel erhabener Wahrheiten tätig werden dürfte, erzeugte damit eine völlige Lähmung der Praxis und müßte sich den Vorwurf der fahrlässigen Tötung von Patienten gefallen lassen. Die Frage ist, wie man auf der Grundlage von notgedrungen lückenhaftem Wissen auf eine in ihrer Art nie dagewesene Bedrohung des Menschen verantwortungsbewußt reagiert.

3. Prof. Duesberg macht es sich insofern sehr bequem, als er sich als rhetorische Zielscheibe seiner Kritik eine extrem dogmatische Position sucht, welche für die seriöse AIDS-Forschung keineswegs typisch ist. Es ist durchaus denkbar, daß eine Vielzahl von Kofaktoren, vielleicht sogar auch andere Viren (darunter möglicherweise bisher unentdeckte) eine mehr oder weniger wichtige oder vielleicht sogar entscheidende Rolle bei der Entstehung von AIDS spielen. Ja, es trifft bei praktisch jeder übertragbaren Krankheit zu, daß der spezifische Gesundheitszustand des Individuums und viele andere Kofaktoren den Verlauf nach einer Infektion in hohem Grad mitbestimmen.

4. Es ist zweifellos wichtig, der Frage kritisch nachzugehen, inwieweit das spezifische Virus HIV als alleiniger Verursacher bzw. als Hauptverursacher des AIDS-Syndroms zu betrachten ist, und inwieweit dies für alle oder nur für einen Teil der anerkannten AIDS-Fälle gelten kann. Aus unserer Sicht ist auf diesem Gebiet nicht alles geklärt. Aber wenn Prof. Duesberg die Stoßrichtung seiner Angriffe einzig auf die Rolle von HIV richtet, lenkt er von der eigentlich entscheidenden Frage ab; von jener Frage nämlich, um die sich die praktische Bekämpfung von AIDS entscheidend dreht: Haben wir es - zumindestens bei einem großen Teil, wenn nicht fast allen AIDS-Fällen - mit einer sich pandemisch ausbreitenden, übertragbaren Krankheit zu tun?

5. Gefährlich wird es, wenn die von Prof. Duesberg bewirkte Verunsicherung bezüglich HIV als alleinigem Verursacher von AIDS - was eine wichtige, aber zweitrangige Frage ist - den Tatbestand einer bedrohlichen Epidemie verschleiert. Selbst wenn das Vorhandensein von HIV-Antikörpern höchstens ein "Marker" für die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen AIDS-Erkrankung wäre (was wir nicht glauben), hätte dies in Ermangelung genaueren Wissens über die Ursachen von AIDS einen unschätzbaren Wert bei der AIDS-Bekämpfung.

6. Noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein gab es Mediziner und sogar Forscher, die - ähnlich wie Prof. Duesberg im Falle von AIDS - z.B. die Übertragbarkeit von Cholera hartnäckig geleugnet haben. Sie versicherten, Cholera sei das Ergebnis von Umwelteinflüssen, Vergiftungen verschiedener Art, schlechtem Lebensstil usw. Einige gingen soweit, demonstrativ verseuchtes Wasser zu trinken, um dadurch die These von einer Übertragbarkeit von Cholera zu entkräften. Tatsächlich ist das Naturphänomen "Cholera", genauso wie die Naturphänomene "Tuberkulose", "Grippe" und zahlreiche andere, in Wirklichkeit viel komplizierter, als dies im abstrahierten, dogmatischen Mechanismus der Schulbuchmedizin erscheint. Doch hat die Erfahrung gezeigt, daß die Unterbrechung potentieller Infektionsketten diese Krankheiten effektiv eindämmt. Es wäre unverantwortlich, ja fahrlässig, diese Erfahrung angesichts des heutigen - zugegebenermaßen lückenhaften - Wissens über AIDS zu mißachten.