Aus FUSION 4/97:

RAUMFAHRT

Interview mit dem amerikanischen Raumfahrtexperten Charles P. Vick

Warum die Sowjets die Amerikaner
beim Wettlauf zum Mond nicht schlagen konnten

Vorbemerkung

Neben den USA hat nur die frühere Sowjetunion die Fähigkeit entwickelt, Menschen in den Weltraum zu bringen. Und dabei waren die Sowjets sogar die ersten. Aber im Wettlauf mit den Amerikanern zum Mond konnten sie ihren Vorsprung nicht halten, da es ihnen nicht gelang, die im Rahmen des zivilen und militärischen Raumfahrtprogramms entwickelten neuen Technologien gesamtwirtschaftlich zu nutzen. Der amerikanische Raumfahrtkenner Charles P. Vick schildert, wie dadurch der Umfang des russischen Mondprojekts zu klein geraten sei und, als sich die politische Lage änderte, schließlich andere Programme vorrangig wurden. Heute werde Rußland beharrlich an seinen Raumfahrtkapazitäten festhalten, mein Vick, aber die Zeit laufe ihnen davon.

Nach seiner jüngsten Reise nach Rußland im April 1997, bei der er verschiedene Raumfahrteinrichtungen im ganzen Land besichtigte, bemerkte Vick, daß die vom Weltwährungsfonds gegenüber Rußland forcierte Politik "auf wirtschaftliche Tyrannei hinausläuft". Eine Folge des politischen und wirtschaftlichen Abstiegs Rußlands, so sagte er, sei die kometenhafte Zunahme von Korruption und Kriminalität und die entsprechende Verknappung verfügbarer Ressourcen für die wirtschaftliche Erneuerung oder das Raumfahrtprogramm.

Vick, derzeit leitender Forschungsberater der Federation of American Scientists, hat 35 Jahre Erfahrung bei der Bewertung und Analyse der sowjetischen Raumfahrttechnologie. Seine technischen Zeichnungen sowjetischer Raketen und Raumfahrzeuge sind weltweit bekannt. Mit großer Vorstellungskraft gelang es ihm als erstem, aus den dürftigen Daten, die aus der Sowjetunion vor 1989 verfügbar waren, das bemannte sowjetische Mondlandefahrzeug N-1/L-3 zu zeichnen - zu einer Zeit, als die Sowjets behaupteten, überhaupt kein bemanntes Mondprojekt zu verfolgen.

Das Interview mit Vick entstand im Juli 1997. Die Fragen stellte Marsha Freeman von unserem Schwestermagazin 21st Century Science & Technology, von der auch das Buch "Hin zu neuen Welten: Die Geschichte der deutschen Raumfahrtpioniere" (Böttiger, 1995) erschienen ist.

Vick: Es gab tatsächlich schon vorher Pläne. Es ist jedoch noch interessanter, daß die Russen offenbar gar nicht richtig verstanden, was Kennedy da gesagt hatte. Es dauerte einige Jahre, bis bei ihnen der Groschen wirklich gefallen war. Als das aber geschehen war, sagten sie sich: "Oha, einen Augenblick bitte! Wir müssen erst einmal sehen, wo wir selbst stehen." Jedenfalls waren sie auf andere Prioritäten festgelegt.

Vick: Ihr Plan liegt ziemlich auf der Hand, wenn man zurückblickt und in die noch in den 50er Jahren öffentlich zugängliche Literatur schaut. Man muß dabei berücksichtigen, daß die Deutschen solche Ideen hatten, und auch die Amerikaner darüber nachdachten. Die sowjetischen Überlegungen standen in der offenen Literatur aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Mond war immer ein sehr verlockender Gegenstand.

Ihr Mondprogramm erhielt deutlichere Umrisse, als die Russen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre begannen, unbemannte Mondmissionen loszuschicken. Außerdem wurde aus anderen öffentlichen Stellungnahmen sehr deutlich, daß etwas im Gange war. Aber nicht vor 1963 hatten wir etwas Solides und Offizielles, was sich aus einer Reihe von Äußerungen Nikita Chruschtschows ableiten ließ. Man muß sagen, daß unsere Seite nach den Beweisen suchte und letztlich vor dem August 1963 nichts fand; und wirklich sicher waren wir erst im Herbst 1964.

Vick: Damals begannen die Bauarbeiten am Kosmodrom von Baikonur, dem TT-5, oder dem, was auch als die J-Einrichtungen bekannt wurde. Die ersten Straßen und Fundamente entstanden. Im CIA-Bericht von 1965, der noch nicht zugänglich ist, wird darauf eingegangen. Eine Bestätigung ist auch der inzwischen freigegebene Aufklärungsfilm aus der Corona-Kamera.

Noch interessanter ist der Umstand, daß sich bei einem Vergleich der ursprünglichen Daten und den Erkenntnissen der Aufklärungsphotos eine große Lücke auftut zwischen dem, was die Sowjets als Baubeginn angaben, und dem, was auf den Bildern zu sehen ist. Eine Rolle wird dabei sicherlich der Umstand gespielt haben, daß zunächst die Bodenarbeiten durchgeführt und Zufahrtsstraßen geschaffen werden mußten. Und erst danach hieß es: "Jetzt geht der Bau richtig los!" Fest steht aber, daß die Vorbereitungen sehr viel früher begannen.

Vick: Seine Äußerungen waren äußerst gewunden und erfolgten im Herbst 1963, als Präsident Kennedy über Möglichkeiten kooperativer Missionen sprach. Tatsächlich hatte Kennedy im August 1963 angeordnet, die Konfrontation mit den Russen herunterzufahren und lieber eine Zusammenarbeit mir ihnen anzustreben. Das war amtliche Regierungspolitik. Viele Leute bauten bereits Wagenburgen um ihre Projekte, so auch um das damalige Apollo-Programm der NASA, denn bis dahin gab es keinerlei Hinweise, daß die Russen ein Mondprogramm betrieben.

Aber dann machte Chruschtschow einige indirekte Anspielungen, und es wurde darüber gestritten, ob uns die Russen zum Wettlauf zum Mond herausgefordert hätten oder nicht, abhängig davon, wie die Reporter Chruschtschows Worte interpretierten. Und er verdrehte die Worte weiter und weiter.

Letztlich stellten wir fest, daß man nach dem Geld sehen müßte: Man folge dem Geld und das führe einen zur Wahrheit.

Für mich war wirklich verblüffend zu erkennen, daß der russische Haushalt für das Mondprogramm bis 1963-64 immer weiter anstieg. Dann flachte er bis etwa 1970 nahezu ab, um dann noch einmal um 600 Mio. Rubel aufgestockt zu werden. Von da an sanken die Mittel langsam, aber stetig bis 1974 ab, als das Programm eingestellt wurde; nur noch Einzelteile des Projekts für eine bemannte Mondumrundung und eine bemannte Mondlandung liefen noch bis März 1976 weiter. Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, daß das Budget bis zu einem bestimmten Punkt anstieg und dann abfiel. Wenn man hingegen das Gebiet der strategischen Raketen betrachtet, so schossen dort die Haushaltsmittel weiter in die Höhe, weit über jene der Vereinigten Staaten hinaus. Wenn man erkennt, daß die Sowjets ihr Geld in dieses Programm und nicht in die Raumfahrt gesteckt haben, fragt man sich doch, wollte denn die Regierung wirklich auf den Mond oder nicht?

Im Rückblick war die Zeit 1962-64 für den Verlauf und die Entscheidungen des sowjetischen Mondprogramms sowie für die Hinwendung zum strategischen Raketenprogramm entscheidend. Das Aufkommen der amerikanischen Minuteman-Rakete und das Corona-Aufklärungsprogramm zwang die Sowjets zu noch größeren Ausgaben, um silogestützte strategische Raketen zu schaffen, die über lange Zeit startklar und mit kurzer Reaktionszeit im Boden bereit stehen könnte. Die Raketensysteme der zweiten Generation, für die Gelder ausgegeben wurden, waren bereits veraltet, bevor sie stationiert wurden, und die Sowjets mußten ein System der dritten Generation entwickeln, welches dann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum Einsatz kam.

Im Zuge der Kubakrise wurden die Legitimität des sowjetischen Regimes und die Glaubwürdigkeit seiner strategischen Streitkräfte in Frage gestellt. US-Verteidigungsminister und Geopolitiker Robert McNamara erklärte nach der Apollo-Bekanntgabe, die Russen müßten sich zwischen strategischen Systemen und dem Wettlauf ins All entscheiden. Unsere Politiker hofften, sie würden den Wettlauf ins All wählen, aber das taten sie nicht.

Vick: Seit 1957 und bereits früher, seit etwa 1955, beschäftigte sich Sergej Koroljow [Chefplaner des bemannten Mondprogramms] mit Entwürfen einer Startrakete für größere Lasten als der Sputnik-Träger R-7, und auf diesem Weg entstand die Mondrakete N-1. Es wurde außerdem eine Reihe von Varianten entwickelt. Koroljows erste Entwürfe waren Raketen mit mehrfachen Motorblöcken oder Modulen, ähnlich wie der Sputnik-Träger. Dieser hatte mehrfache parallele Blöcke. Die N-1 hatte sechs parallele Blöcke und ein Marschtriebwerk sowie darauf aufgesetzte Trägerstufen.

Diese ersten Raketenmotoren hatten noch einen offenen Kreislauf, die weniger leistungsstark sind als Motoren mit geschlossenem Kreislauf.

Vick: Bei Motoren mit offenem Kreislauf wird das Antriebsgas, mit dem die Turbopumpe betrieben wird, der Stoff, der die Pumpe überhaupt erst in Aktion setzt, nach außen abgelassen. Das ist reine Energieverschwendung. Bei Motoren mit geschlossenem Kreislauf wird dieses Gas in die sauerstoffreiche Schubkammer geleitet und mit dem Rest des Treibstoffs verbrannt. Um 1960-61 erkannten die Sowjets plötzlich, daß sie solche Hochdruckmotoren mit geschlossenem Kreislauf bauen konnten und so eine bessere Trägerrakete bekamen. Der Einsatz leistungsstärkerer Motoren hatte dramatische Veränderungen im Entwurf der N-1 zur Folge.

Die Planungsstudien wurden offiziell im Zeitraum Juli-September 1962 abgeschlossen. Darüber gibt recht lebhafte Beschreibungen in der damaligen öffentlich zugänglichen Literatur. Man argumentierte über die Logistik, wie man die Trägerrakete zum Kosmodrom transportiert, wie sie zusammengebaut werden sollte usw.

Vick: So ist es. Teilweise erschien es sogar in der New York Times und war sehr aufschlußreich. In einem von den Sowjets in Betracht gezogenen Entwurf wurde ein Träger beschrieben, der an der Basis einen Durchmesser von 17 Metern hatte und dessen erste Stufe über 45 Meter hoch war. Doch schließlich wurde dieser in drei Einzelstufen unterteilt, denn ein Träger dieser Größe ließe sich in einem Binnenstaat wie Rußland außerordentlich schwierig transportieren.

Vick: In gewisser Hinsicht, aber Gestalt und Entwurf der N-1 unterscheiden sich deutlich von der Saturn V. Die ersten drei Stufen der N-1 bilden eigentlich die ersten zwei Stufen der Saturn V. Die erste Stufe der N-1 bestand überdeutlich aus einem Super-Saturn/Nova-Träger, denn sein Schub betrug mehr als 4500t (10 Mio. pounds). Er hatte 30 Motoren in der ersten Stufe mit je 150-154 t Schub, wodurch er beim Start über 4500 t Schub entwickelte. Im Vergleich dazu erzeugte die erste Stufe der Saturn V mit ihren fünf Motoren 3400 t Schub.

Der ursprüngliche N-1-Entwurf war noch ein etwas kleinerer Träger. Der N-2-Abkömmling der N-1 sollte die obere zweite Stufe der N-1 als erste Stufe erhalten, und die N-3 sollte die dritte Stufe der N-1 als erste Stufe erhalten. Diese Entwicklung wurde aufgegeben, sollte aber eigentlich zu Ende geführt werden. Die Entwicklung der oberen Stufen hätte erheblich früher abgeschlossen werden können, nachdem diese bereits Ende der 60er Jahre für die N-1 erfolgreich statisch getestet worden waren. Sie konnten aber niemals die erste Stufe der N-1 statisch testen, denn sie hatten dazu nicht die entsprechenden Einrichtungen. Selbst heute haben sie sie nicht.

Das ist der Grund dafür, daß die erste Stufe bei Flugtests wiederholt versagte. Im Flug hat ein Versagen verheerendere Folgen als auf dem Teststand, wenn es auf unglückliche Weise geschieht und es kein Selbstzerstörungssystem gibt, das die Russen generell nicht hatten. Ihre Philosophie für Flugsicherheit und Zerstörung des Trägers beim Versagen ist völlig anders als die unsrige.

Bis nach dem zweiten Flugtest der N-1, der am 3. Juli 1969 stattfand, verfügten die Russen über keine Möglichkeit, die Motoren solange weiter brennen zu lassen, damit der Träger zumindest die Startrampe verläßt, bevor er versagt. Eine gesamte Startanlage wurde zerstört, als ein Träger beim Start versagte und auf die Rampe zurückfiel. Die Motoren waren so eingestellt, daß sie beim Auftreten von Problemen den automatischen Befehl zum Brennschluß erhielten. Der Träger hatte sich gerade von dem schwenkbaren Montageturm gelöst, als er zurückfiel und die Rampe in einen Krater verwandelte und auch das unterirdische vielstöckige Gebäude zerstörte, in dem die Versorgungseinrichtungen für die Rakete untergebracht waren.

Vick: Dadurch, daß sie die Motoren weiterbrennen ließen, obwohl sie versagten. Wenn der Computer richtig programmiert ist und bestimmte Dinge berücksichtigt, wird er die Motoren aus Sicherheitsgründen nicht abschalten, bis der Träger genug Höhe gewonnen und die Startrampe verlassen hat. In diesem Fall verfügten die Sowjets noch nicht über ein solches Programm. Heute haben sie es in allen Startraketen, aber sie mußten erst aus eigenem Schaden lernen.

Vick: Sie prüften und entwickelten sie, lagen aber weit hinter den Vereinigten Staaten zurück. Darüber wurden in Moskau gerade einige Papiere freigegeben, die ich jedoch noch nicht habe. Wir wissen, daß Nikolai Kusnezow in seinem Planungsbüro in Kujbyschew (heute Samara) an einem Wasserstoffantrieb arbeitete. Das Motorenplanungsbüro von M. A. Ljulka entwickelte erfolgreich einen als D-57 bzw. D-57M bekannten Motor, der nur einer von vielen Motoren war, die er vorschlug. Er sollte in einer oberen Stufe der N-1 zum Einsatz kommen. Aber die Motoren, die sie tatsächlich testeten, benutzten alle Kerosin als Treibstoff und flüssigen Sauerstoff.

Die Sowjets entwickelten ganze Motorenfamilien für die N-1 und andere Programme. Viele andere Antriebe entstanden auch vollständig getrennt von der bemannten Raumfahrt.

Die ersten drei Stufen des Trägers werden als N-1 bezeichnet. Die anschließende vierte und fünfte Stufe, dann das Mondmodul und Mondorbitalraumfahrzeug sowie die riesige Abdeckung darüber nennt sich L-3. Die ganze Mondmission hieß also N-1/L-3. Der lunare Teil war ein separates Paket, und tatsächlich wurde an beiden Teilen getrennt gearbeitet.

Zwischen 1962 und 1967 erfuhr der Entwurf wiederholte Änderungen. Ursprünglich sollte die N-1 45 t Nutzlast in eine nahe Erdumlaufbahn befördern. Dann wurde sie auf 75 t umgestellt, anschließend auf 92 t und schließlich 1972 auf 100 t hochgedrückt.

Vick: Fast. Die Saturn konnte 130-140 t Nutzlast in einen nahen Erdorbit tragen, und die N-1 war vergleichbar, aber nicht ganz so leistungsstark. Dieser Unterschied in der Nutzlastkapazität bedeutete, daß die Sowjets nur einen und nicht zwei Menschen auf dem Mond absetzen konnten, wie wir es bei jeder Apollo-Mission taten.

Außerdem betrug der Startwinkel bei den Sowjets im Kosmodrom von Baikonur in Kasachstan 50-51 Grad gegenüber dem Äquator in nördlicher Richtung, um die chinesische Grenze zu umgehen, und nicht direkt nach Osten, wie wir es im Kennedy-Raumfahrtzentrum bei 28 Grad Neigung tun. Das nimmt natürlich viel von der optimalen Leistungsfähigkeit der Startrakete weg. Weil sie bei einer so hohen Neigung starten, müssen sie außerdem die Ebene wechseln, um zum Mond zu gelangen, und dazu ist eine Menge Energie nötig.

Das sowjetische Raumschiff zur Mondumkreisung war für zwei Personen ausgelegt. Der eigentlich für den dritten Mann vorgesehene Sitz bot Platz für das eingesammelte Mondgestein. Die Mondkabine oder das Mondmodul umfaßte die Raketenstufe Block D - welche bei der Proton die vierte Stufe und bei der N-1 die fünfte Stufe ist. Block D sollte einen mit Kerosin und flüssigem Sauerstoff betriebenen Motor (RD-58M) haben, um das Raumschiff in eine Mondumlaufbahn zu bringen und sich in dieser Umlaufbahn der Mondoberfläche auf 10 km zu nähern. Dann würde der Motor von Block D mit dem Mondlandefahrzeug an der Spitze ein letztes Mal zünden, um mit Direktantrieb den Abstieg zur Mondoberfläche einzuleiten. Etwa 1,5 bis 2 km vor der Landung würde sich die Mondkabine von dem Bremsmodul, Block D, abtrennen und anschließend den letzten Abstieg und das Landemanöver allein durchführen.

Vick: Was übrigens eine sowjetische Technik war. Letztlich hätten sie sich wohl auch für ein Rendezvous im Mondorbit entschieden, aber sie haben auch ein Rendezvous auf der Mondoberfläche erwogen. Wie wir heute wissen, liefen Koroljows letzte Anweisungen vor seinem Tod im Januar 1966 darauf hinaus, daß mindestens zwei N-1-Starts und auch mehrere unbemannte Lunachod-Starts erforderlich seien. Lunachod, was soviel wie "Mondspaziergänger" heißt, war ein von den Sowjets benutztes Fahrzeug, das die Kosmonauten bei ihren Erkundungstouren auf dem Mond begleiten sollte. Koroljows Programm sah vielfache Starts und Sicherheitsvorkehrungen für die gesamte Mission vor.

Die Amerikaner stellten ihre eigenen Untersuchungen an, und es stellte sich heraus, daß das Rendezvous im Mondorbit die beste Option wäre. Die Sowjets selbst hatten Rendezvous auf der Mondoberfläche, Direktflug, Erdorbit-Rendezvous und später auch Mondorbit-Rendezvous untersucht.

Aber als die Vereinigten Staaten es tatsächlich in die Tat umsetzten, betrachteten sie sich erneut die Zahlen und befanden, daß unser Konzept des Mondorbit-Rendezvous ausgesprochen brillant war, um Alexej Leonow zu zitieren. Erst später entdeckten wir, daß ein Russe schon viele Jahre vorher dieses Konzept vorgelegt und durchgerechnet hatte. Sie rückten von den Plänen für Direktflüge und Erdorbit-Rendezvous ab und verlegten sich selbst auf das sog. Mondorbit-Rendezvous und Mondoberflächen-Rendezvous.

Dazu wären zwei unterschiedliche Startraketen erforderlich gewesen. Vor dem Start der N-1 wollten sie mindestens ein oder zwei unbemannte Lunachod-Explorationsfahrzeuge mit einer Protonrakete vorausschicken, welche etwa in der Gegend niedergehen sollten, wo anschließend die bemannte Mondlandung stattfinden würde. Die unbemannten Lunachods hätten als Leitstrahlsender zur Zielbestimmung des Landebereichs gedient. Dann hätten die Sowjets eine unbemannte N-1 mit der ganzen Mondausrüstung und einem Mondmodul losgeschickt, das ebenfalls an dieser vorgewählten Stelle landen würde. Damit wäre etwa 28 Tage vor der bemannten Mission bereits ein unbemanntes Fahrzeug an Ort und Stelle, und die Lunachods könnten das Mondmodul inspizieren, ob alles in Ordnung wäre. Die Lunachods könnten sich anschließend von der Landestelle wegbewegen und Bilder von der Umgebung machen.

Die eigentliche bemannte Mission, die 28 Tage später erfolgen sollte, wäre dann mittels eines antriebsgesteuerten Abstiegs mit Block D erfolgt, d.h. eines Abstiegs mit Dauerschub, bei dem sehr schnell die Vorwärtsgeschwindigkeit abnimmt und man nahezu senkrecht herunterkommt. Auf diese Weise kann man die Landestelle sehr genau sehen und rechtzeitig entsprechende Kurskorrekturen vornehmen.

Im Apollo-Programm wurde ein allmählicher, gedrosselter Abstieg zur Landestelle gewählt, was ein elliptischer Ansatz ist. Die sowjetische Dauerzündungsmethode hat ein vertikales Landeprofil, das weniger Energie erfordert, aber auch sehr viel gefährlicher sein kann. Aber die Sowjets meinten, sie schafften dies und hatten auch das Lunarmodul bei drei Flugtests im Erdorbit 1971 und 1972 erfolgreich demonstriert.

Vick: Alles änderte sich wegen der Wirtschaftslage und den Grenzen des Programms und auch weil Probleme mit dem Träger selbst auftraten. Die Sowjets hatten eigentlich fünf Testraketen, und die erste davon sollte etwa im Zeitraum August-Oktober 1968 erprobt werden. Während die Vorbereitungen für diesen Test liefen, entwickelten sich im Juni 1968 Haarrisse in dem riesigen Flüssigsauerstoff-Tank der ersten Stufe, und diese erste Stufe mußte ausgeschlachtet werden. Deswegen trat eine Verzögerung bis 21. Februar 1969 ein, als schließlich die erste Rakete abhob. Die Vereinigten Staaten haben diesen Start gar nicht mitbekommen bzw. falsch interpretiert. Nur die Briten haben den Start mit ihren geheimdienstlichen Möglichkeiten entdeckt, doch die amerikanischen Dienste hier haben diese Informationen nicht akzeptiert. Somit absolvierten die Sowjets einen Flugtest, und wir wußten davon gar nichts.

Vick: Er ging gut bis etwa 133 km Höhe, als die erste Stufe wegen der Motorenvibration versagte und weil eine Treibstoffleitung platzte, wodurch ein Brand entstand. Das KORD [Motorensteuerungssystem] gab danach ein falsches Signal, wodurch die Motoren abgestellt wurden. Ein Motor war ausgefallen, und das Steuerungssystem sollte eigentlich die zwei sich gegenüberliegenden Motorenpaare abschalten, um das Gleichgewicht zu halten. Aber fälschlicherweise schaltete das KORD sämtliche Motoren ab. Der Träger begann vom Schwanzende her zu zerbrechen. Das Notsystem löste dann das Raumschiff an der Spitze vom verbleibenden L-3-Teil der Rakete ab, welcher ebenfalls auseinanderzubrechen begann.

Ich glaube, die erste und zweite Stufe flogen noch ein wenig weiter, bis sie steuerlos wurden. Der ganze Rest war bereits weggebrochen. Das ist ein sehr dramatischer Anblick.

Vick: Im Grunde könnte man auch fragen: Gab es überhaupt einen Wettlauf zum Mond? Die Antwort darauf muß zweideutig bleiben - ja und nein. Es gab in der Sowjetunion sicher höhere Prioritäten als die Mondmission, und vielleicht meinte die russische Führung, sie müsse die Amerikaner in einen Wettlauf zum Mond verstricken, um sie aus dem Spiel um die strategischen Interkontinentalraketen herauszuhalten. Wenn sie uns mit der Mondmission beschäftigen würden, könnten sie damit erreichen, daß wir erhebliche Mittel aufbringen müßten, die ansonsten wahrscheinlich in weitere Raketen- oder Militärprogramme geflossen wären.

Vick: Wir waren überlegen und hatten die entsprechenden Anlagen, und sie nicht. Zu gewissem Grad wollten sie uns bremsen, aufhalten und beschäftigen. Gleichzeitig gab es keine Trennung zwischen ihren Militär- und Raumfahrtanstrengungen. Ihr gesamtes Raumfahrtprogramm gründete sich auf die schnellbeschleunigenden Träger, die sie für das Militär produzierten. Sie wurden aus der Überschußproduktion für das Raumfahrtprogramm abgezweigt. Eine Anzahl von Raketen wurde jedes Jahr zur Verfügung gestellt, und das Raumfahrtprogramm wuchs in diesen Jahren über die bereits bewilligten Militärprogramme hinaus.

Es ist schon erstaunlich, was sie auf die Beine stellten. Wenn man auf die bewilligten Gelder schaut, so erkennt man, daß Koroljow die russische Führung schon lange vor seinem Tod im Januar 1966 und noch vor Chruschtschows Abgang vor die Wahl gestellt hatte, ob das Mondprogramm nun angepackt werden sollte oder nicht. Die Antwort lautete letztlich: "Ja, aber mehr Geld wird es nicht geben. Damit müßt ihr auskommen!" Und so kam es auch. Sie machten sich an die Arbeit, aber was die sowjetische Regierung angeht, so gab es praktisch keinen Wettlauf zum Mond.

Nur die Wissenschaftler selbst legten einen ungeheuren Eifer an den Tag - heute noch zu sehen in dem Unternehmen Energija - und machten die Sache zu einem Wettlauf zum Mond. Und in vielerlei Hinsicht war es ein sehr knappes Rennen. Um Dr. Charles Sheldon, den ehemaligen Leiter der Forschungspolitischen Abteilung der Kongreßbibliothek, zu zitieren: "Bei ihnen lief alles zur falschen Zeit schief, und bei uns klappte alles." Wenn es anders herum gelaufen wäre, hätte die Sache vielleicht ganz anders ausgesehen.

Vick: Das ist richtig, und wir führten gründliche Bodentests durch, was die Russen nicht konnten. Sie konnten Versuche mit sämtlichen oberen Stufen der N-1 und auch mit den Nutzlasten machen, aber sie verfügten nicht über die Testeinrichtungen, um den gesamten Startraketenaufbau dynamisch zu testen. Nur mit einem Maßstabsmodell konnten sie es.

Die Sowjets zerstörten insgesamt sieben Träger. In Baikonur gingen sechs Träger drauf, zusätzlich zu den vier Testraketen plus der gestrichenen erste Stufe einer Testrakete. Sie hatten Raketen für Bodentests und dynamische Belastungstests. Im Kosmodrom gingen drei dynamische Testanlagen zu Bruch. Darauf waren sie sehr stolz, denn das geschah immer bei dynamischen Belastungstests, um die Grenzen der Belastbarkeit herauszufinden. Auch die Testraketen gingen kaputt.

Vick: Auch wenn Koroljow gelebt hätte, hätte das keinen großen Unterschied gemacht. Die Sowjets lagen eineinhalb bis fünf Jahre hinter den US-Entwicklungen zurück, die ja bereits in den 50er Jahren begonnen hatten. Chruschtschow begann den Wettlauf zum Mond, aber man muß gerechterweise hinzufügen, daß er auch den Wettlauf zum Mond beendete, als die Entscheidung fiel, die verfügbaren Gelder in das strategische Raketenprogramm zu stecken.

Aber es ist bewundernswert, was Koroljow und die russische Akademie der Wissenschaften in Bewegung gesetzt haben. Als Koroljow im Januar 1966 starb, begannen die Dinge jedoch schon auseinanderzufallen. Selbst wenn er weitergelebt hätte, hätten sie uns auf dem Weg zum Mond nicht geschlagen. Die N-1 wäre nicht rechtzeitig fertig gewesen.

Was die Antriebe angeht, so arbeiteten die Vereinigten Staaten bereits in den 50er Jahren an Motoren der F-1-Klasse sowie an Wasserstoff/Sauerstoff-Motoren, die dann in der Saturn V zum Einsatz kamen. An dem Wasserstoffantrieb arbeitete ursprünglich die Firma Aerojet, weitere Arbeiten wurde bei Pratt & Whitney gemacht. Daraus ging der J-2-Motor hervor, der in der zweiten und dritten Stufe der Saturn V eingesetzt wurde. Rocketdyne arbeitete an dem E-1-Motor, der mit einer halben Million Pfund Schub eine Weiterentwicklung des F-1 war.

Beide Länder hatten wegen der unregelmäßigen Verbrennung erhebliche Probleme mit den Raketenmotoren, sei es mit den Kerosin/Flüssigsauerstoff-Motoren oder den LOX-Motoren. Wir brauchten eine ganze Zeit - bis Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre - , um herauszufinden, was jetzt als "Kurve der unregelmäßigen Verbrennung" bekannt ist. Wenn bestimmte Parameter außerhalb dieser Kurve liegen, wird in der Schubkammer keine unregelmäßige Verbrennung auftreten; wenn die Konstruktionsparameter innerhalb dieser Kurve liegen, kommt es zu unregelmäßiger Verbrennung. Es dauerte sehr lange, bis das verstanden wurde. Aber die Sowjets entwickelten einen äußerst robusten Motor, der heute in amerikanischen kommerziellen Startraketen zum Einsatz kommt - den NK-33 und NK-43 - , der sogar unregelmäßige Verbrennung aushalten konnte.

Man könnte sich fragen, warum so viele Motoren? Das war das Mögliche, was in der Sowjetunion in dem erforderlichen Zeitrahmen entwickelt werden konnte. Es gab aber auch ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zwischen Walentin Gluschko und Koroljow. Gluschko, der das angesehene Gasdynamik-Labor der Sowjets leitete, weigerte sich, Kerosin/LOX-Motoren zu bauen; er baute für Koroljows Mond-Startraketen nur Motoren mit lagerfähigem Treibstoff. Für das Militär, das Raketenmotoren mit lagerfähigem Treibstoff benutzte, standen abrufbare Mittel zur Entwicklung solcher Motoren zur Verfügung.

Vick: Ich denke dabei an UDMH [unsymmetrisches Dimethylhydrazin] und Distickstofftetroxid, lagerfähige Hypergole. Sie lassen sich in normaler Umgebung lagern, aber sie sind hochtoxisch und für den Menschen äußerst schädlich. Wenn man sie einatmet, kann man daran sterben. Wenn UDMH und Salpetersäure zusammenkommen, kommt es zu einer sofortigen Flammenexplosion.

Der andere Ansatz benutzt Kerosin und Flüssigsauerstoff, LOX. LOX ist ein kryogener Treibstoff, Kerosin ist lagerfähig und kann zu gewissem Grad auch tiefstgekühlt werden. Das Kerosin, das die Russen benutzten und heute immer noch benutzen, ist in Wirklichkeit ein Benzinderivat. Es ist zähflüssiger als unser Kerosin. Kerosin funktioniert recht gut in diesen Motoren. Die Unterschiede sind wirklich ziemlich gering, wie sich bei Probestarts in den Vereinigten Staaten gezeigt hat.

Gluschko weigerte sich einfach, Kerosin-Motoren zu entwickeln, denn er meinte, man könne keinen Motor mit 150 t Schub auf der Grundlage von Kerosin/LOX bauen.