Aus FUSION 1/98:

EDITORIAL

Fast eine Antwort auf eine grundlegende Frage


Diese Ausgabe von FUSION enthält einen Artikel, in dem Professor Maurice Allais die Grundannahmen der speziellen Relativitätstheorie, und damit einen Grundpfeiler der heutigen Naturwissenschaft, in Frage stellt. "Wie kann man derartige bewiesene Erkenntnisse überhaupt anzweifeln?", werden einige sagen. Und ganz im Gegensatz dazu wird die kampfeslustige Schar derer, die seit langem unermüdlich gegen Albert Einsteins Theorie zu Felde ziehen, meist ohne sie verstanden zu haben, schnell zustimmen. Diese Einzelkämpfer sehen sich als totgeschwiegene Opfer einer Verschwörung unter den etablierten Wissenschaftlern.

In letzterem haben sie sogar recht, diese Gemeinde der Fachwissenschaftler funktioniert in der Tat wie eine Verschwörung, und bereits um die Jahrhundertwende charakterisierte der große Max Planck diese treffend, indem er behauptete, neue Theorien setzten sich nicht mittels Überzeugung durch, sondern indem die Vertreter der alten Theorie ausstürben. Seit damals ist das Niveau der Verschwörung drastisch gesunken. Man denke nur an den Wissenschaftsschwindel mit der "Klimakatastrophe", verursacht durch das zum "Umweltgift" erklärte Kohlendioxid! Da wird sich nicht mehr auf Wahrheit von Hypothesen berufen, sondern auf den "Konsens" der Gemeinde, ganz als ob die wissenschaftliche Wahrheit die Übereinkunft einer verschworenen Clique sei.

Es liegt in der Natur der Sache, daß wir bei keiner Autorität eine verläßliche Antwort bezüglich der von Maurice Allais aufgeworfenen Frage einholen können. Zusätzlich wirft sein Artikel implizit die Frage auf, mit welcher Orientierung sich die Naturwissenschaft heute weiterentwickeln kann. Wo ist die Antwort zu finden?

Die Wahrheitsliebe

Tun wir doch einfach einmal etwas heute sehr Ungewöhnliches: Lesen wir in der Bibel, und zwar den ersten Brief des Apostel Paulus an die Korinther. Aus dem, was da geschrieben steht, sehen wir auf den ersten Blick, in der jungen Gemeinde in Korinth ging es damals drunter und drüber, etwa genauso chaotisch wie heute nicht nur bei den Wissenschaftlern. Verschiedene Personen und Gruppen um sie herum verkündeten in verschiedenen Systemen "die Wahrheit". Wer hatte recht, wer nicht? Wem sollte man glauben?

Paulus sagt in dieser Situation etwas ganz Einfaches. Er erinnert daran, daß er keine großen Worte gemacht habe, so wie es die Sophisten und die wortgewaltigen Autoritäten der "irdischen Weisheit" gewöhnlich tun, welche alle das Wesentliche nicht sehen und deren "Wissen nur Stückwerk" ist. Vor dieser Wissenschaft hat sich Paulus zum Narren gemacht. Er hat etwas ganz Einfaches und gleichzeitig ganz unbegreiflich Paradoxes gelehrt, etwas, das wichtiger ist als die Weisheit, nämlich den Schlüssel zur Weisheit, indem er ein geheimnisvolles Rätsel, ein Mysterium vom Kreuzestod Christi und der unsterblichen Menschenseele verkündete. Und daraus folgt, sagt er: "Und wenn ich... alle Geheimnisse wüßte, und alle Erkenntnisse,... und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts."

Was hat das mit einer Orientierung für die Wissenschaft heute zu tun? Mehr als man denken mag. Zum Beispiel sagt es ganz konkret, daß jeder, der meint, "es gibt zu viele Menschen", oder gar von der "Bevölkerungsexplosion" redet, kein Wissenschaftler sein kann. Er mag zwar technisch kompetent sein, ein Spezialist, genau wie ein guter Klempner handwerklich kompetent sein kann, und es für sein Handwerk wenig schadet, wenn er von "Bevölkerungsexplosion" schwatzt, aber als ein schöpferischer Wissenschaftler, der die großen Gesetze des Universums erlauscht und weiterentwickelt, ist solch ein Mensch ohne die Liebe ein Nichts. Selbst wenn er zufällig einen wertvollen Gedanken bekäme, könnte er ihn nicht als schöpferisch und wichtig erkennen.

Warum das so ist, erklärt Gottfried Wilhelm Leibniz gleich zu Beginn seiner Theodizee: "Ist doch die Liebe der Affekt, der uns Freude finden läßt an den Vollkommenheiten dessen, was man liebt... Diese Art von Liebe bringt die Freude an den guten Handlungen hervor,... und so findet man, daß es kein höheres Sonder-Interesse gibt, als das Gemein-Interesse zu umfassen, und so lebt man zur eigenen Befriedigung, indem man sich bemüht, den wahren Vorteilen der Menschen zu folgen. Ob man nun Erfolg hat oder nicht; man ist zufrieden..."

Und dann erklärt Leibniz, daß das Universum der menschlichen Vernunft erkennbar ist, weil in ihm eine "prästabilierte Harmonie" existiert. Aber ohne die Liebe, ohne die passionierte Wahrheitsliebe, ohne das Gemein-Interesse für die Menschheit, ohne dieses alles ist der menschliche Geist zu klein und zu vereinzelt, um an die universelle Harmonie heranzureichen, ihm fehlt die Freude an den Vollkommenheiten, er kann nicht schöpferisch tätig werden.

Für den Begründer der Astrophysik, Johannes Kepler, war dieser Harmoniegedanke noch selbstverständlicher Bestandteil der Wissenschaft. Diese Harmonie zwischen Schöpfung und schöpferischem Denken ist nicht logisch beweisbar, aber sie ist notwendige Voraussetzung für die wissenschaftliche Erkenntnis, ein Wegweiser des Prozesses der Hypothesenbildung. Spätestens seit Isaak Newton, der vorgab, keine Hypothesen zu machen, ist dieser Harmoniegedanke, und mit ihm die große Sympathie, aus der Naturwissenschaft verwiesen und dem blinden Zufallsglauben geopfert worden.

Aber das alles beantwortet dem Leser doch nicht die Frage, ob Maurice Allais recht hatte oder Albert Einstein, oder gar die verschworene Forschergemeinde! Sicherlich, dem Leser beantwortet das nicht, wer in dieser spezifischen Frage recht hat, aber es versetzt ihn in die geistige Stimmung, sich an die Beantwortung einer derartigen Frage - die er nur ganz alleine, ohne falsche Autoritäten, beantworten kann - heranzuwagen.