Aus FUSION 3/98:

KURZNACHRICHTEN


ITER vor dem Aus?
Mit Chlorophyll gegen Krebs

Trotz Krise in Indonesien: Forschung geht weiter

Indien: Impfstoff gegen Lepra

Resistente Tuberkulosekeime jetzt auch in Rußland

Brücke von Messina kann gebaut werden

ITER vor dem Aus?

Die schweren wirtschaftlichen und finanziellen Probleme aller Industrieländer drohen dem Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktor (ITER) ein Ende in Etappen zu bereiten. Nachdem im Februar diesen Jahres der ITER-Council beschlossen hatte, den Bau der Großanlage, mit der erstmals ein Kernfusionsreaktor den "break-even" erreichen sollte, um drei Jahre hinauszuschieben, einigte man sich nun im Juli darauf, Vorschläge für einen "ITER light", eine abgespecktere Anlage gleichen Typs, zu erarbeiten. Weltweit werden die Mittel für die Kernfusionsforschung zusammengestrichen. Japan hatte sich 1996 zwar prinzipiell als Standort der Anlage angeboten, doch inzwischen ist das Land in so große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, daß es die Milliardensummen dafür kaum mehr aufbringen kann. Rußland kann praktisch gar keinen ITER-Beitrag mehr leisten, Europa will keinerlei zusätzliche finanzielle Belastung übernehmen, und die USA verlegen sich aufgrund des Spardrucks zunehmend auf alternative, kleine Fusionstestanlagen.

Mit Chlorophyll gegen Krebs

Am 19. März hat Dr. Avigdor Scherz vom israelischen Weizmann-Institut in der National Academy of Sciences in Washington eine neue photodynamische Krebstherapie vorgestellt. Scherz hat eine modifizierte Form bakteriellen Chlorophylls entwickelt, die Licht im nahen Infrarot absorbiert und toxische freie Radikale freisetzt, welche Krebszellen abtöten. Seine Entdeckung löst zwei Probleme, die die Wirksamkeit der photodynamischen Therapie bisher stark eingeschränkt haben. Das benötigte Infrarotlicht dringt viel tiefer - etwa 3 cm gegenüber nur etwa 1 mm bei bisherigen Stoffen - in das Gewebe ein, so daß mehr Tumorgewebe erfaßt wird. Außerdem ist das neue bakterielle Chlorophyll wasserlöslich und wird innerhalb von 16 Stunden ohne toxische Rückstände wieder ausgeschieden. In Tierexperimenten mit Mäusen und Ratten führte eine Injektion des modifizierten bakteriellen Chlorophylls bei anschließender Bestrahlung mit Licht aus dem nahen Infrarot zur vollständigen Zerstörung kleiner Tumore. Bei größeren Tumoren attackiert die photodynamische Therapie die die Geschwulst versorgenden Blutgefäße. Auf diese Weise wurden bei Melanomen und Sarkomen bei Ratten Heilungsraten von 75-80% erzielt. Klinische Versuche bei Menschen sollen noch in diesem Jahr beginnen.

Trotz Krise in Indonesien: Forschung geht weiter

Indonesien müsse seine Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen trotz der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise weiterführen, erklärte Präsident B.J. Habibie im August vor der Behörde für Technikbewertung und -anwendung (BPPT), die er selbst früher einmal geleitet hatte. Habibie, der in Deutschland studiert hat, sagte, ein Land müsse die Technik beherrschen, wenn es mit anderen Nationen gleichziehen wolle. "Wir wissen, daß Investitionen in die Forschung sehr kostspielig sind - fast genauso wie Investitionen in die Ausbildung. Aber ich muß nachdrücklich darauf hinweisen, daß solche Investitionen keine Verschwendung sind. Wir müssen an die Zukunft denken." Habibie erinnerte daran, daß die von der BPPT geförderten Erfindungen die Nahrungsmittelproduktion gesteigert und die Technologien im Wohnungsbau verbessert hätten. Viele Indonesier genössen heute die Früchte solcher Investitionen, allerdings "sollten wir uns damit nie zufrieden geben", sondern beständig neue Innovationen vorantreiben.

Indien: Impfstoff gegen Lepra

In 20jähriger Forschungsarbeit ist es indischen Wissenschaftlern nun gelungen, einen Impfstoff gegen Lepra zu entwickeln. Für eine Immuntherapie sind sechs bis acht Impfungen notwendig, die Dosis zu je 25 Pfennig. Seit Einführung einer speziellen medikamentösen Kombinationstherapie ist die Zahl der Leprakranken von knapp 7 Millionen im Jahr 1985 auf heute rund 1,2 Millionen gesunken; ein Drittel davon lebt allein in Indien. Ein hoher Anteil der Patienten dort leidet an einer besonders aggressiven Form der Krankheit, der sogenannten lepromatösen Lepra (LL). Bis heute war es nicht gelungen, den Erreger der Lepra, das Mycobacterium leprae, im Reagenzglas zu züchten. Statt dessen züchteten die indischen Wissenschaftler erstmals zwei ungefährliche Arten von Mykobakterien, die enge Verwandte des Lepraerregers sind. Werden die aufgereinigten Bakterien mit Formalin abgetötet und dann einem Leprapatienten injiziert, kommt es zur Entwicklung einer Kreuzimmunität. Die vom Immunsystem gebildeten Abwehrstoffe gegen die harmlosen Varianten wirken auch gegen Mycobacterium leprae. Bei LL-Patienten, die die Vakzine zusammen mit den üblichen Medikamenten erhielten, heilten die Hautveränderungen schneller als bei ausschließlicher Chemotherapie ab, und die Krankheitserreger verschwanden aus dem Körper. Die neuen Forschungsergebnisse wurden nicht zufällig am 50. Todestag Mahatma Gandhis veröffentlicht. Studien sollen nun zeigen, ob der Impfstoff lebenslang vor einer Leprainfektion schützt. Rund 220000 Menschen wurden bereits nach verschiedenen Impfschemata immunisiert. Mit einer Auswertung der Daten ist Ende des Jahres zu rechnen.

Resistente Tuberkulosekeime jetzt auch in Rußland

In Rußland hat sich eine neue und bislang gegen alle gebräuchlichen Medikamente resistente Form von Tuberkulose entwickelt. Sie breitet sich vor allem in russischen Gefängnissen aus. "Rußland hat eine Million Gefangene, davon sind 10% von einer neuen Form der Tuberkulose infiziert", so Alex Goldfarb, Sprecher des New Yorker Forschungszentrums für Öffentliche Gesundheit in Moskau. Das Zentrum, die belgische Sektion der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" und die britische Notärztevereinigung "Merlin" haben sich nun in einem offenen Brief an den russischen Präsidenten Jelzin gewandt, um auf das Problem hinzuweisen. Die Behandlung der klassischen Tuberkulose kostet umgerechnet zwischen 90 und 180 DM je Patient; die Bekämpfung der neuen Form von TBC kostet pro Behandlungsfall derzeit noch mehrere tausend Mark.

Brücke von Messina kann gebaut werden

Der italienische Senat hat am 25. Juni für den Bau einer Brücke über die Meerenge von Messina gestimmt. 99 Senatoren waren dafür, 21 dagegen, 42 enthielten sich. Ein technischer und ein parlamentarischer Ausschuß sind zur Einleitung der Baumaßnahmen ermächtigt worden. Die Brücke, die Sizilien mit dem italienischen Festland verbinden soll, wird 3,6 Kilometer lang und damit die längste Hängebrücke der Welt sein. Ihre Pfeiler sollen 360 Meter hoch werden. Auf einer Breite von 60 Metern sind zwölf Fahrspuren untergebracht, davon zwei für die Bahn.

Die gerade eröffnete Beltbrücke in Dänemark sei der entscheidende Faktor gewesen, um in Italien einen politischen Stimmungsumschwung zugunsten der Messina-Brücke herbeizuführen, sagte ein Beamter des Ministeriums für öffentliche Bauprojekte in Rom. Die dänische Brücke hätte in Italien ein großes Echo ausgelöst, denn an diesem Projekt, das in nur eineinhalb Jahren fertiggestellt wurde, war die italienische Baufirma Coinfra beteiligt. Allerdings, so der Beamte, sei die Abstimmung im Senat nur "ein kleiner Schritt nach vorne", denn nun werde der "Interpretationskrieg" erst richtig losgehen.