Aus FUSION 4/2001:

EDITORIAL


Die Ökonomie beginnt im Kopf


Alles nur Scheingewinne
Zurück zur physischen Ökonomie

Die verantwortlichen Politiker und Wirtschaftsgrößen unseres Landes folgen mit uneingeschränkter Blindheit dem großen anglo-amerikanischen Vorbild und helfen so seit Jahren mit, die Weltwirtschaft in eine Wirtschaftskrise zu führen, deren Ausmaß wahrscheinlich alles übertreffen wird, was die Menschheit seit dem "finsteren Zeitalter" durchleben mußte. Was soll das Geschwätz über die Frage, ob man in Deutschland "schon" oder "noch nicht" in einer Rezession sei? Tatsache ist: Wir erleben seit einem Jahr - und nicht erst seit dem 11. September - eine globale Zusammenbruchskrise, eine bodenlose Abwärtsspirale, aus der es kein durch "Marktkräfte" bewirktes Entkommen gibt. Um so offensichtlicher dieses Problem für den gesunden Menschenverstand wird, desto mehr steigert sich der kollektive Wahnsinn der dem liberalistischen Dogmen verfallenen Finanzgrößen, Wirtschaftsweisen sowie deren Nachschwätzer in Medien und Politik.

Alles nur Scheingewinne

Mehr als ein Jahrzehnt lang wurde dem Mythos der "New Economy" gehuldigt. Dieser Mythos ist nun samt Millionen von Arbeitsplätzen und auf Aktienwerten basierenden Altersversorgungen in den USA kollabiert (siehe den Artikel von Lothar Komp auf Seite 33). Aber wo sind die Konsequenzen für die Verantwortlichen dieses offensichtlichen Betrugs? Ist es mit Wegsehen und La-Paloma-Pfeifen getan? Wer die Entwicklung mit gesundem Menschenverstand betrachtet hat, dem war offensichtlich, was da geschah. Der frühere Chefökonom der Dresdner Bank, Dr. Kurt Richebächer, beschrieb auf einem EIR-Seminar am 5. November den angeblichen "Produktivitätsboom" der "New Economy" so: "Wenn Sie heute die Nasdaq-Unternehmen nehmen und all die Abschreibungen berücksichtigen, dann haben diese Unternehmen seit 1995 keinen Pfennig verdient. Sie sind alle in den roten Zahlen... Das waren alles Papiergewinne, Scheingewinne, keine Gewinne aus Produkten und Produktivität. Es war alles Betrug."

Das Ende des Mythos der "New Economy" ist nur ein Symptom für den Niedergang von Wissen und Moral in der Wirtschaft. Was heute höhnisch als "kreative" Buchführung gefeiert wird, hätte in den sechziger Jahren dazu geführt, daß der Finanzbuchhalter die Polizei alarmiert.

Zurück zur physischen Ökonomie

Wir werden uns aus dieser bodenlosen Abwärtsspirale nur befreien können, wenn wir wieder die grundlegenden Faktoren sehen und schätzen lernen, auf denen volkswirtschaftliche Prosperität aufbaut. Raffgier und "kreative" Buchführung hat offenbar vergessen lassen, welche Handlungen überhaupt zur Schaffung wirtschaftlichen Reichtums beitragen. Der amerikanische Ökonom und Politiker Lyndon LaRouche hebt hervor, daß "einzig" in der physikalischen und wirtschaftlichen Praxis "bestätigte Entdeckungen neuer allgemeiner physikalischer Prinzipien die Handlungsweise darstellt, womit die Menschheit die Macht ihrer Gattung im und über das Universum ausbauen kann." Nur diese individuellen Handlungen, in denen die nur dem Menschen eigene "schöpferische" Qualität, die Umwelt zu verändern, zum Ausdruck kommt, ist die Grundlage von ökonomischem Reichtum. Die Kunst der Wirtschaftspolitik besteht gerade darin, diese Art des ökonomischen Handels zu erkennen, so stimulieren und zu fördern.

Den Managern und Wirtschaftspolitikern in Deutschland ist der Begriff "produktive Handlung" längst abhanden gekommen, das beweist die Art und Weise, mit der die Zukunftstechnologien Magnetschwebebahn und Hochtemperaturreaktor abgewürgt wurden. Ohne den wirtschaftlichen Sachverstand in der chinesischen Wirtschaftselite wäre dieses in Deutschland entwickelte technologische Wissen bereits vernichtet (siehe die Artikel über die Anwendung von Transrapid und Kugelhaufenreaktor in China S.16). Die kontrollierte Kernfusion ist eine unverzichtbare Zukunftstechnologie. Sie konnte sich in Deutschland trotz massiver Anfeindungen gerade so am Leben halten (siehe die Artikel über 40 Jahre Kernfusionsforschung in Garching S. 25 und zum Tod des Fusionsforschers Dan Wells S. 30). Den heute erreichten Stand muß man jedoch auch daran messen, daß diese Technologie nur deshalb heute noch nicht wirtschaftlich einsetzbar ist, weil ihre Förderung in den vergangenen drei Jahrzehnten sträflich vernachlässigt wurde.

"Produktive Handlungen" sind immer individuelle Handlungen, ihr wirtschaftlicher Wert kann jedoch nicht isoliert bestimmt werden. LaRouche drückt das folgendermaßen aus: "Eine produktive Handlung muß innerhalb einer Wirtschaft von den entwickelten Bedingungen der grundlegenden wirtschaftlichen Infrastruktur her definiert werden, in welche die zu definierende individuelle Produktionshandlung eingebettet ist." Es ist also dieser infrastrukturelle Zusammenhang, in dessen Rahmen die volkswirtschaftliche Leistung innovativer mittelständischer Betriebe direkt (siehe den Artikel über das Berliner Handwerk und den Transrapid S.10) oder indirekt (siehe den Artikel über Revolution im Pflanzenbau S. 6) zum Ausdruck kommt.

Die "kreativen" Statistiken heutiger Machart, Aktienwerte, der Dax und ähnliches Getier oder die allwöchentlichen Lottozahlen sind für die langfristige Beurteilung dieses Zusammenhangs ungeeignet, sondern es muß der "Vergleich des Nettoausstoßes einer Wirtschaft sowohl pro Kopf als auch pro Flächeneinheit zusammen mit der vorhersehbaren Wachstumsrate der Nettogewinnspanne beim Ausstoß nach physikalisch-ökonomischem Standard", so LaRouche, vor einem "Horizont von einem Vierteljahrhundert" die "Wahlmöglichkeiten" der wirtschaftlichen Handlungen begründen. Am deutlichsten konkretisiert sich dieser Horizont in Infrastrukturmaßnahmen - wie sie in den Artikeln um das Wasserstraßenkreuz bei Magdeburg (siehe S. 12) und das Konzept des Entwicklungskorridors (siehe S. 40) dargestellt sind.

Einen technologisch-wirtschaftlichen Horizont von einem Vierteljahrhundert, den müssen wir wieder gewinnen! Zu lange haben wir es hingenommen, daß der geistige Horizont der "verantwortlichen" Politiker und Wirtschaftsgrößen in unserem Lande den Radius Null hat. Wir erfahren bereits schmerzlich, welche Zeche wir dafür zahlen müssen. Es ist höchste Zeit, endlich wieder zu erkennen, auf welcher Grundlage wirtschaftliche Werte überhaupt entstehen können. Unsere Chance besteht darin, daß wir aufhören, mit uneingeschränkten Scheuklappen genau die wirtschaftspolitischen Fehler nachzumachen, die uns andere vormachen. Wir müssen uns einfach an das erinnern, was Deutschland vor gar nicht all zu langer Zeit zum Wirtschaftswunderland gemacht hat.