Aus FUSION 4/2002:


Leserforum


Versteinertes Schweigen?
Lächerliche Gleichung?

Antwort des Verfassers

Versteinertes Schweigen?

Zu "Der Epigraphiker Barry Fell - Biographie eines Renaissance-Menschen" von Julian Fell in FUSION 1/2002

Das "versteinerte Schweigen" zu den Rongorongo-Forschungen von Barry Fell ist mehr als berechtigt. Er bezieht sich in erster Linie auf den Osterinsulaner Metoro (nicht Metero), der in der Tat Bischof Jaussen vier Tafeltexte erbärmlich vorgelogen hat. Zunächst muß festgestellt werden, daß Metoro der letzte Osterinsulaner war, der sein vermeintliches Wissen über RR anbiederte und dabei auf den leichtgläubigen Kirchenmann traf. Alle Osterinsulaner vor Metoro, die ebenfalls Texte aus vorgelegten Tafeln sangen, wurden als Lügner überführt. Nach einiger Zeit mußten diese Scharlatane nämlich von der gleichen Tafel den Text erneut absingen. Der neue Text war mit dem alten Text nicht einmal in wenigen Worten identisch. Das wußte Metoro und forderte deshalb von Jaussen, daß er die vier Tafeln nur dann vorträgt, wenn es keine Gegenprobe zu späterer Zeit geben würde. Jaussen ging darauf ein.

Wer war Metoro? Barry Fell lügt, wenn er sagt: "Ein Häuptling von Rapanui namens Metero lebte auf Tahiti und war dadurch der Versklavung entgangen". Metoro war einer der letzten Osterinsulaner, die mit den Missionaren nach Tahiti gingen, um dem Elend auf Rapanui zu entfliehen. Er schuftete als einfacher Arbeiter auf einer Plantage. Metoro war kein Adliger oder gar Ariki (Häuptling), er war kein in das alte Wissen eingeweihter Tohunga. Polynesische Adlige und Häuptlinge zogen in jedem Fall den Tod vor, bevor sie sich zu niederen Arbeiten in einer Plantage zwingen ließen. Ihr Stolz und ihr eigenes Selbstwertgefühl hätten ihnen es nicht anders erlaubt. Damit Barry Fell seinen Rongorongo-Unfug zementieren kann, befördert er einen einfachen Arbeiter mal so eben zu einem "Häuptling", der von seinem Stand her natürlich die Weihen des Wissens erhalten hatte. Fell macht aus Metoro das, was andere RR-Forscher mit dem Laienbruder Eugen Eyraud machten, sie ernannten ihn kurzerhand zum Missionar, der eine fundierte Ausbildung, die Priesterweihe etc. erhalten hatte.

Die abgebildete Plakette soll Rongorongo-Zeichen zeigen. Nach über 15 Jahren RR-Forschung kenne ich die ca. 12000 vorhandenen Zeichen auf allen erhaltenen Objekten fast auswendig. Was auf der Plakette zu sehen ist, hat mit RR nichts zu tun.

Auch Barry Fell hat sich nicht die Mühe gemacht, diese sehr künstlerischen Zeichen zu verstehen. Er hat seine wissenschaftlich unhaltbaren Fantasien den Zeichen übergestülpt. Aber solche Exoten wie Barry Fell muß es wohl geben. Leider scheint es auch sein Sohn mit der Wahrheit nicht so ernst zu nehmen, wie es normale Menschen tun. Er schreibt: "1994 wurde Barry von den Stammesältesten der Rapa Nui zum Ehrenmitglied ihrer Gesellschaft gewählt."

Meine langjährige Freundschaft mit Frau Rosita Haoa Cardinali, einer Osterinsulanerin, die in Velten bei Berlin lebt und nebenbei offizieller Kulturbotschafter der Osterinsel für Europa ist, habe ich genutzt, um die Aussage von Julian Fell zu überprüfen. Rosa hat das sogar mit ihrem Vater auf Rapanui per e-mail geklärt. Barry Fell ist dort unbekannt, eine "Rapa Nui Gesellschaft" existiert nicht. Es gibt die vier Waisen, zu denen Rosas Vater gehört, die niemals einen Menschen, der nicht auf der Osterinsel geboren ist, in ihren Kreis aufnehmen würden. Schade, daß in Ihrer Zeitschrift keine Leserbriefe abgedruckt werden. Ich kann mir gut vorstellen, warum das so ist.

Michael H. Dietrich


Lächerliche Gleichung?

Fell baut alles auf der lächerlichen Gleichung "Mauren = Maori" auf. Folglich müssen seiner unmaßgeblichen Meinung nach die Ahnen der Maori aus Libyen und Mauretanien gekommen sein. Ihre Schrift soll außer Maorisch auch noch Berberisch, Arabisch, Phönizisch, Griechisch, Latein und Ägyptisch enthalten haben. Noch dümmer und verlogener geht's nicht! Mit diesem billigen Trick aber kann man dann bequem in die verschiedenen Zeichen und Zeichengruppen je nach Bedarf Worte dieser Sprachen hineinfantasieren. Kein Wunder, klingen auch die Namen von Kapitän und Navigator der "ägyptischen Expedition", Rata und Maui, völlig unägyptisch (S.41). Dasselbe gilt für den Flußnamen Sam-Besi in Südafrika (S.39).

Zu Ihrer Kenntnisnahme: Es hat nie eine ägyptisch-phönizische Schrift gegeben (S.36), außer in der Fantasie des Herrn Fell. Und wie soll "die modifizierte ägyptische Hieroglyphenschrift, die mit einem Vokalzeichensystem aus dem Sanskrit kombiniert war", ausgesehen haben? Sie wissen es sicher auch nicht. Weiter: Wäre das Ägyptische vom Libysch-Maurischen absorbiert worden (S.48), dann müßten das die Ägyptologen schon lange wissen. Ferner behauptet Fell frech, die Völker der nordafrikanischen Küste seien Teil der minoischen Seevölkerkultur gewesen. An diesem Satz erkennt man, daß Fell von der frühmittelmeerischen Archäologie und Geschichte keinen Dunst hat! Übrigens auch von den Hethitern nicht, denn die hatten nie - wie Fell behauptet - eine Quadratschrift. Außerdem ist die hethitische Sprache weder mit dem Etruskischen noch mit der Sprache des Diskos von Phaistos verwandt. Zum Lachen ist auch, wenn man erfährt, daß ein gewisser geisteskranker Märchenerzähler namens Raoul Lochores die Verwandtschaft der polynesischen Sprache mit einer bisher völlig unbekannten Sprache namens Uru entdeckt habe.

Offenbar kennt Fell auch den Unterschied zwischen Nubiern und Mauren nicht. Die ersteren sitzen im Süden Ägyptens und sind Halbnegroide, die letzteren sind im Westen Ägyptens zuhause.

Mag das viertelsgebildete aufgeblasene Gewäsch des Herrn Fell - genauso wie die Fantastereien des Däniken - Millionen von sensationsgeilen Hirnkrüppeln gefallen, ein Beweis dafür, daß diese Hirngespinste wahr sind, ist das nicht. Auch Barry hat nur Behauptungen, aber keinerlei Beweise. Und im Grunde genommen bestätigt er, was allgemein bekannt ist: nämlich daß die Amerikaner im Entziffern Flaschen sind.

Angeblich hat der gute Barry auch das minoische Linear A entziffert. Nur leider sagt er nicht, was er dabei gefunden hat! Das einzig Interessante in dem Artikel über Fell ist die Abb.3 auf S.31 mit den konsonantischen Zeichen. Hier fragt man sich allerdings, warum einige Alphabete so unvollständig sind, vor allem die von Neuseeland, Hawaii und Pitcairn. Wahrscheinlich sind die betreffenden Inschriften nur sehr kurz.

Hoffentlich bringen Sie in Zukunft solidere Beiträge!

Paul J. Muenzer, München

Antwort des Verfassers

Ich verstehe nicht, warum Wissenschaftler (oder solche, die sich dafür halten) beleidigende und rufschädigende Angriffe auf jemanden führen müssen, mit dem sie in einem (wirklichen) intellektuellen Dissens stehen. Sie stehen dann eher wie Ideologen da. Irgendwie ist es auch belustigend, allerdings ist man gleichzeitig wenig geneigt, sich um eine ernsthafte Antwort zu bemühen.

Ich befinde mich außerdem in einer unangenehmen Lage, denn ich lebe derzeit weit von meinem Wohnort entfernt, um mich um meine Mutter zu kümmern, die intensiver medizinischer Behandlung bedarf. Ich habe deshalb augenblicklich weder Zugang zu meiner persönlichen Bibliothek noch zu den Forschungsunterlagen und Korrespondenzen meines Vaters. Das ist ein vorübergehender Zustand, dessen Ende aber nicht absehbar ist. Es ist mir deshalb unmöglich, bestimmte Einzelheiten, die in den Zuschriften angesprochen werden, so zu beantworten, wie ich es gerne wollte, und meine Äußerungen sind dadurch vielleicht nicht kräftig genug.

Zu dem Brief von Paul J. Muenzer.

Es ist schwierig, auf diesen Brief zu antworten, da Herr Muenzer nur an einer Stelle eine Frage anspricht, die eine neue Diskussion lohnt. Und das ist der Hinweis auf die Unvollständigkeit der numidisch-polynesischen Alphabete. Sein Schluß, daß es ungenügendes Material gibt, um das Vorhandensein oder das Fehlen von Konsonanten zu begründen, trifft in der Tat zu.

Alle übrigen Aussagen seines Briefes muß ich als völlig maßloses Geschimpfe bezeichnen. Es bezieht sich überwiegend auf Dinge, die in dem Artikel gar nicht ausgesagt wurden. Ich vermute, er hat den Artikel nur überflogen und sich nur vorgefaßte Meinungen bestätigt, die gar nicht geäußert wurden. Das einfachste Beispiel hierfür ist, daß er "nubisch" gelesen hat, wo doch "numidisch" geschrieben stand. Seine Bemerkung, daß "nubisch" falsch sei, ist natürlich richtig, aber unwesentlich. Ich sehe keinen Grund, seine Irrtümer zu korrigieren, sondern möchte ihm nur raten, den Artikel sorgfältiger zu lesen.

Anzumerken sei, daß Prof. Linus Brunner (St. Gallen in der Schweiz) die Etymologie des Malaya-Polynesischen erforscht und über 800 Wurzeln mit indogermanischen und semitischen Ursprüngen festgestellt hat (Linus Brunner, "Malayo-Polynesian Vocabulary with Semitic and Indo-European Roots", The Epigraphic Society Occasional Publications and Papers 10(2): 1-130, 1982). Die Existenz von Sanskrit-Wurzeln im Malaya-Polynesischen wird seit langem von zahlreichen Forschern erwähnt.

Anatolische Wurzeln finden sich im Kernteil des Libysch-Mauri-Maori-Vokabulars. In keiner Weise gibt es anatolische Schriftelemente in der numidischen Schrift und umgekehrt.

Von großem Interesse sind die Originalinschriften von Java, die zu den ägyptischen Entdeckungen führten. Diese wurden im ersten Teil des 19. Jahrhunderts gefunden und von Stamford Raffles (dem Begründer Singapurs) und anderen erfaßt. Sie blieben unentziffert, bis Barry Fell die Verbindungen herstellte. Als Barry seine Entdeckungen zu veröffentlichen suchte, erhielt er eine Abfuhr von archäologischen Verlegern, die genauso dachten wie Herr Muenzer. Barry publizierte seine Ergebnisse privat in einer sehr geringen Auflage. Die ersten Arbeiten waren von 1970, und spätestens 1980 wußte er, daß erhebliche Änderungen erforderlich waren. Er verschob diese Arbeiten jedoch, bis er seine Osterinsel-Forschungen abgeschlossen hätte. Leider verstarb Barry plötzlich, bevor er sein Material über Java erneut publizieren konnte. Ich habe die Absicht, dafür zu sorgen, daß es irgendwann veröffentlicht wird. Für jene von uns, die diese Arbeiten gesehen haben, ist der ägyptische Inhalt offenkundig, sobald man ihn erfaßt hat.

Zu dem Brief von Michael Dietrich.

Ein Vorteil, den Barry vor anderen Rongorongo-Forschern hatte, war seine lange und geachtete Freundschaft mit gebildeten Maoris. Nur auserlesene Individuen (Häuptlinge, tohungas und "Anwärter" auf diese Positionen) waren in die Geheimnisse der "Unsinnsreime" eingeweiht (auf Rapa Nui sind das die "tahungas"). Damit wären alle Fremden ausgeschlossen, die die Rongorongos erforschen wollten. Wenn Metoro/Metero ein Nichtadliger war, dann verfügte er über außergewöhnliches Wissen. Offenbar gibt es widersprüchliche Geschichtsdarstellungen, ein keineswegs seltener Umstand. Mein Artikel basierte auf Barrys veröffentlichten Schlußfolgerungen, und Barry ist nicht mehr am Leben, um sie zu erläutern. Ich kann somit dazu nichts weiteres sagen, bevor ich nicht die Möglichkeit habe, seine Forschungsnotizen einzusehen, die ich nicht bei mir habe. Ich bleibe bei meiner schriftlichen Darstellung.

Eine Anzahl abweichender Entzifferungen der Rongorongos wird behauptet, und eine gleiche Menge soll sich in Arbeit befinden (ich vermute, Dietrich gehört zu letzteren). Keiner dieser "konkurrierenden" Forscher war von Barrys Lösung angetan. Die gängige Reaktion bestand in völligem Stillschweigen, so als hätte es Barry nie gegeben. Direkt angesprochen, verfiel man meist in Angriffe auf bestimmte historische Details (wie es auch bei Dietrich der Fall ist). Niemand setzte sich mit den Grundlagen der Entzifferung auseinander, der Verwendung von Homophonen in den Unsinnsreimen. Dieser Aspekt wurde nie widerlegt. Wie ich schon in dem Artikel bemerkte, attackiert man die nebensächlichen Details, kann aber die Grundthese nicht entkräften. Die meisten Rongorongo-Forscher sind sich dieser kulturellen Komponente in Polynesien nicht bewußt und behandeln die Symbole wie logographische Schriftzeichen (mit feststehender Bedeutung), hinter denen möglicherweise eine Verschlüsselung wie für Militärzwecke steckt. Meines Wissens nach ist Barry Fells Entzifferung die einzige, die die Polynesier als mit ihrer antiken Kultur übereinstimmend empfunden haben.

Was die Ereignisse auf Rapa Nui selbst angeht, so möchte ich Herrn Dietrich an Petero Edmunds vom Inselältestenrat, an Hanga Roa und auch Herb Kane aus Hawaii verweisen. Barrys Ergebnisse wurden auch von seinen Maori-Bekannten in Neuseeland begeistert aufgenommen.

Julian Fell