Aus FUSION  3/2003:

EDITORIAL


Energie für das 21. Jahrhundert

Die ständige Verfügbarkeit von Energie in ausreichender Menge und Qualität gehört zu den wichtigsten Grundlagen jeder Volkswirtschaft. Trotzdem finden gegenwärtig in Deutschland, wie in allen führenden Industrieländern, dramatische Umwälzungen in der Energiepolitik statt, welche schon jetzt verheerende Konsequenzen hervorbringen und in naher Zukunft in eine wirtschaftliche Katastrophe führen können. Der bei weitem überwiegende Bestand an Kraftwerken und übriger Energieinfrastruktur in den westlichen Industrieländern wurde in den ersten drei Jahrzehnten nach dem Krieg gebaut. In den drei darauf folgenden Jahrzehnten sind die Energieinvestitionen jedoch immer weiter heruntergefahren worden, und zwar längst unter das nur für den Erhalt der vorhandenen Kapazitäten erforderliche Niveau. Zuletzt hat die Deregulierung des Energiesektors und die Privatisierung der Versorger dazu geführt, daß verfügbare finanzielle Ressourcen fast nur noch für die Teilnahme an der weltweiten Übernahmeschlacht verwendet wurden. Sachinvestitionen zum Erhalt und Ausbau von Kraftwerken oder Verteilernetzen blieben auf der Strecke.

Unter diesen Umständen muß sich niemand wundern, daß allein seit Jahresbeginn 2003 bereits Norwegen, der Nordosten der USA einschließlich New Yorks, London, Helsinki, Kopenhagen, das südliche Schweden und schließlich ganz Italien von stunden- oder tagelangen Ausfällen der Stromversorgung heimgesucht wurden. Eine Reregulierung des europäischen Energiemarktes ist eine Grundvoraussetzung für die Sicherung der europäischen Energieversorgung. Diese Regulierung muß die Verpflichtung der Betreiber beinhalten, so zu investieren, wie es zur langfristigen Versorgungssicherheit erforderlich ist. Weiterhin müssen die Stromversorger verpflichtet werden, einen gewissen Prozentsatz ihrer Kapazitäten, etwa 10 Prozent, zur Erhöhung der Versorgungssicherheit in Reserve zu halten.

Riesiger Bedarf an neuen Kraftwerken

Nach letzten Schätzungen der EU-Kommission müssen die Stromerzeugungskapazitäten in den 15 EU-Mitgliedsländern bis zum Jahre 2030 von jetzt 579 Gigawatt auf dann 951 Gigawatt ausgebaut werden, um den Bedarf decken zu können. Zugleich muß aber rund die Hälfte der bestehenden Kapazitäten wegen Überalterung ersetzt werden, ganz unabhängig vom geplanten Kernkraftausstieg in Deutschland. Die nötigen Investitionen zur Modernisierung und Erweiterung der europäischen Strominfrastruktur, sowohl Kraftwerke wie Netze, belaufen sich nach Angaben der Internationalen Energiebehörde IEA auf rund 1100 Mrd. Euro. Weiterhin ist in den 10 neuen EU-Mitgliedsländern mehr als eine Verdopplung der Kapazitäten von jetzt 77 auf dann 181 Gigawatt erforderlich.

Fossile Energieträger können nur begrenzt zur Überwindung dieser gigantischen Kapazitätslücke beitragen. Schon heute müssen in Deutschland 60% der Energieträger importiert werden, bis 2020 voraussichtlich 75%. Viele der Herkunftsländer der Öl- und Gasimporte liegen in potentiell instabilen Regionen. Zusätzlich zur Gefahr von Versorgungsengpässen besteht hier ein hohes Risiko heftiger Preisausschläge. Bei der Wasserkraft ist das Potential in Deutschland weitgehend ausgeschöpft.

Und Sonne und Wind können aus prinzipiellen Gründen nur in sehr geringem Maße zur Stromversorgung beitragen. Dies liegt nicht allein an der geringen Energiedichte und den extrem hohen Kosten. Hinzu kommt die fehlende Verläßlichkeit von Sonnen- und Windenergieanlagen. Tatsächlich steigt mit jedem neuen Windrad, das in Betrieb genommen wird, die Gefahr unkontrollierter Stromabschaltungen. Denn um die Netzfrequenz beständig auf 50 Hertz zu halten, müssen Produktion und Verbrauch zu jedem Zeitpunkt übereinstimmen. Andernfalls kommt es zu Frequenzschwankungen, die zu Produktionsausfällen in sensiblen Industriebereichen führen und zugleich großflächige Zusammenbrüche der Stromversorgung auslösen können. Weil die Leistung eines Windrades unvorhersehbar schwankt, muß man in der Praxis für jedes Megawatt an installierter Windkraft noch mal ein weiteres Megawatt von einer zuverlässigen Stromerzeugungsanlage in Reserve halten. Genausogut könnte man auch gleich die Windanlage stillegen.

Ohne Kernkraft geht es nicht

Im bevölkerungsreichen Asien ist der Bedarf an neuer Energieinfrastruktur noch sehr viel größer als in Europa. Längst hat es sich herumgesprochen, daß eine Renaissance der Kernenergie notwendigerweise kommen muß, und in Ansätzen bereits stattfindet, weil sonst eines der zentralen wirtschaftlichen Probleme der Menschheit nicht gelöst werden kann. Auch in Deutschland sollte man sich möglichst bald den neuen Realitäten stellen. Der volkswirtschaftliche Wahnsinn des deutschen Kernenergieausstiegs muß rückgängig gemacht werden. Hier geht es nicht allein um den Erhalt der sichersten Kernkraftwerke der Welt, die zur Zeit etwa die Hälfte der Grundlast der deutschen Stromversorgung tragen. Ebenso verheerend ist der Verlust an Wissen und Fachkräften auf einem der wichtigsten Felder von Zukunftstechnologie. Neben dem Erhalt der bestehenden Kraftwerke, deren Lebensdauer sich mit bescheidenen Investitionen bis etwa in die Mitte des 21. Jahrhunderts strecken ließe, muß ein Technologieexporteur wie Deutschland auch bei der Entwicklung von Kernkraftwerken der nächsten Generation eine maßgebliche Rolle einnehmen.

Ein besonderes Aufgabenfeld ist dabei die Entwicklung und spätere Massenfertigung kleinerer Reaktormodule mit wenigen hundert Megawatt Leistung, basierend auf dem Typ des "Kugelhaufen"-Hochtemperaturreaktors (HTR). Die revolutionäre HTR-Technik, einst in Deutschland geschaffen und heute vor allem in China und Südafrika mit Hochdruck vorangetrieben, garantiert im Gegensatz zu konventionellen Kernkraftwerken "inhärente Sicherheit". Darüber hinaus liefert der HTR nicht nur Strom, sondern nebenbei Prozeßwärme für Industrie oder Fernheizung. HTR-Module bilden einen idealen Reaktortyp für den Export in Entwicklungsländer. Für die Serienfertigung wurde das Konzept der schwimmenden Plattformen vorgeschlagen, bei dem die Reaktoren komplett vor der Küste gebaut werden und dann schlüsselfertig übers Meer an den Einsatzort transportiert werden. Nicht nur zur Stromerzeugung, auch als Energielieferant für Meerwasserentsalzungsanlagen ließe sich der HTR einsetzen.

Die Weiterentwicklung von Kernspaltungskraftwerken ist zwingend notwendig, um die Zeit zu überbrücken, die noch bis zum konventionellen Einsatz der eigentlichen Energieerzeugungstechnologie des 21. Jahrhunderts vergehen wird: der Kernfusion. Die zur Zeit am besten erforschte Konfiguration für einen Kernfusionsreaktor ist der Tokamak. Europa, Kanada, Rußland, Japan und seit Jahresbeginn 2003 auch China und die USA beteiligen sich am Bau des Experimental-Fusionsreaktors ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor), der letzten Stufe vor dem Bau eines wirtschaftlich arbeitenden Kernfusionskraftwerks. Gleichzeitig wird mit dem neuen Testreaktor Wendelstein 7-X in Greifswald das alternative Fusionskonzept des Stellarators erforscht. Da noch nicht absehbar ist, welcher der vielen Wege zur Fusion der beste ist, gehört eine breite Förderung der Plasma- und Fusionsforschung zu den Grundpfeilern jeder vorausschauenden Energiepolitik.

Kein Land kann die eigene Energieversorgung durch kurzsichtige Sparpolitik oder ideologisch begründete Experimente aufs Spiel setzen, ohne dafür mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, Einkommen und Lebensstandard zu bezahlen. Andererseits bieten die neuen Technologien immense wirtschaftliche Chancen. Dies gilt in ganz besonderem Maße für die deutsche Wirtschaft, in der jeder dritte Arbeitsplatz unmittelbar vom Export hochwertiger Industriegüter abhängt.