Aus FUSION  2/2004:

EDITORIAL


Schluß mit der Selbstzerstörung!

Die desolate Lage der deutschen Wirtschaft heute ist die Folge einer ganzen Kette von Fehlentscheidungen, die weit in die siebziger Jahre zurückreichen. Somit sind die erdrückende Last privater, öffentlicher und betrieblicher Schulden, Massenarbeitslosigkeit und Massenkonkurse nicht zuletzt eine Folge der anti-industriellen Aussteigermentalität der "68er-Generation" - jener Elterngeneration, deren Kinder heute im Studentenalter sind. Anstatt sich um eine Zukunftsperspektive für die Gesellschaft insgesamt zu bemühen, wie es die Generationen zuvor immer versucht haben, wollten die "Baby Boomer" nur ihren Spaß, sie wollten konsumieren statt produzieren, wollten sich billig unterhalten statt intellektuell anstrengen; Urlaub und Sex waren ihnen weit wichtiger als die Fortführung des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts, von welchem die Zukunft Deutschlands als Exportnation abhängt.

Die Saat der "nachindustriellen" Ideologie ist in dieser Generation voll aufgegangen, mit allen Konsequenzen, die das für das realwirtschaftliche Überleben hat. Anstatt in den Mittelpunkt der Politik zu stellen, in Industrie, Wissenschaft und Infrastruktur die langfristigen Vorbedingungen für zukünftiges Wachstum zu schaffen, wurde die Illusion genährt, man könne Reichtum praktisch aus dem Nichts schaffen, wobei "Reichtum" mit bloßem Geld verwechselt wurde. Die Auswüchse dieses Wahns, an den Börsen und Finanzplätzen "Geld mit Geld" zu machen, haben wir in den letzten 10-15 Jahren erlebt. Die Folge davon war eine "Blasenwirtschaft", die davon abhängig ist, daß rein spekulative Gelder sich immer neue Bereiche suchen, um noch irgendwo Profite machen zu können - eine ganz offenbare "schlechte Unendlichkeit".

Eines der Hauptopfer dieser selbstzerstörerischen Mentalität ist einer der technologisch am weitesten entwickelten Industriebereiche Deutschlands: die friedliche Nutzung der Kernenergie - ein Bereich, in dem Deutschland einmal eine international führende Stellung eingenommen hat. Mit großer Überheblichkeit wurde von der ersten rot-grünen Regierung im Koalitionsvertrag der Ausstieg aus der Kernkraftnutzung beschlossen, denn Energie ist für die Baby Boomer keine Frage technologischer Revolutionen mehr, sondern ein reines Konsumgut aus der sprichwörtlichen "Steckdose". Da spielte es keine Rolle, ob technologische Spitzenbereiche und Hunderttausende produktive Arbeitsplätze wegfallen, das Ziel war längst ein anderes. Auch in den Chefetagen der Großunternehmen spielt es seit langer Zeit keine Rolle mehr, was man produziert und womit man Geld verdient. Jede Vermischung von Moral und Geschäft gilt von vornherein als verdächtig, gar "sozialistisch". Wenn sich eine Frau für Geld prostituiert, empfinden das nur noch einige "Altmodische" als unmoralisch; wenn ein Industriemanager wegen "Shareholder Value" ganze Produktionsorte dichtmacht und Zehntausende der besten Facharbeiter und Ingenieure der Welt auf die Straße setzt, gilt er sogar als besonders tüchtig und wird nach amerikanischem Vorbild in zweistelliger Millionenhöhe belohnt.

An dieser typisch 68er "Doppelmoral" wird für jeden, der sich noch ein wenig gesunden Menschenverstand bewahrt hat, deutlich, daß die Demontagepolitik der Grünen in gewisser Weise eine Fortsetzung der neoliberalen "Globalisierung" mit anderen Mitteln ist. Was selbsternannte "Umweltschützer" als "Weg in die Utopie" bezeichnen, ist für die neoliberalen Manager die notwendige "Modernisierung" Deutschlands zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.

Überfällige Wende

Das Problem dabei ist, daß sich die Realität an solche ideologische Wunschvorstellungen nicht hält. Im Gegenteil, die Entwicklungen außerhalb der grünen Windmühlenoase Deutschland verlaufen in eine ganz andere Richtung. Tatsächlich bahnt sich eine weltweite Renaissance der Kernenergie an, weil überall ein so ungeheurer Bedarf an Energie besteht, und was ist mit Deutschland? Wir haben freiwillig all das abgebaut, was uns als Exportnation einmal stark gemacht hat. Was die Kernenergie betrifft, finden sich nur noch die kümmerlichen Reste eines einst riesigen Komplexes von Forschung, Entwicklung und Produktion. Ist Deutschland, das seit dem 19. Jahrhundert bis in die 30er Jahre eine Lokomotive des naturwissenschaftlichen Fortschritts war, endgültig auf dem Wege, auf den Status eines Entwicklungslandes zurückzufallen?

Es ist aber nicht zu spät, mit einem großen Sprung nach vorne den Anschluß an die technologischen Revolutionen des 21. Jahrhunderts zu schaffen. Selbst für die SPD, die den Ausstiegsbeschluß maßgeblich mitträgt, bietet sich eine Rückkehr zu früheren Positionen an. So hatte sich der SPD-Bundesparteitag in München 1956 "zu einer allgemeinen Planung auf dem Gebiet der Atomenergie" bekannt. "Die kontrollierte Kernspaltung und die auf diesem Wege zu gewinnende Kernenergie leiten den Beginn eines neuen Zeitalters für die Menschheit ein", hatte die SPD damals erklärt. Und weiter: "Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben. Deutschland muß in der Hilfe für diese Völker mitwirken, aber auch die Lebensmöglichkeiten des eigenen Volkes verbessern..."

Es wäre keine Schande, wenn man noch gerade rechtzeitig aus begangenen Fehlern lernt und zu einer Politik zurückkehrt, die wieder aus der Sackgasse herausführt.

Und noch immer sind die fantastischen Möglichkeiten, die die Physik des Atomkerns für die Zukunft der Menschheit eröffnet, noch gar nicht absehbar. Die heutige Kerntechnik, die in ihren Grundzügen schon ein halbes Jahrhundert alt ist, steht eigentlich erst am Anfang ihrer Möglichkeiten.

Außer der Kernspaltung und der Kernfusion, die technisch für die Energieproduktion noch nicht erschlossen ist, gibt es eine fast unendliche Vielfalt anderer Kernreaktionen und Kernprozesse, die eines Tages entscheidende Anwendungen liefern könnten. Schon heute lassen sich mit gepulsten Lasern Kernprozesse gezielt auslösen, und es zeichnet sich die Möglichkeit ab, die sogenannten Kernisomere als Energiespeicher und Strahlungsquellen (Gammastrahllaser!) einzusetzen. Interessanter noch sind die vielerlei Anzeichen dafür, daß die heutige Kernphysik mit ihren widersprüchlichen Modellen die eigentliche Natur des Atomkerns gar nicht zu begreifen vermag, und daß völlig neue physikalische Konzepte und theoretische Ansätze gefunden werden müssen - genauso wie die Entwicklung der Weltraumastronomie (Hubble-Raumteleskop, Chandra etc.) eine Fülle astrophysikalischer Objekte aufgezeigt hat, die - wenn wir ehrlich sind - auf einer anderen als der heute gängigen Physik basieren.

Dieser Ansatz eröffnet die Möglichkeit, eine neue revolutionäre Physik zu begründen, die "Niederenergie"-Kernreaktionen nutzbar macht und damit auch der herkömmlichen Kernspaltungsenergie ganz neue Wege weisen könnte.

Es liegt an uns, ob wir diese Chance nutzen. Es gibt viele Anzeichen dafür, daß selbst eingefleischte Anhänger der Grünen zu begreifen anfangen, daß sie selbst bei ihrer Ablehnung der Kernenergie über die Jahre die Rolle der "nützlichen Idioten" gespielt haben. Denn nicht die "bösen kapitalistischen Umweltzerstörer", die man bekämpfen wollte, sondern sie selbst und die Bevölkerung insgesamt sind es, die mit ihrem Geld, ihren Arbeitsplätzen, ihrer Gesundheitsversorgung und ihrem Lebensstandard für das "grüne Paradies" teuer bezahlen.