Aus der Neuen Solidarität Nr. 15/97:


Gedanken zur Kernenergienutzung

Von Hubert Mohs

In unserem Lande gibt es viele Menschen, die nicht bloß in den Tag hineinleben, sondern die die Zukunft aktiv mitgestalten wollen; Menschen, die nicht nur ihren persönlichen Vorteil im Auge haben, sondern die auch überlegen, wie die Generationen unserer Kinder und Enkel eine lebenswerte Zukunft haben können.

Viele von ihnen sehen heute in der Kernenergienutzung eine gravierende Gefahr für unser Leben. Zusätzlich zu den Gefahren des Umgangs mit Systemen großer Energiedichte (verheerende Explosionen) fürchten sie die Gefahren des Mißbrauchs zu militärischen Zwecken (Atombomben und atomare Erpressung) und der Radioaktivität (Verseuchung und Unbewohnbarkeit großer Gebiete für sehr lange Zeiten) sowie die Probleme der Langlebigkeit der dabei anfallenden Stoffe (Atommüll). Deshalb engagieren sich viele verantwortungsbewußte Menschen in Gruppen und Organisationen, die sich den möglichst schnellen Ausstieg aus der Kernenergienutzung zum Ziel gesetzt haben.

Hier drängt sich aber die Frage auf: Wie ist denn eigentlich der Einstieg in diese Technik zu erklären? Schließlich hätte man ihre Gefährlichkeit vor 40 Jahren schon genauso gut erkennen können wie heute. Dazu hätte es nicht des schrecklichen Geschehens von Tschernobyl bedurft. Waren die Wissenschaftler, Techniker, Unternehmer und Politiker, die den Einstieg in die Kerntechnik in die Wege geleitet und Zigmilliarden Mark dafür eingesetzt haben, ganz einfach von einem irrationalen Fortschrittswahn bzw. von schierer Profitgier getrieben, wie dies der "Atomlobby" unterstellt wird? - Schauen wir einmal zurück.

Bis vor etwa 25 Jahren waren die weitaus meisten Wissenschaftler und Politiker fasziniert von den Perspektiven der friedlichen Kernenergienutzung. Waren die damals ahnungslos, was die Gefährlichkeit dieser Technik betrifft? Keineswegs! Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki im August 1945 hatten aller Welt neben dem unmittelbaren fürchterlichen Zerstörungspotential auch die langanhaltenden, zu Siechtum und qualvollem Tod führenden Wirkungen radioaktiver Verseuchung großer Gebiete demonstriert. Und von den Bombentests der 50er Jahre kannte man die Gefährlichkeit grenzenloser Verbreitung dieser krankmachenden Stoffe in der Atmosphäre. Beide Gefährdungen wurden durch vielfache Aktionen, vor allem von seiten hochrangiger Wissenschaftler, ins öffentliche Bewußtsein getragen mit der Konsequenz, daß weltweit gültige Verträge zur Nichtweiterverbreitung des technischen Wissens für die Bombenherstellung und zum Verbot oberirdischer Atombombentests vereinbart wurden.

Aber keiner, der auch nur einen Funken volkswirtschaftlicher Verantwortung in sich trug, kam auf den Gedanken, die intensiv betriebene Weiterentwicklung der friedlichen Kerntechnik zu diskriminieren. Alle waren überzeugt, daß die Kernenergie - trotz der Möglichkeit des militärischen Mißbrauchs - eine der segensreichsten Entdeckungen der Menschheit darstellte, mit der Hunger und Elend in der Welt überwunden werden könnten.

Gewiß, es ist eine sehr gefährliche Technik. Und deshalb mußten technische und juristische Sicherheitsbestimmungen erstellt werden, die alles auf diesem Gebiet bisher Dagewesene weit übertrafen. Ein GAU in einem dichtbesiedelten Land wäre eine so fürchterliche Katastrophe, daß so etwas auf keinen Fall passieren darf! Das Sicherheitskonzept muß so gestaltet sein, daß seine Funktion nach menschlichem Vorstellungsvermögen in jedem Fall gewährleistet ist, auch bei realistischer Berücksichtigung menschlicher Unzulänglichkeiten wie Vergeßlichkeit, Irrtum, Profitgier usw.

Auf dieser Basis gab es einen weltweiten Konsens in Wissenschaft, Politik und öffentlicher Meinung, daß die mit der friedlichen Kernenergienutzung verbundenen Gefahren sicher beherrscht werden können und daß diese Technik nicht nur eindeutig verantwortbar, sondern wegen ihrer unvergleichlichen Vorzüge auch mit Hochdruck zu fördern sei.

So die Vorstellungen aus der Anfangszeit der Kernenergienutzung. Und heute? - Wer sich heute nicht eindeutig für den Ausstieg aus dieser Technik ausspricht, wird sehr schnell als bezahlter Agent der geschmähten "Atomlobby" hingestellt. Es ist heute weithin kaum vorstellbar, daß ein anständiger Mensch hier anders denkt als "praktisch alle".

Wie kam es denn zu diesem Auffassungswandel? Bei dieser Frage müssen wir ernsthaft innehalten und bereit sein, auch bisher nicht durchdachte Argumente zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen. Es genügt nicht, daß es eine breite Antiströmung gibt, von der man sich einfach mitnehmen läßt, weil es zur Zeit "in" ist und weil die in diesem Zusammenhang von Atomkraftgegnern vorgebrachten Argumente so einleuchtend scheinen, daß viele es nicht für nötig halten, diese wirklich kritisch zu hinterfragen. Auch das Bekenntnis zur "Verantwortung für kommende Generationen" ist keine Garantie für die Richtigkeit der Antiatombewegung und entläßt uns nicht aus unserer eigenen Verantwortung für unsere Überzeugungen. Hüten wir uns, hochangesehene Institutionen oder Persönlichkeiten unbesehen als moralische Instanzen zu nehmen, ohne den Grundansatz ihres Denkens und ihrer Argumentation zu kennen. Es wäre nicht das erste Mal, daß ganze Völker von entsprechenden Autoritäten in die Katastrophe geführt werden. Menschen können sich gewaltig irren oder auch vorsätzlich lügen. Wenn es uns um die Wahrheit und wirklich um das Wohlergehen dieser und kommender Generationen geht, dürfen wir die Mühe des Ringens um die rechte Erkenntnis nicht scheuen.

Halten wir zunächst fest: Den Ausstieg aus der Kerntechnik kann mit gutem Gewissen eigentlich nur wollen, wer glaubt, wir könnten gut auch ohne sie leben.

Schließlich sind die Menschen seit Jahrtausenden ja auch ohne diese Energie ausgekommen. - Aber sind sie das wirklich? Woher hatten die Menschen denn die Energie, die ihnen das Leben ermöglichte? Direkt oder indirekt kommt alle unsere Energie von der Sonne, deren segensreiche Strahlung von einem gigantischen "Kernreaktor" gespeist wird. Kernenergie ist also ein elementarer und unverzichtbarer Bestandteil der Schöpfung und Quelle allen Lebens. Wer das bedenkt, kann diese Energieform nicht als Ausgeburt der Hölle sehen, sondern nur als Geschenk des Himmels.

Brauchen wir aber zusätzlich zur lebenspendenden Sonne noch die lebensgefährliche Kerntechnik? - Diese Frage entscheidet sich an unserem Menschenbild. Es gibt da zwei sich gegenseitig ausschließende Vorstellungen:

1. Das malthusianische Menschenbild (nach Thomas Robert Malthus, 1766-1834).

Der Mensch ist nicht viel mehr als ein intelligentes Tier, bestimmt von seinen Trieben, nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht und unfähig zu verantwortlicher Selbstregierung. Ob er leben darf oder nicht, ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wenn sowieso schon viel zu viele Menschen die Erde bevölkern und ausplündern, muß alles getan werden, daß sich die Menschheit nicht weiter vermehrt und daß ihre Größe möglichst schnell wieder auf ein erträgliches Maß reduziert wird.

2. Das jüdisch/christlich/humanistische Menschenbild.

Der Mensch ist geschaffen als Ebenbild Gottes, begabt mit schöpferischer Vernunft und beauftragt, den Prozeß der Schöpfung verantwortlich weiterzuführen. Er ist nicht auf ein vom Instinkt vorgegebenes Verhalten festgelegt, sondern hat die Freiheit und die Verantwortung, sein Handeln durch eigene Willensentscheidungen zu bestimmen. Jeder einzelne Mensch ist ein unverwechselbarer Schöpfungsgedanke Gottes, von Gott geliebt und gewollt und mit Leben beschenkt. Aus dieser Vorstellung heraus wurden die grundlegenden Menschenrechte formuliert. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es gibt keinen Menschen, der nicht leben dürfte.

Was hat das mit Kernkraftwerken zu tun? Nun, es geht hier um die Menge der bereitzustellenden Energie. Entweder wir bemessen die tolerierbare Größe der Menschheit (siehe Fußnote) nach dem Umfang der verfügbaren regenerativen Energieformen oder anderen beliebigen Werten; dann können wir auf die gefährliche Kernkraft verzichten. Oder wir gehen vom unveräußerlichen Lebensrecht jedes Menschen aus; dann müssen wir alles tun, um ausreichende Mengen Energie für die Versorgung der Menschheit zur Verfügung zu stellen.

Ohne diese Grundentscheidung führen alle Folgerungen in verhängnisvollen Irrtum und in schuldhafte Verstrickung. Gegenüber dieser Grundalternative sind alle anderen Fragen nachrangig.

So hängt z.B. die Umweltverträglichkeit menschlicher Aktivitäten allein von der ethischen Einstellung und daraus folgend von der Ausgestaltung der Technik ab, aber nicht vom Umfang des Einsatzes an Energie und Rohstoffen. Auch wenn wir hundertmal soviel Energie einsetzen und hundertmal soviel Rohstoffe verarbeiten wie derzeit, kann die Erde ein schöner, von Leben erfüllter Planet bleiben; es kommt nur darauf an, wie wir das tun. Wenn die Einleitung der gesamten Abwässer von Millionenstädten in einen Fluß die Flora und Fauna zerstört, gibt es nicht nur die Alternative: entweder heile Natur oder Millionenbevölkerung, sondern auch die Möglichkeit zum Bau von Kläranlagen. Technische Probleme können gelöst werden, wenn dies gewollt wird. Wenn aber der ethische Grundansatz unseres Denkens falsch ist, sind es auch die Folgerungen daraus. Machen wir uns frei von der grundfalschen These, eine wachsende Bevölkerung hätte wegen des zunehmenden Umfangs an Energie- und Rohstoffbedarf und Abfallerzeugung zwangsläufig einen Umweltkollaps zur Folge. Dieser Zusammenhang bestünde nur dann, wenn die Menschen zu verantwortungsvollem Handeln grundsätzlich nicht fähig und nicht mit schöpferischer Vernunft zur Lösung von Problemen begabt wären und wenn sie nicht anders als nach dem Motto handeln könnten: nach mir die Sintflut. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit beweist aber das Gegenteil.

Alle folgenden Überlegungen basieren auf der Grundentscheidung für das Lebensrecht eines jeden Menschen.

Fragen wir nun: Wieviel Energie brauchen wir für die Versorgung der heute lebenden über 5 Milliarden Menschen? Wieviel Energie brauchen wir z.B. in 25 Jahren, wenn die Menschheit voraussichtlich größer geworden ist? Reicht dafür das Potential der alternativen Energieträger (Sonnenstrahlung, Wind, Wasserkraft, Biomasse) aus?

Betrachten wir zunächst die Verhältnisse in Deutschland. Auch von den Befürwortern alternativer Energieformen wird nicht bestritten, daß deren Gesamtumfang maximal auf einen Wert gesteigert werden kann, der wesentlich unter 10% des heutigen Gesamtenergieverbrauchs liegt. Könnten wir durch eine gewaltige Einsparungsanstrengung wirklich mit dieser Menge auskommen? Immerhin hatten die Menschen in früheren Jahrhunderten ja noch weniger Energie zur Verfügung und haben auch gelebt. Warum verwenden wir heute so viel mehr?

Zum einen sind mit den Möglichkeiten auch unsere kulturellen Ansprüche gewachsen. Wir legen Wert auf Dinge, die unser Leben angenehm machen, auf Heizung, Kühlschrank und Beleuchtung, auf Bildung, Reisen, eine schöne Wohnung und vieles andere. Der wesentlichste Grund aber ist, daß die Versorgung der Menschen bei einer wachsenden Bevölkerungsdichte zwingend einen immer höheren Energieeinsatz pro Kopf erfordert.

Zur Verdeutlichung dieses eminent wichtigen Zusammenhangs soll hier nur kurz ein Beispiel dienen. Gegenüber der Zeit der Jäger und Sammler haben wir heute in Deutschland eine mehr als 4000fache Bevölkerungsdichte. Zur Nahrungserzeugung steht also je Person weniger als 1/4000 an Fläche zur Verfügung. Die Deutschen verhungern aber deshalb nicht; denn es ist gelungen, auf jedem Hektar Landwirtschaftsfläche ein Vielfaches an Nahrung zu erwirtschaften. Durch kulturelle Entwicklung, speziell durch Steigerung der Produktivität mit effizienten Arbeitsmethoden und leistungsfähigen Maschinen sowie der dazu nötigen Energie ist die potentielle Bevölkerungsdichte - also die Grenze des Bevölkerungswachstums - gewaltig erhöht worden.

Verwerfen wir deshalb eindeutig und klar die menschenfeindliche und schöpfungswidrige Forderung, bestehende Wachstumsgrenzen nicht zu überschreiten! Ersetzen wir sie durch das Gebot der Verantwortung für die ganze Schöpfung! Der menschliche Geist ist dazu geschaffen, Grenzen zu überwinden, und hat dies immer getan.

Um es ganz deutlich zu machen: Die potentielle Bevölkerungsdichte ist diejenige Bevölkerungsdichte, bei der alle Mitglieder dieser Bevölkerung unter den gegebenen Umständen gerade noch menschenwürdig versorgt werden können. Sie ist keine konstante Größe, sondern vor allem vom kulturellen und wissenschaftlich-technischen Entwicklungsstand des Landes abhängig. Aufgabe jeder Nation ist es daher, durch Schaffung eines hohen allgemeinen Bildungsgrades und ausreichender Infrastruktur (im umfassenden Sinne) dafür zu sorgen, daß ihre potentielle Bevölkerungsdichte stets wesentlich größer ist als ihre tatsächliche Bevölkerungsdichte.

Sehen wir uns näher an, wofür in Deutschland Energie verwendet wird:

Auch wenn es bei einigen Verwendungsarten noch Einsparmöglichkeiten gibt, ist in Industrie und Gewerbe der Energieeinsatz schon aus Kostengründen sehr weitgehend optimiert. Vor allem die für die Herstellung von Glas, Beton, Metallen, Kunststoffen usw. erforderliche Prozeßwärme läßt sich physikalisch bedingt grundsätzlich nicht reduzieren. Selbst bei äußerst gravierender Absenkung des Lebensstandards z.B. in Form von nur noch dürftig beheizten Wohnungen und drastischer Einschränkung des Pkw-Verkehrs wäre für die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und für den Erhalt der wichtigsten Infrastruktur immer noch weit über 50% des derzeitigen Energieverbrauchs nötig.

Die Beschränkung des Energieeinsatzes in Deutschland auf weniger als ein Zehntel hätte aber den Verfall eines großen Teils der dann nicht mehr wartbaren Infrastruktur, vor allem aber den lawinenartigen Zusammenbruch der Industrieproduktion und damit zusammenhängend den Wegfall fast aller heutigen Arbeitsplätze zur Folge. Vom Luftschloß der Idylle bliebe nichts übrig als eine katastrophale Dezimierung der Bevölkerung und bestenfalls die Rückkehr zu den armseligen Lebensverhältnissen früherer Jahrhunderte. Von der Produktion so schöner Dinge wie Solarzellen, Windgeneratoren oder Biogasanlagen, die die Existenz einer modernen Industrie voraussetzt, könnte keine Rede mehr sein. Die Einschränkung des Energieeinsatzes in Deutschland hat zwangsläufig eine Erniedrigung unserer potentiellen Bevölkerungsdichte zur Folge und damit soziales Elend und kulturellen Abstieg.

Die Verhältnisse anderer Industrieländer sind mit den deutschen vergleichbar. Die Entwicklungsländer aber sind schon heute fast durchweg gekennzeichnet von einem millionenfachen Sterben infolge katastrophaler Unterversorgung mit Nahrungsmitteln und medizinischer Betreuung. Selbst bei Errichtung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung erforderte der Aufbau und die Unterhaltung einer für die menschenwürdige Versorgung notwendigen Infrastruktur (Verkehrsnetze, Kraftwerke, Wasserwerke, Ver- und Entsorgungsnetze, Schulen, Krankenhäuser usw.) gewaltige Energiemengen, die allein mit Handarbeit, Haustieren und hölzernen Windmühlen nicht aufzubringen wären. Zudem gilt in diesen Ländern wie bei uns: Für die Versorgung von vielen Millionen Menschen müssen Millionen Tonnen lebensnotwendiger Güter effizient produziert und transportiert werden. Wie sonst sollten die Einwohner einer Millionenstadt zu Nahrungsmitteln, Kleidung usw. kommen? Eine Wirtschaft nur mit "sanfter Technik" ohne hochentwickelte, energieintensive Industrie ist dabei hoffnungslos überfordert.

Eine Vorstellung davon, welchen gravierenden Einfluß der Energieeinsatz auf die Lebensqualität hat, vermittelt nebenstehendes Schaubild aus dem Menschheitsentwicklungsbericht 1994 der Vereinten Nationen, wobei stets nur der industrielle und gewerbliche Energieverbrauch berücksichtigt ist. (Schaubild leider nicht vorhanden in der on-line Ausgabe.)

Halten wir deshalb fest: Die regenerativen Energieträger können physikalisch bedingt wegen ihrer relativ geringen Energiedichte nur eine maximale Gesamtleistung von weit unter einem Zehntel des derzeit benötigten Versorgungswertes erbringen. Sie taugen deshalb nicht für die Grundversorgung von Bevölkerung und Wirtschaft. Speziell Solarzellenanlagen sind wegen ihres geringen Wirkungsgrades sehr flächenintensiv und teuer und können während ihrer Gebrauchsdauer nicht viel mehr Energie liefern als für ihre Herstellung insgesamt nötig war. Das begrenzt ihre sinnvolle Einsetzbarkeit auf Spezialanwendungen.

Um auch in den Entwicklungsländern zu erreichen, daß allen Einwohnern ausreichend Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und Bildungsmöglichkeiten gesichert werden können, müßte die weltweite Energieerzeugung etwa um den Faktor 5 erhöht werden, in den nächsten 25 Jahren noch wesentlich mehr. Bei diesen Größenordnungen sind Entscheidungen nach vernünftigen Kriterien nötig, die das Wohl der Menschheit und der Natur zum Ziel haben und weder von skrupelloser Profitgier noch von lebensfeindlichen Ideologien korrumpiert sind. Die Kernenergie mit ihrer millionenfach höheren Energiedichte gegenüber den fossilen Energieträgern (Kohle, Erdöl, Erdgas) ermöglicht als einzige von allen derzeit verfügbaren Energiearten, ausreichende Energiemengen zukunftssicher, wirtschaftlich und umweltfreundlich zur Verfügung zu stellen. Ihr Einsatz ist deshalb lebensnotwendig.

Die damit verbundenen, sehr ernst zu nehmenden Gefahren sind durch ausreichende Sicherheitsvorkehrungen beherrschbar, wie eingangs aufgezeigt. Einen bedeutenden Anteil daran hätte der inhärent sichere Hochtemperaturreaktor, bei dem es aus physikalischen Gründen keine Kernschmelze geben kann. Die Bestätigung dieser Beherrschbarkeit, die auch für die anderen Probleme wie die Verwertung der Reaktorrückstände gilt, dürfen wir nicht von den durch gegenteilige Behauptungen in verständliche Panik versetzten Anti-AKW-Demonstranten erwarten, sondern müssen wir uns, wenn wir den Fachleuten nicht einfach glauben wollen, durch ausreichend qualifiziertes Sachkundigmachen erarbeiten. Zwar bleibt auch bei der Kernenergienutzung wie bei jeder technischen Anwendung ein grundsätzlich nicht ausschließbares Risiko. Das bedeutet aber nicht, daß wir praktisch jeden Tag mit einer Reaktor- oder einer anderen Katastrophe rechnen müßten. Vielmehr handelt es sich bei diesem Restrisiko um ein derart unwahrscheinliches Ereignis - vergleichbar mit der Möglichkeit einer Kollision der Erde mit einem anderen Himmelskörper - , daß es keinen Sinn hat, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Aus dem Betrieb von mehren hundert Kernkraftwerken, die seit bis zu 40 Jahren preiswert, umweltfreundlich und zuverlässig Strom liefern und bei dem sich - vom Sonderfall Tschernobyl abgesehen - kein einziger kerntechnisch bedingter tödlicher Unfall ereignet hat, ergibt sich, daß die Nutzung der Kernenergie tatsächlich um Größenordnungen sicherer ist als die anderer Energieformen. (Bei Tschernobyl ist zu beachten, daß dort der Sicherheitsstandard absolut unzureichend war und daß dieser fürchterliche Unfall auf gröbstfahrlässige Ausschaltung aller vorhandenen technischen Sicherheitseinrichtungen zurückzuführen ist.) Ob die an sich äußerst gefährliche Radioaktivität auch real eine Gefahr für uns darstellt oder nicht, hängt einzig von der Ernsthaftigkeit der Sicherheitsvorkehrungen ab. Das ist das Entscheidende.

Halten wir fest: Das Ja zur Kernenergie bedeutet nicht nur das Akzeptieren eines extrem unwahrscheinlichen Restrisikos, sondern ist vor allem die Voraussetzung für das menschenwürdige Überleben der Menschheit.

Das Nein zur Kernenergie bedeutet den 100%ig sicheren, skandalösen und einer zivilisierten Welt unwürdigen Tod für Millionen von Menschen, solange es nicht anderweitig gelingt, die Gesamtenergieerzeugung auf ein Vielfaches zu steigern. Die regenerativen Energieträger können nur relativ wenigen Menschen das Leben retten.

Mir ist klar, daß ein Mensch, dem seine Ideologie wichtiger als die Wahrheit ist, seine Meinung grundsätzlich nicht zu ändern bereit wäre, auch wenn ein Engel vom Himmel sich für die Kernenergie einsetzen würde. Aber wie ist es mit uns? Sind wir bereit, unsere bisherigen Überzeugungen in Frage zu stellen und ehrlich um die Wahrheit zu ringen? Können wir uns bewußt freimachen von der Angst, gegebenenfalls uns selbst oder gar anderen eingestehen zu müssen, unhaltbare Ideen vertreten und uns dafür eingesetzt zu haben? So etwas kann schon fast an Selbstaufgabe grenzen, wäre aber ein Zeichen ehrlichen Mutes. Was hilft eine schöne Illusion, wenn wir damit unsere eigentlichen Ziele torpedieren und wenn wir aktiv mithelfen, unermeßliches Leid über die Menschheit zu bringen?

Wir stehen heute mitten in einem weltweiten, gewaltigen Kulturkampf. Gut wird mit missionarischem Anspruch als Schlecht bezeichnet, Böses als Gut; Wahrheit wird als grotesker Irrtum und dreiste Lüge als Wahrheit ausgegeben. Das nicht zuletzt von dem grauenvollen Elend der Dritten Welt angestachelte Streben nach Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit wird als "verhängnisvoller Fortschrittswahn" diffamiert. Unreflektierte Technikfeindlichkeit wird als Ideal angepriesen. Prediger von Rassismus und Euthanasie fordern fast ungehindert gesellschaftliche Anerkennung. In massivster Weise werden seit etwa 30 Jahren malthusianische Ideen propagiert, die mit einem radikalen Wertewandel den vorher selbstverständlichen Konsens der Solidarität weithin verdrängt haben. Und eine mächtig wachsende Gemeinde von "Gläubigen", die sich staunend und willig einer Gehirnwäsche unterziehen und Angst vor einer Übervölkerung der Erde einjagen läßt - obwohl unser Planet reich und groß genug ist, um 1000 Milliarden Menschen bestens zu ernähren - , betet andächtig die irrationalen und menschenfeindlichen Parolen der Gurus nach. Ein Millionenheer Gutwilliger läßt sich wieder einmal mißbrauchen zum Schaufeln des eigenen Grabes und zur Vorbereitung einer fürchterlichen menschlichen Tragödie. Selbst ein großer Teil engagierter Christen läßt sich das Gott und Menschen verachtende malthusianische Menschenbild und die Folgerungen daraus unterjubeln und läßt sich verführen zum Verleugnen des biblischen Zeugnisses von dem von Gott in diese Welt gestellten Menschen und zur krassen Mißachtung einer jahrtausendealten Menschheitsgeschichte.

Warum hören so viele gutwillige Menschen auf die Wölfe, die Kreide gefressen haben und mit hell verstellter Stimme die sieben Geißlein hinters Licht führen wollen und vorgeben, sie seien die gute Mutter? Warum lassen Menschen, die jeden Tag eine Fülle industriell hergestellter Güter vom Kugelschreiber bis zum Telefon, vom Fahrrad bis zur S-Bahn selbstverständlich benutzen, sich weismachen, die energieintensive Industrie sei "sowieso" überflüssig? Warum glauben so viele leichtfertig, die Kernenergie sei "selbstverständlich" entbehrlich, wenn wir nur auf unnötige Energieverschwendung und auf einen Teil unseres Komforts verzichten würden? Warum?


Der Autor ist Mitglied des Kirchengemeinderats der evangelischen Kirche in Stuttgart. Der hier veröffentlichte Beitrag entstand aufgrund einer Diskussion mit Mitarbeitern, die sich im konziliaren Gesprächsprozeß für "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" engagieren.


Fußnote:
Malthusianer definieren auf Bevölkerungs- und Umweltkonferenzen ziemlich willkürlich 1-2 Milliarden Menschen als erträgliche Grenze und sprechen damit dem größten Teil der heute schon lebenden Menschen ganz einfach das Lebensrecht ab. Wer konkret zu denen gehört, die eigentlich nicht leben dürften, wird meist nicht gesagt. Immerhin benennt das seit kurzem zugängliche amtliche Regierungsdokument "National Security Study Memorandum 200" der USA von 1974 (verantwortlich Henry Kissinger) namentlich 13 "weniger entwickelte Länder", deren Bevölkerung zu reduzieren sei.