Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/97:


Real 11,3% Arbeitslose in USA

Am 2. Mai gab das Statistische Amt des US-Arbeitsministeriums seine neuesten Zahlen über den amerikanischen Arbeitsmarkt bekannt. Danach waren im April in den USA 6,71 Mio. Menschen arbeitslos, und die Arbeitslosenrate fiel von 5,24% im März auf 4,93% im April.

Aber diese Zahlen sind ein Betrug. Nach den Berechnungen der Wirtschaftsredaktion des Nachrichtenmagazins Executive Intelligence Review ist die tatsächliche Arbeitslosigkeit in Amerika mit 15,94 Mio. Menschen oder 11,3% mehr als doppelt so hoch, wie das Ministerium behauptet.

Denn zu den 6,71 Mio. offiziellen Arbeitslosen müssen noch zwei Kategorien von Arbeitskräften hinzugezählt werden, die ebenfalls arbeitslos sind. Das sind einmal Personen, die eine Vollzeitbeschäftigung suchen und früher auch hatten, aber nur eine Teilzeitarbeit gefunden haben. In der amtlichen Statistik tauchen diese insgesamt 4,32 Mio. Menschen als "teilzeitbeschäftigt aus wirtschaftlichen Gründen" auf.

Die zweite Gruppe wird in der amtlichen Statistik in der Rubrik want a job now) geführt. Das sind Menschen, die beschäftigungslos sind und eigentlich "einen Arbeitsplatz wollen", es aber aus verschiedenen Gründen aufgegeben haben, aktiv weiter nach Arbeit zu suchen. Die Regierung tut so, als gehörten diese fast 5 Millionen Menschen nicht mehr zu den Erwerbspersonen, und damit tauchen sie auch nicht als Arbeitslose auf. Das ist natürlich absurd.

Addiert man die beiden genannten Kategorien zur offiziellen Zahl hinzu, so kommt man auf 15,94 Millionen Arbeitslose in den USA.

Die Statistik nennt für April 1997 insgesamt 136,10 Mio. Arbeitskräfte in der zivilen Wirtschaft in den USA; addiert man die want a job now-Personen hinzu, die "einen Arbeitsplatz wollen", aber die Hoffnung aufgegeben haben, dann kommt man auf 141,05 Mio. Arbeitskräfte. Berechnet man dann den Anteil der Beschäftigungslosen, so erhält man eine tatsächliche Arbeitslosenrate von 11,3%. Das ist mehr als das Doppelte der offiziell genannten Arbeitslosenrate.

Allerdings geht der Schwindel mit der Statistik noch weiter. Es gab im April in den USA - je nachdem, welche Zahlen des Statistischen Amtes man verwendet - 31-36 Mio. Teilzeitbeschäftigte (einschließlich der erwähnten 4,32 Mio. "Teilzeitbeschäftigten aus wirtschaftlichen Gründen"). Das ist ein Viertel der Beschäftigten! Sie arbeiten im Durchschnitt 19-23 Stunden in der Woche, also halb so viel wie Vollzeitbeschäftigte. Trotzdem werden sie genauso wie jene unterschiedslos als "Beschäftigte" geführt, obwohl die Arbeit dieser 31-36 Mio. Menschen nur 15,5-18 Mio. Vollzeitarbeitsplätze ausmacht.

Nachindustrielle Jobs

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, welche Art von Arbeitsplätzen neu geschaffen werden. Die Zahl der Industriearbeitsplätze fiel im April um 14000. Dagegen stieg die Zahl der Arbeitsplätze im Einzelhandel; das sind hauptsächlich schlecht bezahlte Jobs als Verkäufer u.ä.

Die USA verwandeln sich zunehmend in einen nachindustriellen Schrotthaufen. Betrachtet man den langfristigen Trend, so stellt man fest, daß es 1960 doppelt so viele Industriearbeiter gab wie Einzelhandelsbeschäftigte. Seit 1980 ist die Zahl der Beschäftigten - nicht-produktive Arbeitsplätze miteingerechnet - in der Industrie massiv gesunken. (Dabei sank im Verhältnis zu den nicht-produktiven Arbeitsplätzen in der Industrie die Zahl der produktiven Industrie-Arbeitsplätze noch stärker.) Heute arbeiten 20% mehr Menschen im Einzelhandel - Kaufhäuser, Macdonalds usw. - als in der Industrie.

Diese Dienstleistungsjobs sind in der Regel so schlecht bezahlt, daß man keine Familie davon ernähren kann, selbst wenn man zwei bis drei davon gleichzeitig ausübt. Sie sind nicht-produktiv und meist recht geistlose Tätigkeiten. Auf der Vermehrung dieser Jobs und auf der simplen Fälschung von Statistiken beruht also das amerikanische "Arbeitsplatzwunder".

Richard Freeman