Aus der Neuen Solidarität Nr. 32/1998:


Euthanasie in Deutschland:
Der Damm bricht


Fremdbestimmt trotz größter Freiheiten
Was für eine Medizin und Gesellschaft wollen wir?

Der Weg in die Barbarei

Die Zeit des Widerstands ist da

Spendenaktion

Die Entscheidung des Frankfurter Oberlandesgerichts, daß ein Vormundschaftsgericht das Recht habe, den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen für zulässig zu erklären, sofern dies dem geäußerten oder mutmaßlichen Willen des Patienten entspreche und ein bewußtes und selbstbewußtes Leben nicht mehr zu erwarten ist, kam nicht überraschend. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ein deutsches Gericht ein entsprechendes Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes vom September 1994 anwenden würde. Ebenfalls kann nicht überraschen, daß der vorliegende Fall eine 85jährige Frau betrifft, die aufgrund eines Hirninfarktes seit Ende 1997 im Frankfurter Nordwest-Krankenhaus im Koma liegt und über eine Magensonde ernährt wird. Ihre Tochter beantragte die Einstellung der Sondenernährung mit der Begründung, ihre Mutter habe in gesunden Tagen wiederholt geäußert, sie wolle kein "langes Sterben".

Die Entscheidung des Frankfurter Oberlandesgerichts, daß ein Vormundschaftsgericht das Recht habe, den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen für zulässig zu erklären, sofern dies dem geäußerten oder mutmaßlichen Willen des Patienten entspreche und ein bewußtes und selbstbewußtes Leben nicht mehr zu erwarten ist, kam nicht überraschend. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ein deutsches Gericht ein entsprechendes Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes vom September 1994 anwenden würde. Ebenfalls kann nicht überraschen, daß der vorliegende Fall eine 85jährige Frau betrifft, die aufgrund eines Hirninfarktes seit Ende 1997 im Frankfurter Nordwest-Krankenhaus im Koma liegt und über eine Magensonde ernährt wird. Ihre Tochter beantragte die Einstellung der Sondenernährung mit der Begründung, ihre Mutter habe in gesunden Tagen wiederholt geäußert, sie wolle kein "langes Sterben".

Wie bei der Wahl des Falles einkalkuliert und zu erwarten, brandete in der Öffentlichkeit viel Beifall auf. Eine 85jährige Frau, deren Zustand sich vielleicht tatsächlich nicht mehr bessern würde, müsse man doch von ihrem "Leiden erlösen". Bis auf einige wenige Ausnahmen entzündete sich Kritik allenfalls an der Tatsache, daß es von der alten Frau keinerlei Schriftliches über ihren tatsächlichen Willen gibt und deswegen nur Vermutungen über ihren "mutmaßlichen Willen" angestellt werden können.

Doch diese Bedenken wiegen nicht viel im öffentlichen Bewußtsein, denn, aufgeklärt wie man ist, weiß man schließlich, daß Leben im Koma kein "menschenwürdiges Leben" sei. Da braucht man auch gar nichts näheres über Therapiemöglichkeiten und Prognosen komatöser Zustände zu wissen. Schließlich entschied der Bundesgerichtshof, daß auch wenn der mutmaßliche Wille nicht zu ermitteln sei, "allgemeine Wertvorstellungen von einem menschenwürdigen Leben" herangezogen werden sollten. Also, da haben wir es ja schwarz auf weiß.

Und überhaupt, niemand will schließlich leiden, möglichst keinen einzigen Tag im Leben. Und fremdes Leid ansehen müssen? - eine ziemlich unangenehme Angelegenheit. Niemand kann uns dazu zwingen, sich dem auszusetzen, gemahnt sie uns doch an unsere eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Wir haben ein Recht auf Unbehelligtsein vor angstmachenden Krankheiten und Behinderungen. Wir haben das Recht auf gesunde Kinder und dürfen deshalb kranke und behinderte Föten rechtzeitig abtreiben. Wir haben ein Recht darauf, daß unsere alten Eltern im Krankheitsfalle unsere Geduld nicht über ein bestimmtes Anstandsmaß hinaus in Anspruch nehmen, sondern ohne viel Aufhebens abtreten. Wir haben ein Recht darauf, daß die Gelder unseres Gesundheitswesens nicht für "aussichtslose" Fälle, sondern für uns selbst verwandt werden. Wir haben ein Recht darauf, die moderne Medizin in Anspruch zu nehmen - solange wir es wollen. Wir haben ein Recht auf eine immer höhere Lebenserwartung in Gesundheit, und verlangen vom Arzt, daß er uns dazu verhilft, erlauben uns aber gleichzeitig, blöde und lauthals über die moderne Medizin herzuziehen. Wir haben das Recht zu entscheiden, wann wir oder andere nicht mehr leben wollen oder sollen. Wir haben das Recht, uns selber umzubringen oder den Arzt dazu zu zwingen, uns dabei zu helfen. - Oder?

Fremdbestimmt trotz größter Freiheiten

Es ist tragisch: Wir haben unsere Ärzte und Gerichte dazu gezwungen, unser Selbstbestimmungsrecht zu verabsolutieren und auch in Sachen Leben und Tod anzuerkennen - und sind doch in einem Maße fremdbestimmt wie noch nie. Wir plappern unbedacht nach, was uns der Zeitgeist vorsagt, sind zum Leiden und zum Mit-leiden unfähig geworden, vermögen nicht mehr die Besonderheit menschlichen Lebens wahrzunehmen - nicht in uns selber und damit auch nicht in anderen. Wir wissen nicht mehr, daß menschlichem Leben im gesunden wie im Krankheitsfall eine herausragende Rolle in der Schöpfung zukommt. Und wir wissen nicht mehr, warum es ein Verbrechen ist, ein menschliches Leben zu beenden.

Wir führen das Wort "Würde" im Munde, sprechen von "würdigem Sterben" und verletzen doch bei der Tötung eines Menschen dessen Würde in fundamentalster Art und Weise. Denn der Mensch erlangt seine Würde oder seinen Wert nicht durch seinen äußerlichen Zustand, mag er auch noch so krank und gebrechlich sein. Der Mensch ist durch nichts anderes geadelt, als daß er Mensch ist - vom Schöpfer geschaffen zu seinem Ebenbild und als Gattungswesen mit dem Potential der Vernunft versehen, der es ihm ermöglicht, die göttliche Ordnung zu erkennen und seine Fähigkeiten und Gaben zur Weiterentwicklung und Vervollkommnung der Schöpfung einzusetzen.

Dieses Menschenbild war die Grundlage unserer Verfassung und legte für Christen wie für Nichtchristen die Basis für ein humanes Staatsgebilde. Und dies aus gutem Grund: nicht, weil man "doktrinärerweise" christliche "Ansichten" auch Nichtchristen aufzwingen wollte, sondern weil dies letzte unveräußerliche Wahrheiten sind, die der Mensch - Christ oder Nichtchrist - nicht ungestraft verletzten kann, ohne Dämme einzureißen, die unweigerlich die Flut der Barbarei nach sich ziehen. Denn der Mensch lebt nicht alleine auf der Welt, er hat neben seinen Rechten auch die Pflicht, seine Forderungen im Hinblick darauf zu beurteilen, welchen Prozeß diese im gesamten Staatsgebilde auslösen. Die Forderung nach einer Verabsolutierung des Selbstbestimmungsrechtes des Menschen in Sachen Leben aber besitzt die Eigendynamik, das Leben und die Gesundheit anderer Unbeteiligter zu gefährden und ist schon aus diesem Grunde nicht zulässig.

Deshalb ist es auch verfehlt, wie Bundesärztekammer-Präsident Vilmar eine "Lösung" darin zu suchen, daß jedermann in der Bevölkerung doch in Zukunft bitteschön ein Patiententestament mit sich herumtrage, auf dem fein säuberlich verzeichnet sei, was er im Krankheitsfall denn nun wolle oder nicht wolle.

Was für eine Medizin und Gesellschaft wollen wir?

Die Frage, die jetzt im Vordergrund steht und von der die Zukunft unseres Staates abhängt, ist eine ganz andere. Nach dem BGH- und dem Frankfurter Urteil ist die Euthanasie keine theoretische Frage mehr: Wir müssen und uns hier und heute zwischen einer Kultur des Todes, des Verneinens, der Verweigerung und des Egoismus auf der einen Seite und einer Kultur des Lebens auf der anderen Seite entscheiden.

Sicher, in jahrelangen Kampagnen wurden von interessierter Seite die Ängste der Menschen vor Siechtum und Tod geschickt gegen die Intensivmedizin kanalisiert, obwohl Abertausende den modernen Behandlungsmethoden ihr Leben verdanken. Doch sind diese Behauptungen ebensowenig stichhaltig wie das Argument der Mitleidstötung. Die moderne Medizin verfügt über hervorragende Möglichkeiten, selbst qualvolle Schmerzen zu beheben oder zumindest auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Von Ärzten, Pflegern und Seelsorgern wird immer wieder bestätigt, daß die Bitte nach "Erlösung" dann aufhört, wenn der Patient eine adäquate Schmerzbehandlung und ausreichende menschliche Zuwendung erhält.

Nehmen wir das Beispiel der alten Dame im Frankfurter Krankenhaus. Die moderne Medizin ist durchaus in der Lage, dieser Frau, sofern tatsächlich keine Chance der Besserung besteht, für den Rest ihrer Tage ein erträgliches Leben auch im komatösen Zustand zu ermöglichen. Eine gute Pflege ist dabei ebenso wichtig wie die Begleitung durch die Angehörigen, denn laut Komaexperten können diese Patienten die Umwelt durchaus in begrenztem Maße wahrnehmen.

Was aber geschieht statt dessen? Das Vormundschaftsgericht soll feststellen, daß es ihr mutmaßlicher Wille sei, keine Sondenernährung mehr zu erhalten, d.h. zu verhungern, obwohl anzunehmen ist, daß Verhungernlassen auch von komatösen Patienten als Qual erlebt wird. Soll dies etwa eine "humane" Alternative darstellen?! Was sind das für Menschen, die einerseits behaupten, ihre Angehörigen nicht "hilflos an Schläuche angeschlossen" sehen zu wollen, aber an einer langsamen Ausmergelung offenbar keinen Anstoß nehmen?

Der Weg in die Barbarei

Wer jetzt nicht aufwacht und erschreckt erkennt, wohin ihn seine Leichtgläubigkeit und das vermeintliche Mitleidsgetue in der Sterbehilfe-Debatte geführt hat, dem ist kaum mehr zu helfen.

Die Ärzte hat das Urteil in einen furchtbaren Gewissenskonflikt gebracht. Handeln sie entsprechend ihrer ursprünglichen Standesethik - nämlich niemals menschliches Leben vorzeitig zu beenden - können sie unter Umständen gerichtlich belangt werden. Vormundschaftsgerichte werden ihnen in Zukunft vorschreiben, daß sie Patienten töten müssen - auf dem grausigen Umweg des Behandlungsabbruchs.

Leider gibt es unter der deutschen Ärzteschaft auch eine Fraktion, die diese Entwicklung begrüßt. Ausdruck davon ist das Vorhaben der Bundesärztekammer, noch in diesem Herbst eine überarbeitete Richtlinie zur Sterbebegleitung zu verabschieden. Galt bisher für jeden Arzt, daß erst der Sterbeprozeß eingesetzt haben mußte, bevor bei einem Kranken lebenserhaltende Maßnahmen eingestellt werden durften, soll dies (zumindest dem ersten Entwurf zufolge) in der neuen Richtlinie - entsprechend den Vorgaben des BGH-Urteils - geändert werden.

Was aber bedeutet das konkret für den einzelnen Arzt? Wie kann er in einem Krankenzimmer für das Leben seines Patienten kämpfen und dann im nächsten eine Tötung veranlassen oder gar vollstrecken?

Und was geschieht, wenn die Gelder im Gesundheitswesen noch knapper fließen, die Zahl der Intensivbetten und Operationen immer weiter begrenzt wird? Ärzte werden viel eher bereit sein, Triage zu praktizieren und sich auf Kosten-Nutzen-Analysen einzulassen, wenn die Hemmschwelle des Tötens einmal gefallen ist. Und wie werden künftig Krankenschwestern und Pfleger ihren Beruf erfahren? Hier sollen sie pflegen, dort Magensonden entfernen oder anderweitig beim Töten helfen. Es wird von ihnen verlangt, elementarste Grundlagen des Pflegens zu ignorieren, den Prozeß der Ausmergelung aber Tag für Tag in der Krankenakte zu dokumentieren.

Und die Patienten? Wollen sie sich wirklich in Krankenhäusern behandeln lassen, von denen sie wissen, daß dort aktive Lebensbeendigung praktiziert wird? Daß womöglich der gleiche Arzt, der an ihr Bett tritt, ein paar Zimmer weiter die Anweisung zur Tötung gegeben oder diese selbst praktiziert hat? Drängt sich da nicht unwillkürlich die Frage auf: Wird dieser Arzt in kritischen Phasen meiner Krankheit wirklich um mein Leben kämpfen?

Und auch all diejenigen, die heute noch so unüberlegt und lauthals auf ihr Selbstbestimmungsrecht pochen und ihre sogenannten Patiententestamente endlich anerkannt sehen wollen, seien an dieser Stelle eindringlich gewarnt: In Zukunft kann der Besitz eines Patiententestaments für sie geradezu lebensbedrohlich sein, denn ein solches Dokument birgt die Gefahr, daß bei ihnen möglicherweise die Behandlung weitaus eher eingestellt wird, als dies ursprünglich von ihnen gewünscht wurde. Und täuschen wir uns ebenfalls nicht über den Umstand, daß die leeren Kassen im Gesundheitswesen diesen Prozeß ganz gewaltig beschleunigen werden.

Die Zeit des Widerstands ist da

Dies ist keine Schwarzmalerei, sondern exakt die Dammbruch-Dynamik, die wir seit langem beispielsweise in den Niederlanden beobachten können, wo Ärzte inzwischen aus allen möglichen Gründen töten. Sei es, daß sie schlechte Laune haben oder ganz einfach das Bett brauchen.

Seien wir nicht naiv! Der Fall der alten Dame in Frankfurt wurde nur seiner hohen "Akzeptanzfähigkeit" wegen zum Präzedenzfall auserkoren. Das eigentliche Interesse gilt in Wirklichkeit der Vielzahl auch jüngerer Patienten, die unter Umständen lange Zeit und kostenträchtig im Koma liegen. Doch gerade diese Patientengruppe stellt das Gewissen der Medizin auf die Probe, denn ob die Patienten aus diesem Koma erwachen oder nicht, hängt entscheidend davon ab, ob man ihnen eine behandlungsintensive Therapie zukommen läßt und genügend Geduld aufbringt. Ist dies der Fall, erwacht der Großteil der Patienten wieder aus dem Koma, kann entweder vollständig geheilt oder zumindest weitgehend rehabilitiert werden. Nur, der Ausgang ist nicht vorhersagbar.

Entscheiden wir uns aber hier gegen Geduld, Behandlung und hohe Kosten, dann werden als nächstes andere "teure" Patientengruppen folgen, wie beispielsweise AIDS-Kranke, Alzheimer-Patienten im Endstadium oder Krebskranke - gefragt oder ungefragt.

Die Zeit des Widerstands ist da. Wir haben nicht mehr die Zeit, darauf zu warten, daß der Bundestag vielleicht eines Tages Gesetzesklarstellungen vornimmt und rechtliche Grauzonen schließt, die von den Gerichten derzeit für Spielräume bei Auslegung und Rechtsprechung genutzt werden.

In dieser Situation kommt jedem im Gesundheitssektor eine ganz besondere Aufgabe zu. Wir schlagen deshalb vor, daß Klinikärzte und das Pflegepersonal, aber auch niedergelassene Ärzte den mutigen Schritt wagen, ihre Einstellung öffentlich und präventiv kundzutun, indem sie in der Station oder Praxis Schilder wie das hier abgebildete aufhängen. Patienten oder deren Betreuer, die anderer Auffassung sind, steht es dann frei, sich an andere Stellen zu wenden, die zum Töten und Sterbenlassen bereit sind. Zwar sollte natürlich versucht werden, sie umzustimmen, doch darf nicht zugelassen werden, daß sie mit ihrer Meinung über einen fundamentalen Richtungswechsel in der Medizin und damit auch über das Schicksal vieler anderer Leben entscheiden. Denn nicht nur diese Patienten haben "Rechte". Auch dem Teil der Bevölkerung, der sich von seinem Arzt eine optimale medizinische Behandlung wünscht, muß die Möglichkeit gegeben werden, sich diesem angstfrei anvertrauen zu können.

Flankierend dazu sollten Selbsthilfeverbände und Institutionen derjenigen Fraktion in der Ärzteschaft den Rücken stärken, die sich gegen eine Aufweichung ihrer standespolitischen Richtlinien wehren. Appellieren Sie deshalb unverzüglich noch einmal an die Bundesärztekammer, keine neuen Sterbehilferichtlinien zu verabschieden. Denn es bleibt dabei: ein Arzt soll und darf nichts anderes tun, als Leben zu erhalten.

Jutta Dinkermann für den Bundesvorstand des Club of Life e.V.
Dr. med. Wolfgang Lillge, medizinischer Beirat


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