Aus der Neuen Solidarität Nr. 40/1998:


Derivatkatastrophe erschüttert Weltfinanzsystem


Derivatdesaster der "Erfolgreichsten"
Vorsicht ansteckend!

System-Crash unvermeidbar

Am Abend des 23. September 1998 versammeln sich Topmanager von 16 führenden Banken aus aller Welt im Hauptquartier der Federal Reserve von New York zu einem eiligst einberufenen Krisentreffen. Wie das Wall Street Journal später berichtet, fürchten die anwesenden Bankiers den Einsturz des "gesamten nationalen Finanzsystems" sowie eine neue Welle weltweiter Finanzschocks. Was war geschehen? Long-Term Capital Management (LTCM), das 90 Milliarden Dollar schwere Flaggschiff unter den hochspekulativen "Hedge Funds", hat durch Derivatspekulationen sozusagen einen Eisberg gerammt und droht weltweit führende Großbanken mit in die Tiefe zu reißen. Unmittelbar betroffen sind: Goldman Sachs, Merril Lynch, J.P. Morgan, Morgan Stanley Dean Witter, Chase Manhattan, Travelers Group, Deutsche Bank, Societe General, Credit Agricole, Credit Suisse First Boston und UBS Securities.

Nach sechsstündigem Versuch, das Ausmaß des LTCM-Unglücks zu sondieren, einigt man sich auf ein vorläufiges Sofortprogramm: Alle beteiligten Banken werden jeweils mindestens 250 Millionen Dollar zuschießen, um damit rund 90% des Eigenkapitals von LTCM aufzukaufen, insgesamt also etwa 4 Milliarden Dollar. Darüber hinaus haben sie eine Art Konkursverwaltung zusammengestellt, die ab sofort die Geschäfte von LTCM übernimmt und auf möglichst unspektakuläre Weise den LTCM-Kadaver, nicht zu verwechseln mit der japanischen Zeitbombe Long-Term Credit Bank (LTCB), aus dem weltweiten Gestrüpp von Finanzderivaten herausschneiden soll.

Derivatdesaster der "Erfolgreichsten"

Bei LTCM handelt es sich tatsächlich um die Nummer 1 unter den weltweit operierenden Investmentfonds. Geführt wurde der in Greenwich, im US-Bundesstaat Connecticut, registrierte Fond von John Meriwether, der aufgrund seiner vorherigen Position bei Salomon Brothers vom Wall Street Journal als einer der "erfolgreichsten" Finanzjongleure bezeichnet wurde. Wie kein anderer Fonds auf der Welt hat das LTCM-Managment aber noch mehr "Spitzenkräfte" aufzubieten. Neben dem früheren stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Federal Reserve David Mullins sitzen gleich zwei Nobelpreisträger, und zwar die führenden theoretischen Wegbereiter der Derivatspekulation, die Professoren Robert Merton und Myron Scholes, als Partner im Vorstand des Fonds und sollten für Sachkompetenz und Erfolg im spekulativen Anlagegeschäft garantieren. Noch vor einem Jahr, bei der Verleihung des Ökonomie-Nobelpreises, hatte die gesamte internationale Finanzpresse (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wirtschaftswoche und Handelsblatt eingeschlossen) die Genialität der Professoren Merton und Scholes sowie ihres Modells für die Bewertung von Optionskontrakten in höchsten Tönen gelobt. Das ging jetzt alles gründlich schief. Die psychologische Schockwirkung dieses Absturzes der beiden Derivat-Gründungsväter Merton und Scholes kann wohl kaum überschätzt werden.

Nach Angaben der Federal Reserve sind in den vergangenen Wochen 80% des Einlagenkapitals von LTCM ausgelöscht worden. Schon im August hatte LTCM den Verlust von 2,5 Milliarden Dollar, und damit 52% seines Kapitals, bekanntgegeben. Offiziell besaß LTCM am 2. September nach Abschreibung der August-Verluste noch 2,3 Milliarden Dollar. Eine ziemlich vernachlässigbare Größe vom Standpunkt der oben genannten Großbanken, möchte man meinen. Doch, weit gefehlt. Dank der "Hebelwirkung" moderner Finanzinstrumente war es LTCM gelungen, mit diesem bescheidenen Rückgrat an Kundengeldern ein Gesamtvolumen an ausstehenden Finanzwetten von mindestens 90 Milliarden Dollar einzugehen. Dabei wettete LTCM im großen Stile auf eine Wertsteigerung von Regierungsanleihen aus "aufstrebenden Märkten" im Vergleich zu solchen aus Westeuropa und den USA. Doch dann verhängte Rußland im August ein Schuldenmoratorium, wobei unter anderem die ebenso hochverzinslichen wie hochriskanten russischen GKO-"Ramschanleihen" praktisch über Nacht wertlos wurden. Innerhalb weniger Tage kollabierte daraufhin ebenso der Marktwert von Regierungsanleihen fast aller Länder in Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Da halfen LTCM nun auch die kompliziertesten Formeln von Merton, Scholes und Nachfolgern nicht mehr weiter.

Vorsicht ansteckend!

Wie die Financial Times am 24. September berichtete, war die New Yorker Federal Reserve zum sofortigen Eingreifen gezwungen, weil es "Anzeichen" dafür gab, daß ein Kollaps von LTCM eine "globale finanzielle Ansteckung" und nicht zuletzt eine dramatische "Erschütterung" der Wall Street hervorgerufen hätte. Es ist kein Geheimnis, daß zahlreiche andere "Hedge Funds" ebenso wie LTCM mit mindestens einem Bein im Bankrott stehen. Verzweifelt versuchen diese seit einigen Wochen neue Liquidität herbeizuschaffen, um ihr kurzfristiges Überleben zu sichern. Doch die Großbanken, die in der Vergangenheit diese nicht von den Zentralbanken beaufsichtigten Fonds nur allzu gern für eigene spekulative Abenteuer aufpäppelten, schrauben seit August ihre Kreditlinien drastisch zurück.

Am 23. September kam es zu schweren Störungen des New Yorker "Repo-Marktes" (Handel mit US-Regierungsanleihen gegen kurzfristige Rückkaufvereinbarung), weil zu viele "Hedge Funds" plötzlich in den Markt drängten, um sich Liquidität zu verschaffen, die ihnen von privaten Banken und Kunden nicht mehr bereitgestellt wird.

Wie aus Bankenkreisen verlautet, herrschen in den Vorständen zahlreicher Großbanken in aller Welt derzeit panikartige Zustände. Man hat sich dermaßen mit spekulativen Aktivitäten die Finger verbrannt, daß ehemals verbündete "Hedge Funds" nun wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden. Auf den Derivatmärkten wird von Engpässen gesprochen, weil es plötzlich für viele riskante Kontrakte keine "Gegenparteien" mehr gibt, die bereit sind, dagegen zu wetten. Dieser schockartige Liquiditätsabzug macht natürlich das Kartenhaus von gut 150 Billionen Dollar an weltweiten Derivatverpflichtungen keineswegs stabiler. Worauf Leser dieser Zeitung schon seit geraumer Zeit aufmerksam gemacht wurden, bekennen nun auch die Hausorgane der zunehmend verängstigten Marktteilnehmer: die Derivatblase ist außer Kontrolle geraten und muß unweigerlich platzen.

Am 21. September wartete Barron's, das führende Wochenblatt an der Wall Street, mit einem ungewöhnlichen Leitartikel auf, der den Titel trug "Warum Sorgen sich machen? Eine Milliarde hier, eine Billion hier..." Hier wurden im Detail die Untersuchungen von Andrew Smithers, dem Chef einer Londoner Beratungsfirma für Investmentfonds, vorgetragen. Dieser schätzt das gesamte Eigenkapital aller weltweiten Banken auf rund 1,5 Billionen Dollar, zumindest vor der Eskalation der globalen Finanzkrise: "Sofern die gegenwärtigen Schätzungen richtig sind und die Banken etwa 200 Milliarden Dollar in der Kombination der jüngsten Ereignisse in Asien und Rußland verloren haben - [die Ratingagentur] Fitch geht im Falle Rußlands allein von 100 Milliarden Dollar aus - dann erfuhr das globale Bankensystem eine Kontraktion an Eigenkapital von ungefähr 14%." Schlimmer sei, daß es sich bei diesen 200 Milliarden Dollar ja "nur um den Anfang" handele. Denn jetzt drohe die globale Finanzblase zu "platzen" und zwar aufgrund der "immensen Hebelwirkung im Finanzsystem durch Derivate."

Man brauche sich nur "einen der kleineren Bestandteile" des Derivatmarktes anzuschauen: den Handel mit Aktienoptionen. Die Untersuchung von Smithers zeige nur zu deutlich, daß die Händler solcher Optionen durch die Bank die "systemische Natur des Marktrisikos" außer Acht lassen. Als Folge dieser "katastrophalen Kurzsichtigkeit" drohten den führenden Händlern mit Aktienoptionen in den USA, als da wären Merril Lynch, Morgan Stanley, J.P. Morgan, Bankers Trust und Goldman Sachs, Verluste in Höhe von 400 Milliarden Dollar, während sie zusammengenommen nur über lediglich 33 Milliarden Dollar an Eigenkapital verfügen. Dieser "gähnende Abgrund" zwischen Derivatverpflichtungen und Eigenkapital sei vermutlich eine Erklärung dafür, daß die Aktienkurse dieser Finanzinstitute in den vergangenen Wochen um 50% bis 60% eingebrochen seien.

Nun ist aber, so gibt Andrew Smithers weiter zu bemerken, das Gesamtvolumen an Aktienoptionen geradezu "zwergenhaft" im Vergleich zu dem Volumen an "Swaps, Forwards, Futures, Optionen, Caps, Collars und ähnlichen Derivatexotika, das von einer relativ kleinen Zahl der weltweit größten Banken und Wertpapierhäuser gehalten wird." So belegen die neuesten offizielle Zahlen, daß sich das Nominalvolumen an Finanzderivaten von US-Banken am Ende des ersten Halbjahrs 1998 auf 28,2 Billionen Dollar belief, was ein eine sehr konservative Schätzung darstellt. Davon entfallen 95% auf die acht größten Banken des Landes. Das rechnerische Kreditrisiko (nur ein Bruchteil des Nominalvolumens) dieser außerbilanzlichen Verpflichtungen betrage im Durchschnitt der acht Banken 243% des Eigenkapitals.

System-Crash unvermeidbar

Nun habe es in den letzten Wochen im Weltfinanzsystem eine "unheimliche Kombination von Ereignissen" gegeben, die zu einem stark erhöhten Risiko an den Derivatmärkten geführt hätten und einen "unschätzbaren Schaden für die Weltwirtschaft" heraufbeschwören könnten. In den letzten Jahre habe ein vorhersehbarer Ausleseprozeß dazu geführt, daß immer weniger Großbanken den Derivatmarkt beherrschen, also "eine Kontraktion der Zahl an Leuten, die das Spiel der Derivate spielen." Währenddessen sei das Gesamtvolumen an Finanzwetten gewaltig angestiegen und zwar "vier- bis fünfmal schneller als die Primärmärkte", die selbst wiederum "vier- bis fünfmal schneller wuchsen als das Bruttosozialprodukt." Mit anderen Worten: "Es hat eine gewaltige Konzentration des Risikos in der Finanzwelt stattgefunden." Daher "steigen mit jedem Tag die Chancen eines Zusammenbruchs" einer Großbank, was eine schockartige Kettenreaktion im gesamten Weltfinanzsystem auslösen könnte.

Schon am 24. September nachmittags, setzte international eine "schockartige Kettenreaktion" ein, die in kürzester Frist die Aktienkurse aller irgendwie in Zusammenhang mit LTCM oder anderen "Hedge Funds" genannten Großbanken abstürzen ließ. In der Schweiz waren UBS-Aktien im morgentlichen Handel zunächst um 7% angestiegen, um dann im Verlaufe des Nachmittags innerhalb weniger Stunden um 17% einzubrechen. Der Kollaps der UBS-Aktien beschleunigte sich am Freitag weiter, so daß in den ersten Stunden des Handels noch einmal 18% verlorengingen. Credit Suisse kam nur deswegen ein wenig besser weg, weil hier die Kurse schon in den vergangenen Wochen massiv gefallen waren. Die Deutsche Bank, deren Londoner Abteilung Deutsche Morgan Grenfell mit LTCM Geschäfte machte, mußte innerhalb von 24 Stunden einen Verfall ihrer Aktienkurse von knapp 20% hinnehmen. Ähnlich erging es Banktiteln in Frankreich und in den USA. In Japan sackte der Nikkei-Index am Freitag erneut um fast 500 Punkte in die Tiefe nachdem Berichte über hohe Verluste aller 19 führenden Banken zum Ende des Fiskalhalbjahres am 30. September bekannt wurden. Gerüchte verdichten sich, daß schon in allernächster Zeit der endgültige Zusammenbruch einer oder mehrerer dieser Banken eintreten wird.

Lothar Komp