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Aus der Neuen Solidarität Nr. 52/1998

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Homers Odyssee, Seefahrt in der Antike und das Prinzip der Kolonisation

Von Gabriele Liebig


Das Prinzip der Kolonisation
Wohin führte die Irrfahrt?

Schiffe und Seefahrt in der Antike

Vier Ebenen der Seefahrt

Außerhalb der Säulen des Herakles

Thrinakia, Ogygia und Scheria

Odysseus' Mission, andere zu organisieren

Die Nachrichten von der ägyptischen Expedition nach Polynesien und Südamerika brachten erneut die hart umkämpfte Frage auf den Tisch, ob Homers Odysseus auf seiner Irrfahrt nur bis Sizilien kam oder doch den Atlantik besegelte. Gabriele Liebig ging der Sache nach und präsentierte das Ergebnis am 22. November 1998 bei der Konferenz des Schiller-Instituts in Bad Schwalbach.

Die Menschheitsgeschichte ist kein ungebrochener, stufenweiser Aufstieg vom sogenannten "Steinzeitmenschen" bis zu unserer glorreichen Gegenwart, sondern eher eine Aufeinanderfolge von dunklen Zeitaltern, abgelöst von Zeiten des Fortschritts und der Renaissance, auf die dann wieder relativ finstere Epochen folgen, und so weiter, wie bei Ebbe und Flut.

Dennoch zieht sich durch die Geschichte ein roter Faden der Höherentwicklung. Dies ist aber kein blinder Automatismus, sondern erfordert das aktive, bewußte Eingreifen von Menschen: In vorgeschichtlicher Zeit, vor allem während der Eiszeiten der vergangenen 100000 Jahre, wurde die Menschheitsentwicklung von den Seevölkern vermittelt und weitergetragen. Das hat besonders Lyndon LaRouche betont und verlangt, diesen Seevölkern ihren verdienten Rang in der Geschichte einzuräumen.

Und zweitens wurde die Entwicklung der Menschheit von großgesinnten Menschen vorangebracht, die in schweren Zeiten auf dem Wege der Ideen für eine neue "Renaissance" sorgten. Solche Menschen waren Homer und seine Freunde im alten Griechenland des 8. Jahrhunderts vor Christus. Denn damals wurden seine wunderbaren Epen, Ilias und Odyssee niedergeschrieben.

Tatsächlich markieren Homers Epen den Beginn einer Renaissance in Griechenland nach 300 Jahren einer verhältnismäßig finsteren Periode. Deutsche Historiker nennen sie "die dunkle Zeit", die von Mitte des 12. bis ins 8. vorchristliche Jahrhundert dauerte, als die griechische Kolonisation des Mittelmeerraumes begann.

Etwa um die gleiche Zeit 1150 v. Chr., als die Griechen Troja zerstörten, wurden auch die prächtigen mykenischen Paläste vernichtet. In Mykene stand bekanntlich die berühmte Burg des Königs Agamemnon, der im Trojanischen Krieg den Oberbefehl über die griechische Flotte führte, die nach zehnjähriger Belagerung die Feste Ilion (der antike Name von Troja) einnahm und zerstörte. Dabei war Troja ebenso wie viele andere Städte Kleinasiens Teil der gleichen mykenischen Kultur, die vermutlich aus dem Norden einfallenden Völkern zum Opfer fiel. Was immer damals geschehen ist, die Ilias gibt eine Vorstellung von diesem furchtbaren Krieg im 12. vorchristlichen Jahrhundert. Das darauffolgende dunkle Zeitalter war von massenhafter Auswanderung und Entvölkerung der griechischen Halbinsel und einem drastischen Absinken ihres relativen Bevölkerungsdichtepotentials, von Armut und Isolation gekennzeichnet.

Die Ilias schildert den grausamen Feldzug gegen Troja, der um eines lächerlichen Vorwandes willen - Helenas "Lewinsky"-Affäre - vom Zaun gebrochen wurde und der sich als zivilisatorische Katastrophe erwies, ungeachtet aller Tapferkeit seiner Helden in beiden Lagern. Odysseus, der als Erfinder der Kriegslist des hölzernen Pferdes als Hauptverantwortlicher für die Verheerung Ilions gilt, wird dafür von den olympischen Göttern zu einer zehnjährigen Irrfahrt verurteilt.

Allerdings stehen im Mittelpunkt der Odyssee, Homers zweiten Epos, nicht die Bestrafung des Helden, sondern vielmehr zwei Hauptgedanken Homers: 1. die Vorbereitung seiner Zuhörer auf eine Renaissance jener höheren Kultur, die vor der "dunklen Zeit" vorhanden war; und 2. will er die Zeitgenossen durch Poesie dafür begeistern, in bislang unbekannte Teile der Welt aufzubrechen und dort Kolonien zu gründen.

So schildert Homer die alte Kultur, welche vordem z.B. in Kreta ihre Pracht entfaltete, das seit etwa 1400 v.Chr. unter mykenischer Herrschaft stand. Odysseus ist besonders fasziniert von Kreta, er erzählt immer wieder davon. Seiner Frau Penelope berichtet er vom prächtigen Knossos und daß es außerdem noch 90 weitere Städte auf dieser Insel gebe. Homer erzählt von Agamemnons Heimat Mykene, von Nestors Pylos, Menelaos' Sparta oder von der hochentwickelten Landwirtschaft auf Odysseus' Heimatinsel Ithaka.

Ein hervorstechendes Konzept der Odyssee ist die Idee der Kolonisation: daß man eben nicht einfach als hungriger Flüchtling das Weite sucht, sondern mit der Idee auswandert, andere Gegenden zu besiedeln und urbar zu machen. Daher die übergeordnete Bedeutung des idealen Seefahrerstaates der Phaiaken auf der phantastischen Insel Scheria, wo Odysseus Hilfe und Rettung findet: Die Phaiaken bringen ihn nämlich mit einem ihrer besten, sichersten Schiffe, die noch dazu "schnell wie Gedanken" sind, heim nach Ithaka. Als Poseidon sein Floß zertrümmert hat, schwimmt Odysseus an die Küste Scherias und wird dort, gleichwohl ein Fremder, gastfreundlich aufgenommen. Voller Bewunderung spaziert Odysseus durch die Stadt und den Hafen der Phaiaken. Hören wir Homer:

Wundernd sah er die Häfen und gleichgezimmerten Schiffe
Und die Versammlungsplätze des Volks und die türmenden Mauern,
Lang und hoch, mit Pfählen umringt, ein Wunder zu schauen!
Als sie die prächtige Burg des Königes jetzo erreichten...
(Od. 7.43-45)

Gleich dem Strahle der Sonn und gleich dem Schimmer des Mondes
Blinkte des edelgesinnten Alkinoos prächtige Wohnung,
Eherne Wände liefen an jeglicher Seite des Hauses
Tief hinein von der Schwelle, gekrönt mit blauem Gesimse.
Eine goldene Pforte verschloß die innere Wohnung;
Silberne Pfosten, gepflanzt auf ihrer ehernen Schwelle,
Trugen den silbernen Kranz; der Ring der Pforte war golden.
(Od. 7.84-90)

Gleich zu Anfang, als zum ersten Mal von den Phaiaken die Rede ist, berichtet Homer ein äußerst wichtiges Faktum über die Geschichte dieses Seefahrervolkes: Scheria ist selbst eine Kolonie!

Aber Athene
Ging hinein in das Land zur Stadt der phaiakischen Männer.
Diese wohnten vordem in Hypereiens Gefilde,
Nahe bei den Kyklopen, den übermütigen Männern,
Welche sie immer beraubten und mächtiger waren und stärker.
Aber sie führte von dannen Nausithoos, ähnlich den Göttern,
Brachte gen Scheria sie, fern von den erfindsamen Menschen,
Und umringte mit Mauern die Stadt und errichtete Häuser,
Baute Tempel der Götter und teilte dem Volke die Äcker.
(Od. 6.2-10)

Wir wissen ja, welche Barbaren die Kyklopen sind, denn jeder kennt Polyphem. Homer beschreibt diesen Menschenschlag allerdings noch genauer: Die Kyklopen treiben weder Landwirtschaft noch Schiffbau, und Homers Held Odysseus schlägt vor, übers Meer sollten tüchtigere Menschen kommen und ihnen diese Künste beibringen:

"Unbesäet liegt und unbeackert das Eiland,
Ewig menschenleer, und nähret nur meckernde Ziegen.
Denn es gebricht den Kyklopen an rotgeschnäbelten Schiffen.
Auch ist unter dem Schwarm kein Meister, kundig des Schiffbaus,
Schöngebordete Schiffe zu zimmern, daß sie mit Botschaft
Zu den Völkern der Welt hinwandelten (wie sich so häufig
Menschen über das Meer in Schiffen einander besuchen),
Welche die Wildnis bald zu blühenden Auen sich schüfen.
Denn nicht karg ist das Land und schmückte jegliche Jahrszeit.
Längs des grauen Meeres Gestade winden sich Wiesen,
Reich an Quellen und Klee. Dort rankten die edelsten Reben,
Und leicht pflügte der Pflug, und dicke Saatengefilde
Reiften jährlich der Ernte; denn fett ist unten der Boden."
(Od. 9.123-135)

Mit anderen Worten, die landwirtschaftsunkundigen, technikfeindlichen Kyklopen sind ein Urvolk, mit dem allenfalls oligarchische Radikalökologen wie der langjährige WWF-Chef Prinz Philip sympathisieren können. Die übrigen werden Odysseus zustimmen.

Das Prinzip der Kolonisation

Das Prinzip der Kolonisation ist mindestens so alt wie Noahs Arche zur Zeit der biblischen Sintflut, die man vielleicht in die Zeit versetzen kann, als die Gletscher der letzten Eiszeit schmolzen und der Meeresspiegel nach und nach um mehr als 100 Meter stieg.

In diesen Zeitrahmen fällt auch die Sage von der Insel Atlantis, die vor vielen tausend Jahren im Meer versank. Platon berichtet über diese Geschichte in den Dialogen Timaios und Kritias: Ein weiser ägyptischer Priester habe Solon davon erzählt. Ich erwähne es hier, weil dieser Priester Solon nämlich auch mitteilte, daß Ägypten eine Kolonie der untergegangenen atlantischen Kultur sei.

Im Zuge der griechischen Kolonisation vom 8. bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Griechen zuerst an der kleinasiatischen Küste und dann im ganzen Mittelmeerraum Tochterstädte - in Sizilien, Italien, Ägypten.

So war etwa die Stadt Kyrene im heutigen Libyen, aus der Eratosthenes stammt, eine Gründung von Kolonisatoren aus Thera (Santorin) im Jahre 630 v. Chr.

Wir sind vertraut mit Solon und seinem Freund Thales, später mit dem wackeren Aischylos und dem Aufstieg Athens und der klassisch-hellenistischen Kultur im Zuge der folgenden Jahrhunderte. Und wir sind auch über die Gründung von Platons Akademie im 5. Jahrhundert, über die Feldzüge Alexanders des Großen, seine Eroberung Ägyptens, die Gründung von Alexandria und die Einrichtung der berühmten Bibliothek, die im 3. Jahrhundert von Eratosthenes geleitet wurde, informiert. (Zur Zeit von Mauis Expedition war Eratosthenes ein Mann in den Vierzigern.)

Und dieser ganze erstaunliche Prozeß beginnt gewissermaßen mit Homers Epen und dem Erziehungsprozeß der breiten Bevölkerung, der mit ihnen verbunden war. Wenn Homers Geschichten bei Festen oder auf öffentlichen Plätzen vorgesungen wurden, dann war dies "ästhetische Erziehung" in vollster Bedeutung des Schillerschen Begriffs. Erst kürzlich hat LaRouche die Wirkung der alten Epen beschrieben: Form und Inhalt der Dichtung erweiterten die Konzentrationsspanne der Zuhörer und gewöhnten sie gleichzeitig an eine höhere Sprache. Je höher entwickelt die Sprache, desto komplexere Ideen kann man mit ihr vermitteln.

So betrachtet auch Strabo, ein Geograph und Philosoph aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, die Poesie als "elementare Philosophie" und als unverzichtbares Mittel zur Bildung des Charakters, der Gefühle und Taten eines Menschen. Dabei betont er, während "die Philosophie etwas für die wenigen" sei, "kommt die Dichtung der breiteren Bevölkerung entgegen und sorgt für volle Häuser - das gilt vor allem für die Dichtung des Homer". (Strabo, Geographika, I., C 20) Strabo ist ein glühender Verehrer Homers. Um ein guter Dichter zu sein, müsse man zuerst ein guter Mensch sein, findet Strabo, und Homer sei so ein Mensch: universell gebildet, weise und eifrig darauf bedacht, sein Wissen an die Zuhörer seiner Epen weiterzugeben.

Vor allem Homers Odyssee diente jahrhundertelang als das Schulbuch für griechische Kinder. Die uns heute vorliegende letzte Fassung wurde an der Akademie im ägyptischen Alexandria aus überlieferten Bruchstücken rekonstruiert. Die Odyssee ist eine "Schule des Lebens": Welches Kind würde sich nicht ein Beispiel an dem Helden Odysseus nehmen, aber auch versuchen, dessen Fehler zu vermeiden? Und nicht zuletzt steckt in der Odyssee alles, was man bis dahin überhaupt von der bekannten und der unbekannten Welt wissen konnte - also Geographie.

Wohin führte die Irrfahrt?

Damit kommen wir zum eigentlichen Thema, den Örtlichkeiten der Odyssee. Eine Warnung vorweg: Die Odyssee ist kein Schiffslogbuch oder periplus einer bestimmten historischen Reise eines historischen Königs Odysseus. Odysseus mag wirklich gelebt und die beschriebenen Reisen mögen durchaus stattgefunden haben, auch könnten verschiedene Berichte darüber Homer zu Ohren gekommen sein; aber die eigentliche Frage, die uns hier interessiert, ist doch die, was Homer sagen wollte, und auf der Grundlage welchen Wissens über Hochseefahrten er dies im 8. vorchristlichen Jahrhundert sagen konnte.

Auf der einen Seite ist Homer geographisch überaus präzise, während er in anderen Teilen ganz bewußt vieldeutig bleibt. Und deshalb erhob sich schon in der Antike ein heftiger Streit über die Odyssee, genauer gesagt, über den gefährlichsten und dramatischsten Teil von Odysseus' Reise: nämlich ob Homer diesen in das "äußere Meer", den Atlantischen Ozean, jenseits der "Säulen des Herakles" (der Straße von Gibraltar) verlegt, oder ob sich die ganze Irrfahrt ausschließlich im "inneren Meer", dem Mittelmeer, abspielt und ihn nicht weiter westlich als bis nach Sizilien und an die italienische Westküste führt. Letztere, vor allem von britischen Gelehrten vertretene Ansicht ist heute fast in der gesamten Literatur vorherrschend und findet natürlich ebenfalls Unterstützung bei der Tourismusbranche der betreffenden Mittelmeerländer.

Die dargestellte Route ist nur eine von mehreren Versionen, die untereinander in Widerspruch stehen. Sie beginnt in Troja und führt über Ismaros und das Kap Maleia zu den Lotophagen (die Strabo sehr plausibel auf der Insel Djerba vor der nordafrikanischen Küste ansiedelt). Nächste Stationen sind das Land der Kyklopen (vermutlich Sizilien), die Aiolischen Inseln (wie die Liparischen Inseln auch heute noch heißen), dann die Fahrt fast bis nach Ithaka und, weil die Kameraden ungehorsamerweise den Windsack öffnen, schnurstracks wieder zurück zu den Aiolischen Inseln. So weit können wir durchaus zustimmen.

Doch dann verlegen die Interpreten mit dem beschränkten Gesichtsfeld die Laistrygonen erneut nach Sizilien, Kirkes Insel wird mit Monte Circeo in Italien gleichgesetzt (woraufhin der Ort erst seinen Namen erhielt), und manche gehen so weit, den Eingang zur Unterwelt absurderweise im Averner See in Italien zu plazieren. Die Sirenen werden sodann auf der Insel Capri angesiedelt und Scylla und Charybdis mit der Straße von Messina gleichgesetzt, während für Helios' Insel Thrinakia ein drittes Mal Sizilien, diesmal die Ostküste, herhalten muß. Bei Kalypsos Insel soll es sich wahlweise um Malta oder Pentelleria handeln, und Scheria liegt nach dieser beschränkten Version nicht "am Ende der Welt", wie Homer ausdrücklich sagt, sondern sei die griechische Insel Korkyra, gar nicht weit von Ithaka entfernt.

Die andere Fraktion der "Exokeanisten" hingegen - und dazu gehören wir ebenso wie Eratosthenes - haben immer behauptet, die letzte Reiseetappe der Odyssee spiele sich im äußeren Meer, im Atlantik ab (siehe Karte 8).

Natürlich sind hier erst recht mehrere Versionen denkbar, denn Homer läßt, wie gesagt, Raum für Mehrdeutigkeit und Spekulation. Eratosthenes vertrat die Meinung, Odysseus sei auf den Atlantik hinausgefahren, und er mokierte sich über solche Homer-Exegeten, die jedes Wort der Odyssee allzu wörtlich nahmen und nach Einzelheiten wie der Form bestimmter Felsen Ausschau hielten, um daran gewisse erwähnte Orte zu identifizieren. Strabo zitiert Eratosthenes mit den Worten, es sei ebenso wahrscheinlich, bestimmte von Homer beschriebene Orte in der Wirklichkeit aufzufinden, "wie den Flickschuster zu finden, der den Sack gemacht hat, in den Aiolus die Winde einsperrte".

Leider ist Eratosthenes' dreibändiges Werk über Geographie verloren gegangen, und nur Fragmente sind von Strabo und anderen überliefert worden. Wie Strabo betrachtet Eratosthenes Homer als "Begründer der Geographie", weil er die damals bekannte Welt wirklich sehr genau beschrieben habe. Andererseits sieht Eratosthenes die Notwendigkeit, die alte Erdkunde in Form der Reiseberichterstattung zu revolutionieren; und auf der Grundlage seiner geometrisch-astronomischen Entdeckungen gelingt es ihm tatsächlich, eine sehr viel zuverlässigere Methode der Kartographie zu entwickeln, wobei die Orte nach ihrer Position auf den Längen- und Breitengraden bestimmt werden.

Homer mißt Entfernungen noch in Tagesreisen, und Richtungen gibt er an, indem er die betreffende Windrichtung nennt - mit einer entscheidend wichtigen Ausnahme, bei der er die Fahrtrichtung durch eine astronomische Konstellation beschreibt.

Die Abbildung zeigt vier antike Weltkarten nach Hesiod, Hekataios, Herodot und Eratosthenes. Homers "Karte" dürfte der Wahrheit näher kommen als Hesiods, auf der z.B. Zypern fehlt, ebenso wie die Araber, die Homer unter dem Namen "Erember" erwähnt. Daß auf Hesiods Karte Sizilien mit "Trinakria" (=Thrinakia) bezeichnet wird, ist ein Irrtum, der auf die "beschränkte" Interpretation der Odyssee zurückgeht. Im Unterschied zu Hesiod sagt Homer über die Aithiopen, die "äußersten Menschen", sie seien in zwei Teile geteilt, "gegen den Untergang der Sonnen und gegen den Aufgang", d.h. sie wohnten sowohl an der westlichen wie der östlichen Küste Afrikas - wie es in Hekataios Karte verzeichnet ist. Und wie Eratosthenes ist Homer wohl der Ansicht, die gesamte bekannte Welt werde an allen Seiten vom äußeren Meer oder Atlantik umspült.

Schiffe und Seefahrt in der Antike

Wie konnte Homer all dies wissen? Angeblich stützte er sich auf phönizische periploi, Berichte phönizischer Seefahrer über ihre Hochseereisen.

Was wissen wir eigentlich heute über frühe Schiffsreisen über den Atlantik oder Pazifik?

In dieser Hinsicht enthält das Buch von Barry Fell America B.C. (Amerika vor Christus) einige hochinteressante Anhaltspunkte: Fell ist der Ansicht, erste zufällige Atlantik-Überquerungen über die Kanarischen Inseln quer hinüber mit der Ostwindströmung hätte es schon vor 5000 Jahren gegeben; seit 1000 v.Chr. wären geplante Transatlantikfahrten unternommen worden. Er belegt dies durch iberokeltische, phönizische, ägyptische und libysche Inschriften, Monumente und sonstige Relikte, die in Nord- und Südamerika entdeckt wurden. So wurde z.B. in Oklahoma eine in Stein gravierte Bild- und Schrifttafel gefunden, die aus dem 8. Jahrhundert v.Chr. stammt. Sie zeigt die Sonne mit ihren Strahlen, und daneben ein Zitat aus der Sonnenhymne des Pharaos Echnaton, die selbst aus dem 14. Jahrhundert v.Chr. stammt.

Um 800 v.Chr., so berichtet Fell, gründeten die Phönizier die Kolonie Tarsis (Tartessus, Tarshish) an der iberischen Atlantikküste (außerhalb der "Säulen"), von wo sie Gold, Silber und andere Metalle nach Phönizien importierten. Im Buch Jonas des Alten Testaments ist von einer stürmischen Schiffsreise von Phönizien am Ostufer des Mittelmeers die ganze weite Strecke bis nach Tarsis die Rede. Es handelt sich um ebendie Reise, bei der Jonas im Bauch des Walfischs landet. Als um 500 v.Chr. Stämme aus dem Norden einfielen, hörte Tarsis auf zu existieren. Seine Bewohner aber, so vermutet Fell, verschwanden auf Schiffen nach Amerika.

Jedenfalls herrschte zu dieser Zeit offenbar ein reger transatlantischer Handel, wie die Karte aus America B.C. zeigt.

Fell berichtet weiterhin, daß bereits 1200 v.Chr. riesige ägyptische Schiffe durch den Indischen Ozean zum goldreichen Südafrika und nach Sumatra steuerten.

Was waren das für Schiffe? Glücklicherweise gibt es einige Darstellungen antiker Schiffe (siehe Abbildungen). Sie funktionieren alle nach dem Prinzip des gemischten Antriebs: im Hafen, bei Schlachten oder ungünstigen Windverhältnissen konnte man sie rudern, auf offener See und langen Strecken wurde gesegelt. Der zentrale Mast konnte leicht aufgestellt und nach allen Seiten mit Tauen (den Wanten bzw. Vor- und Achterstag) gesichert werden. Die Rah mit dem quadratischen Segel konnte an einem Fall hochgezogen und mit seitlich befestigten Tauen, den sog. Brassen, in den Wind gestellt werden. Das Segel selbst ließ sich durch Reffen verkleinern wie ein Wolkenstore.

Die meisten Darstellungen von Odysseus' Schiff, wie z.B. Bild a) auf der Vase, sind, was die Schiffstechnik anbelangt, irreführend. Nach Homers Beschreibung sind die Schiffe, von denen Odysseus auf der Rückfahrt von Troja zwölf befehligte, wesentlich länger: Es handelt sich nämlich um Pentekonteren ("Fünfzigruderer") mit 25 Ruderern auf jeder Seite. Sie waren etwa 25 Meter lang, 2,5 Meter breit und schafften am Tag rund 130 km. Diese Schiffe waren noch "Moneren", d.h. die Ruderer saßen alle auf einer Ebene. Die Ruderkraft ließ sich verstärken, indem man bei den Dieren zunächst auf jeder Seite zwei Reihen Ruderer auf versetzten Ebenen unterbrachte. Die berühmte athenische Triere hatte später 170 Ruderer, die auf drei versetzten Ebenen saßen. Alle Schiffe verfügten über zusätzlich aufrichtbare Masten und Segel für längere Strecken bei günstigem Wind.

Vier Ebenen der Seefahrt

Zurück zur Odyssee und Homers Seefahrtsgeographie. Diese kann man nur richtig verstehen, wenn man vier verschiedene Ebenen oder Kategorien von Seereisen unterscheidet. Versucht man, alles in einen Topf zu werfen und auf ein und derselben Ebene in Übereinstimmung zu bringen, so kann dabei nur Unsinn herauskommen.

Die erste Ebene betrifft die Küstenschiffahrt. Wenn wir uns einer modernen Analogie bedienen wollen, dann könnte man die damalige Küstenschiffahrt mit normalen Flugreisen unserer Tage vergleichen. Homer beschreibt als Beispiel die Reise von Odysseus' Sohn Telemach nach Pylos zu König Nestor, um sich bei ihm nach dem Schicksal seines Vaters zu erkundigen. Abends steigt er in ein geliehenes Segelschiff mit 20 Ruderern und kommt morgens in Pylos an.

Die zweite Ebene betrifft längere Reisen über das Mittelmeer zwischen bekannten, klar benannten Orten. Als moderne Analogie könnte man hier an Flüge mit dem Spaceshuttle zur Mir, zur neuen Internationalen Raumstation oder sogar erneut zum Mond denken.

Homer erzählt von Menelaos' Rückkehr von Troja über Lesbos und Kap Maleia. Dann werden die meisten Schiffe nach Kreta abgetrieben und erleiden dort Schiffbruch, nur Menelaos' Schiff verschlägt es weiter bis nach Ägypten. Menelaos und Helena verbringen sieben Jahre in Ägypten und besuchen während dieser Zeit die Stadt Theben am Nil, Libyen, Arabien, Zypern und Phönizien.

Ebenfalls auf der zweiten Ebene befinden sich auch diejenigen Reisen, welche Odysseus bei verschiedenen Gelegenheiten erfindet, um sich auf plausible Art herauszureden. Zwei dieser erfundenen Reisen beginnen auf Kreta: Die erste Reise soll ihn angeblich nach Pylos bringen, doch wegen schlechten Wetters sei er statt dessen in Ithaka gelandet. Die zweite erfundene ist geographisch auch sehr plausibel: Sie führt ihn von Kreta aus binnen fünf Tagen nach Ägypten (5 x 130 km = 650 km, das kommt gut hin). Von Ägypten segelt er dann angeblich mit einem phönizischen "Gangster" nach Phönizien. Dieser Mann will ihn später in Libyen als Sklaven verkaufen, was jedoch durch einen Sturm vereitelt wird. Und so sei er, behauptet Odysseus, zu den Thesproten in Nordwestgriechenland verschlagen worden.

Auch der erste Abschnitt von Odysseus' Rückreise aus Troja gehört noch zu dieser zweiten Ebene: Odysseus berichtet über die Plünderung der Stadt Ismaros in Thrakien, unweit von Troja. Dann seiem sie südwärts zum Kap Maleia gesegelt und von dort in unbekannte Gewässer verschlagen worden.

Hier geht Homer nun zur dritten Ebene über: das Segeln in unbekannten Gewässern, aber immer noch im östlichen Mittelmeer. Die moderne Analogie wären hier vielleicht Reisen zu anderen Planeten, z.B. eine bemannte Expedition zum Mars.

Auf der Karte 7 können wir die Reiseroute verfolgen: Nach neuntägiger Reise erreicht Odysseus' kleine Flotte vom Kap Maleia aus das Land der Lotosesser, das Strabo nach Djerba verlegt. Den nächsten Haltepunkt, das Kyklopenland, sehen Thukydides wie auch die Sizilianer selbst in Westsizilien. Warum nicht? Auch gegen die Identifizierung Aiolias mit den Aiolischen oder Liparischen Inseln haben wir nichts einzuwenden.

Dann folgt die neuntägige Seereise fast bis nach Ithaka: 1200 km bei optimalem Wind mit einem Schiff, das 130 km am Tag schafft. Doch dann öffnen die törichten Kameraden den Windsack, und schon treiben wilde Stürme sie zurück zur Insel des Aiolus, der sie davonjagen läßt.

Nach sechs Tagen auf offener See kommen sie zu den grausamen Laistrygonen, die alle Schiffe bis auf eines zerstören und deren gesamte Besatzungen töten. Allein Odysseus' Schiff, das außerhalb der engen Hafeneinfahrt vor Anker gegangen ist, kann entkommen. Ausschließlich nach Maßgabe der angegebenen zurückgelegten Entfernung (6 x 130 km = 780 km) habe ich die Laistrygonen hypothetisch nach Nordafrika verlegt, etwa dorthin, wo heute Algerien liegt.

Odysseus' Schiff kommt schließlich auf Kirkes Insel Aiaia an, ohne daß Homer irgendwelche Angaben macht, wie lange und in welcher Richtung es unterwegs war. Aiaia ist nicht lokalisierbar; bekannt ist nur, daß die Insel sich noch auf der dem Mittelmeer zugewandten Seite von "Scylla und Charybdis" befinden muß.

Kirke ist eine Hexe. Im Gegensatz zur Nymphe Kalypso zeigt sie ihm noch längst nicht den Heimweg, sondern schickt ihn statt dessen auf den extremsten, schwierigsten Teil seiner Reise - hinaus in das äußere Meer, den Atlantik. Und hier beginnt die vierte Ebene: Nach unserer Raumfahrtanalogie verläßt Odysseus hier sozusagen das Sonnensystem.

Außerhalb der Säulen des Herakles

Wir haben unsere "exokeanistische These" soweit durch historische Argumente untermauert, indem wir über frühen transatlantischen Schiffsverkehr berichteten, das Vorhandensein seetüchtiger Schiffe belegten und auf Homer vermutlich zur Verfügung stehende phönizische und andere Schiffslogbücher oder Reiseberichte hinwiesen.

Doch jetzt wollen wir ein noch stärkeres Argument für die These der Atlantikfahrt anführen, und zwar ein Argument, das die inneren Gesetze der Homerischen Dichtung sowie die Psychologie langer, gefährlicher Reisen auf hoher See zu Rate zieht.

Eratosthenes betonte laut Strabo, daß Reisen im äußeren Meer (wie sein Freund Maui sie unternahm, allerdings auf der gegenüberliegenden pazifischen Seite) in erster Linie ein psychologisches Problem sei, ein Problem des Mutes, und weit weniger ein technisches Problem. Thor Heyerdahl und seine Freunde legten 1947 auf dem Balsafloß "Kon-Tiki" 8000 km von Peru nach Polynesien zurück, doch hätten sie das auch ohne Funkverbindung und der ständigen Möglichkeit gewagt, die ganze Sache abzubrechen und sich nach Hause bringen zu lassen?

Homer wußte auch, daß eine Reise "ins Unbekannte" äußersten Mut erfordert. Er läßt seinen Helden Odysseus solchen Mut aufbringen - einen Mut, der auch riskiert, bei der Unternehmung unter Umständen sein Leben zu lassen. Und wirklich finden Odysseus und seine Kameraden sich bereit, vor der Fortsetzung ihrer Reise zunächst in den Hades zu steigen, wenngleich diese Aussicht sie ängstigt. Sie überqueren Okeanos und fahren hinüber ins Reich der Toten.

(Homer gebraucht das griechische Wort okeanos nur in zwei Bedeutungen: erstens ist okeanos das Wasser, aus dem morgens die Sonne aufsteigt und in das sie abends wieder versinkt, d.h. der Horizont; und zweitens ist es der Strom, der die Welt der Lebenden vom Reich der Toten trennt. Das gewöhnliche Wort für Meer ist thalassa, und zwar auf beiden Seiten der "Säulen", wenngleich Homer noch nicht ausdrücklich zwischen eso thalassa und exo thalassa unterscheidet.)

Sie besuchen also die Seelen der Gestorbenen, sprechen mit ihnen, und vor allem hören sie, wie der blinde Seher Teiresias dem Odysseus dessen Schicksal weissagt. Odysseus wie die Gefährten bestehen diese Prüfung, und bei ihrer Rückkehr begrüßt Kirke sie mit den Worten:

"Arme, die ihr lebendig in Aides Wohnung hinabfuhrt,
Zweimal schmeckt ihr den Tod, den andre nur einmal empfinden."
(Od. 12.22-23)

Prüfung Nr. 2 sind die Sirenen, an denen sie vorbei müssen, ohne ihren Lockungen zu erliegen. Dabei geht es weniger darum, wie die Sirenen singen, sondern was sie singen! Sie singen nämlich, was für ein großer Held Odysseus doch sei! Die Lektion ist klar: Man lasse sich nicht durch süßtönende Schmeichelei von seiner eigentlichen Mission ablenken. Mit Hilfe gewisser, bekannter Vorkehrungen bestehen sie auch diesen Test.

Dann kommen Scylla und Charybdis. Meiner Ansicht ist dies eine sehr vielschichtige Metapher:

Tatsächlich werden Führungspersönlichkeiten im Krieg oder anderen gefährlichen Situation immer wieder vor solche schrecklichen Entscheidungen zwischen zwei tödlichen Gefahren gestellt, denen sie ihre Kameraden aussetzen müssen. Odysseus folgt Kirkes Rat und befiehlt den Kameraden möglichst nah an Scyllas Felsen vorbeizufahren, um so auf jeden Fall dem Strudel zu entgehen, wobei er allerdings verschweigt, daß dies höchstwahrscheinlich sechs Männer das Leben kosten wird. War es ein Fehler, daß Odysseus dies für sich behielt? Homer überläßt es dem Leser, über diese Frage nachzudenken. Resultat ist jedenfalls: Das Schiff überwindet die Meerenge und gelangt ins äußere Meer.

Und nun kommt Thrinakia und der Test, den die Gefährten nicht bestehen! Die Seele des Propheten Teiresias ebenso wie Kirke haben beide gewarnt: Meidet die Insel des Sonnengottes, und wenn ihr dennoch dort landen müßt, dann schlachtet unter gar keinen Umständen irgendwelche auf der Insel weidenden Rinder oder Schafe! Wenn ihr es trotzdem tut, müssen alle Kameraden sterben, und nur Odysseus allein wird eines Tages wieder nach Hause kommen, aber als sehr unglücklicher Mann.

Daher ordnet Odysseus an, als Thrinakia in Sicht kommt, vorbeizusegeln. Aber Eurylochos, der sich schon in früheren Situationen als Feigling hervorgetan hat, organisiert daraufhin eine Meuterei. Odysseus schildert die Befehlsverweigerung:

Aber Eurylochos gab mir diese zürnende Antwort:
"Grausamer Mann, du strotzest von Kraft und nimmer ermüden
Deine Glieder, sie sind aus hartem Stahle gebildet!
Daß du den müden Freunden, von Arbeit und Mühen entkräftet,
Nicht ans Land zu steigen erlaubst, damit wir uns wieder
Auf der umflossenen Insel mit lieblichen Speisen erquicken,
Sondern befiehlst, daß wir die Insel meiden und blindlings
Durch die dickeste Nacht im düstern Meere verirren!
Und die Stürme der Nacht sind fürchterlich; Schiffe zertrümmert
Ihre Gewalt! Wo entflöhn wir dem schrecklichen Todesverhängnis,
Wenn nun mit einmal im wilden Orkan der gewaltige Südwind
Oder der sausende West herwirbelte, welche die Schiffe
Oft auch gegen den Willen der herrschenden Götter zerschmettern?
Laßt denn jetzo der Nacht aufsteigenden Schatten gehorchen
Und am Ufer ein Mahl bei dem schnellen Schiffe bereiten.
Morgen steigen wir ein und steuern ins offene Weltmeer."
Also sprach er; und laut rief jeder Eurylochos Beifall.
(Od. 12.278-94)

Odysseus bleibt nichts anderes übrig, als sich den Meuternden zu fügen. Aber eindringlich verbietet er ihnen, auch nur ein einziges Rind oder Schaf anzurühren, da Helios sie andernfalls vernichten werde. Zunächst hält sich die Crew an das Verbot, aber dann halten ungünstige Winde sie einen ganzen Monat auf der öden Insel fest, die Proviantvorräte sind längst aufgegessen, und die Männer hungern. Sie versuchen, sich ein paar Vögel oder Fische zu fangen, aber auch das reicht nicht aus. Eurylochos gerät vor Hunger außer sich:

"Zwar ist jeglicher Tod den armen Sterblichen furchtbar,
Aber so jammervoll ist keiner, als Hungers zu sterben...
Lieber will ich mit einmal den Geist in den Fluten verhauchen,
Als noch lang hinschmachten auf dieser einsamen Insel!"

Eurylochos will lieber ein Ende mit Schrecken, als einen Schrecken ohne Ende. Kurz, als Odysseus schläft, schlachten sie mehrere Kühe und essen davon, während sie einen Teil dem Helios opfern - so rationalisiert Eurylochos die Tat, allerdings vergeblich. Kaum sind sie schließlich wieder in See gestochen, zertrümmert ein Unwetter das Schiff, alle Männer ertrinken, nur Odysseus kann sich retten, indem er sich an Mast und Kiel des zerbrochenen Schiffes klammert und die beiden Wrackteile mit einem Seil zusammenbindet.

Dieses völlig veränderte Verhalten der Seeleute, die vor Angst den Verstand verlieren - paßt dies zu einer Situation, in der nichts weiter passiert, als daß sie ein weiteres Mal in Sizilien landen? Aus welchem poetischen Grund schickt der Dichter Homer Odysseus' Freunde in den Hades und läßt sie all diese psychologisch extremen Situationen seit der Abfahrt von Kirkes Insel durchleben? Dies ergibt nur dann Sinn, wenn Homer sie (und natürlich auch die Zuhörer) damit auf nie dagewesene Abenteuer auf dem unbekannten, äußeren Meers vorbereiten will. Dieses poetische Argument ist meiner Ansicht nach das schlagendste Argument für die These der "Exokeanisten".

Thrinakia, Ogygia und Scheria

Homer sagt über Thrinakia nur, daß es eine einsame Insel ist, die auf der anderen Seite von Scylla und Charybdis liegt, also im äußeren Meer und nicht allzuweit von der Meerenge entfernt; denn nach dem Schiffbruch wird Odysseus dorthin zurückgetrieben. (Auf der Karte habe ich Thrinakia an zwei möglichen Orten eingezeichnet - Madeira oder die Kanarischen Inseln - , aber auch das ist wohl schon zu viel der Spekulation.) Das Wrack, an das Odysseus sich klammert, wird von Charybdis eingesaugt, doch Odysseus ergreift schnell einen herunterhängenden Feigenbaum und wartet, bis Mast und Kiel nach ein paar Stunden wieder herauskommen. Am Wrack hängend treibt Odysseus anschließend neun lange Tage und Nächte westwärts, bis er Kalypsos Insel Ogygia erreicht.

Wo ist Ogygia? Homer behält es für sich, allerdings weist er unmißverständlich darauf hin, daß Kalypsos Insel der westlichste Punkt der Reise ist. Ich werde erläutern, wie Homer diese Botschaft zum Ausdruck bringt.

Nach sieben Jahren läßt Kalypso auf höhere Anordnung Odysseus ziehen; sie hilft ihm sogar dabei, ein Floß mit Mast, Segel und Steuerruder zu bauen. Die Beschreibung im 5. Gesang, 233-261 ist sehr detailliert. Es ist eine weitere wichtige Lektion für künftige Seefahrer: Was tun, wenn man Schiffbruch erleidet und an einem Ort gestrandet ist, wo es keine anderen Schiffe gibt?

Sobald das Floß fertiggestellt ist, macht Odysseus sich auf den Weg:

Kalypso legt' in den Floß zwei Schläuche, voll schwärzlichen Weines
Einen und einen großen voll Wasser, und gab ihm zur Zehrung
Einen geflochtenen Korb voll herzerfreuender Speisen;
Ließ dann leise vor ihm ein laues Lüftchen daherwehn.
Freudig spannte der Held im Winde die schwellenden Segel.
Und nun setzt' er sich hin ans Ruder und steuerte künstlich
Über die Flut. Ihm schloß kein Schlummer die wachsamen Augen,
Auf die Pleiaden gerichtet und auf Bootes, der langsam
Untergeht und den Bären, den andre den Wagen benennen,
Welcher im Kreise sich dreht, den Blick nach Orion gewendet,
Und allein von allen sich nimmer im Ozean badet.
(Od. 5.265-280)

In welche Himmelsrichtung segelt er? Nach der verläßlichen Auskunft eines astronomisch gebildeten Kollegen bewegt Odysseus' Floß sich in Richtung Osten, ganz leicht nach Nordosten. Bei günstigem Wind ist er 18 Tage unterwegs und legt dabei, sagen wir, etwa 1800 km zurück. Dann kommt Scheria in Sicht.

Wo liegt Scheria? 1800 km östlich von Ogygia! Mehr läßt sich kaum sagen. Betrachter der Karte werden es natürlich ganz unmöglich finden, daß Odysseus an Mast und Kiel eines Wracks geklammert mit der Ostwinddrift den Atlantik überquert haben und etwa dort gelandet sein soll, wo Kolumbus ankam. Man bedenke dabei jedoch, daß Homer nicht wissen konnte, wie breit der Atlantik ist, denn dies fand Kolumbus erst 1492 heraus! Aber in keiner Weise ist der Widerspruch aufzulösen, daß Odysseus neun Tage in westlicher bzw. südwestlicher getrieben sein soll, und dann in entgegengesetzter Richtung mit dem Floß 18 Tage lang unterwegs war, ohne dabei erneut Scylla und Charybdis zu passieren.

Noch etwas spricht dagegen, Ogygia unter den Bahamas zu vermuten: Homer beschreibt Ogygia als "Nabel der Meere", was eher dafür spricht, die Insel mitten in den Atlantik zu verlegen, vielleicht dorthin, wo die Azoren liegen. In diesem Fall endete eine 1800 km lange Seereise nach Osten an der Westküste der Iberischen Halbinsel. Was wäre, wenn Homer sich Scheria dort dächte, wo einmal Tarsis lag, von dem er vielleicht gehört hatte? Homer läßt Nausikaa sagen, Scheria liege "am Ende der Welt". Sie sagt dies in einem Zusammenhang, der nahelegt, daß sie das Ende der bewohnten Welt meint. Das träfe für Tarsis in den Augen der Zeitgenossen Homers sicher zu.

Das sind jedoch alles Hypothesen. Klar und deutlich sagt Homer nur so viel: Odysseus erleidet Schiffbruch im äußeren Meer, findet Rettung bei Kalypso auf einer Insel irgendwo mitten in diesem unbekannten Meer, und segelt von dort mit dem Floß 18 Tage in östlicher Richtung zum Land der Phaiaken.

Homer beschreibt Scheria nicht nur als ideale Stadt, sondern auch als eine Art Garten Eden, wo Obstbäume und Weinstöcke zur gleichen Zeit blühen und Früchte tragen. Scheria erinnert auch an Hesiods "Insel der Seligen" und an Atlantis.

Homer berichtet noch mehr wundersame Dinge über dieses Land. Der Phaiakenkönig Alkinoos ordnet an, daß seine wohlgeübten Seeleute Odysseus nach Hause bringen sollen. Dabei sagt er über die Schiffe der Phaiaken:

"Denn der Phaiaken Schiffe bedürfen keiner Piloten,
Nicht des Steuers einmal, wie die Schiffe der übrigen Völker,
Sondern sie wissen von selbst der Männer Gedanken und Willen,
Wissen nah und ferne die Städt' und fruchtbaren Länder
Jeglichen Volks und durchlaufen geschwinde die Fluten des Meeres,
Eingehüllt in Nebel und Nacht. Auch darf man nicht fürchten,
Daß das stürmende Meer sie beschädige oder verschlinge."
(Od. 8.557-562)

Aus diesem Grund dauert die Heimreise nach Ithaka auch nur eine Nacht, die Odysseus in tiefem Schlaf verbringt. So schildert Homer den Aufbruch von Scheria, nachdem Odysseus sich von Alkinoos und Königin Arete verabschiedet hat:

Eilend ging nun der Held Odysseus über die Schwelle.
Und die heilige Macht Alkinoos' sandte den Herold,
Ihn zu dem rüstigen Schiff ans Meergestade zu führen.
Auch die Königin ließ ihn von drei Jungfrauen begleiten:

Eine trug ihm den
schöngewaschenen Mantel und Leibrock,
Diese sandte sie mit, die zierliche Lade zu bringen,
Jene folgte dem Zuge mit Speis und rötlichem Weine.
Als sie jetzo das Schiff und des Meeres Ufer erreichten,
Nahmen eilig von ihnen die edlen Geleiter Odysseus'
Alles, auch Speis und Trank, und legten es nieder im Schiffe;
Betteten jetzt für Odysseus ein Polster und leinenen Teppich
Auf dem Hinterverdeck des hohlen Schiffes, damit er
Ruhig schliefe. Dann stieg er hinein und legte sich schweigend
Auf sein Lager. Nun setzten sich alle hin auf die Bänke,
Nach der Ordnung, und lösten das Seil vom durchlöcherten Steine, Beugten sich vor und
zurück und schlugen das Meer mit dem Ruder.
Und ein sanfter Schlaf bedeckte die Augen Odysseus',
Unerwecklich und süß, und fast dem Tode zu gleichen.

Wie wenn auf ebener Bahn vier gleichgespannete Hengste
Alle zugleich hinstürzen, umschwirrt von der treibenden Geißel,
Hoch sich erhebend und hurtig zum Ziele des Laufes gelangen:
Also erhob sich das Steuer des Schiffs, und es rollte von hinten
Dunkel und groß die Woge des lautaufrauschenden Meeres.
Schnell und sicheren Laufes enteilten sie, selber kein Habicht
Hätte sie eingeholt, der geschwindeste unter den Vögeln.
Also durcheilte der schneidende Kiel die Fluten des Meeres,
Heimwärts tragend den Mann, an Weisheit ähnlich den Göttern.
Ach! er hatte so viel unnennbare Leiden erduldet,
Da er die Schlachten der Männer und tobende Fluten durchkämpfte;
Und nun schlief er so ruhig und alle sein Leiden vergessend.
(Od. 13.63-92)

Odysseus' Mission, andere zu organisieren

Abschließend ist noch eine wichtige Botschaft Homers mitzuteilen. Sie betrifft den letzten Teil der Weissagung des weisen Sehers Teiresias aus Theben, die er Odysseus bei dessen Besuch in der Unterwelt wissen läßt:

Jetzo kam des alten Thebaiers Teiresias Seele,
Haltend den goldenen Stab; er kannte mich gleich und begann so:
,Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Warum verließest du doch das Licht der Sonne, du Armer,
Und kamst hier, die Toten zu schaun und den Ort des Entsetzens?...

Glückliche Heimfahrt suchst du, o weitberühmter Odysseus:
Aber sie wird dir ein Gott schwer machen...

Hast du jetzo die Freier, mit Klugheit oder gewaltsam
Mit der Schärfe des Schwerts, in deinem Palaste getötet,
Siehe, dann nimm in die Hand ein geglättetes Ruder und gehe
Fort in die Welt, bis du kommst zu Menschen, welche das Meer nicht
Kennen und keine Speise gewürzt mit Salze genießen,
Welchen auch Kenntnis fehlt von rotgeschnäbelten Schiffen
Und von geglätteten Rudern, den Fittichen eilender Schiffe.
Deutlich will ich sie dir bezeichnen, daß du nicht irrest:
Wenn ein Wanderer einst, der dir in der Fremde begegnet,
Sagt, du tragst eine Schaufel auf deiner rüstigen Schulter,
Siehe, dann steck in Erde das schöngeglättete Ruder,
Bringe stattliche Opfer dem Meerbeherrscher Poseidon,
Einen Widder und Stier und einen mutigen Eber.
Und nun kehre zurück und opfere heilige Gaben
Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern,
Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere
Kommen der Tod und dich vom hohen behaglichen Alter
Aufgelöseten sanft hinnehmen, wann ringsum die Völker
Froh und glücklich sind. Nun hab ich dein Schicksal verkündet.'"
(Od. 11.90-94, 100-101, 119-137)

Diese Botschaft hat mich sehr beeindruckt: Odysseus erhält den Auftrag, ein Organizer zu werden! Wenn man Leute dafür gewinnen will, Seefahrt zu treiben und andere Länder zu kolonisieren, dann ist es sicherlich genauso wichtig, den Menschen tief im Landesinneren, die noch nie das Meer gesehen haben, zu erklären, wozu Schiffe, Segel und Ruder gut sind.

Als Odysseus dies seiner Frau Penelope mitteilt - man denke, in der ersten gemeinsamen Nacht nach 20jähriger Trennung - , daß er noch einmal fortgehen müsse, um diesen letzten Auftrag zu erfüllen, da reagiert sie einfach großartig: Teiresias hat dir ein glückliches Alter prophezeit, sagt sie, während alle Völker um uns herum froh und glücklich sind. Deshalb bin ich ganz sicher, daß alles gutgehen wird. -

Und so begeisterte Homer die griechischen Kolonisatoren Eratosthenes und Maui; Eratosthenes begeisterte Toscanelli und Kolumbus; Humboldt und Schiller hoben Kolumbus wieder aus der Vergessenheit und rehabilitierten ihn. Mögen diese "isochronen Freunde" uns helfen, heute wieder andere Menschen zu begeistern.

Die Homer-Zitate sind der deutschen Übersetzung der "Odyssee" von Heinrich Voß, einem Zeitgenossen Schillers, entnommen.

 

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