Aus der Neuen Solidarität Nr. 6/1999:


Atomausstieg: Ein Industriezweig mit
hoher Wertschöpfung geht verloren

Prof. Nickel: Die Forderungen des Bundesumweltministers und der Inhalt der vorgelegten Novelle zur Änderung des Atomgesetzes einerseits und das vom Bundeskanzler und den Stromerzeugern übermittelte Ergebnis des ersten Konsensgespräches andererseits sowie Aussagen des Bundeswirtschaftsministers sind nicht deckungsgleich. Ihre Frage läßt sich daher nicht klar beantworten.

Unumstritten dürfte das klare Ziel der Bundesregierung sein, den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie festzuschreiben und die bisher in Verträgen vereinbarte Wiederaufarbeitung der abgebrannten Brennelemente im französischen Cape la Hague (Fa. COGEMA) bzw. im britischen Sellafield (Fa. BNFL-British Nuclear Fuel Limited) zu beenden. Als "Entsorgungsnachweis" für die Kernkraftwerksbetreiber würde nach dem Verbot der Wiederaufarbeitung die direkte Endlagerung abgebrannter Brennelemente dienen. Die Beteiligten der Energieversorgungsunternehmen am Konsensgespräch akzeptierten - wegen des Primats der Politik - die geforderte Beendigung der Wiederaufarbeitung und direkte Endlagerung unter der Bedingung, daß man sich bei den kommenden Verhandlungen über den Zeitrahmen der Beendigung der Wiederaufarbeitung und über akzeptable Laufzeiten der in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke einigt.

Erwogen werden von der neuen Regierung bekanntlich zwei Ausstiegsstrategien: nämlich einerseits eine "vollzugsorientierte", die auf Erschwerung des Anlagenbetriebs gerichtet ist, und andererseits eine "legislative", die für die bestehenden Anlagen Lauffristen festsetzt. Wie sich aus dem Ergebnis des ersten Konsensgespräches ergibt, scheint man vorrangig den zweiten Weg gehen zu wollen.

Fest steht, daß es bei einem schnellen Ausstieg erstens zu Schadenersatzforderungen kommen wird - wegen der beachtlichen Kapitalvernichtung allein bei den Kernkraftwerken in dreistelliger Milliardenhöhe. Zweitens wird die Verläßlichkeit als Vertragspartner infrage gestellt, sowohl auf der internationalen Ebene zwischen der Bundesrepublik und den Partnerländern im Nuklearbereich Frankreich und Großbritannien als auch auf der Ebene der Elektrischen Versorgungsunternehmen gegenüber ihren Stromkunden sowie der deutschen Industrie im Bereich der Kerntechnik gegenüber ihren internationalen Kunden und Partnern.

Aber auch beim langsamen Ausstieg ist unbestritten, daß in diesem Falle ein wettbewerbsfähiger Industriezweig mit hoher Wertschöpfung verloren geht. Zweitens wird ein beachtlicher Verlust an hochwertigen Arbeitsplätzen zu verzeichnen sein. Das bezieht sich sowohl auf die Herstellerindustrie als auch auf die EVUs. Drittens dürfte die von Deutschland übernommene Verpflichtung zur CO2-Reduzierung kaum zu erreichen sein.

Prof. Nickel: Die abgebrannten Brennelemente müssen aus Gründen des radioaktiven Zerfalls von Spaltprodukten für einige Jahrzehnte zwischengelagert werden, bevor sie endgelagert werden können. Die Lagerung kann gefährdungsfrei in den sog. Castor-Behältern erfolgen. Auch steht mit den Zwischenlagern in Ahaus und Gorleben genügend Lagerkapazität zur Verfügung.

Die Bundesregierung will jedoch diese Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente nicht zur Verfügung stellen, um zukünftige Castor-Transporte von den Kraftwerksstandorten nach Ahaus bzw. Gorleben zu vermeiden. Sie fordert dafür von den Betreibern, am Standort entsprechende Lagerkapazitäten zu errichten. Weil sich das binnen Jahresfrist aufgrund technischer Fakten nicht realisieren läßt, ist auch der vom Bundesumweltminister vorgegebene Termin zur Beendigung der Wiederaufarbeitung in Cape la Hague bzw. Sellafield obsolet. Zur Frage der kurzfristigen Kündigung der zwischen den EVUs und den Wiederaufarbeitungsunternehmen in Frankreich und Großbritannien abgeschlossenen mittel- bzw. langfristigen Verträge und möglicher finanzieller Forderungen der ausländischen Unternehmen oder des entstandenen politischen Schadens kann ich wegen mangelnder Kenntnis der Fakten naturgemäß nicht Stellung nehmen.

Zur Frage der Endlager in Deutschland ist festzustellen, daß die jetzige deutsche Bundesregierung das bisher vorgesehene Endlager Konrad für Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeerzeugung (95% des Abfallvolumens und nur 1% der Radioaktivität) sowie die bis vor kurzem in Betrieb befindliche Lagerstätte Morsleben nicht weiterverfolgen wird. Die bisher für wärmeerzeugende Abfälle (5% des Abfallvolumens mit 99% der Radioaktivität) erkundete und durch umfangreiche Untersuchungen als eignungshöffig (ein Fachausdruck aus dem Bergbau, Anm. d. Red.) erkannte Salz-Endlagerstätte Gorleben wird vorerst nicht weiter untersucht. Auch hier führt die Atomausstiegspolitik der Bundesregierung in eine Sackgasse, weil ohne die Schaffung von Endlagerkapazität der gesamte nukleare Abfall kommenden Generationen überantwortet wird.

Mit der Aussage, man werde weitere Lagerstätten erkunden, - nachdem allein in Gorleben bisher mehr als 2 Milliarden DM für das Erkundungsprogramm investiert wurden und als Ergebnis, wie gesagt, die eindeutige Eignungshöffigkeit des Salzstockes festgestellt wurde - wird der Aufgabenkomplex nur vor sich hergeschoben.

Hinzu kommt das Problem, daß aufgrund internationaler Verträge der gesamte in Frankreich und Großbritannien befindliche hochaktive Abfall in Form von Glasblöcken bzw. die nicht mehr aufgearbeiteten Brennelemente kurzfristig in die Bundesrepublik Deutschland zurückgeführt und hier zwischen- sowie danach endgelagert werden müssen.

Prof. Nickel: Eine derartige Behauptung verkennt, daß für die Menge des erzeugten Stromes Leistung nicht gleich der abgebbaren Leistung ist, sondern von der möglichen Nutzungsdauer unter Berücksichtigung der Spitzenbelastung der Kraftwerke abhängt. Bei Kernkraftwerken kann sie fast 8000 Stunden pro Jahr betragen, für Sonnen- bzw. Windkraftwerke aber nur 1000 bzw. 2000 Stunden pro Jahr. Allein in bezug auf die mittlere notwendige Leistung bedeutet das: Für die gleiche Menge Strom aus Wind- oder Sonnenenergie müßte man die vier- bzw. achtfache Leistung installieren, um die Kernenergie zu ersetzen. Dazu kommt natürlich das Problem, daß von diesen regenerativen Stromerzeugern natürlich nicht erwartet werden kann, daß sie eine notwendige Leistung dann erbringen, wenn sie benötigt wird.

Die 19 Kernkraftwerke in Deutschland erzeugen mit einer Gesamtleistung von 22000 MWel 36% des gesamten Stroms. Wollte man 22000 MWel in Form von Windkraft oder Sonnenenergie installieren, so erforderte dies eine Fläche von etwa 2000 km2 für Solaranlagen (dies entspricht vier Fünfteln der Fläche des Saarlandes) bzw. etwa 180000 Windkraftwerke à 500 KW.

Die derzeit vorhandene Überkapazität wird mit etwa 10000 MWel angegeben, rechnet man alte, wegen Umweltbelastung abgeschaltete konventionelle Kraftwerke nicht mit ein. Für eine sichere Stromversorgung ist die Vorhaltung solcher Reserveleistung unbedingt erforderlich. Die Aussage von Herrn Trittin ist deshalb für mich nicht nachvollziehbar.

Prof. Nickel: Zunächst ein Wort zu den Fakten: Mit Schreiben vom 21.12.1998 des Herrn Staatssekretärs Rainer Baake vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) wurde allen ehemaligen Mitgliedern der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) mitgeteilt, daß die RSK mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird und mit Datum des 22.12.1998 eine neue Satzung der Reaktor-Sicherheitskommission in Kraft tritt. Danach wird die neue Reaktor-Sicherheitskommission nur noch zwölf Mitglieder verschiedener Fachrichtungen enthalten. Sie soll die in der Fachwelt vertretenen unterschiedlichen Auffassungen ausgewogener repräsentieren, als dies bisher der Fall gewesen sei. Auch sollen die Entscheidungen der RSK transparenter und deren Nachvollziehbarkeit stark verbessert werden.

Mein Kommentar zu den Ausführungen von Herrn Baake ist: Grundsätzlich ist gegen eine Neubesetzung eines Beratungsgremiums wie der RSK nichts einzuwenden. Schlechter Stil ist es jedoch, wenn die Beteiligten solche grundsätzlichen Entscheidungen zunächst aus den Medien erfahren. Vor allem darf bei einer Neuberufung nicht die Einstellung zur Kernenergie über die Fachkompetenz gestellt werden.

Die Reaktor-Sicherheitskommission wurde als unabhängige Kommission vor 40 Jahren von der damaligen Bundesregierung gegründet. Seither hat die RSK alle Bundesregierungen in sicherheitsrelevanten Fragen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie beraten und durch ihre Empfehlungen sicherheitsgerichtete Entscheidungshilfen für die Behörden gegeben. Die Kommission fühlte sich in ihrer Tätigkeit ausschließlich der Sicherheit aller kerntechnischen Anlagen - sowohl der Reaktoranlagen als auch der des Brennstoffkreislaufs einschließlich des Transports sowie der Zwischen- und Endlager für den nuklearen Abfall in unserem Lande - verpflichtet. Entscheidendes Kriterium für die Berufung ihrer Mitglieder war Fachkompetenz, und nicht die Einstellung zur Kernenergie.

Heute wird u.a. auf den hohen Sicherheitsstandard deutscher Kernkraftwerke hingewiesen, und die im internationalen Vergleich hohe Verfügbarkeit der Anlagen bestätigt diese Aussage. Es ist nicht zuletzt auf das stete Bemühen von Betreibern, Systemherstellern, Gutachterorganisationen und Behörden und deren meist von Vernunft geprägtes Zusammenspiel zurückzuführen, daß dieser erforderliche hohe Sicherheitsstandard erhalten und stets weiterentwickelt wurde. Die Reaktor-Sicherheitskommission hat seit Beginn ihrer Tätigkeit durch die Erarbeitung grundsätzlicher Sicherheitsanforderungen u.a. in Form von Leitlinien, durch zusammenfassende sicherheitstechnische Bewertungen, durch Einzelbeurteilung von Systemen sowie die Weiterentwicklung der Sicherheitstechnik einen entscheidenden Anteil am heutigen Sicherheitsstandard deutscher kerntechnischer Anlagen.

Nicht zuletzt war dabei auch stets der intensive Erfahrungsaustausch der RSK mit ihren ausländischen Schwesterorganisationen in USA, Frankreich, Japan und der Schweiz im Bereich der Sicherheitstechnik nuklearer Anlagen von Bedeutung. Als Beispiel soll hier auf die enge Kooperation der RSK mit ihrer französischen Schwesterorganisation, der Groupe Permanent Chargé des Réacteurs Nucléaires (GPR), im Zusammenhang mit der Entwicklung des European Pressurized Water Reactor (EPR) hingewiesen werden. Beide Kommissionen haben sich über eine Reihe von Jahren gemeinsam im Rahmen eines standortunabhängigen Prüfverfahrens sehr erfolgreich mit der sicherheitstechnischen Genehmigungsfähigkeit dieses internationalen Reaktorkonzeptes befaßt.

Eine erfolgreiche Fortführung solcher Kooperationen mit den ausländischen Kommissionen wird es mit einer neuen RSK nicht geben, falls diese sich streng an die Atomausstiegspolitik der Bundesregierung zu halten hat.

Das erreichte Sicherheitsniveau in unserem Lande sowie der deutsche Einfluß auf die Reaktorsicherheit im Ausland wird durch die bekannt gewordenen politischen Vorstellungen des BMU gefährdet. Auch das fachliche Gewicht der Reaktor-Sicherheitskommission würde deutlich geschwächt, falls der Bundesumweltminister bei der Berufung der neuen RSK wirklich die Pluralität der Einstellungen zur Kernenergie über die fachliche Kompetenz stellen sollte.

Prof. Nickel: Eindeutig ja. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre war die Diskussion um die Energiekrise voll im Gange. In sämtlichen Bereichen der Gesellschaft in unserem Lande, unabhängig davon, ob man die Wissenschaft, die Industrie, die Politik oder den "Mann auf der Straße" betrachtet, herrschte bekanntlich eine positive Grundstimmung zu neuen technischen Entwicklungen im allgemeinen und zur damals neuen Energieerzeugung aus Kernkraft im besonderen. Die Forderung nach einer sicheren und wegen des "Ölschocks" vom Ausland weitgehend unabhängigen Energieversorgung stand im Vordergrund. Es entstanden weltweit nicht nur neue Industrien und Kraftwerksbereiche, die sich mit der Entwicklung und Errichtung von Kernkraftwerken und deren Betrieb befaßten, auch in den meisten Technischen Fakultäten an den Universitäten unseres Landes und in Großforschungseinrichtungen entstanden Strukturen, die sich intensiv in Forschung und Lehre mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie befaßten.

Fast alle heute in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke wurden von der damaligen Regierung der sozial-liberalen Koalition in Betrieb genommen oder deren Bau genehmigt sowie die politischen Entscheidungen für das Schließen des Brennstoffkreislaufs einschließlich der Errichtung von Endlagern getroffen.

Eine entscheidende Änderung in der allgemeinen Einstellung zur Kerntechnik in unserem Lande begann bekanntlich mit dem Reaktorunfall in Three Mile Island im amerikanischen Harrisburg 1979, und vor allem mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion im Jahre 1986. Diese Fakten haben in zunehmendem Maße auch im politischen Bereich - abhängig von der Parteienlandschaft in Kommunen, Landesregierungen und heute in der Bundesregierung - ein Klima geschaffen, das es den Betreibern kerntechnischer Einrichtungen im allgemeinen und Kernkraftwerken im besonderen erschwert, ihre Anlagen nur aufgrund sicherheitstechnischer und kommerzieller Anforderungen zu betreiben.

Hinzu kommt, daß heute wegen der billigen Energie, der Liberalisierung des Strommarktes und nicht zuletzt wegen einer noch nicht erkennbaren klaren langfristigen Energiepolitik der Bundesregierung die Bereitschaft der stromerzeugenden Industrie zur langfristigen Kapitalbindung im Kraftwerksbereich in unserem Lande deutlich sinkt.

Prof. Nickel: Zunächst ein Wort zu China, das ich während des letzten Jahrzehnts wiederholt besucht habe. Das Ziel war vor allem die renommierte Tsinghua-Universität in Beijing mit ihrem Institute of Nuclear Energy Technology (INET), wo ich seit 1992 eine Gastprofessur innehabe, um Vorlesungen zu halten. Daneben habe ich im Rahmen von Einladungen naturgemäß auch eine Reihe von Universitäten in verschiedenen Städten und mehrere Forschungseinrichtungen besucht, Vorträge gehalten und intensive Diskussionen über Energieerzeugung, Entwicklung der Kernenergie und die Umweltsituation geführt.

Die derzeit in China installierte Gesamtleistung beträgt etwa 250 GWel für 1,25 Milliarden Menschen, davon stammen 70% aus kohlegefeuerten Anlagen und knapp 30% aus Wasserkraftwerken. Die Kernenergie ist derzeit mit nur 1,3% an der Elektrizitätserzeugung beteiligt. Es existieren aber umfangreiche Programme zum Ausbau der nuklearen Kraftwerkstechnik, u.a. mit Frankreich und Rußland. Neben der Entwicklung und dem Bau von Leicht- und Schwerwasserreaktoren gibt es beachtliche Anstrengungen zur Entwicklung eines Schnellen Brutreaktors und des heliumgekühlten Hochtemperaturreaktors (HTR) nach dem deutschen Kugelhaufenreaktortyp. Ein 10 MWth-HTR-Modul-Testreaktor befindet sich bei der Tsinghua-Universität im Bau. Akzeptanzprobleme gibt es derzeit in China nicht, obwohl nach Aussage einiger Experten an den vorgesehenen nuklearen Standorten wegen der inzwischen liberaleren Politik die Thematik offen diskutiert wird.

Der Gesamtenergieverbrauch pro Kopf liegt in China bei etwa 1tSKE/a, d.h. einer Tonne Steinkohleneinheiten pro Jahr, in Deutschland sind es bekanntlich etwa 6tSKE/a. Bei einem Wachstum des Bruttosozialprodukts 1997 von 8,8%, bei einer Inflationsrate von nur 2,8%, unternimmt man in China große Anstrengungen, um den immensen Energiebedarf zu decken. Das Thema Umwelt spielt dabei naturgemäß nicht die primäre Rolle.

Die chinesischen Kollegen können die Diskussion zum Thema Beendigung der Kernenergienutzung in Deutschland nicht nachvollziehen. Vor allem weisen sie immer wieder auf den hohen Sicherheitsstandard der Kernkraftwerke in Deutschland hin. Kommentar ist, weil man die politische Situation nicht beurteilen kann: Deutschland ist zu reich!

Die Antwort der indischen Wissenschaftler ist ähnlich. Mit einigen indischen Forschungseinrichtungen und Instituten habe ich über mehr als 20 Jahre eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Personalaustausch gepflegt. Ich wurde deshalb kürzlich von der Indian National Academy of Engineering als erster deutscher Wissenschaftler zum "Foreign Fellow" berufen.

Auch in Indien spielt die Entwicklung der Energietechnik im allgemeinen und der Kerntechnik im besonderen eine beachtliche Rolle. Das Land verfügt derzeit bei einer Bevölkerungszahl von etwa 950 Millionen Menschen nur über eine installierte elektrische Gesamtleistung von etwa 90 GW, das entspricht einem Pro-Kopf-Verbrauch von weniger als 1tSKE/a. Es ist geplant, eine Zubaurate an Kraftwerkskapazität (vor allem auf Kohlebasis) von 10 GWel pro Jahr zu realisieren. Indien verfügt heute in zehn nuklearen Blöcken, vor allem vom schwerwassermoderierten CANDU-Typ, über eine installierte Kernkraftwerkskapazität von 1700 MWel, das entspricht etwa 2,3% bei der Stromerzeugung. Es existiert nicht nur ein umfangreiches Forschungs- und Entwicklungsprogramm zum Ausbau der schwerwassermoderierten Reaktoren, sondern auch in Kooperation mit Rußland der Leichtwasserreaktoren und der indischen Schnellen-Brutreaktor-Technologie.

Prof. Nickel: Die Liberalisierung der Strommärkte in Europa ist eine Realität. In Deutschland gilt seit Februar 1997 die "Binnenmarktrichtlinie Elektrizität", d.h. es gibt in unserem Lande keine abgegrenzten Versorgungsgebiete mehr. Der Stromhandel kann im Prinzip durch Händler, auch aus dem Ausland, erfolgen. Die Folge ist aufgrund eines Marktdruckes auf die einzelnen Elektrischen Versorgungsunternehmen (EVU) ein harter Preiswettbewerb und dadurch auch z.T. ein Preisverfall. Das ist für den Kunden sicher eine positive Nachricht. Partielle Überkapazitäten und die Stromerzeugung in modernen Kombi-Gas/Dampf-Kraftwerken auf Erdgasbasis setzen hier neue Maßstäbe im Preis. Man darf bei dieser Entwicklung wegen der Versorgungssicherheit natürlich nicht die Abhängigkeit vom Erdgaslieferland in Richtung Preismonopol und Lieferkapazität vergessen.

Es ist deshalb eine wichtige Forderung der EVUs, den bisherigen Strommix (erzeugt in Braun- und Steinkohle- und nun partiell Erdgas-gefeuerten Kraftwerken sowie in Kernkraftwerken) aus Gründen der Versorgungssicherheit und kalkulierbarer Stromerzeugungskosten weitgehend beizubehalten.

Ein totales Wegbrechen der mit etwa einem Drittel an der heimischen Stromerzeugung beteiligten Kernkraftwerke aufgrund deren Stillegung hätte wegen der vergleichsweise günstigen Stromerzeugungskosten und, wie bereits bemerkt, wegen deren CO2-freier Stromproduktion beachtliche negative Folgen für unser Land.

Daß sich mit Hilfe neuer Kernkraftwerke auch günstige Stromkosten erzielen lassen, machen Aussagen zum EPR in Frankreich deutlich, so daß man bei unseren Nachbarn ernstlich daran denkt, ein solches Kernkraftwerk zu errichten.

Natürlich könnten aufgrund der Liberalisierung der Strommärkte einige Nachbarländer in verstärktem Maße den deutschen Elektrizitätsbedarf u.a. mit Hilfe ihrer Kernkraftwerke (die nicht unbedingt deutschem Sicherheitsniveau entsprechen müssen) und zu ihren Lieferbedingungen decken.

Prof. Nickel: Natürlich hat die Entscheidung der Bundesregierung einen drastischen negativen Einfluß auf die gesamte Forschungslandschaft im Bereich der Kerntechnik, und zwar bei der Grundlagenforschung wie bei der Angewandten Forschung. Das betrifft die deutschen Universitäten und die nationalen Forschungseinrichtungen bis hin zu industriellen Forschungsgruppen und führt zum Verlust der internationalen Kooperationen.

So hat die bisherige Politik einzelner Bundesländer bereits zu einer drastischen Reduzierung von Lehrstühlen an den deutschen Hochschulen, meist durch Umwidmung bzw. Nichtwiederbesetzung, geführt, die sich u.a. schwerpunktmäßig mit der Ausbildung junger Wissenschaftler und Ingenieure im Bereich der Kerntechnik befaßten. Die allgemeine Diskussion in unserer Gesellschaft mit oft negativer Grundstimmung in der Politik sowie in den Medien über die Kerntechnik hat naturgemäß im Vergleich zu früheren Jahren zur Verunsicherung junger Menschen und damit auch zu einem drastischen Rückgang der Studentenzahlen in diesem Fachgebiet geführt.

Besonders negativ wirkt sich natürlich auch die Reduzierung der Projektfinanzierung an den Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen aus. So würde z.B. eine Beendigung der Drittmittel-Finanzierung im Bereich der nuklearen Sicherheitsforschung durch die öffentlichen Hände oder durch Auftragsforschung im Rahmen internationaler Projekte zu einem mittelfristigen, nicht hinnehmbaren Wissensverlust führen. Ein solcher Know-how-Verlust ist auch bei der Atomausstiegspolitik der Bundesregierung wegen der zum Teil noch mittel- bzw. langfristigen Betriebszeiten bei Kernkraftwerken oder bei den erforderlichen Atom-Transporteinrichtungen und nuklearen Lagerstätten wegen möglicher Risiken von der Gesellschaft nicht tolerierbar bzw. akzeptierbar.

Zusammenfassend muß deshalb noch einmal klar festgestellt werden, daß der Ausstieg aus der Nukleartechnologie die auch während der Restlaufzeit der Kerntechnischen Anlagen dringend erforderliche Fachkompetenz gefährdet.

Prof. Nickel: Persönlich habe ich mit meinen Mitarbeitern im Rahmen der Werkstoff- und Brennelement-Entwicklung mehr als 20 Jahre erfolgreich an diesem inhärent sicheren heliumgekühlten Hochtemperaturreaktor mitgearbeitet und die Ende der 80er Jahre beschlossene Beendigung dieser Entwicklung zutiefst bedauert. Ich spekuliere nicht und sage deshalb: Zumindest mittelfristig gibt es in Deutschland für den HTR keine Realisierungschance. Wie ich die Atomausstiegspolitik der Bundesregierung verstehe, ist die Entwicklung aller Reaktortypen auszuschließen.

Im internationalen Bereich wird wegen der geschilderten Eigenschaften die Entwicklung des Hochtemperaturreaktor-Typs aktiv in folgenden Ländern betrieben: