Aus der Neuen Solidarität Nr. 1-2/2000:


Romano Prodi, der Mordfall Moro
und Italiens "Saubere Hände"


Die "schnelle Korruption"
Morddrohungen gegen die Staatsanwältin

Die Oligarchie

Palazzo Caetani

Schlußfolgerung

März 1978: Der Parteivorsitzende der italienischen Christdemokraten Aldo Moro ist Gefangener der Roten Brigaden, die gedroht haben, ihn umzubringen. Rom gleicht einer Festung von Polizei und Militärkräften, die Tag und Nacht nach Moros Versteck suchen. Aus nicht weiter ersichtlichen Gründen entschließt sich jemand aus dem inneren Kreis der Täter, den Schlupfwinkel der Terroristen preiszugeben. Eine über allen Verdacht erhabene Person, ein angesehener Professor, spielt den Überbringer der Botschaft. Um seine Quellen nicht nennen zu müssen, erklärt der Professor, während einer spiritistischen Sitzung sei der Name "Gradoli" als Ort von Moros Gefängnis gefallen. In Rom gibt es eine Straße gleichen Namens, aber der Polizeiminister entscheidet, in einer Ortschaft außerhalb Roms mit Namen Gradoli zu suchen. Erst mehrere Tage später entdeckt die Polizei das wirkliche Versteck in der Via Gradoli - natürlich verlassen. Am 9. Mai wird Moros Leiche gefunden. Auch 20 Jahre nach diesen Vorfällen hat kein Gericht ernsthaft die Geschichte des Professor hinterfragt.

Juli 1993: Die Operation "Saubere Hände" fegt wie ein Orkan über Italien hinweg. Hunderte von Politikern und Geschäftsleuten werden unter dem Vorwurf verhaftet, an einem illegalen Parteienfinanzierungssystem beteiligt zu sein. Ganze politische Parteien brechen auseinander. Auch der Professor wird von dem Superstaatsanwalt der "Sauberen Hände" verhört, denn der Professor war Vorsitzender des größten Staatskonzerns, über den maßgeblich die politischen Schmiergelder gelaufen sind. Der Superstaatsanwalt ist für sein heftiges Vorgehen bekannt. Er steckt Leute ins Gefängnis, bis sie gestehen und die Namen anderer nennen. Doch seltsamerweise kommt der Professor ungeschoren davon. Es wird noch nicht einmal Anklage gegen ihn erhoben. Ein Jahr später entschließt sich der Superstaatsanwalt, eine politische Karriere zu beginnen. Ein Parlamentssitz ist frei, und der Superstaatsanwalt wird prompt gewählt. 1996 erhält er von dem Professor, der inzwischen zum Regierungschef aufgestiegen ist, einen Ministerposten. 1999 gründet der aus den Regierungsgeschäften ausgeschiedene Professor zusammen mit dem Superstaatsanwalt, der gegen ihn ermittelt hatte, eine neue politische Bewegung. Auf Anhieb gewinnt die Bewegung mit einem populistischen Anti-Parteien-Programm bei den Europawahlen 10 Prozent der Stimmen - das Vorspiel für einen Marsch zur Macht.

Diese beiden Geschichten lassen die Phantasie auch des kühnsten politischen Romanschriftstellers in Wallung geraten. Allerdings sind sie nicht erfunden, sondern wahr. Der Name des Professors lautet Romano Prodi, derzeit Präsident der EU-Kommission. Der Name des Staatsanwaltes ist Antonio Di Pietro. Die Geschichten um Prodi werden in zwei kürzlich in Italien erschienenen Büchern behandelt: Das erste schrieb der frühere Senator Sergio Flamigni ("Il Covo di Stato - Via Gradoli 96 e il delitto Moro") und das zweite der frühere Staatsanwalt Ferdinando Imposimato ("Corruzione ad alta velocità: viaggio nel governo inivisibile"). Zwar beschäftigen sich die beiden Bücher mit ganz unterschiedlichen Themen - Terrorismus und politische Korruption - , doch sie passen zueinander wie die Stücke eines Puzzlespiels, wobei diese beiden Aspekte als Waffen einer permanenten Oligarchie, einer "unsichtbaren Regierung", zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele dargestellt werden.

Romano Prodi ist zusammen mit seinem Kumpan Antonio Di Pietro eine Marionette der Oligarchie. Der Mann, den Tony Blair unbedingt an der Spitze der EU sehen wollte, um das Vertrauen in eine Institution wiederherzustellen, deren Ansehen durch verschiedene Fälle von Vetternwirtschaft angeschlagen war, sieht sich nun Vorwürfen gegenüber, die die Sünden seiner Vorgänger ziemlich harmlos erscheinen lassen. Das war vielleicht sogar einer der Gründe, warum man Prodi nach Brüssel holte: Kein Mann ist in den Augen Londons besser für den Job geeignet als jemand, der jeden Augenblick wieder ausgeschaltet werden kann, indem etwa der MI6 etwas über seine Vergangenheit ans Tageslicht bringt. Für jeden Europäer ist dies Grund genug, den Rücktritt eines Mannes zu fordern, der aufgrund seines Charakters und seiner Vergangenheit einer Politik verpflichtet ist, die den wirtschaftlichen Untergang Europas bedeutet. Im gleichen Zug könnten auch die supranationalen Anmaßungen der EU-Institutionen auf ein vernünftiges Maß zurückgestutzt werden.

Die "schnelle Korruption"

Ferdinando Imposimato ist keine Sensationsjournalist, sondern einer der bekanntesten und glaubwürdigsten Ermittler Italiens. Lange Jahre als Staatsanwalt in Rom tätig hat er an Fällen wie dem Mord an Aldo Moro, dem anschlag auf den Papst und vielen anderen Terrorismus- und Mafiafällen gearbeitet. 1987 wurde er in den Senat gewählt, 1992 in das Abgeordnetenhaus und 1994 erneut in den Senat. Während dieser ganzen Zeit war er Mitglied der Anti-Mafia-Ausschüsse beider Häuser des italienischen Parlaments.

Die Geschichte, die er in seinem Buch erzählt, beginnt 1994, als der Ausschuß beschließt, mögliche Mafiaeinflüsse auf den Bau der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Rom-Neapel (TAV) zu untersuchen. In Zusammenarbeit mit Beamten der Sonderermittlungseinheit der Polizei deckt Imposimato auf, daß der Hauptbaubeauftragte der TAV, das Staatskonglomerat IRI, verschiedene Unterverträge an Firmen vergeben hatte, die entweder direkt im Besitz der Camorra, der napolitanischen Mafia, befanden oder mit ihr verbunden waren.

Zur Zeit der Vertragsabschlüsse hieß der Chef der IRI Romano Prodi, der mit dem Auftrag berufen worden war, die Privatisierung der IRI einzuleiten. (Prodi war bereits zuvor von 1982 bis 1989 IRI-Chef gewesen.) Gleichzeitig, so heißt es in Polizeiberichten, sahen sich unbescholtene Firmen aufgrund brutaler Camorra-Drohungen gezwungen, aus dem Ausschreibungsprozeß auszusteigen.

Dies war aus mehreren Gründen eine sehr nachteilige Entwicklung, vor allem aber deswegen, weil eine dringend erforderliche Infrastruktureinrichtung wie die genannte Hochgeschwindigkeitsstrecke, die Italien Anschluß an das Projekt der Eurasischen Landbrücke ermöglichte, letztlich kaputt gemacht wurde, weil private Interessen, und nicht der Staat, die Bauleitung übernommen haben. Tatsächlich war der Zustand der "Halbprivatisierung" der IRI und anderer formell staatseigener Betriebe der entscheidende Schritt, der es der Regierung und anderen staatlichen Institutionen unmöglich machte, durch entsprechende Kontrollen zu verhindern, daß das organisierte Verbrechen sich die Projekte und damit das Geld unter den Nagel riß.

Imposimato schreibt: "Die Auswahl der Firmen, die Aufträge und Unteraufträge erhielten, geschah gemäß den Angeboten des organisierten Verbrechens", aber daß die Macht des organisierten Verbrechens über die Wirtschaft so maßlos zunahm, war die Folge der Ermittlungen im Rahmen der Operation "Saubere Hände". Anders gesagt, der jakobinische Feldzug gegen die Korruption führte direkt zu einer Zunahme der Korruption. Dank der "Sauberen Hände", die eine populistisch-jakobinische Stimmung gegen angeblich "korrupte" Parteien und Beamte erzeugte, wurde eine Privatisierungswelle nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf politischer und rechtlicher Ebene in Gang gesetzt.

In der Einleitung seines Buches schreibt Imposimato, daß die "Sauberen Hände" gar nicht beabsichtigten, die Korruption zu bekämpfen. Da ja das System der illegalen Parteienfinanzierung sämtliche Parteien und praktisch alle großen Firmen betraf,

Die "Sauberen Hände" boten eine Lösung Dank der "Sauberen Hände" 1994 legt Imposimato die Ergebnisse seiner Ermittlungen dem Anti-Mafia-Ausschuß vor. Er ruft das Parlament auf, die Regierung aufzufordern, die Verträge für die laufenden Arbeiten an der TAV-Strecke Rom-Neapel aufgrund der offensichtlichen Beteiligung Camorra-kontrollierter Firmen aufzukündigen. Imposimato zeigt, daß nur 10 Prozent der für das Projekt aufgewendeten Gelder letztlich bei Firmen ankamen, die tatsächlich an den Bauarbeiten beteiligt sind. Die übrigen 90 Prozent versickerten entweder als Schmiergelder oder landeten direkt bei der Camorra. Da die Zulieferfirmen außerdem bis zu 10 Prozent der Investitionsgelder zu Beginn als Sicherheit bei dem Hauptunternehmen hinterlegen müssen, zeigte Imposimato, daß die Camorra auf diese Weise riesige Beträge illegaler Einnahmen, wohl vor allem aus dem Drogenhandel, waschen konnte.

Der Ausschuß beschließt, die Manager aller beteiligten Firmen vorzuladen, auch den Vorstand der Icla, die am direktesten von der Mafia kontrolliert gewesen sein soll. Doch als die Zeit kommt, auch Romano Prodi vorzuladen, der 1993 als Vorsitzender des Hauptunternehmens IRI die Unterverträge autorisierte, löst sich das Parlament (im Frühjahr 1996) auf, um Neuwahlen zu ermöglichen. Romano Prodi wird anschließend zum Ministerpräsidenten gewählt. Imposimato verzichtet auf eine Wiederwahl, nachdem er Morddrohungen von der Camorra erhalten hatte und seinen Heimatort Caserta verlassen mußte.

Dennoch entschließt sich Imposimato, der an Prodis gute Absichten glaubt, dem nominierten Ministerpräsidenten einen Besuch abzustatten und ihn von seinen Erkenntnissen zu unterrichten. Die Beschreibung dieser Unterredung ist außergewöhnlich:

Der Grund für Prodis Verhalten wird durch andere Ereignisse des Jahres 1993 verständlich. Wie eingangs erwähnt, war dies das Jahr, in dem der Professor von dem Superstaatsanwalt vernommen wurde. Di Pietro fragte Prodi über die Rolle von IRI im System der illegalen Parteienfinanzierung. "Es ist ein lautstarkes Verhör, so daß man das Geschrei im Flur der Staatsanwaltschaft hören konnte." Prodi arbeitet nicht mit der Staatsanwaltschaft zusammen, aber er wird weder verhaftet noch angeklagt, wie die meisten von Di Pietros Opfern. Er wird auf freien Fuß gesetzt.

Noch im gleichen Jahr entdeckt ein römischer Ankläger, der das Bestechungssystem untersucht, daß dahinter ein Schweizer Bankier namens Pierfrancesco Pacini Battaglia steht. Über seine Genfer Bank Karfinco koordiniert Battaglia ein System, in das staatseigene Konzerne wie IRI und ENI, die staatliche Bahngesellschaft (Ferrovie dello Stato) und ein Kartell von Baufirmen verwickelt sind. Diese oft über finanzielle und oligarchische Interessen verbundenen Firmen kontrollieren den italienischen Baumarkt und sprechen die Preise ab, so daß ein dicker Anteil öffentlicher Gelder auf Battaglias Bankkonten und von dort in weiteren privaten Händen landet. Spätere Untersuchungen ergeben, daß über Battaglias Konten auch Gelder des organisierten Verbrechens geschleust wurden. Das ist die von der "unsichtbaren Regierung" gelenkte Struktur.

Aber die "Sauberen Hände" greifen ein und halten die Ermittlungen unter Verschluß. Antonio Di Pietro persönlich teilt seinen römischen Kollegen mit, daß dies nicht unter ihre Kompetenz falle und sie gefälligst ihre Finger davon lassen sollten. Dann inszeniert Di Pietro ein Scheinverhör mit Battaglia. Entgegen aller Aussagen anderer Zeugen über Battaglias illegale Machenschaften läßt sich Di Pietro von Battaglias Ausführungen überzeugen und läßt ihn frei. Ist es ein Zufall, daß Battaglias Anwalt Giuseppe Lucibello ist, Di Pietros engster Freund? Und daß, wie später aufgedeckt wird, Lucibellos und Di Pietros Rechnungen, darunter eine Wohnung, ein Auto und teure Kleidung, von einem Geschäftsmann beglichen wurden, der von Battaglias bezahlt wird?

Als Ermittler in La Spezia 1996 schließlich gegen Battaglia vorgehen, gerät der Fall außer Kontrolle. In einer abgehörten Unterhaltung erklärte Battaglia: "Wir sind den Sauberen Händen entgangen, weil wir bezahlten." Battaglia wird schließlich verhaftet und mit ihm auch der mächtige Vorsitzender der Bahngesellschaft (FS) Lorenzo Necci.

Morddrohungen gegen die Staatsanwältin

Nun mobilisiert die "unsichtbare Regierung" alle ihre Kräfte, um die Untersuchung von La Spezia zu stoppen. Da einige Richter in Rom der Zusammenarbeit mit Pacini Battaglia beschuldigt sind, muß die Untersuchung an das zuständige Gericht in Perugia verlegt werden.

Aber in Rom gibt es noch eine Staatsanwältin, Giuseppa Geremia, die einen weiteren mysteriösen Fall untersucht, in den Romano Prodi verwickelt ist: die Privatisierung der Lebensmittelabteilung von IRI, Cirio-Bertolli-De Luca (CBR).

Ab 1992 betrieb Italien das umfangreichste PrivatisierungsProgramm der ganzen westlichen Welt, ein Drittel der Volkswirtschaft war betroffen. Wollte man rekonstruieren, wie im Rahmen dieses Programms Banken und große Industriebereiche von ausländischen Finanzinteressen übernommen wurden, so käme sicherlich ein interessantes Buch dabei heraus. In einem solchen Buch wäre der Verkauf von CBR wahrscheinlich der spektakulärste von mehreren Fällen, in denen produktive Unternehmen unter höchst dubiosen Umständen an ausländische Kartelle verhökert wurden.

Der anglo-holländische Konzern Unilever war am Kauf von CBR interessiert, aber nur, um die Firma Bertolli an sich zu reißen, die hochwertiges Speiseöl herstellte. Es war von Anfang an klar, daß Unilever die anderen beiden Teilunternehmen gleich wieder verkaufen würde. Das widersprach dem erklärten Interesse des Eigentümers von CBR, dem italienischen Staat. Dennoch gehört Bertolli heute zu Unilever.

Romano Prodi war 1990 bis 1993 Chefberater von Unilever. Ein Zufall? Prodi entschied urplötzlich, CBR zum Spottpreis von 310 Mrd. Lire an ein ganz neu gegründetes süditalienisches Konsortium namens FISVI zu verkaufen. FISVI hatte aber kein Geld: Es zahlte den Löwenanteil des Kaufpreises, indem es Bertolli an Unilever weiterverkaufte. Dann löste das Konsortium sich auf. Natürlich war FISVI ein Strohunternehmen für Unilever, das war klar. Hat der einstige Unilever-Berater Prodi von alledem vorher nichts gewußt?

1996 begann Giuseppa Geremia im Fall CBR zu ermitteln. Sie ließ sich auch dadurch nicht einschüchtern, daß Prodi inzwischen zum Regierungschef aufgestiegen war, nachdem er mit einer an Tony Blairs Drittem Weg orientierten Koalition die Wahlen gewonnen hatte. Im November 1996 erhob Geremia Anklage gegen Prodi und andere Vorstandsmitglieder von IRI.

Sie wird Opfer von Einschüchterungsversuchen: telefonische Beleidigungen, Warnungen, Drohungen... Es ist das erste Mal, daß in einem Korruptionsfall so massive Einschüchterungsversuche unternommen werden... Die Drohungen und Beleidigungen verstärken sich. Die Quelle ist unbekannt, aber der Grund liegt anscheinend in der Untersuchung des CBR-Verkaufs... Ihre Einschätzung ist, daß sie an mächtige Interessen dieser unsichtbaren Regierung gerührt hat, die mit allen Mitteln vorgehen, um ihr Ziel zu erreichen... Eines abends findet sie im Briefkasten einen Umschlag, der ihr Foto (einen Zeitungsausschnitt) und ein kleines Messer enthält.

Trotz der Drohungen macht Frau Geremia weiter. Der zuständige Richter aber entscheidet, keinen Prozeß gegen die Verdächtigen anzustrengen. Frau Geremia will in die Berufung gehen, aber dazu braucht sie das schriftliche Urteil. Das kommt zu spät bei ihr an - zwei Tage, nachdem sie nach Cagliari versetzt wurde.

Die Oligarchie

Imposimato hat recht: Giuseppa Geremia hat an die Interessen der "unsichtbaren Regierung" gerührt. Versuchen wir, diesem Schlagwort mit Hilfe von Flamignis neuem Buch über den Fall Moro einen konkreten Sinn zu geben. Aber zunächst wollen wir noch die folgende Episode berichten:

Anfang November 1995 erklärte Malvina Borletti, eine betagte Gräfin, die in London lebte, sie wolle Romano Prodi und Antonio Di Pietro ein Vermögen von 6 Mrd. Lire (6 Mio. DM) als Starthilfe für die Gründung einer neuen Partei geben. Bisher hatte niemand gewußt, daß die beiden eine solche Gründung überhaupt vorhatten. "Ich kannte ihre Absichten - sagte Gräfin Borletti - und sie waren weder unvorhersehbar noch unvorhergesehen." Die alte Aristokratin sah voraus, was vier Jahre später geschehen würde.

Das führt uns ein in die höheren Etagen der "unsichtbaren Regierung", bei der die Gräfin Borletti sicherlich eine Randfigur, aber doch auch eine typische Vertreterin ist. Den inneren Kern der unsichtbaren Regierung bildet die Oligarchie, deren wirtschaftliche Interessen in Wertpapieren, Rohstoffen und Landbesitz liegen und deren Weltzentrum die Londoner City ist. Gelegentlich betreibt die Oligarchie auch industrielle Geschäfte, dann jedoch so organisiert, daß technischer Fortschritt praktisch ausgeschlossen und der Markt von Kartellabsprachen beherrscht wird. Diese Gruppen haben die Politik der "Globalisierung" erfunden und lenken sie.

Gehen wir nun 20 Jahre in der Geschichte zu einem Vorfall im Jahr 1978 zurück, den u.a. Flamigni in seinem neuen Buch beschreibt. 1978 war Antonio Di Pietro noch ein kleiner Mitarbeiter einer Mailänder Firma, die elektronische Rüstungskomponenten produzierte. Romano Prodi hingegen war bereits ein angesehener Universitätsprofessor, der an der London School of Economics studiert hatte und eine private "Denkfabrik" in Bologna leitete. Er stand dem linken Flügel der Christdemokraten nahe, war aber kein Parteimitglied.

Am 2. April 1978, siebzehn Tage, nachdem der Parteichef der Christdemokraten und Ex-Ministerpräsident Aldo Moro von den "Roten Brigaden" entführt worden ist, fährt der Professor von Bologna mit einer außergewöhnlich wichtigen Information nach Rom: Der Ort, an dem sich die Terroristen verstecken, ist "Gradoli". Er gibt die Information an den Generalsekretär der Christdemokraten Benigno Zaccagnini weiter, der unverzüglich Polizeiminister Francesco Cossiga in Kenntnis setzt.

Der Polizei ist der Name Gradoli wohlbekannt. Schon wenige Tage nach der Entführung hatte ein Informant auf die "Via Gradoli" (in Rom) hingewiesen und die Polizei Durchsuchungen vorgenommen. Beamte klingelten höflich an der Tür des Appartements in der Via Gradoli 96, in dem sich die Entführer versteckten, aber als niemand antwortete, zogen sie ab, ohne wiederzukommen.

Auch aus einem anderen Grund mußte die Polizei die Adresse Via Gradoli 96 gut kennen: Im gleichen Gebäude gehörten 24 Wohnungen dem Geheimdienst. Im Vorderhaus befand sich sogar ein getarntes Geheimdienstbüro. 1980 wurde entdeckt, daß die Chefs des Militär- sowie des Inlandsgeheimdienstes, der Polizei und der armee, allesamt Mitglieder der Geheimloge P-2 waren.

Obwohl also die Via Gradoli in Geheimdienst- und Polizeikreisen hinlänglich bekannt ist, wird nun ein gewaltiges Aufgebot von Polizei und Militär, gefolgt von Fernsehteams und Journalisten, an einen völlig anderen Ort geschickt, in das 130 km von Rom entfernte Dörfchen Gradoli. Die Terroristen sind gewarnt und verlassen ihr Schlupfloch.

Wer hatte nun den Professor informiert? Prodi behauptete, auf das Wort Gradoli sei man bei einer spiritistischen Sitzung gekommen. Offensichtlich wollte er die eigentliche Quelle schützen, die sich im Umfeld der Roten Brigaden befand. Flamigni schreibt:

Einer der Staatsanwälte, der den Fall untersuchte, Rosario Priore, kam zu einer ganz anderen Schlußfolgerung: Natürlich wußte Prodis Informant, daß die Via Gradoli und nicht das Dorf Gradoli gemeint war. Hätte Prodi diesen Informanten namentlich genannt, so hätte die Polizei ihn verhören und vielleicht Moros Leben retten können. Der heutige Terrorismus-Ausschuß im italienischen Parlament hat neues Interesse an dem Fall gezeigt und Prodi gebeten, auszusagen. Aber der Professor ist zu beschäftigt in Brüssel und läßt sich entschuldigen.

Palazzo Caetani

Der rote Faden, der sich vom Fall Moro bis zur Operation Saubere Hände zieht - wo in beiden Fällen der jetzige EU-Kommissionschef eine mehr als zwielichtige Rolle spielt - , ist die Politik und Rolle der Oligarchie. Indem sie 1978 Moro aus dem Weg räumte, sabotierte die mit London verbundene italienische Oligarchie den letzten ehrlichen Versuch, die zerstrittenen politischen Fraktionen des Landes mit einem Konzept zur Beförderung der nationalen Interessen zusammenzubringen.

Schon 1978 hatte die von Anhängern Lyndon LaRouches 1974 gegründete Partito Operaio Europeo (POE) auf die Verwicklung des früheren US-Außenministers Sir Henry Kissinger und der Schwarzen Oligarchie Italiens in den Mord an Moro verwiesen. Flamigni schreibt in seinem Buch:

Die Enthüllungen der POE über die Oligarchie, der Schwarzenberg angehörte, stimmte mit vielen Resultaten anderer Ermittlungen überein. So deutete schon 1978 ein Informant des Militärgeheimdiensts SISMI an, daß wahrscheinlich ein Mitglied der Familie Caetani den von den Terroristen gefangenen Moro verhört hatte. Die Caetanis waren eine alte, mächtige Familie, die in der Via Caetani, wo Moros Leiche gefunden wurde, mehrere Gebäude besaß. Der berühmte Musiker Igor Markevitch, der die Prinzessin Topazia Caetani geheiratet hatte, war ein interessanter Mann, weil er während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem britischen Geheimdienst, besonders mit Spezialisten der Abteilung für psychologische Kriegführung PWB, zusammenarbeitete. Einer dieser britischen Geheimdienstoffiziere heiratete ein weiteres Mitglied der Familie Caetani.

Ein weiteres Zeichen für die Verstrickung zwischen Roten Brigaden, Geheimdienstkreisen und dem "Schwarzen Adel" fand man in dem Unterschlupf in der Via Gradoli, als dieser am 18. März 1978 endlich entdeckt wurde. Man fand einige Unterlagen, die den Führer der Roten Brigaden Mario Moretti mit der Marchese Rossi di Montelera in Verbindung brachten, einer in Genf lebenden Adeligen, die ein Immobilienunternehmen namens Savellia besaß. Der eigentliche Verwalter von Savellia war jedoch ein Buchhalter, der gleichzeitig für die Geheimdienstunternehmen arbeitete, denen die Wohnungen in der Via Gradoli gehörten.

Einer der beiden Staatsanwälte, die diese Verbindung untersuchten, war ironischerweise Ferdinando Imposimato. Imposimato wagte es sogar, einen Haftbefehl gegen Henry Kissinger auszustellen, um diesen zu verhören, was Kissinger natürlich ignorierte. Die Ermittlungen scheiterten schließlich daran, daß die Marchese nicht verhört werden konnte, weil sie im Ausland lebte.

Die Adlige war eine Cousine des Abgeordneten Luigi Rossi di Montelera, ein Mitglied des rechten Flügels der DC und einer der schärfsten parteiinternen Widersacher von Moros Politik. Rossi di Montelera hatte aber auch Verbindungen zum Malteserorden, einem der inneren Heiligtümer, das wie die Freimaurerloge P-2 Leute aus dem Geheimdienst an sich zog.

Schlußfolgerung

Wieder in der Gegenwart angelangt, sind zwei Schlußfolgerungen zu ziehen: Erstens existiert reichlich Beweismaterial, welches eine faire und ehrliche Untersuchung der Vorwürfe gegen den heutigen EU-Kommissionschef Romano Prodi rechtfertigt. Eine solche Untersuchung sollte auch seinen Partner Antonio Di Pietro einschließen. Sie könnte von italienischen Behörden, aber auch von anderen europäischen Institutionen durchgeführt werden. Zweitens gibt es gute Gründe, die europäische Politik radikal neu zu überdenken. Die Trends zur Privatisierung und Globalisierung sollten umgekehrt und die Macht der souveränen Nationalstaaten wieder eingesetzt werden, weil nur sie Allgemeinwohl, Gerechtigkeit und Schutz des einzelnen Bürgers garantieren können.

Claudio Celani