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Aus der Neuen Solidarität Nr. 26/2000

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Franklin Delano Roosevelt und Jean Monnet

Folgende Rede hielt Jacques Cheminade im Anschluß an Hartmut Cramers biographischen Vortrag über "FDR" auf der Jahreskonferenz von Schiller-Institut und ICLC vom 26.-28. Mai in Bad Schwalbach. Cheminade ist der Vorsitzende von Solidarité et Progrès, der Schwesterpartei der BüSo.


Der gerechte Staat
Jean Monnet

Aufbauprogramm für die Nachkriegszeit

Das amerikanische System und die britische Machtpolitik

Der weltweite New Deal

Nach Roosevelts Tod: Der britische Imperialismus faßt wieder Fuß.

Europa 1945 und Roosevelts Ideen

Die Herausforderung der Gegenwart

Von Jacques Cheminade

Nach dem Präsidentschaftswahlkampf von 1936 hatte Franklin Roosevelt, der mit einem Erdrutschsieg zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wiedergewählt worden war, seinen Kampf gegen die "Geldwechsler" gewonnen. Am 26. Juni 1936 erklärte er, er vertrete das durch die Verfassung garantierte Allgemeinwohl und "die organische Macht des Staates, den amerikanischen Bürger gegen die wirtschaftliche Tyrannei einiger weniger zu verteidigen". In seiner Ernennungsrede hatte er die "Wirtschaftsroyalisten" heftig kritisiert als "die bevorrechtigten Fürsten neuer Wirtschaftsdynastien, die sogar nach der Kontrolle über die Regierung streben".

Er wußte, daß seine Aufgabe gleichzeitig innenpolitisch und außenpolitisch war, weil er erkannt hatte, daß die Vereinigten Staaten eine Weltmacht geworden waren und somit eine Mission zu erfüllen hatten.

Außenpolitisch schlug er in seiner sog. "Quarantäne"-Rede am 7. Oktober 1937 in Chikago vor, gesetzesbrecherische Länder in Quarantäne zu setzen, wie man es bei kranken Patienten mache, "um die Gesundheit der Allgemeinheit vor der Verbreitung der Krankheit zu schützen". Er forderte das desillusionierte Amerika heraus, das sich nach dem Ersten Weltkrieg in die Isolationspolitik geflüchtet hatte: Die Amerikaner müßten "Stellung beziehen" und "mit Rücksicht auf ihre eigene Zukunft auch an den Rest der Welt denken". Seine Feinde nannten ihn deshalb einen Kriegstreiber, und im Wall Street Journal war die Überschrift zu lesen: "Schluß mit der Einmischung in fremde Angelegenheiten" - damit meinte die Oligarchie "Schluß mit Angriffen auf Mussolini, Hitler und die japanischen Feudalisten".

Innenpolitisch wußte Roosevelt, daß er, um weiter für gerechten sozialen Wandel sorgen und gegen Gefahren von außen eine wirtschaftliche Mobilisierung in Angriff nehmen zu können, erst die Probleme in seiner eigenen Partei bereinigen mußte. Als die Kongreßwahlen von 1938 näherrückten, beschloß er, die konservativen Demokraten auszuschalten. Diese standen nicht nur seinen Reformen im Wege, sie hatten sogar "die fortschrittlichen Prinzipien, die sie [selbst] propagiert hatten, um die Wahl zu gewinnen" bewußt mißachtet. Seine Aufgabe sei es, sagte Roosevelt 1938, darauf zu sehen, daß "die Demokratische Partei und die Republikanische Partei nicht einfach Zwillinge" wären. Bei diesen Wahlen war diese "Säuberungsaktion" zwar eher ein Fehlschlag, aber sie machte die Fronten innerhalb der Partei klar und neutralisierte so die Kräfte, die Roosevelts Siege bei den beiden folgenden Präsidentenwahlen 1940 und 1944 verhindert hätten. Diese Prinzipientreue und Weitsichtigkeit, mit der Roosevelt die Innen- und Außenpolitik als Einheit konzipierte, steht im völligen Gegensatz zu den kleinkarierten Entwürfen heutiger Politiker.

Bevor ich mich der darauf folgenden Zeit, dem eigentlichen Thema meines Vortrags, zuwende, muß ich drei einleitende Feststellungen treffen, die für das Verständnis bei einer europäischen Zuhörerschaft wichtig sind. Keine von ihnen ist selbstverständlich, und alle drei sind notwendig, um sich der Herausforderung, vor der heute jeder von uns steht, zu stellen.

Erstens sind die Vereinigten Staaten - im Positiven wie im Negativen - keine kohärente Masse, sondern das Schlachtfeld für einen Entscheidungskampf im Weltmaßstab. Gestern vertrat Roosevelt das Amerikanische System, das System Hamiltons und Lincolns, gegen die anglo-amerikanische Oligarchie. Heute nimmt LaRouche die amerikanische Geschichte dort wieder auf, wo Roosevelt sie mit seinem Tod am 12. April 1945 hinterließ. Deshalb gibt es für uns Europäer keinen Grund, "pro-amerikanisch" oder "anti-amerikanisch" zu sein - das sind nur zwei Seiten der gleichen Ohnmacht. Unsere Aufgabe besteht darin, innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten die Befürworter des Amerikanischen Systems, des Erbes der Europäischen Renaissance, zu unterstützen. Es ist unsere Pflicht, uns klar zu machen, worum es in diesem Kampf geht, und zu intervenieren, wenn die offizielle amerikanische Politik an der offensichtlichen Bestimmung Amerikas Verrat begeht. Darin liegt die Bedeutung von LaRouches Kandidatur für uns alle.

Der zweite Punkt ist: Ohne Franklin Delano Roosevelt und seine wichtigsten Mitstreiter würden wir als Vertreter unserer europäischen Nationalstaaten heute gar nicht existieren. Ohne die Mobilisierung und Intervention der USA wäre der Sieg gegen den Nazismus nie möglich gewesen, und ganz Europa wäre in einen Schutthaufen verwandelt worden. Andererseits hätte diese amerikanische Mobilisierung ohne Roosevelts Sieg über die Bankiers der Wall Street, den Hartmut Cramer beschrieben hat (siehe Neue Solidarität Nr. 24), nicht stattgefunden. Und ohne die Hilfe der amerikanischen Gewerkschaften und Farmer, die Roosevelt durch Dinge wie das Wagner-Gesetz, den Paritätspreis und die Infrastrukturentwicklung für sich gewonnen hatte, wäre eine solche Mobilisierung niemals zustande gekommen. Ein Volk wird durch einen großen Entwurf erhoben und nimmt die Herausforderung eines großen historischen Augenblicks an.

Meine dritte und letzte Vorbemerkung bezieht sich auf unsere heutige Aufgabe. Heute sind Roosevelts Feinde in den Vereinigten Staaten wieder an der Macht, und wie die Morgans und Mellons der 30er Jahre wollen sie uns glauben machen, es gebe keine Alternative zu der Diktatur ihres finanziellen Profits. Diese Kräfte versuchen, das Rad der Geschichte vor die Zeit des New Deal zurückzudrehen und das durchzusetzen, was sie 1933-35 um Generalmajor Smedley Darlington Butler nicht zustande brachten: einen Coup nach der Manier Mussolinis. Auf der anderen Seite sollten wir uns durch Roosevelts Erfolge inspirieren lassen, so wie es in Europa, besonders in Frankreich und Deutschland, nach 1945 schon der Fall war. Das rückt die Eurasische Landbrücke und das Neue Bretton Woods in die richtige historische Perspektive - als lebendige Objekte unseres Denkens statt nur als Phantasien, als politische Waffen statt bloßer Planspiele. Sie sind der Hebel dazu, die Geschichte über das hinaus, was Roosevelt tun konnte, zu verändern, kommen aber aus einem ähnlichen Grundgedanken zur Bereicherung eines historischen Gewebes.

Der gerechte Staat

Wir wollen uns jetzt den drei letzten Amtszeiten Präsident Roosevelts 1937-45 zuwenden. Nach seinem taktischen Sieg über die Oligarchie und ihre New Yorker Banken hatte Roosevelt Spielraum, eine dirigistische Mobilisierung zu organisieren und für die Nachkriegszeit eine bessere, gerechtere Weltordnung zu planen. Die Dynamik der Mobilisierung wiederum schränkte die Macht der Bankiers ein, die Roosevelts Politik nach 1938-39 nicht mehr frontal angreifen konnten, weil das einem Landesverrat gleichgekommen wäre.

Als nächstes griff Roosevelt - als eifriger Leser Hamiltons - auf alle Möglichkeiten staatlicher Strategien zur Förderung Allgemeinwohls des Volkes zurück. Im Gegensatz zur britischen Tradition in den USA, die z.B. Präsident Martin van Buren vertreten hatte, war Roosevelt ein konsequenter Dirigist. Van Buren hatte angesichts der Krise von 1837 gesagt: "Je weniger die Regierung in private Angelegenheiten eingreift, desto besser für das Allgemeinwohl." Roosevelt sagte 1931 als Gouverneur des Staates New York bei einer außerordentlichen Sitzung des Abgeordnetenhauses (Landtags), auf die Probleme der Depression angesprochen:

"Was ist denn der Staat? Er ist der rechtmäßig eingesetzte Vertreter einer organisierten Gesellschaft menschlicher Wesen, von ihnen zu ihrem gegenseitigen Schutz und ihrer Wohlfahrt geschaffen. ,Der Staat' oder ,die Regierung' ist nur das Werkzeug, mit dem diese gegenseitige Hilfe und gegenseitiger Schutz wirksam gemacht werden. Die Höhlenmenschen kämpften um ihre Existenz ohne die Hilfe oder sogar gegen den Widerstand ihrer Mitmenschen, aber heutzutage ist der bescheidenste Bürger unseres Staates durch die ganze Macht und Stärke seiner Regierung geschützt. Unsere Regierung ist nicht Herr, sondern Geschöpf des Volkes. Es handelt sich bei der Pflicht des Staates gegenüber den Bürgern um eine Pflicht des Dieners gegenüber seinem Herrn. Das Volk hat die Regierung geschaffen; das Volk erlaubt ihr durch allgemeinen Konsens, fortzubestehen.

Eine der Pflichten des Staates besteht darin, für diejenigen seiner Bürger zu sorgen, die als Opfer widriger Umstände nicht in der Lage sind, ohne die Hilfe anderer ihre bloße Existenz zu sichern, eine Verantwortlichkeit, die von jeder zivilisierten Nation anerkannt wird."

Als Roosevelt merkte, wie gefährlich die internationale Lage wurde, dehnte er diesen Begriff des gerechten Staates auch auf die Weltpolitik aus. Im Januar 1940 warnte er vor den Gefahren eines kurzsichtigen Isolationismus und verlangte vom Kongreß die Erhebung "ausreichend zusätzlicher Steuern, um die Ausgaben im Notfall der nationalen Verteidigung zu decken". Am 16. Mai 1940, als die Niederlage Frankreichs gemeldet wurde, erklärte er der Nation, der Krieg in Europa sei außer Kontrolle geraten, und verlangte vom Kongreß "die Bewilligung einer hohen Summe für Panzer, Gewehre, Schiffe und 50000 Flugzeuge". Er entschloß sich zu einer dritten Präsidentschaftskandidatur, weil er sah, daß kein anderer im Land der Aufgabe gewachsen war. Die Bevölkerung war verängstigt, und die Industriellen und die Staatsbürokratie - ganz zu schweigen von den Bankiers - hielten es für verrückt, daß er die Rüstungsproduktion auf solche Höhen treiben wollte.

Als er am 29. Dezember 1940 die Wahl gewann, forderte er die Nation in einem seiner berühmten "Kamingespräche" auf, den Demokratien, wie schwach sie auch seien, in ihrem Kampf um Leben und Tod gegen den Faschismus beizustehen. "Gegenüber der Unmenschlichkeit gibt es keine Beschwichtigung", sagte er, und verlangte mehr Schiffe, mehr Waffen, mehr Flugzeuge, mehr von allem, um die Vereinigten Staaten zur "Waffenkammer der Demokratie" zu machen. Am 11. März 1941 gelang es ihm endlich, die Opposition eines blindes Kongresses zu überwinden und das Leih- und Pachtgesetz zu unterzeichnen. Dieses gab ihm nie dagewesene Vollmachten und ermöglichte ein Nachschub-Programm, mit dem die Alliierten weiterkämpfen konnten, bis der Kriegseintritt der USA das Blatt wendete. Am 7. Dezember 1941 kam dann Pearl Harbor und der von LaRouche so oft erwähnte Paradigmawandel in der amerikanischen Bevölkerung.

Jean Monnet

1942 waren die im Mai 1940 geforderten 50000 Flugzeuge produziert, und Roosevelt verlangte eine erhebliche Aufstockung der Rüstungsproduktion auf 60000 Flugzeuge, 45000 Panzer und Handelsschiffe von 6 Mio. Tonnen. Die Industriellen sagten nur "Jawohl, Sir", worauf der Präsident antwortete: "Die Militaristen in Berlin und Tokio haben diesen Krieg angefangen, aber beenden werden ihn die massierten erzürnten Kräfte der vereinten Menschheit." Und so geschah es auch. Aber warum und wie?

Dies ist die Geschichte des Siegesprogramms und eines kleingewachsenen Mannes, der einer der Größten des vergangenen Jahrhunderts war: Jean Monnet. Monnet war erstens so ziemlich der einzige Franzose, der etwas von amerikanischer Politik verstand, und zweitens so ziemlich der einzige europäische Bankier mit einer industriefreundlichen Weltsicht. Er bewunderte die "physische Macht der amerikanischen Industrie" und das weitgehende Fehlen sozialer Vorurteile im amerikanischen Lebensstil. Er hatte ein gutes Gespür für den Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und England, und es war ihm 1940 sofort bewußt, daß das Schicksal Europas von der Politik Amerikas abhing. Mit Hilfe seiner politischen Verbindungen gelangte er rasch in eine zentrale Position in amerikanischen und britischen Regierungskreisen, wo er beharrlich betonte, daß die Politik über die Extrapolation der üblichen Schemata weit hinaus gehen müsse. Roosevelt verstand sofort, welche Rolle Monnet spielen konnte, und benutzte ihn als "Inspiration" und Aufrührer in der amerikanischen Staatsbürokratie. Sowohl Roosevelt als auch Monnet war klar, daß die "Gewohnheitsmenschen" in außergewöhnlichen Zeiten furchtbare Schwierigkeiten bereiten und man "Kurzschlüsse" organisieren muß, damit die Maschine läuft.

In einem seiner ersten Memoranden an das Weiße Haus berichtet Monnet 1940, daß das damalige System der amerikanisch-britischen Beziehungen (das "Cash and Carry-System") bedeutungslos sei, die amerikanische Mobilisierung nicht den Erfordernissen entspreche und es an einer zentralisierten Autorität mangele. Er schreibt in seinen Memoiren:

"Wir" (d.h. er und sein enger Freundeskreis) "haben beschlossen, die Logik der Finanziers auf den Kopf zu stellen, nach der die Bedürfnisse den vorhandenen Mitteln angepaßt werden, eine absurde Logik, wenn es sich bei den Bedürfnissen um das Überleben der freien Welt handelt: für ein solches Unternehmen bringt man es immer fertig, die Mittel zu finden." Als Ziel für die amerikanische Rüstungsproduktion setzte er die Menge, welche die USA brauchen würden, um den Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan allein zu gewinnen, denn Großbritannien war für ihn nur ein Element im amerikanischen Plan. Am 30. November 1940 bezeichnete Monnet das damalige US-Programm als unzureichend, um dieses Ziel erreichen zu können, und forderte, es zu ändern.

Da kommt also dieser kleine Mann und mischt sich kühn und provozierend in die wichtigsten Angelegenheiten von Krieg und Frieden ein! Roosevelt freute sich offensichtlich darüber, weil Monnet direkt gegen die Meinung der Buchhalter und der Finanziers anging.

In seinen Memoiren schreibt Monnet: "Indem ich alle meine Kräfte zusammennahm, trug ich zum Zustandekommen dieser unüberwindlichen Kriegsmaschinerie bei. Das Motiv war einfach: Der hartnäckige Wille einer kleinen Gruppe um den Inhaber einer nie dagewesenen Macht und Verantwortung, der von einer gutorganisierten öffentlichen Meinung getragen wurde."

George Ball drückte in jenen Tagen seine Überraschung folgendermaßen aus: "Jean war damals in Washington eine Legende. Ich war wirklich erstaunt, er war anders als wir alle, einfach eine Persönlichkeit eigener Art. Unaufhörlich machte er Druck auf Roosevelts Umgebung..."

Im Frühjahr 1941 war wahrscheinlich er die treibende Kraft hinter der Mobilmachung vor Pearl Harbor. Der sonst so nüchterne John Maynard Keynes sagte zu dem französischen Bankier Emmanuel Monick: "Als die Vereinigten Staaten im Krieg waren, wurde Roosevelt ein Flugzeugbauprogramm vorgestellt, welches alle amerikanischen Techniker für märchenhaft hielten oder viel zu groß fanden. Monnet wagte als einziger, es als unzureichend zu bezeichnen. Der Präsident machte sich seine Sicht zu eigen. Dann gab er der amerikanischen Nation eine Aufgabe, die auf den ersten Blick völlig unmöglich schien, aber schließlich dennoch perfekt ausgeführt wurde. Diese wichtige Entscheidung hat wahrscheinlich den Krieg um ein Jahr verkürzt."

Der Vizepräsident von Roosevelts Amt für Kriegsmobilisierung, Robert Nathan, bestätigt Keynes' Einschätzung: "Im Rückblick finde ich, daß Monnets Beitrag entscheidend war... Monnet war es, der die höchsten Regierungskreise zur Einsicht brachte, was eine Mobilmachung erforderte." Er habe Roosevelt auch davon überzeugt, auf "Konsensmethoden" zu verzichten und statt dessen "die Autorität des Präsidenten auf eine Person zu übertragen, deren Funktion es sein sollte, immer einen allgemeinen Überblick über die Situation zu behalten und beständig die Ausführung aller Programme zu überwachen, die im Rahmen der täglichen Entscheidungen in den Zuständigkeitsbereich der verschiedenen Stellen fallen. Er sollte im Namen des Präsidenten sprechen und Zweifelsfälle mit den entsprechenden Verwaltungen klären." Roosevelt schuf dann am 13. Januar 1942 das Amt für Rüstungsproduktion (Office of War Production), das Donald Nelson unterstand.

Lord Roll berichtet, wie Monnet als "Berater" des britischen Beschaffungsrats (Supply Council) in Washington eines Tages mit seinem starken französischen Akzent erklärte: "Wir werden nicht 2000 Flugzeuge bauen, wir werden 10000 bauen. Wir werden nicht 2000 Panzer bauen, wir werden 10000 bauen." Monnet kam direkt aus Roosevelts Büro und erläuterte so das "Victory Program". Seine Botschaft an die Briten war klar: Ich bin Franklin Delano Roosevelts Mann, also solltet Ihr besser auf mich hören.

Diese Schlüsselrolle Monnets gewann noch mehr Bedeutung nach dem Tod Roosevelts, als Monnet zum Boten des New-Deal-Konzepts im Nachkriegs-Frankreich und -Europa wurde.

Was die amerikanische Rüstungsproduktion betrifft, so geschah tatsächlich ein Wunder. Das Siegesprogramm von 1941 sah 150 Mrd. Dollar für die Aufstellung von 216 Divisionen vor, davon 61 Panzerdivisionen, sowie für den Bau der genannten Anzahl von Schiffen und Flugzeugen. Bald gab es beeindruckende Ergebnisse. So dauerte z.B. anfangs - 1942 - die Fertigung der berühmten Liberty-Schiffe, der Handelsschiffe nach britischem Modell, auf den amerikanischen Fließbändern noch ein halbes Jahr, doch bis 1943 wurde die Zeit auf 14 Tage verkürzt! Die Rüstungsindustrie organisierte eine Massenproduktion in nie dagewesener Menge und Geschwindigkeit. Die Balfour-Kanone z.B. wurde in weniger als zehn Stunden zusammengebaut, und das von ursprünglich ungelernten Arbeitskräften. Die Autofabriken taten ihre Ressourcen zum Bau von Flugzeugmotoren zusammen, und von Pearl Harbor bis zur Invasion in der Normandie wurden 121000 Flugzeuge gebaut, also etwa 6000 monatlich!

Schon 1943 war klar, daß mit einer solchen Kriegsmaschinerie und dem massiven Kampf der Roten Armee der Sieg sicher war. Es war nur eine Frage von Monaten. Daher begann Roosevelt sofort über Mittel und Wege nachzudenken, die Kriegsmobilisierung beizubehalten und in eine Strategie für einen Frieden durch gegenseitige Entwicklung unter den ehemaligen Kriegsnationen zu verwandeln. Darüber hinaus begann er eine Politik der Großinvestitionen, um den Aufstieg der Entwicklungsländer nach dem Ende der Kolonialherrschaft zu ermöglichen. Schon am 10. August 1941 hatte Roosevelt zu Churchill gesagt: "Ich kann es nicht glauben, daß wir einen Krieg gegen die faschistische Sklaverei führen, aber nichts tun, um Menschen überall auf der Welt von einer rückständigen Kolonialpolitik zu befreien." Von diesem Gedanken ausgehend entwarf er den ursprünglichen Plan für die UNO als Forum für alle Völker der Welt und für eine neue Finanz- und Währungsordnung; daraus wurde das Bretton-Woods-System, das mit dem Marshall-Plan verbunden war.

Aufbauprogramm für die Nachkriegszeit

Im Januar 1945 legte Roosevelt in seiner jährlichen Haushaltsansprache vor dem Kongreß detaillierte Pläne für ein Nachkriegs- Infrastrukturprogramm vor, mit dem die Kriegsindustrie in eine zivile Industrie übergeführt und Bildung, Gesundheitsfürsorge und angemessene Wohnmöglichkeiten für alle Amerikaner - allen voran die aus dem Krieg zurückkehrenden GIs - geschaffen werden sollten.

Am 12. Februar 1945 drängte er den Kongreß zur Ratifizierung der Bretton-Woods-Vereinbarungen und legte seine Vorstellungen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds dar. Es war keineswegs seine Absicht, ein Werkzeug zur Einmischung in die nationale Souveränität von Staaten bereitzustellen, sondern er wollte im Gegenteil ein wirtschaftliches Sprungbrett für die materiellen Voraussetzungen der Souveränität schaffen. Natürlich war das System nicht perfekt, weil es die Vorrangstellung des Dollars implizierte, aber es war ganz auf die Bemühungen Amerikas ausgerichtet, die Welt aufzubauen bzw. wieder aufzubauen - und nicht darauf, die Überlegenheit der anglo-amerikanischen Oligarchie über die Länder und Völker zu organisieren, wie es später der Fall war, nach dem finanziellen Niedergang der 60er Jahre und der Deregulierung, die auf die Abkopplung des Dollars vom Gold am 15. August 1971 folgte.

Roosevelts großer Plan für die Nachkriegszeit war es, der britischen, französischen, holländischen und portugiesischen Kolonialherrschaft ein Ende zu machen, den Sieg über den Nationalsozialismus zu einem Instrument zur allgemeinen Befreiung zu erweitern und eine weltweite Interessengemeinschaft zu organisieren, die auf langfristiger Infrastrukturentwicklung durch Vergabe langfristiger, niedrigverzinster Kredite gründete - eine Art "Zahlungsaufschub-System", bei dem Schritt für Schritt entsprechend der Fertigstellung der Projekte die Rückzahlung der vorgeschossenen Kreditbeträge möglich wird.

Roosevelts plötzlicher Tod am 15. April 1945 verhinderte die Ausführung dieses Plans. Übrig blieb nur der Marshall-Plan im Rahmen des Bretton-Woods-Systems, aber er war auf Westeuropa beschränkt, während Roosevelt ihn für die ganze Welt vorgesehen hatte. Noch schlimmer: Während Roosevelt vorgehabt hatte, Rußland in seine neue gerechte Nachkriegsordnung einzubeziehen, sollte der Marshall-Plan bald eine Rolle im Kalten Krieg spielen. Die heutigen führenden Politiker in Europa, die Roosevelt Naivität vorwerfen und statt dessen den späteren "Realismus" von Churchill und Truman bewundern, verstehen überhaupt nicht, worum es damals ging.

Roosevelts Vision, wie sie hier beschrieben wurde, ließ ihn die nationale Souveränität der einzelnen Staaten und soziale Gerechtigkeit für alle Menschen respektieren. Die imperiale und finanzielle Einstellung Churchills dagegen unterschied sich in nichts von der anglo-amerikanischen Kabale, die Roosevelt in den USA bekämpft und vorübergehend besiegt hatte und die sich auf Ausplünderung und eine globalistische Weltregierungsidee gründete.

Es wird viel von dem großen Streit zwischen Roosevelt und de Gaulle gesprochen. Dieser war zwar real und auch heftig, wurde aber weniger traumatisch, nachdem de Gaulle 1944 die Vereinigten Staaten selbst kennengelernt hatte. Der Streit mündete schließlich in einer Allianz zur Entwicklung der Völker, als de Gaulle Roosevelts Schüler Kennedy unterstützte. Daß "Gaullismus" und "Rooseveltismus" - trotz der legitimen Interessenverschiedenheiten, die aus den nationalen Besonderheiten Frankreichs und der Vereinigten Staaten herrühren - sich zu einem gemeinsamen Plan für gegenseitige Wirtschaftsentwicklung der Völker der Welt und der Ablehnung des anglo-amerikanischen Modells vereinen konnten, hat Monnet ironischerweise gut verstanden. Trotz seiner Meinungsverschiedenheiten mit de Gaulle unterstützte Monnet 1958 de Gaulles Rückkehr an die Macht, weil de Gaulle als einziger fähig war, das französische Kolonialproblem in Algerien zu lösen. Daß ich mit diesen Thesen recht habe, wurde auf bösartige Weise von den Mördern der Kennedy-Brüder und Martin Luther Kings bestätigt, denn es waren die gleichen Kreise, die aus den gleichen oligarchischen Gründen auch de Gaulle zu ermorden versuchten.

Auf zwei wichtige Dinge ist noch hinzuweisen, weil sie uns heute als Lehre dienen können. Das erste ist der wenig kommentierte, aber fundamentale Streit während des ganzen Krieges zwischen Roosevelt und Churchill. An ihm erkennen wir den Unterschied zwischen den beiden wesentlichen Kräften, die einander auch heute bekämpfen: den Kräften des amerikanischen Systems und den anglo-amerikanischen Kräften des britisch-amerikanischen Commonwealth. Das sollte allen Europäern klar sein, ist es aber leider nicht. Der zweite Punkt - der selbst in unserer eigenen Bewegung noch wenig bekannt ist - ist das Erbe von Roosevelts New Deal in Europa, nämlich Monnets Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung Europas nach dem Krieg und die politischen Pläne von Konrad Adenauer, Robert Schuman und auch Charles de Gaulle. Einige werden mir übelnehmen, daß ich all dies sage, aber es ist absolut wahr und eine der schönsten Ironien der Gegenwartsgeschichte in unserem gemeinsamen transatlantischen Universum. Das Erscheinen Lyndon LaRouches in den Vereinigten Staaten ist dabei das letzte gesetzmäßige Element.

Das amerikanische System und die britische Machtpolitik

Um den ersten Punkt besser zu verstehen, erinnere ich an ein häßliches, aber erhellendes Ereignis: Am 10. Mai 1982 hielt der frühere US-Außenminister Henry Kissinger im Chatham House, dem Londoner Sitz des Royal Institute for International Affairs, die Hauptrede zur 200-Jahr-Feier der Gründung des britischen Außenministeriums unter Jeremy Bentham. Kissinger sagte, er sei in allen wichtigen politischen Fragen der Nachkriegszeit gegenüber dem britischen Außenministerium loyal gewesen, selbst bei Streitigkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und England. Als Kernpunkt, warum er manchmal gegen sein eigenes Land, die USA Partei ergriff, nannte er die grundlegenden Unterschiede in der Politik und im Denken von Franklin D. Roosevelt einerseits und Winston Churchill andererseits. Roosevelt habe Churchill vorgeworfen, er sei "völlig sinnlos von Machtpolitik besessen, zu scharf antisowjetisch, zu kolonialistisch in seiner Haltung und zu wenig daran interessiert, eine grundlegend neue internationale Ordnung aufzubauen, wie sie dem amerikanischem Idealismus immer vorschwebte".

Kissinger schloß mit der Behauptung, daß Churchill recht gehabt und Roosevelt sich geirrt habe. So viel zu den vielen Lügen und Halbwahrheiten bezüglich der sog. "Sonderbeziehung" zwischen England und den USA. Die historischen Fakten zeigen, daß Roosevelt das Militärbündnis mit England nur aus einem Grunde einging - nämlich um Faschismus und Nazismus zu besiegen. Aber Roosevelt war genauso entschlossen, das britische Empire aufzulösen. Der Historiker Arthur Schlesinger jun., ein enger Mitarbeiter von John F. Kennedy, meint sogar, aus den Beschreibungen von Roosevelts Sohn Elliot in dem Buch As he saw it gehe hervor, daß Roosevelt Großbritannien und dessen imperiales System als weit größere Gefahr für die USA einschätzte als Rußland.

Jedenfalls waren die Auseinandersetzungen zwischen Roosevelt und Churchill während des Krieges heftig, und sie bestimmen noch die heutige Geschichte. Bereits vor 1930 erklärte Roosevelt in verschiedenen veröffentlichten Aufsätzen, besonders in seinem Artikel in dem Magazin Foreign Affairs 1928, die Außenpolitik müsse moralischen Prinzipien folgen, und eine imperialistische Ausplünderungs- und Kanonenbootpolitik verstoße gegen Dokumente, die für ihn heilig waren: die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der USA. 1936 arbeitete Roosevelt seine Auffassungen deutlicher heraus und schrieb: "Wir wollen die Regierung nicht zu einem mechanistischen Werkzeug machen, sondern ihr einen stark persönlichen Charakter verleihen, der Nächstenliebe verkörpert." Churchill kommentierte dies Jahre später zynisch mit den Worten: "Roosevelt war ein Mann mit gefährlichen moralischen Empfindungen."

Die erste ernsthafte Auseinandersetzung zwischen Roosevelt und Churchill, so berichtet Elliot Roosevelt, ereignete sich in Argentia in Neufundland am 13. und 14. August 1941 in Rahmen der Gespräche über die berühmte "Atlantik-Charta", eine Acht-Punkte-Erklärung zu demokratischen Prinzipien:

",Die britischen Handelsvereinbarungen sind', begann er [Churchill] heftig...

Hier wurde er von Vater unterbrochen. ,Ja; diese Handelsvereinbarungen des Empire sind dafür typisch. Aufgrund dieser [Vereinbarungen] sind die Völker Indiens und Afrikas, aller Kolonien des Nahen und Fernen Ostens immer noch so rückständig wie sie sind.' Churchills Nacken rötete sich und er fauchte: ,Herr Präsident, England schlägt keinesfalls vor, seine begünstigte Position unter den britischen Dominions aufzugeben. Der Handel, der England groß gemacht hat, soll weitergehen - und zwar unter den Bedingungen die von Englands Ministers vorgeschrieben werden.'

,Sie sehen' sagte Vater langsam, ,genau in diesem Punkt wird es wahrscheinlich zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen, Winston, und mir kommen. Ich bin fest überzeugt, wenn wir einen stabilen Frieden erreichen wollen, muß darin die Entwicklung der rückständigen Länder und Völkern eingeschlossen sein. Wie kann dies erreicht werden? Sicher nicht mit den Methoden des 18. Jahrhunderts.' ,Wer spricht von Methoden des 18. Jahrhunderts', knurrte Churchill. ,Jeder Ihrer Minister', antwortete Roosevelt, ,vertritt eine Politik, die Rohstoffe aus einer Kolonie herausnimmt, aber den Menschen des betreffenden Landes dafür nichts wiedergibt. Zu den Methoden des 20. Jahrhunderts gehört eine Anhebung des Lebensstandards, indem man diese Menschen ausbildet und ihnen sanitäre Systeme liefert - indem man sicherstellt, daß sie einen Gegenwert für die Rohstoffe ihrer Länder erhalten'.

,Sie haben Indien erwähnt', knurrte Churchill noch einmal. ,Ja, ich kann nicht glauben, daß wir einen Krieg gegen die faschistische Sklaverei führen und gleichzeitig nichts dafür tun, die Menschen überall in der Welt von einer rückständigen Kolonialpolitik zu befreien.'"

Dieser deutliche Wortwechsel spricht für sich. Roosevelt erklärte später dazu: "Wir müssen den Briten von Anfang an klar machen, daß wir nicht beabsichtigen, einfach nur der gute Onkel zu sein, den man benutzen kann, um dem britischen Empire aus der Patsche zu helfen, um ihn dann für immer zu vergessen."

Schließlich mußte Churchill nachgeben. In einem Absatz der Atlantik-Charta heißt es: "Sie [die Unterzeichner] respektieren die Rechte aller Menschen, sich ihre Regierungsform, unter der sie leben wollen, selbst zu wählen; sie wollen die souveränen Rechte und die Selbstregierung für diejenigen wiederhergestellt sehen, denen sie gewaltsam genommen wurden." Churchill insistierte darauf, dies gelte nur für besetzte Länder, aber Roosevelt setzte die Einfügung des Wortes "alle Menschen" durch und bekräftigte damit die universelle Anwendung. Damit waren alle Kolonien und somit auch die britischen eingeschlossen.

1950 ließ Churchill, ansonsten ein Heuchler, seine wahren Gefühle durchblicken: "Der Geist des Präsidenten befand sich noch im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und er wollte das indische Problem in Begriffen der 13 Kolonien lösen, die Ende des 18. Jahrhunderts gegen König Georg III. kämpften", schrieb er.

Im Juli 1942 unterstützte FDR eine Weltreise des früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten Wendell Wilkie, den er für ein taktisches Bündnis gegen den britischen Imperialismus gewonnen hatte. Nach seiner Rückkehr in die USA schilderte Wilkie in einer landesweit ausgestrahlten Radiosendung seine Eindrücke: "In Afrika, im Nahen Osten, in der ganzen arabischen Welt sowie in China und dem Fernen Osten bedeutet Freiheit die geordnete, aber zeitlich absehbare Abschaffung des Kolonialsystems... Wenn ich sage, um Frieden zu erreichen, muß diese Welt frei sein, berichte ich nur, daß ein großer Prozeß eingesetzt hat, den kein Mensch - mit Sicherheit nicht Hitler - aufhalten kann. Nach Jahrhunderten der unwissenden und schwerfälligen Willfährigkeit haben Hunderte von Millionen Menschen in Osteuropa und Asien die Bücher geöffnet. Alte Ängste erschrecken sie nicht mehr... Sie sind überzeugt davon - und sie müssen es sein - , daß in ihrer eigenen Gesellschaft wie in der Gemeinschaft der Nationen für Imperialismus kein Platz mehr ist. Der Herrensitz auf dem Hügel, der von Lehmhütten umgeben ist, hat seinen furchterregenden Charme verloren."

Am folgenden Tag wurde Roosevelt auf einer Pressekonferenz nach seinem Kommentar zu diesem Abschnitt von Wilkies Rede gefragt. Er antwortete, dieser habe nur die allgemein geteilte Auffassung wiederholt, daß "die Atlantik-Charta für die ganze Menschheit gilt".

Als sich Churchill nicht zurückhalten konnte und am 10. November 1942 vor dem britischen Unterhaus erklärte: "Ich bin nicht Erster Minister des Königs geworden, um der Liquidierung des britischen Empire vorzustehen", schrieb Roosevelt in einem Brief an einen Mitarbeiter: "Wir werden später größere Schwierigkeiten mit England bekommen, als wir jetzt mit Nazi-Deutschland haben."

Roosevelt war klar, daß seine Auffassungen auch in seinem eigenen Außenministerium strikt abgelehnt wurden. Wie oft er auch den Außenamtsmitarbeitern predigte, man müsse in der Nachkriegszeit regionale Sicherheitsvereinbarungen oder eine übermächtige Weltregierung vermeiden, sie versuchten immer wieder, ein neues und größeres Versailler System mit einem noch größeren Völkerbund zu errichten. Aber das war keineswegs das Konzept, das Roosevelt mit den zukünftigen Vereinten Nationen verfolgte. Wie er wiederholt erklärte, wollte er nicht den Weg des gescheiterten anglo-amerikanischen Woodrow Wilson beschreiten. Im Dezember 1943 sagte er seinem Sohn Elliot:

"Du weißt, daß die Leute vom Außenministerium immer wieder versucht haben, mir Meldungen zu verheimlichen, mir verspätet mitzuteilen oder sie irgendwie aufzuhalten, nur weil einige dieser Karrierediplomaten nicht mit meinem Denken übereinstimmen. Sie sollten für Winston arbeiten. Und oft arbeiten sie tatsächlich auch für ihn. Achte nicht auf sie; viele von ihnen sind überzeugt, Amerikas Außenpolitik sollte darin bestehen, herauszufinden, was die Briten tun, und es dann nachzumachen."

Weiter sagte Roosevelt: "Vor sechs Jahren hat man mir geraten, das Außenministerium zu säubern. Es ist wie das britische Foreign Office... Ich werde mich dieser Angelegenheit selbst annehmen. Ich bin der einzige Mensch, dem ich trauen kann."

Der weltweite New Deal

Und das tat er denn auch. Seine Vision für die Nachkriegszeit war ein "weltweiter New Deal": auf weltpolitischer Ebene zu erreichen, was er in den USA geschafft hatte. Zwei Dinge sind dabei hervorzuheben: Erstens sind Lyndon LaRouche und seine Mitstreiter heute die einzigen Erben dieser Ideen des späten Roosevelt. Und zweitens waren Roosevelts Programme unzweifelhaft von einem Konzept der physikalischen Wirtschaft inspiriert, das er sich mit seinem wiederholten Studium Hamiltons und der Erfahrung der dirigistischen Kriegsmobilisierung mit Monnet angeeignet hatte.

Roosevelts "weltweiter New Deal" war praktisch eine Art weltweiter Marshallplan, allerdings viel kohärenter als der spätere Marshallplan und mit einem starken Gewicht auf der Erschließung bis dahin unterentwickelter oder unterbevölkerten Regionen der Welt. Nach seiner Auffassung mußte man den Kriegsflüchtlingen und allen notleidenden Menschen eine Mission geben wie einst die Kolonisation der Neuen Welt. Er wußte, daß alles, was andere bislang darüber dachten, falsch war, weil sie zu klein dachten und das "Amerikanische System", die Verbindung zwischen Wissenschaft und technischer Entwicklung, nicht in die Projekte integrierten.

Roosevelt schlug vor, in Asien, Afrika, Australien sowie Nord- und Südamerika umfangreiche Landvermessungen durchzuführen, um Millionen Quadratkilometer große Gebiete für die Neubesiedlung festzulegen. Dann sollten konkrete Planungen zur Entwicklung von Infrastruktur, Bewässerung, Städtebau und Landwirtschaft erarbeitet werden. Er wollte Großhäfen in Schlüsselpositionen auf verschiedenen Kontinenten errichten, um einen gerechten Welthandel zu fördern. Er schlug den Bau verschiedener größerer Eisenbahnstrecken vor, u.a. in China, und eine Verbindung über China nach Rußland. Weiter schlug er eine Bahnstrecke quer durch den afrikanischen Kontinent in Ost-Westrichtung vor - das alte Konzept einer Transsahara-Strecke des französischen Außenministers Hanotaux - , außerdem eine weitere Strecke von einem neuen Großhafen am Golf durch den Iran bis nach Rußland und dann weiter noch Osten und Westen. Er forderte neue Kanäle und Wasserstraßen in Asien und Iberoamerika, etwa im Flußsystem Ganges-Brahmaputra in Indien, und für Europa Wasserkraftwerke. Darüber hinaus dachte er über umfangreiche Bewässerungssysteme für die Sahara nach. Wasser sollte von unter- und oberirdischen Flüssen für große Wiederaufforstungsprojekte abgepumpt werden, und Erdöl sollte nicht nur exportiert, sondern vor allem im Rahmen dieser Großprojekte verwendet werden.

Das kommt uns heute sehr bekannt vor. Tatsächlich ist der "globale New Deal" ein direkter Vorläufer von LaRouches Plänen. Zwei Anekdoten sollen die Ähnlichkeit des Denkens verdeutlichen.

Als Roosevelt nach der Jalta-Konferenz im Februar 1945 den Nahen Osten besuchte, erklärte er seinem Freund und Arbeitsminister Frances Perkins: "Warum ist der Nahe Osten so instabil? Weil die Menschen hier so arm sind. Sie haben praktisch nichts zu essen. Sie haben nichts, womit sie sich normal beschäftigen könnten. Sie brauchen einen Lebensunterhalt, und sie müssen ihn im eigenen Land finden. Nur dies kann das Risiko einer großen Explosion in diesen Gebieten verringern. Schau Dir an, was die Juden in Palästina getan haben. Sie erfinden immer neue Möglichkeiten, die Wüste zu kultivieren." Er hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: "Wenn ich nicht mehr Präsident bin und dieser verdammte Krieg endlich beendet ist, werden Eleanor und ich vielleicht in den Nahen Osten reisen, um zu sehen, ob wir dort nicht ein Unternehmen wie die Tennessee Valley Authority aufbauen und etwas für diese Länder tun können." Damals war noch nicht an die Kernenergie zu denken, aber das Konzept eines gemeinsamen Zieles, eines Friedens durch Entwicklung, ist klar erkennbar.

Die zweite Anekdote: Perkins berichtet über folgenden Wortwechsel zwischen Roosevelt und einem anmaßendem Journalisten jener Tage. "Sind Sie ein Kommunist, Herr Präsident?" "Nein." "Sind Sie dann für Kapitalismus?" "Nein." "Sind Sie Sozialist?" "Nein." "Was ist dann Ihre Weltanschauung?" "Ich bin Christ und Demokrat, und das beweise ich durch meine Taten, das ist alles."

Als Roosevelt 1944 für eine vierte Amtszeit wiedergewählt wurde und zuvor den Wahlkampf genutzt hatte, um den Amerikanern ihre besondere Verantwortung bei der Gestaltung der Nachkriegswelt deutlich zu machen, paßte das den Briten und der Wall Street überhaupt nicht. Der republikanische Kandidat Thomas Dewey wurde von John Forster Dulles kontrolliert, der sich dadurch auszeichnete, daß er ein noch üblerer Kerl war als sein Bruder Allan Dulles (der langjährige CIA-Chef). Dewey behauptete, Roosevelt und der Apparat des New Deal seien Kommunisten. Die Briten schickten Gesandte, die herausfinden sollten, ab die Lage wirklich so "schlimm" sei, wie sie dachten, was für britische Finanziers in erster Linie hieß herauszufinden, wie Roosevelt seine Vorhaben finanzieren wollte.

Vor dem Kriegsrat für den Pazifik in Washington sagte Roosevelt, er wolle Niedrigzinskredite für Programme und Vorhaben schöpfen und einen koordinierten Plan erarbeiten, um das Zinsproblem völlig aus der Welt zu schaffen. Die Regierungen sollten Maßnahmen ergreifen, um dies zustande zu bringen; dies war sein Konzept eines Bretton- Woods-Systems. Der britische Botschafter Lord Halifax, der angesichts des Planes, mehrere Millionen Chinesen im unterbevölkerten Australien anzusiedeln, bereits vor einem Schlaganfall stand, spürte, daß es noch um weit mehr ging. Er fragte Roosevelt, wie man einen so breit angelegten Plan auf den pazifischen Raum begrenzen könne? Der Präsident schlage damit größere Veränderungen vor, die sich auf den Rest der Finanzwelt und damit auch auf sein eigenes Land England auswirkten. "Gut so", entgegnete Roosevelt nüchtern.

Halifax fragte weiter, was ernsthafte Wirtschaftsexperten von so radikalen Ideen hielten. Roosevelt erklärte höflich, er begrüße Vorschläge von jedem, auch von den Anwesenden. Aber kooperative Verbündete müßten "keine Experten sein und bräuchten keine Experten, um ihre Pläne zu verwirklichen". Als Halifax seinen Unmut zum Ausdruck brachte, fügte Roosevelt hinzu: "Mir ist klar, daß die Experten wahrscheinlich leidenschaftlich gegen diesen Vorschlag [zu Schulden und Zinsen] wären, aber ich habe auch erkannt, daß sich praktisch alles, was mir ,die Experten' am College beigebracht haben, als falsch erwiesen hat."

Doch der überarbeitete und übermüdete Roosevelt starb am 12. April 1945 an den Folgen einer starken Gehirnblutung. In seinen letzten Tagen arbeitete er an einem Plan, den er vorläufig "Nahrungsmittel für den Frieden" genannt hatte: Die amerikanische Landwirtschaft sollte eingesetzt werden, um die Welt zu ernähren, und gleichzeitig sollte diesen Ländern mit Hilfe amerikanischer Technologie ermöglicht werden, sich selbst zu ernähren. Am Tage seines Todes atmete ein Bankier aus Chikago erleichtert auf: "Gott sei Dank, das haben wir hinter uns." Doch die Mehrheit der Amerikaner empfand wie der junge Soldat, der vor dem Weißen Haus stand und immer wieder sagte: "Mir ist, als hätte ich ihn persönlich gekannt."

Churchill war durch seinen Leibarzt davon unterrichtet worden, daß sich Roosevelts Gesundheitszustand verschlechterte. Er verstärkte bewußt den Druck auf Roosevelt, indem er auf dem Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfes 1944 auf zwei Gipfeltreffen in Kanada bestand und den vorgeschlagenen Gipfel mit Stalin so lange hinauszögerte, bis eine schwierige 12000 Meilen lange Reise mitten im Winter nach Jalta erforderlich wurde.

Nach Roosevelts Tod: Der britische Imperialismus faßt wieder Fuß

Sofort nach Roosevelts Beisetzung unternahmen die britische Oligarchie und das Wallstreet-Establishment alles, um dessen Vorhaben und Programme zu zerstören. Die Vereinten Nationen wurden bald von einer Bande britischer Agenten übernommen, Stalins Paranoia wurde systematisch ausgenutzt und so die Bedingungen für den Kalten Krieg geschaffen. Truman wurde überredet, die beiden Atombomben auf Japan abzuwerfen, um jeden möglichen Gegner der neuen Weltordnung abzuschrecken. Die Abschreckungsdoktrin wurde einer verängstigten Bevölkerung aufgezwungen, und die britischen, französischen, holländischen und portugiesischen Kolonien wurden nicht befreit. Statt dessen wurden wieder die Fahnen des britischen Imperialismus hochgezogen. Der Marshallplan wurde darauf reduziert, Westeuropa als Puffer gegen die Sowjetunion aufzubauen, und sollte keinesfalls auf die Südhalbkugel ausgedehnt werden. Mehr noch, die Briten verbreiteten mit Hilfe der Harrimans und der Dulles-Brüder die Legende, ein schwacher Roosevelt habe in Jalta Polen, Ungarn, Rumänien und China ausverkauft. Tatsächlich war es Churchill gewesen, der Stalin in das Zwei-Imperien-Spiel hineingezogen hatte, um das britische Empire zu retten.

Erst heute haben wir wieder eine eindeutige Chance, diese Katastrophe umzukehren und an dem anzuknüpfen, was Roosevelt beabsichtigte. Es ist die alte Idee des Friedens durch gegenseitige Entwicklung, in Europa und weltweit. Die ersten, die sich darum bemühten, waren Ende des 19. Jahrhunderts Sergej Witte, Emil Rathenau und Gabriel Hanotaux; dann folgten Ende des Ersten Weltkrieges Albert Thomas und Walther Rathenau: Die Idee war, den Frieden in der Nachkriegszeit durch große zivile Wirtschaftsprojekte mit den Mitteln einer dirigistischen Kriegsmobilisierung zu sichern. Der dritte Versuch wurde von Roosevelt unternommen, und jetzt ist es an uns, das, was diese Vorgänger begonnen haben, erfolgreich zu beenden. Lyndon LaRouche trägt die Fackel voran mit dem Plan, den Finanzkrach zu einem Hebel und zu einem Realitätsschock zu machen, um politisch über unsere Vorgänger hinauszugehen. Diesmal ist es ein frontaler Angriff, die Entscheidungsschlacht gegen die britischen imperialen Methoden - und da ist innerhalb und außerhalb der USA kein Kompromiß möglich.

Europa 1945 und Roosevelts Ideen

Was das für uns Westeuropäer im einzelnen bedeutet, versteht man nur, wenn man in das Europa von 1945 zurückkehrt. Denn damals kam das, was von Roosevelts Anstrengungen übrigblieb, nach Europa, und das gibt uns eine besondere Verantwortung. Vor allem wir Franzosen und Deutsche hatten das Glück, das Beste aus diesem Erbe zu erhalten, und es ist unsere historische Verpflichtung, dies als Geschenk für die Zukunft an die ganze Welt weiterzugeben. Bisher haben wir Deutsche und Franzosen noch nicht ganz verstanden, was das bedeutet.

Es waren vor allem Roosevelts Methoden, die es uns ermöglichten, unsere Nationen aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges wiederaufzubauen. Nicht dem amerikanischen Schutz vor den "Roten" haben wir es zu verdanken, sondern den Methoden des Amerikanischen Systems, die in jenen dunklen Tagen Europas angewendet wurden. Und hier tritt uns der Name Jean Monnet im Zentrum dieser entscheidenden Herausforderung entgegen.

Monnet war vermutlich der einzige, der in wirtschaftlichen Begriffen erkannt hatte, daß nur Roosevelts Konzepte Europa retten könnten, während Männer wie Adenauer, Robert Schuman, de Gasperi und de Gaulle wußten, daß und wie man die politischen Rahmenbedingungen für eine derartige dirigistische Politik schaffen mußte. Die Kombination dieser beiden Aspekte rettete uns vor Chaos und Zusammenbruch.

Sobald Monnet 1944 nach Europa zurückgekehrt war, betonte er immer wieder, daß eine "indikative Planung" notwendig sei, daß man mit den gewohnten Prozeduren brechen müsse, daß man Pioniertechnologien fördern und eine nationale Mobilisierung zu Wege bringen müsse, um praktisch gleichzeitig Wiederaufbau, Modernisierung und Anhebung des allgemeinen Lebensstandards zu erreichen. In Anlehnung an Roosevelts Vorgehen schlug er eine etwa 30köpfige Arbeitsgruppe aus Regierungsvertretern, Experten, Arbeitgebern, Gewerkschaftern und Managern vor, um die französische Regierung anzutreiben und zu einer gemeinsamen Anstrengung zu vereinen und alle Kräfte des Landes zu bündeln. Er schlug de Gaulle vor, selbst die Verantwortung für dieses "Planungskommissariat" zu übernehmen, unter der Bedingung, daß er direkt dem "Präsidenten des Rates", dem Regierungschef, unterstellt werde. Nach Monnets Vortrag fragte de Gaulle ihn: "Sie haben sicherlich recht. Aber wollen Sie das wirklich versuchen?" Monnet antwortete: "Ich weiß nicht, ob ich erfolgreich sein werde, aber ich bin überzeugt, daß es keinen anderen Weg gibt."

Als de Gaulle im Januar 1946 zurücktrat, setzte sich Monnet gegenüber den schwachen französischen Politikern durch und zentralisierte die staatliche Wirtschaftspolitik um seine Person herum. Die drei ersten französischen Wirtschaftspläne waren ein völliger Erfolg und bildeten die Grundlage für den Wiederaufbau der französischen Wirtschaft.

Wichtig ist, daß ein Fonds für nationale Modernisierung und Ausrüstung eingerichtet wurde, damit die Finanzierung ohne Unterbrechungen und ohne Anheizen der Inflation laufen konnte. Diesem Fonds oblag die volle Verantwortung für das französische Gegenstück zum Marshallplan als "industriellem Hebel". D.h. die französischen Behörden erhielten amerikanische Versorgungsgüter als Geschenk oder über langfristige Kredite. Diese Güter wurden dann in Frankreich gegen Franc verkauft, und gestützt auf diese Einnahmen verlieh der Fonds Gelder an Industrielle oder investierte mit Hebelwirkung in Ausrüstungsvorhaben; das hatte doppelten wirtschaftlichen Effekt und war vom Wesen her anti-inflationär.

Interessanterweise spielten in Deutschland und Frankreich die Marshallplan-Gelder - über den französischen Fonds national de modernisation et d'equipement und über die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau - genau die Rolle, die Roosevelt eigentlich angestrebt hatte. Monnet kommentierte das folgendermaßen: "In Großbritannien setzte man die Kredite der Marshall-Hilfe entsprechend dem perversen System der Auslandsinvestitionen mit dem Ziel ein, die britische Finanzmacht wiederherzustellen, statt sie, wie in Frankreich und Deutschland die Regel war, für Wiederaufbau oder Modernisierung der Industrie zu benutzen. Das war die Ursache der Schwäche und Rückständigkeit der britischen Industrie, die sich über die Jahre verstärkt hat."

In Frankreich wurde das von Monnet und de Gaulle entworfene Konzept der "indikativen Planung" von einer kleinen Gruppe entwickelt, die angewiesen wurde, durch organisierten Druck der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände die Bürokratie zu umgehen. Philippe Lamour (Gründer der Compagnie du Bas-Rhône-Languedoc, die den Südosten Frankreichs modernisierte, und später verschiedener ähnlicher Einrichtungen für nationale Großprojekte wie die Société pour l'aménagement des coteaux de Gascogne) berichtet folgendes:

"David Lilienthal (der frühere Minister Roosevelts, dessen Name mit der Tennessee Valley Authority verbunden war) hat uns inspiriert. Monnet hatte mir dessen Buch Abenteurer der Planung zu Lesen gegeben und ich war begeistert. Dort wurden zu gleicher Zeit Wasserwirtschaft, landwirtschaftliche Entwicklung, Entwicklung des Landes und das erste Atomkraftwerk in Angriff genommen. Als Lilienthal nach Paris kam, stellte Monnet mich ihm mit den Worten vor: ,Erzähl diesem jungen Mann, was du in Tennessee unternommen hast. Tennessee war nicht besser als die Auvergne. Es war aus schlechtgeführten Farmen zusammengewürfelt und ist heute ein reiches Land.' Lilienthal stellte das Konzept der Landentwicklung vor, und wir begannen damit in Frankreich. In Aufbau für das Volk legte Lilienthal dar, daß das, was in den USA unternommen wurde, auch in Europa geschehen könne, z.B. in der Poebene oder dem Rheintal, oder in Afrika und Asien, am Ganges oder am Nil. Dieses dynamische Konzept veränderte meine Vorstellungen über landwirtschaftliche Investitionen völlig. Ich konnte nicht alle im Landwirtschaftsministerium überzeugen, aber Gott sei Dank schafften wir es, weil es mit dem Marshallplan zusammenfiel. Damals begann die landwirtschaftliche Revolution in Europa."

Es waren also die amerikanischen Methoden des New Deal, die Europa aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges retteten und vor der Rückständigkeit des Großteils seiner Eliten schützten.

Monnet war überzeugt, daß es zu einer Katastrophe führen würde, wenn die französischen Industriellen an ihren herkömmlichen Methoden festhielten. Deshalb schickte er sie in die USA. Er organisierte die berühmten missions de productivité, über die Hunderte französische Industrielle in den USA die amerikanischen Methoden kennenlernten.

Monnets enger Mitarbeiter Jean Fourastié meinte dazu: "Die missions de productivité waren Monnets Kind und ursprünglich mit dem Marshall-Plan verbunden. Ich habe sie zusammen mit Bob Silberman organisiert, der vom amerikanischen Arbeitsamt nach Frankreich geschickt worden war. Wir haben 400 solcher Missionen zusammengestellt... Bei ihrer Rückkehr herrschte ein übereinstimmendes Urteil vor: Sie hatten das Rezept für einen Neuanfang bekommen."

Dann schreibt Fourastié etwas Bemerkenswertes: "Die Idee wurde sehr gut aufgenommen, rasch und überall. Wir alle bemerkten das Paradoxe, daß in unseren europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Schriften die Konzepte der Produktivität und des technischen Fortschritts eher ignoriert wurden. Die Ökonomie, wie sie in Frankreich gelehrt wurde - die Lage war aber in ganz Europa ähnlich - ignorierte diese Begriffe. Wir verdanken sie Monnet und Amerika."

Monnet erkannte, daß es ohne ein aktives und unabhängiges Deutschland kein Europa in wirtschaftlicher oder politischer Hinsicht geben würde. Davon wurde er bei seinem Treffen mit seinem britischen Freund Erwin Plowden, dem ersten Vorsitzenden der britischen Kernenergiebehörde, 1954 überzeugt. Plowden, ansonsten ein sehr kluger und informierter Mensch, zeigte sich an den kontinentaleuropäischen Entwicklungen völlig desinteressiert. Leider ging es ihm nur um den Wert des britischen Pfundes, das britische Empire und die "Sonderbeziehung" zu den USA, erkannte Monnet. Ihm wurde klar, daß mit England nichts Gutes zu erreichen wäre. Dann betrachtete er die amerikanische politische Führungsriege, aber verglichen mit der Ära Roosevelt war auch dort nichts zu erwarten.

So entstand Monnets Konzept eines "föderalen Europa" als langfristiger politischer Bezugspunkt. Aber ihm war klar, daß man die Realität nicht durch abstrakte Schemata ändern kann. Daher entschied er sich, konkrete Vorhaben zu beginnen, um die dringend benötigte Grundlage für die europäische Kohle- und Stahlproduktion zu legen. Dabei ging es ihm um drei Dinge: Es wären die ersten Schritte hin zu einem Frieden durch Entwicklung in Europa, sie böten die Möglichkeit, Deutschland als völlig eigenständigen Partner in die europäische Entwicklung zu integrieren, und für Frankreich wäre es das einzige "Grand Design", um mit seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit und seinen katastrophalen kolonialen Illusionen zu brechen. Auch sein zweiter Vorstoß für wirtschaftliche Integration richtete sich 1956 auf die Realwirtschaft: Er setzte sich für eine europäische Behörde für die nukleare Energiegewinnung (Euratom) ein und nicht so sehr für den Gemeinsamen Markt - dem stimmte er schließlich nur zu, weil er keine andere Wahl hatte. Europa sei, so wiederholte er oft, "eine föderale Macht plus der friedlichen Nutzung der Kernenergie".

Sobald er das Konzept einer Europäischen Kohle- und Stahlbehörde entworfen hatte, dessen Kern Frankreich und Deutschland bildeten, das aber allen europäischen Ländern offenstehen sollte, diskutierte er dies mit seinen engsten Freunden. Auf der Grundlage dieser Gespräche verfaßte er eine knappe Notiz an den damaligen französischen Präsidenten des Ministerrates Georges Bidault, wo es heißt:

"Die angehäuften Hindernisse verhindern die umgehende Verwirklichung dieser engen Verbindung der europäischen Völker, die die französische Regierung anstrebt. Um diese Hindernisse zu überwinden, muß man jetzt rasch an einem begrenzten, aber entscheidenden Punkt handeln: die gemeinsame Produktion von Kohle und Stahl würde umgehend die Schaffung einer gemeinsamen Basis für wirtschaftliche Entwicklung sichern - ein erster Schritt in Richtung einer europäischen Föderation - und das Schicksal der Regionen der Welt verändern, die so lange in die Herstellung von Waffen verwickelt waren, deren erste Opfer sie oft selbst wurden.... Im Gegensatz zu einem internationalen Kartell, das dazu neigte, die nationalen Märkte aufzuteilen und auszuplündern, um restriktive Praktiken und hohe Gewinne aufrecht zu halten, würde unsere geplante Organisation die Fusion der Märkte, die Ausweitung der Produktion und die von oben erwirkte Anpassung des Lebensstandards der Arbeiter sicherstellen."

Bidault war nicht begeistert, aber Außenminister Robert Schumans rechte Hand Bernhard Clappier reichte Monnets Schrift an seinen Minister weiter. Am 29. April 1950 zog sich Schuman für das Wochenende in sein Haus in Lothringen zurück, studierte sie genau, und bei seiner Rückkehr am Gare de l'Est erklärte er Clappier lapidar (er war kein guter Redner): "Ich habe Monnets Papier gelesen. Es ist eine Revolution. Meine Antwort lautet: Ja."

Die Zeit drängte, weil für den 10. Mai ein französisch-britisches Gipfeltreffen in London anstand, auf dem über einen amerikanischen Plan zur Auflösung der Ruhr-Behörde diskutiert werden sollte, und ihm war klar, daß er die Anglo-Amerikaner mit einem Überraschungscoup konfrontieren mußte. Sobald Clappier ihn über Unterstützung Schumans informiert hatte, traf er sich mit seinem Freund, dem Generalsekretär des Außenministeriums Alexandre Parodi. Er bat ihn, zunächst nicht die Regierungsbürokratie einzubeziehen, denn um Erfolg zu haben, muß man "alle Botschafter und die üblichen diplomatischen Ärgernisse beiseite lassen". Schuman entsandte daraufhin einen persönlichen Gesandten zu ihrem Freund Adenauer, der diesen aus einer Kabinettssitzung herausholte. Adenauer war zunächst nicht glücklich über die Störung, aber als er hörte, worum es ging, war er vor Freude überwältigt. Dies sei genau seine Vorstellung einer Harmonisierung der europäischen Schlüsselindustrien gewesen, und er habe Schuman seine volle Unterstützung zugesichert, schrieb er später.

Zwei Schritte blieben noch. Noch am gleichen 9. Mai wurde die Zustimmung der französischen Regierung gewonnen und das Vorhaben im Rahmen einer Erklärung Schumans im Quai d'Orsay in Anwesenheit Monnets und seines Teams der Öffentlichkeit präsentiert. Die anwesenden Journalisten und Botschafter fielen fast von ihren Stühlen. Als zweiter Schritt mußte der amerikanische Außenminister Dean Acheson neutralisiert werden, der auf dem Weg nach London einen Zwischenstopp in Paris einlegen wollte. Auch das gelang Monnet vorzüglich, und später schrieb er: "Die begrenzte Vorstellungskraft meines Freundes Acheson" hinderte ihn vielleicht daran, alle Implikationen des Projektes zu erkennen.

Am 10. Mai erboste sich der britische Außenminister Ernest Bevin: "England wurde gedemütigt. Das ist die Politik vollendeter Tatsachen. Das werden wir nicht hinnehmen." Der französische Botschafter in London René Massigli unterstützte Bevin, und Robert Schuman entschuldigte sich zerknirscht, um dann mit etwas schräggelegtem Kopf fortzufahren: "Aber jetzt ist es geschehen."

Monnet war nicht überrascht. Lord Plowden sagte dazu: "Seit meinem Gespräch mit ihm im Frühjahr 1949 hat Jean Monnet meiner Ansicht nach darauf verzichtet, Europa mit Großbritannien aufzubauen."

Die Herausforderung der Gegenwart

Kehren wir nun ins Europa des Jahres 2000 zurück. Vor uns liegt eine klare Aufgabe. Unser Standard sind die Schuman-Monnet-Adenauer-Initiative von 1950 sowie der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von 1963 von de Gaulle und Adenauer. Formale Bürokraten würden einwenden: "Herr Cheminade, Sie bringen hier zwei Dinge zusammen, die unvereinbar sind: auf der einen Seite Monnets föderales Konzept, das sich in gewisser Weise in der Erklärung Joschka Fischers widerspiegelt; und auf der anderen Seite de Gaulles unbedingtes Festhalten an der nationalen Souveränität." Aber nein, es paßt zusammen, nicht formal, aber inhaltlich!

Das ist die Lehre, die Roosevelt uns geben kann: Der Inhalt hat Vorrang. Um die Sache der Nationalstaaten zu gewinnen, müssen wir zunächst die imperialen Methoden der Briten und ihrer anglo-amerikanischen Mitstreiter unschädlich machen. Dies kann nur auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien und Ziele geschehen, über Großprojekte, welche die wirtschaftlichen Bedingungen und die Denkweise der Völker ändern.

Für die Umsetzung dieser konkreten Großprojekte kann Souveränität an eine höhere Autorität abgetreten werden - nicht um den Nationalstaat zu ersticken oder zu schädigen, sondern um ihn im Gegenteil einem höheren Ziel zu öffnen. D.h. keine aus ideologischer Verblendung auf Treibsand errichtete Institutionen, sondern solche, die aus einem gemeinsamen Ziel heraus geschaffen wurden und mit gemeinsamem Handeln auf die physische Realität wirken. Die physische Wirtschaft hat Vorrang.

In diesem Sinne zogen Monnet und de Gaulle in entscheidenden Momenten am gleichen Strang, und in gewisser Weise waren Adenauer und Roosevelt ihr "gemeinsamer Nenner". In Deutschland ist dies die Tradition von Friedrich List - in Frankreich die von Lazare Carnot. Die Beiträge Frankreichs und Deutschland machten das Amerikanische System möglich, und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges strahlten sie dank Roosevelt wieder in Form des deutschen "Rheinland-Kapitalismus" und der französischen "indikativen Wirtschaftsplanung" nach Europa zurück.

Aber dies ist keine abstrakte Angelegenheit, kein Fressen für Bürokraten, Historiker oder irgendein passives Auditorium. Es ist Geschichte, hier und jetzt. Sie gibt uns, Franzosen, Deutschen und Kontinentaleuropäern, eine besondere Verantwortung für uns selbst, die Vereinigten Staaten und die Welt. Wir müssen die Fackeln aufnehmen, die unserer Führer zu Boden fallen ließen, und Europa auf die einzige sinnvolle Weise aufbauen: mit einem Grand Design für es selbst und darüber hinaus. Das ist der Geist Monnets, Adenauers, Schumans und de Gaulles, de Gasperis und Matteis, von dem das neue Bretton Woods und die Eurasische Landbrücke nur Erscheinungsformen sind. Sie gehören nicht Europa oder den USA, sondern unserer gemeinsamen Zukunft als Allianz souveräner Nationalstaaten, als lebende Geschenke für unsere Zukunft, die durch unsere gemeinsamen Beiträge bereichert wird.

Rückblickend können wir dies und jenes behaupten und über den einen oder anderen Fehler schimpfen. Vielleicht hatte Roosevelt tatsächlich kein allzu großes Verständnis deutscher oder französischer Geschichte, und sicherlich hätte er seinen Finanzminister Henry Morgenthau für dessen Plan, Deutschland für immer zu zerstören und aus Frankreich eine große Viehweide zu machen, in den H... treten sollen. Und möglicherweise dachte Monnet manchmal zu angelsächsisch, und sein Föderalismus war zumindest auf lange Sicht mit den Nationalstaatsprinzip unvereinbar. Vielleicht hing de Gaulle 1945 noch imperialen Illusionen nach, und seine Träume von einer Union Française waren überaus gefährlich, wie das Massaker der französischen Kolonialtruppen im algerischen Setif am 8. Mai 1948 zeigt. Aber das eigentliche Problem besteht darin, wenn solches Schimpfen und Bemängeln uns heute vom Handeln abhält!

Denn wir haben keine Ausrede, wenn wir die Angelegenheit aus der Sicht der Zukunft statt der Vergangenheit betrachten. Um die Ideen LaRouches und seiner Mitdenker herum hat sich ein Führungskader gebildet, und wir sollten die Probleme menschlicher Erkenntnis auf eine Weise gemeistert haben, wie es unsere Vorgänger noch nicht konnten. Das ist ein Hauptanliegen dieser Konferenz. Jetzt sind Sie in der Lage zu vergleichen und können sich nicht mehr verstecken. Wir wissen besser, wer wir sind.

Daher haben wir Europäer eine zusätzliche Verpflichtung. Wir müssen in den USA das wiederbeleben und ihnen zurückgeben, was von dem Schatz, den Amerika uns im Wiederaufbau der Nachkriegszeit gab, übrig geblieben ist. Das bedeutet Unterstützung für LaRouche und eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der USA, indem wir uns für den einzigen heutigen Repräsentanten "unseres" Amerikanischen Systems einsetzen.

Ich möchte mit zwei Zitaten schließen. Das eine stammt von Franklin Delano Roosevelt, das andere von Robert Schuman. Es ist nicht die Art Zitat, die den Redner als besonders gebildet erscheinen läßt, sondern sie zielen direkt auf eine Veränderung der Bedeutung des eigenen Lebens, und sind beide von großer Bedeutung für unsere heutige Identität als Patrioten und Weltbürger.

Auf dem Wahlparteitag der Demokraten sagte Roosevelt 1936: "Einigen Generationen wird viel gegeben. Von anderen Generationen wird viel verlangt. Diese amerikanische Generation hat ein Rendezvous mit dem Schicksal."

Und Robert Schuman: "Was wir unternehmen, wird nicht nur für unsere Nationen getan, wir tun es, weil wir weit über unsere Grenzen hinausblicken und darüber nachdenken, was die ganze Menschheit von uns erwartet."

Wir haben heute tatsächlich ein Rendezvous mit dem Schicksal, unsere Vorfahren blicken auf uns, und die Menschheit erwartet, daß wir uns über die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit hinaus bewegen - um die Entscheidungsschlacht zu gewinnen und das oligarchische Prinzip ein für allemal zu besiegen.

 

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