Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2000:


Genomprojekt:
"Jetzt gehen die Probleme erst richtig los"


Was heißt hier "Morsealphabet des Lebens"?
Alles nur ein Riesengeschäft?

Von Dr. Wolfgang Lillge

Das seit 1988 mit Milliardenaufwand laufende internationale Humane Genomprojekt hat jetzt ein erstes Ziel verkündet: Nahezu das gesamte menschliche Erbgut, die DNA, sei entschlüsselt, die Basensequenz sämtlicher Gene verfügbar. An diesem Projekt waren offiziell 16 Forschungsinstitute aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, China und den USA beteiligt, während die private Biotechfirma Celera Genomics des Amerikaners Craig Venter erst sehr viel später auf den Zug aufsprang, aber früher mit dem Sequenzieren fertig war.

Von Anfang an war das Genomprojekt von einer gewaltigen Propagandakampagne aus Industrie und Medien begleitet. Jedem, der es hören wollte, wurde versprochen, daß aus den gewonnenen Informationen jetzt revolutionäre Fortschritte vor allem in der Medizin, in Diagnostik, Prävention und Therapie zu erwarten seien. Das Spektrum reicht von Heilungsversprechungen für Multiple Sklerose, verschiedenste Krebsarten bis zu Bluthochdruck und Schizophrenie.

Insgesamt soll die Gentechnik überwältigende technische und wirtschaftliche Bedeutung für die Zukunft haben und vor allem astronomische Gewinne für jene Life-Science-Konzerne abwerfen, die sich frühzeitig besonders interessante Genabschnitte haben patentieren lassen.

Dazu paßte gut ins Bild, daß der private "Außenseiter" Venter den staatlich geförderten Großforschungsanlagen so medienwirksam den Rang abgelaufen hat. So entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, der kleine, findige "David" hätte mit seinem Privatunternehmen den "Goliath" mit seiner schwerfälligen und langsamen Staatsforschung besiegt.

Für die Behauptung, daß alle diese atemberaubenden Wunderwerke der Gentechnik jemals wahr werden, gibt es keinerlei Beweise. Im Gegenteil, fast alles, was schon bisher unter der Rubrik "Gentherapie" versucht wurde, hat sich als ziemlicher Fehlschlag erwiesen. Alles beruht auf der reinen Annahme, daß man sofort eine Heilmethode zur Hand haben wird, sobald man weiß, welches Gen für eine bestimmte Krankheit verantwortlich ist.

Etwas weitsichtigere Forscher warnen vor solchen unbedachten Prognosen, denn in nichts hat der Mensch bisher weniger Einblick als in die wirklichen Vorgänge des Lebens. Jeder, der die Auffassung teilt, daß der Mensch kein Computer ist, wird sich hüten, in den Jubelchor einzustimmen, daß mit der Sequenzierung des menschlichen Erbgutes irgendetwas Grundlegendes über das menschliche Leben ausgesagt ist.

Das einzige, was sich konkret andeutet, ist die Horrorvision auf den individuellen Genchip, der einem den Zugang zu Krankenversicherung, Arbeitsplatz oder Lebensversicherung öffnet oder versperrt, und die Möglichkeit, noch früher als bisher einen vorgeburtlichen Gencheck vorzunehmen, um über Leben oder Tod neuen menschlichen Lebens zu entscheiden.

Was heißt hier "Morsealphabet des Lebens"?

Seit Anfang der 60er Jahre ist bekannt, daß die DNA des menschlichen Erbgutes aus vier chemischen Basen besteht, die paarweise und in wechselnder Abfolge die Stufen der wendeltreppenartigen DNA-Doppelhelix bilden. Aus rund drei Milliarden solcher Stufen, gruppiert in über 100000 Genen, soll sich das Erbgut auf den 23 Chromosomenpaaren des Menschen zusammensetzen. So gesehen erscheint es tatsächlich nur eine gigantische Rechenaufgabe zu sein, die Basenreihenfolge der einzelnen Gene herauszufinden, um mit einigen anschließenden gentechnischen Tricks entweder defekte Gene zu "reparieren" oder spezielle Medikamente gegen genetisch bedingte Krankheiten zu entwickeln.

Auf der rein molekularbiologischen Ebene ist die Entschlüsselung der DNA die Phase eins, sozusagen die Erstellung eines undifferenzierten Lochstreifens, dessen Text man gar nicht kennt. Dann erst beginnt die eigentliche Arbeit: In Phase zwei müssen die etwa 140000 Gene aufgespürt werden, die man im Erbgut des Menschen vermutet, und in anschließenden Phasen müssen die Regulierungsvorgänge und mögliche Eingriffsmöglichkeiten herausgefunden werden. Für welche Eiweißstoffe liefern welche Gene die Bauanleitung? In welchen Geweben und in welchen der 210 Zellarten des Menschen sind sie aktiv? Zu welcher Zeit? Und wie beeinflussen sie sich gegenseitig?

Aber schon auf Grundlage des heutigen Wissens der Genetik ergeben sich einige Widersprüchlichkeiten, die an der Richtigkeit des ganzen Ansatzes zweifeln lassen. Es ist zum Beispiel bekannt, daß lediglich etwa zehn Prozent des gesamten menschlichen Erbgutes bestimmten Genen zugeordnet werden können. Die Funktion der restlichen DNA-Teile ist weitgehend unbekannt und im strengen molekularbiologischen Sinne also "überflüssig". Wie läßt sich das mit der Vorstellung vereinbaren, daß in der Schöpfung alles einen Sinn hat?

Den Genetikern stellt sich damit ein scheinbar unüberwindliches Problem: Wie soll man etwas über Genabschnitte des Menschen herausfinden, wenn ihnen keine direkte Funktion zugeordnet ist? Zudem weiß man schon heute, daß bestimmte biologische Funktionen nicht nur von einem, sondern von zahlreichen Genabschnitten gesteuert werden. Bis zu 10000 Genen sollen u.a. an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sein.

"Jetzt gehen die Probleme erst richtig los", gestand Othmar Pfannes, Präsident der Firma GeneData in Basel, eines Spin-offs des Biotech-Riesens Novartis, gegenüber der Schweizer Zeitung Facts. "Wir haben ein Buch mit 100000 bis 150000 Wörtern, aber wir können die Wörter nicht richtig erkennen. Bis jetzt sehen wir nur Buchstabensalat." Nur mit Hilfe von Großrechnern und hochgezüchteter Software gelingt es überhaupt, im Gewirr der drei Milliarden Bausteine Gene zu lokalisieren. Durch Vergleiche mit der Erbinformation anderer Lebewesen bekommen die Forscher weitere Anhaltspunkte, welche Funktion bestimmte Sequenzen menschlicher DNS haben könnten.

Ein anderes warnendes Beispiel möge überzogenen Optimismus dämpfen: Nicht einmal ein Dutzend Gene machen aus dem HI-Virus einen tödlichen Killer. "Ein winziges Virus", sagt der Genfer Bioinformatiker Amos Bairoch, "bekannt seit 16 Jahren, und immer noch wissen wir nicht alles darüber."

Beim Menschen wird das Zusammenspiel der Gene richtig kompliziert. Allein um das Gehirn zum Arbeiten zu bringen, sind schätzungsweise 60000 Gene erforderlich. In manchen Zellen könnten 40000 Gene zugleich aktiv sein - und jedes kann auf jedes andere Einfluß nehmen.

Alles nur ein Riesengeschäft?

Äußerungen, das Genomprojekt sei eine der größten wissenschaftlichen Leistungen der Geschichte, sollten mit Vorsicht genossen werden. Weniger in Zweifel steht die Ankündigung, daß sich mit patentierten Genen viel Geld verdienen läßt. Schon jetzt, wo noch kein einziges Medikament auf Grundlage des Genomprojekts vorhanden ist, wollen die Life-Sciences-Unternehmen mit ihren vollmundigen Versprechungen der vollkommenen Gesundheit für alle das große Geld machen. Die Aktien dieser Unternehmen schießen wieder nach oben und helfen die riesige weltweite Spekulationsblase zu stabilisieren.

Profit scheint somit der Hauptmotor hinter der publikumswirksamen Verkündung der Genomprojekt-Resultate zu sein. Ähnlich wie bei der Versteigerung der neuen Telefonfrequenzen zu reinen Spekulationspreisen hat längst auch auf dem Gentechnikbereich das Gerangel um die besten Patente auf DNA-Abschnitte eingesetzt.

Das Wall Street Journal vom 28. Juni machte diesen Punkt in einem Kommentar nachdrücklich klar: "Die Regierungen müssen dafür Sorge tragen, daß der Anreiz - Profit - , der diesen großen Triumph des menschlichen Geistes hervorgebracht hat, nicht zerstört wird." Die Botschaft ist unmißverständlich: "Schlachtet das Genomprojekt privatwirtschaftlich aus, ungeachtet aller dabei auftauchender ethischen Bedenken oder ob sich damit jemals irgendwelche Krankheiten heilen lassen."