Aus der Neuen Solidarität Nr. 35/2000:


Kursk: Die Welt stand
am Rande des Atomkriegs

Wer nüchtern die Berichte und Kommentare der westlichen Medien über den Untergang des russischen Atom-U-Boots Kursk verfolgte, dem mußte einerseits eine erstaunliche "Gleichschaltung" und anderseits eine ans Hysterische grenzende Aufgeregtheit auffallen, wie man sie selbst in den Zeiten des Kalten Krieges kaum erlebt hat. Egal was von russischer Seite gesagt wurde, das westliche Medienurteil lautete "Lüge", "Propaganda" oder "Ablenkung von der eigenen Verantwortung". Allein diese Tatsache, die einem halbwegs erfahrenen Beobachter sofort auffallen mußte, belegt, daß die tatsächliche Lage äußerst gefährlich war, und zwar nicht nur in Rußland und der Barentssee, sondern auf globaler strategischer Ebene.

Inmitten der triumphierenden Propaganda über das "Auseinanderfallen der russischen Streitkräfte" und das "Ende der Atommacht Rußland" haben sich unsere Medien über die Fakten bezüglich des Kursk-Vorfalls und seine Implikationen systematisch ausgeschwiegen. Selbst offensichtliche Fragen wurden einfach nicht aufgeworfen, und dies obgleich aus den Stellungnahmen hochrangiger russischer Regierungsvertreter und anderer hervorgeht, daß die Welt in den Stunden nach dem Untergang der Kursk am Sonnabend, dem 12. August, am Rande eines atomaren Krieges stand.

Hier die wichtigsten bislang bekanntgewordenen Fakten über den Kursk-Vorfall, die von den hiesigen Medien nicht berichtet wurden:

  1. Nach sehr zuverlässigen westlichen regierungsnahen Quellen sowie russischen Presseberichten gab es auf der höchsten Ebene der amerikanischen und russischen Regierung am 12.-13. August Geheimgespräche über den Untergang der Kursk. Diese Gespräche sollten verhindern, daß der Vorfall zu einem möglichen Nuklearkrieg eskalierte, denn eines der sensitivsten Waffensysteme Rußland war "ausgeschaltet" worden. Die Geheimverhandlungen liefen auch in den folgenden Tagen weiter, u.a. reiste CIA-Direktor George Tenet am 17. August nach Moskau, während gleichzeitig eine Delegation hochrangiger russischer Militärs nach Washington flog. Auf westlicher Seite wird über den Inhalt der Gespräche absolutes Stillschweigen bewahrt, in Rußland sind jedoch gewisse Elemente bekanntgeworden.

  2. Es ist die offizielle Position der russischen Regierung - die Verteidigungsminister Igor Sergejew am 21. August im Fernsehsender ORT darlegte und die von etlichen anderen Regierungsmitgliedern wie Vizepremier Klebanow bekräftigt wird - , daß die wahrscheinliche Ursache für das Sinken der Kursk ein Zusammenstoß mit einem fremden Objekt, vermutlich einem ausländischen, d.h. britischen oder amerikanischen U-Boot, war. Westliche Medien taten das als "billigen Ablenkungsversuch" ab, berichteten aber weder über Einzelheiten der russischen Stellungnahmen noch über die Hintergründe, die eine solche Kollision wahrscheinlich machen. Sergejew sagte wörtlich:

    "Um 18 Uhr [am 12.8.] blieb eine vorgesehene Meldung des U-Bootes [Kursk] aus... Der Flottenkommandant alarmierte Such- und Rettungskräfte... Der Standort des U-Boots wurde entdeckt, zunächst als der eines nicht identifizierten Objektes, und daneben befand sich ein zweites Objekt. Die Identifizierung erfolgte am 13.8. um 18.40 Uhr... Die [Untersuchungs-]Kommission neigt zu der Version, daß der Unfall durch eine Kollision verursacht wurde. Und was wir auf dem Meeresboden sehen, das U-Boot, ist die Folge einer Kollision, in die das U-Boot verwickelt war... Die Unterlagen derer, die das [zweite] Objekt am Meeresboden beobachteten, zeigen, daß es höhenmäßig der Größe unseres U-Bootes glich, das ist eine Tatsache... Es war ein großes Objekt, das größenmäßig mit dem U-Boot Kursk vergleichbar ist."

    Sergejew berichtet auch, daß drei schwere Unterwasserexplosionen registriert worden seien.

    Über weitere Einzelheiten, die für einen Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot sprechen, z.B. über die Art der Schäden an der Kursk, wurden von Vizepremier Ilja Klebanow (der die amtliche Untersuchungskommission der Regierung leitet), dem Chef der Nordflotte Popow und dem früheren Chef der Schwarzmeerflotte Baltin berichtet. In der Nähe der Kursk wurden Rettungsbojen eines Typs gesichtet, der von der russischen Marine nicht verwendet wird. Minister Sergejew hat erklärt, man studiere jetzt Satellitenfotos sowie mögliche Fragmente des fremden U-Bootes, die am Meeresboden lagen.

  3. Der stellv. Ministerpräsident Klebanow erklärte am 21. August, die russische Regierung habe die Regierungen Großbritanniens und der USA offiziell um Informationen über die Bewegungen ihrer U-Boote im Gebiet der russischen Flottenmanöver zur Zeit des Vorfalls gebeten. Nach Klebanows Angaben wurden diese Informationen verweigert. Verteidigungsminister Sergejew fügte hinzu: "Wir haben über unseren Vertreter bei der NATO um Informationen darüber gebeten, ob ein anderes Fahrzeug in dem Gebiet der Katastrophe anwesend war. Man sagte uns, es seien keine NATO-Fahrzeuge in dem Gebiet gewesen. Aber es hieß in Brüssel auch,... selbst wenn das der Fall gewesen wäre, ,würden wir das nie zugeben'."

    Russische Vertreter haben wiederholt erklärt, daß mindestens drei fremde U-Boote im Manövergebiet gesichtet wurden, davon mindestens ein amerikanisches und ein britisches. Russische U-Boot-Manöver werden nicht nur seit Jahrzehnten routinemäßig von der NATO beobachtet, amerikanische Jagd-U-Boote spielen dabei auch regelmäßig "Katz und Maus" mit russischen Atom-U-Booten, was in den letzten Jahrzehnten, auch in den 90er Jahren, wiederholt zu Kollisionen und anderen Zwischenfällen geführt hat. Nach zuverlässigen Berichten aus Rußland wie aus westlichen Ländern wurden die Operationen anglo-amerikanischer U-Boote in der Barentssee in den letzten Jahren intensiviert. Dabei handelt es sich keineswegs um ein "Spiel", sondern um bitterernste militärische Aktivitäten, denn im Kriegsfall müßten die westlichen Jagd-U-Boote die russischen Atom-U-Boote so schnell wie möglich vernichten.

  4. Jeder Hinweis, daß der Vorfall mit der Kursk eine strategische Krise mit globalen Implikationen ist und zu einem Atomkrieg hätte eskalieren können, ist im Westen tabu. In der russischen Presse finden sich aber dahingehende Darstellungen, die mit den Aussagen Sergejews und anderer Regierungsvertreter und den bekannten Fakten über den Vorfall übereinstimmen. Ein prominenter Artikel darüber erschien am 22. August im Informationsdienst Prawda. Unter Berufung auf Quellen aus dem Kreml schreibt der Autor Anton Ponomarjow:

    "Am Samstag, dem 12. August, kam es in der Barentssee, wo die Nordmeerflotte der Russischen Föderation Manöver durchführte, zu einem Vorfall, der beinahe zum Ausbruch umfassender Kampfhandlungen geführt hätte - einem Dritten Weltkrieg... Mehrere Tage lang hing das Schicksal der Welt am seidenen Faden, und ein falscher politischer Schritt hätte zu einem nuklearen Schlagabtausch führen können.

    Am 12. August verzeichneten hydroakustische Instrumente an Bord von Schiffen der Nordmeerflotte drei starke Unterwasser-Explosionen in der Barentssee. Der nukleare Raketenkreuzer Pjotr Welikij untersuchte den Ort der Explosionen und entdeckte das Atom-U-Boot Kursk am Meeresboden liegend sowie ein zweites U-Boot. Da die Position der an dem Manöver der Nordmeerflotte beteiligten U-Boote bekannt war, identifizierte man dieses Objekt als ausländisches U-Boot, mutmaßlich ein amerikanisches. Die drei auf den hydroakustischen Instrumenten aufgezeichneten Explosionen deuteten auf die Möglichkeit, daß die Kursk einem Torpedoangriff zum Opfer gefallen war.

    Die Pjotr Welikij berichtete unverzüglich dem Manöverkommandeur über das Vorgefallene und erbat Befehle. Der Flottenstab gab den Bericht an den zentralen Stab der Marine weiter, von wo er an das Verteidigungsministerium gesandt wurde. Marschall Sergejew informierte den Präsidenten über das Geschehene... Angesichts des Ernstes der Lage (ein Vorfall, der Grund für die Einleitung von Kampfhandlungen ist) wurde die sofortige Rückkehr des Präsidenten nach Moskau zur zentralen Kommandostelle erwogen. Diese Option wurde jedoch verworfen. Da die Residenz des Staatschefs in Sotschi genauso gut ausgerüstet ist wie die Büros im Kreml, konnte Putin das Land ebenso wirksam von Sotschi aus regieren. Darüber hinaus hätte Putins Erscheinen an der zentralen Kommandostelle in Moskau auf explizite Kriegsvorbereitungen Rußlands schließen lassen. Sowohl Rußland als auch die Vereinigten Staaten waren sich der Dramatik der Lage sehr wohl bewußt. Aus den gleichen Gründen flog Putin auch nicht gleich in diesen ersten Tagen nach Murmansk oder Seweromorsk...

    Glücklicherweise wurde der Vorfall in der Barentssee erfolgreich mit politischen Mitteln gelöst. Bei einem Telefongespräch zwischen Wladimir Putin und Bill Clinton kam es zu einer Übereinkunft, ,die Angelegenheit friedlich zu regeln'. Das Gespräch des Präsidenten dauerte 25 Minuten, und über seinen Inhalt wurde in den Massenmedien nichts berichtet."

    Von Bedeutung ist auch, daß bei Putins erster Fernsehstellungnahme zur Kursk aus Sotschi der frühere Ministerpräsident Primakow neben ihm stand und im Fernsehen prominent gezeigt wurde. Primakows Erscheinen in einem so entscheidenden Augenblick ist ein weiteres Zeichen für hochrangige Konsultationen über die strategischen Implikationen der Kursk-Affäre.

  5. Die Darstellung der westlichen Medien, die russische Marine sei "völlig verrottet", werde aber wegen "russischer Weltmachtillusionen" weiterbetrieben, ist schlicht falsch. Während die Militärausgaben zwar insgesamt massiv reduziert wurden, hat Rußland seit rund zwei Jahren seine Marine wieder gezielt aufgerüstet, insbesondere die nukleare U-Boot-Flotte und dort die U-Boot-gestützte nukleare Abschreckung. Die Kursk war eines der modernsten Atom-U-Boote der Welt mit einer außerordentlich massiven Feuerkraft, das vor allem zum Einsatz gegen Flugzeugträger vorgesehen war. Aus diesen Gründen haben die USA und andere NATO-Länder ihre Überwachung und "Beschattung" russischer Marineaktivitäten, besonders in strategisch so bedeutsamen Gebieten wie der Barentssee, verstärkt.
Diese Fakten mögen für Leser schockierend klingen, welche die Realität der Weltlage nicht sehen oder nicht sehen wollen: Wir stehen kurz vor einer gigantischen Finanzkrise, und wichtige Teile der anglo-amerikanischen Führungselite sind deshalb in einem Geisteszustand panischer Überregung, wie er in der Vergangenheit immer wieder zu katastrophalen militärisch-strategischen Fehleinschätzungen und Kriegen geführt hat.

Dr. Jonathan Tennenbaum