Aus der Neuen Solidarität Nr. 37/2000:


"Wohlstand durch Buchführung"


"Hedonische" Willkür

Der 5. September wurde zum "Schwarzen Mittwoch" für den Euro. Am Tag zuvor hatte die europäische Einheitswährung bereits ein neues Allzeittief gegenüber dem US-Dollar erreicht. Doch jetzt brachen plötzlich alle Dämme, und innerhalb weniger Stunden wurde nicht nur die Marke von 88 Cents, sondern gleich auch die von 87 Cents zum ersten Mal in der Geschichte des Euro nach unten durchbrochen. Devisenhändler sprachen von "Panikverkäufen" und einem "echten Erdbeben".

Was war geschehen? Der neuerliche Euro-Absturz folgte unmittelbar auf die Veröffentlichung der neuen Wirtschaftszahlen des US-Arbeitsministeriums, die noch einmal eine Schockwelle der Euphorie hinsichtlich der "Neuen Wirtschaft" auslöste: Die vorläufigen Zahlen über die US-Arbeitsproduktivität für das zweite Quartal 2000 wurden drastisch nach oben korrigiert. Statt 5,1% sollte der Produktivitätszuwachs nun sogar 5,7% betragen, mithin der höchste Wert seit 17 Jahren und dreimal so hoch wie im ersten Quartal 2000. Damit wurden von Regierungsseite die geradezu frenetischen Äußerungen des Notenbankchefs Alan Greenspan auf dem alljährlichen Bankierstreffen von Jackson Hole unterstützt, wonach die USA auf dem entscheidenden Feld der Produktivität Europa inzwischen hoffnungslos abgehängt habe. Die unmißverständliche Botschaft von US-Regierung und Federal Reserve an die Finanzmärkte lautete: Kauft amerikanische Aktien und Anleihen! Verkauft eure verbliebenen Anlagen im Euro-Raum!

Um den lebensnotwendigen Bedarf der US-Wirtschaft an ausländischen Geldzuflüssen zumindest im Endspurt zur Präsidentschaftswahl zu decken - rund 1,5 Mrd. Dollar an Anlagegeldern aus Europa und Asien pro Tag müssen es schon sein - , ist den amerikanischen Finanzarchitekten inzwischen so ziemlich jedes Mittel recht.

Diese Form des Wirtschaftskannibalismus gegen die übrigen G-7-Partner hat jetzt sogar die gewöhnlicherweise recht zurückhaltende Bundesbank aufgeschreckt. In ihrem Monatsbericht August spricht die Bundesbank plötzlich offen aus, was jeder nüchtern gebliebene Beobachter im Grunde schon längst weiß: Die amerikanischen Wirtschaftszahlen sind auf krasseste Weise frisiert. Die statistischen Manipulationen sind so haarsträubend, so auf das erwünschte Ergebnis zugeschnitten, daß man jeden Buchhalter eines Unternehmens, der in ähnlicher Weise verführe, ins Gefängnis stecken würde (oder, noch schlimmer, ihm den Nobelpreis für Ökonomie verpassen müßte).

In der gesetzteren Ausdrucksweise der Bundesbank werden die gegenüber Europa weit besseren Produktivitätszahlen der USA folgendermaßen erklärt: "Zum Teil läßt sich diese in den amtlichen Statistiken aufscheinende Diskrepanz zwischen den USA und der Mehrzahl der anderen Industrieländer aber auf methodische Unterschiede, insbesondere bei der Erfassung der Produktion von EDV- und Kommunikationsgeräten und der Nutzung dieser Güter, zurückführen." Das "Produktivitätswunder" ergebe sich nicht zuletzt daraus, daß in den USA zur statistischen Berechnung der Preisinflation seit einigen Jahren "ein sogenannter hedonischer Ansatz" verwendet wird, während man sich in Deutschland nach wie vor auf "traditionelle Methoden" stütze.

Im Kern geht es bei der "hedonischen" Methode darum, eine "qualitätsbereinigte" Preisinflation zu messen. Beispielsweise bleiben die Verkaufspreise für Computer seit vielen Jahren weitgehend konstant, während sich ihre Qualitätseigenschaften wie Prozessorgeschwindigkeiten und Speichervolumen laufend verbessern. Inwieweit sich dadurch die Produktivität des Benutzers erhöht, ist freilich eine ganz andere Frage. Bei der "hedonischen" Methode werden diese Qualitätssteigerungen jedenfalls automatisch als Preisverfall interpretiert. Man behauptet beispielsweise, die Computerpreise seien gegenüber dem Vorjahr um 30% gefallen, obwohl in Wirklichkeit die Preise für Computer genau so hoch sind wie im Jahr zuvor. Es ist zwar nicht völlig abwegig, solche Qualitätsbereinigungen der Preise vorzunehmen. Aber diese Methode eröffnet der Willkür Tür und Tor, und die statistischen Ämter können auf diese Weise praktisch jeden Wert der Preisinflation aus dem Hut zaubern, der ihnen von politischer Seite vorgegeben wird.

"Hedonische" Willkür

So zeigt sich, wie die Bundesbank bemerkt, daß nach der US-Statistik die Preise für Computer und Peripheriegeräte von 1991 bis 1999 um 80% gefallen sind, während die Preise der gleichen Waren nach deutscher Statistik lediglich um 20% gefallen sind. Das hat wiederum einen erheblichen Einfluß auf die allgemeine Anstiegsrate des Verbraucherpreisindexes.

Aber damit nicht genug. Die US-Statistiker gehen noch einen Schritt weiter und schließen messerscharf: Wenn die Preise für Computer nach "hedonischer" Qualitätsbereinigung um 30% niedriger sind als im Vorjahr, obwohl die tatsächlichen Preise gleich blieben, dann kann man sich bei der Messung des Produktionsausstoßes in der Computerindustrie auch nicht an den tatsächlichen Verkaufspreisen orientieren, sondern muß auf das Ganze noch einmal 30% draufschlagen. Dadurch wird wiederum das berechnete Wirtschaftswachstum in die Höhe getrieben - und wenn man den Produktionsausstoß durch die Arbeitsstunden teilt, auch die Produktivität.

In gleicher Weise wird dann weiterhin auch mit den Investitionen der Unternehmen in Computertechnologie verfahren. Die Bundesbank hat sich den Spaß gemacht und selbst einmal "hedonisch" gerechnet. Plötzlich waren die EDV-Investitionen des Jahres 1998 in Deutschland "mit schätzungsweise 64 Mrd. DM mehr als doppelt so hoch wie die realen Investitionen nach der amtlichen Statistik; im Jahre 1999 betrug der Abstand sogar reichlich 170%."

Nach dem bekannten Effekt in Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider verursachten auch die Feststellungen der Bundesbank ein allgemeines "Aha-Erlebnis". Am 4. September verfaßte James Grant, Herausgeber eines Finanz-Nachrichtenbriefes in den USA, einen Kommentar in der Londoner Financial Times mit dem Titel "Amerikanischer Hedonismus läßt Deutschland kalt", in dem der Monatsbericht August der Bundesbank zitiert und die USA sarkastisch als "Weltmeister dieser Form des Hedonismus" abgeurteilt wurden. Alan Greenspan liege völlig falsch mit seiner Verherrlichung amerikanischer Produktivitätszuwächse. Das eigentliche Geheimnis der "Neuen Wirtschaft" in den USA liege ganz woanders, nämlich in "Wohlstand durch Buchführung".

Einen Tag später veröffentlichte wiederum die Financial Times einen Leserbrief des ehemaligen Chefökonomen der Dresdner Bank Kurt Richebächer, der neben der "hedonischen" Methode auch einen weiteren Zahlentrick der US-Statistiker hervorhebt. Während man in aller Welt die Software-Einkäufe der Unternehmen als Vorleistungen verbucht, machen die Statistiker in den USA daraus Investitionen in die Erweiterung des Kapitalstocks. Anders als Vorleistungen werden Investitionen als Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt gezählt, was dann wiederum Wirtschaftswachstum und Produktivität anschwellen läßt.

Richebächer verdeutlicht die dramatischen Auswirkungen dieser beiden statistischen Tricks anhand der Entwicklung in den USA in den 18 Monaten seit Anfang 1999. Während die Computerinvestitionen in diesem Zeitraum real 114 Mrd. Dollar betrugen, machte die "hedonische" Methode daraus 299 Mrd. Dollar. Hinzu kamen dann noch, ebenfalls "hedonisch" aufgeblähte, 226 Mrd. Dollar an Software-Ausgaben. Auf beide statistischen Tricks zusammen (es gibt noch andere) entfällt demnach bereits ein Drittel des gesamten behaupteten Wirtschaftswachstums in den USA.

Auf diese Weise, so Richebächer, erzeuge die US-Wirtschaft von Jahr zu Jahr mehr "fiktives Wirtschaftswachstum und entsprechend auch mehr und mehr fiktives Produktivitätswachstum". Einen viel besseren Maßstab für wirtschaftlichen Aufschwung liefere statt dieser zweifelhaften Methoden die Entwicklung der frei verfügbaren Einkommen. Da ist in den USA von "Boom" allerdings nichts zu sehen: im Juni betrug das Wachstum hier 0,0%, und im Juli waren es 0,1%.

Alle angeführten statistischen Manipulationen wurden in dem von Lyndon LaRouche herausgegeben EIR-Magazin schon seit geraumer Zeit in aller Ausführlichkeit dokumentiert (siehe etwa die Ausgabe vom 16. Dezember 1999) und weltweit in Regierungskreisen bekannt gemacht. Die plötzlich stark angestiegene Aufmerksamkeit für diese Angelegenheit beweist, daß man sich in einigen Hauptstädten unter dem Druck der Ereignisse genötigt sieht, die Messer zu wetzen.

Lothar Komp