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Aus der Neuen Solidarität Nr. 16 vom 18.4.2001:

Den Todeswunsch verschwinden lassen


Von Jutta Dinkermann

Mir geht seit Tagen ein Bild aus einer Fernsehreportage nicht mehr aus dem Kopf. In einem Züricher Altenheim liegt ein alter Mensch in einem Bett; niemand hat sich seit Monaten um sein geistiges Wohlbefinden gekümmert. Wenn er Glück hat, wird er regelmäßig gewaschen und gefüttert. Ist es da ein Wunder, daß er schließlich sterben will?

Sein Wunsch könnte in Erfüllung gehen, denn seit kurzem dürfen "Sterbehelfer" in die Heime kommen und die Menschen töten. Warum geht statt dessen niemand zu dem alten Menschen, spricht mit ihm, hält seine Hand, liest ihm vor, fährt ihn vielleicht im Rollstuhl an die frische Frühlingsluft und läßt den Todeswunsch verschwinden?

Aber können die Züricher oder die Niederländer wirklich damit leben, Menschen einfach umzubringen, wenn sie lästig werden? Können sie im Wissen um diese Zustände, um ein ähnliches Schicksal, nämlich selber alt zu werden, vielleicht sogar glücklich sein? - Ich denke nicht.

In ganz Westeuropa nehmen Geisteskrankheiten, Depressionen, Angsterkrankungen und Selbstmorde rapide zu. Dies ist nicht nur eine Reaktion auf ein persönliches Umfeld, an dem es an Fürsorge und Liebe mangelt. Überall finden sich Menschen heute von schierer Zerstörung umgeben. Wahnsinn, Kriege, Hungersnöte, Seuchenzüge, wohin das Auge reicht. Global betrachtet, lebt die Menschheitsfamilie bereits in einer Hölle, die ein großer Teil von ihnen, wenn auch nicht direkt, dann doch indirekt mit zu verantworten hat. Denn bei aller dokumentierten Verantwortlichkeit der Politiker sind es ja die einzelnen Menschen, die es diesem Bösen durch ihre Lieblosigkeit und fehlender Anteilnahme erst erlaubt haben, sich niederzulassen und auszubreiten.

Teile der sogenannten Dritten Welt haben sich nur deshalb bereits in Friedhöfe verwandelt, weil der einzelne Bürger jahrzehntelang nicht gegen eine Hungerpolitik eingeschritten ist, die diesen Ländern von westlichen Regierungen aufgezwungen wurde.

Und was die Euthanasiepraxis angeht: Alte, kranke und schwache Menschen werden nur dann umgebracht, wenn die Gesellschaft dies toleriert. Und alte, kranke und schwache Menschen äußern in der Regel nur dann den Wunsch, umgebracht zu werden, wenn man sie alleine läßt, ihnen soziale Teilnahme und angemessene medizinische Versorgung versagt.

Offenbar befinden wir uns wieder einmal an einem tragischen Punkt der Menschheitsgeschichte, dessen Ausmaß und Ernst sich für mich persönlich am treffendsten mit der Sprache des katholischen Dichters Reinhold Schneider (1903-1958) beschreiben läßt:

"Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen."

Wir stehen an einem Punkt, an dem die schweren Stiefel Gewalt, Rohheit und Perversität jedes feinere Empfinden und die Fähigkeit zur Menschenliebe brutal niedergetreten haben. Man mag und darf dieses Bild für eine Weile beklagen, doch wäre es falsch, es bei der Klage zu belassen. Denn erst, wenn wir uns resigniert und angewidert abwenden, wird die Situation wirklich hoffnungslos. Erst dann ist das "Heil", von dem der Dichter spricht, nicht nur verborgen, sondern gänzlich verschwunden.

Wer sonst soll das am Boden liegende Pflänzchen der Menschen- und Nächstenliebe aufrichten, es umhegen und niemals und unter keinen Umständen den Versuch aufgeben, es schließlich doch einmal zum Wachsen und Blühen zu bringen - wenn nicht wir?

Wir, die wir verstanden haben, daß menschliches Leben etwas Besonderes und Einzigartiges, ein hegens- und schützenwertes Gut darstellt? Wir, die wir verstanden haben, daß dem Menschen in dieser Schöpfung und am fortwährenden Bau dieser Schöpfung eine zentrale Rolle zukommt? Daß Menschenliebe Motor und Triebfeder jedes echten Fortschritts der Weltgeschichte war und ist?

Ist das, wie der Volksmund sagt, "vergebliche Liebesmüh"? Ich meine, Nein. "In den Tiefen, die kein Aug entschleiert" weiß ich gemeinsam mit Schneider um eine jedem einzelnen Menschen seit jeher eingepflanzte Grundsehnsucht nach dem Guten und Schönen. Einer Sehnsucht nach Wahrheit und nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Zweck menschlichen Lebens. Diese Antwort ist jedoch nicht in Zerstörung und in einer Verwilderung menschlicher Sitten zu finden. Sondern in einem achtungsvollen und fruchtvollen Miteinander und Füreinander.

Es reicht daher nicht aus, die Niederlande offiziell zu ächten. Jeder einzelne Bürger in diesem Lande, in den Niederlanden oder in der Schweiz muß sich nun entscheiden. Welchen Weg will er gehen? Will er weiter Brutalität, Macht, Willkür, Zerstörung und Sinnlosigkeit tolerieren, oder will er an dem Wiederaufbau einer Kultur mitwirken, die von Fürsorge und Menschenliebe getragen ist und eine Antwort auf die menschliche Sinnfrage anbietet?

Wer letzteres bejaht, ist aufgerufen, sich schleunigst auf den Weg zu machen,

"Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen."1


Anmerkung

1. Alle Zitate entstammen Reinhold Schneiders Gedicht "Allein den Betern".

 

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