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Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2003

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Sage mir, ob der Mensch gut oder böse ist -
und ich sage Dir, was Du bist!

War Schiller ein Kantianer?

Von Ralf Schauerhammer


1.1 Kants Denkweise anhand seiner Schrift
Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

1.2 Schillers Denkprozeß anhand des Begriffs des Erhabenen

2.1 Friedrich Schillers Menschenbild:
Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der Mosaischen Urkunde

2.2 Der Mensch des Immanuel Kant:
Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte

Schlußbemerkung

Friedrich Schiller wurde oft (und nicht nur von Heine) als "Kantianer" bezeichnet; viele behaupten, sein Denken sei "von Kant beeinflußt" oder zumindest, er habe "seine wesentlichen Ideen durch die Beschäftigung mit Kants Werk gewonnen". Die Denkweise und das Menschenbild Schillers und Kants sind derart verschieden, daß man sich wundern muß, wie jemand, der die Schriften beider gelesen hat, etwas derartiges behaupten kann. Daß ich Denkweise und Menschenbild Schillers für überlegen halte, möchte ich gleich zu Beginn ehrlich zugeben. Auch soll der Leser in diesem kurzen Aufsatz nicht den Versuch eines umfassenden Beweises dieser Behauptung erwarten. Ich möchte nur einen Wegweiser für die Untersuchung dieser Frage geben, die jeder nur für sich selbst anhand der Lektüre der Schriften von Kant und Schiller entscheiden kann. Und wenn der Leser merkt, daß dieser Wegweiser nicht nur nach außen auf Schiller und Kant zeigt, sondern auch nach innen, in seine eigene Brust, dann wird er verstehen, was ich meine.

Ich werde im folgenden zweimal zwei Schriften von Kant und Schiller gegenüber stellen. Zuerst Kants Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen und Schillers kurzen Aufsatz Über das Erhabene, worin die unterschiedliche Denkweise deutlich hervortritt. Dann vergleiche ich zwei Schriften, in denen das jeweilige Menschenbild besonders deutlich zu Tage kommt: Schillers Schrift Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der Mosaischen Urkunde und Kants Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte.

Schillers Denkweise läßt uns immer den "philosophischen Kopf" erkennen, der bestrebt ist, das untersuchte "Gebiet zu erweitern", der weiß, daß "nur der abstrahierende Verstand ... jene Grenzen" in der Wissenschaft "gemacht hat" und dessen "edle Ungeduld ... nicht ruhen kann, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben"; ja, der sein einmal errichtetes Ideengebäude "selbst zertrümmert", um es "vollkommener wiederherzustellen". Wir erleben bei Schiller immer einen Gedankenprozeß und werden selbst zum Weiterdenken angeregt.

Kant erweckt durch einen komplizierten und trockenen Vortrag den Eindruck einer alles berücksichtigenden, tiefen Betrachtung, welche das eigene Wissen immer selbstkritisch durchleuchtet. Schaut man genauer hin, so entpuppen sich die tiefen Urteile leider allzuoft als unhaltbare Vorurteile, und viele der tiefsinnig kompliziert klingenden Sätze werden, wenn man sich endlich klar gemacht hat, was sie denn sollen, zu ärmlichen Belanglosigkeiten. Für Kants Denkweise ist ein formalistischer, bisweilen pedantischer Zug typisch. Ich muß zugeben, daß ich mich beim Lesen von Kant oft ungut fühle, weil mein Denken nicht, wie bei Schiller, angeregt wird, sondern im Gegenteil in Denkschablonen gepreßt, eingeengt und manipuliert wird. Die berühmten "Kantschen Antinomien" sind ein Beispiel einer derartigen Manipulation, eine Argumentationskette, die wirklicher Wahrheitsfindung widerspricht.

Genauso konträr wie die Denkweise ist das Bild, welches sich Schiller und Kant vom Menschen machen. Zeigt Schillers Begriff des Erhabenen, daß die Willensfreiheit ein wesentlicher Charakterzug des Menschen ist, so belegt sein Aufsatz Über die erste Menschengesellschaft, daß sich diese Freiheit durch die Nächstenliebe entwickelt. Es ist die im Menschen verwirklichte, höchste Form der "Sympathie", welche Schillers Ode An die Freude als die das gesamte Universum bewegende Kraft feiert, welche vom "Wurm" bis zum "Cherub"-Engel alle "Wesen trinken"! In der Ersten Menschengesellschaft zeigt uns Schiller, wie sich diese Fähigkeit zur Liebe sowohl in jedem einzelnen Menschen ausformt und entwickelt als auch in der Geschichte der menschlichen Kultur zu immer neuen Höhen weiterentwickelt werden muß. Nur das Abweichen von oder Blockieren dieser Entwicklung führt zu Ungleichheit, Gewalt und Unterdrückung. Schillers Mensch ist gut, denn sein Wesenskern ist diese Liebesfähigkeit, aus der heraus er seine emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten sowie die Formen des staatlichen Zusammenlebens entwickelt.

Wie anders ist Kants Menschenbild. Er vertritt die Vorstellung, der Mensch sei "notwendigerweise" böse, das Böse wurzele im menschlichen Charakter, weshalb er den Menschen als "radikal böse" bezeichnet. Konsequent versucht er, durch Gesetz und Pflicht eine Staatsordnung zu entwickeln, die "selbst ein Volk von Teufeln" zur Vernunft bringen kann - welch ein Gegensatz zu Schillers "ästhetischer Erziehung" des Bürgers zum "freien Staat"! Das beste, wozu Kant in seiner lieblosen Welt schließlich gelangen kann, ist der Anspruch, daß "die Menschheit" in jedem Menschen geheiligt werden müsse; weil der Mensch "Zweck an sich selbst" sei. Das ist denn auch der "Höhepunkt", auf den Kants Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte hinsteuert. Doch sehen wir uns das genauer an.

1.1 Kants Denkweise anhand seiner Schrift
Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

Kant beginnt mit den Worten: "Die verschiedenen Empfindungen des Vergnügens oder des Verdrusses beruhen nicht so sehr auf der Beschaffenheit der äußeren Dinge, die sie erregen, als auf dem jedem Menschen eigenen Gefühl, dadurch mit Lust oder Unlust gerührt zu werden ..." Kant sagt, er wolle das Gefühl betrachten, welches das Empfinden des Schönen und Erhabenen hervorruft.

Er macht jedoch sofort die folgende Einschränkung: "Doch schließe ich hievon die Neigung aus, welche auf hohe Verstandeseinsichten geheftet ist, und den Reiz, dessen ein Kepler fähig war, wenn er, wie Bayle berichtet, eine seiner Erfindungen nicht um ein Fürstentum würde verkauft haben. Diese Empfindung ist gar zu fein, als daß sie in den gegenwärtigen Entwurf gehören sollte, welcher nur das sinnliche Gefühl berühren wird, dessen die Seelen fähig sind."

Welch ein Armutszeugnis und wie eines denkenden Menschen unwürdig ist das Beiseitelassen von Keplers Verhalten! Jeder denkende Mensch greift doch gerade diese außergewöhnlichen Fälle auf, um etwas Wesentliches zu erfahren. Hinter der scheinbaren "Denkökonomie", komplexe und überraschende Fälle "für's erste" beiseite zu legen, weil sie "zu fein" seien, verbirgt sich eine Denkungsart, die Schiller mit dem Begriff des "Brotgelehrten" brandmarkte. Denn dieses "zu Feine", dieses "Übersinnliche" ist es doch gerade, was zu untersuchen wäre, und welches Schiller in seinen theoretischen Schriften über das Erhabene erforscht. Und in seinem Gedicht Die Künstler sagt er, daß die Wissenschaft nur "durch das Morgentor des Schönen" ins menschliche Leben eintrat, weswegen dem schöpferischen Geist auch heute noch die "Wahrheit als Schönheit" entgegentritt. Das ist es, was Kepler Erfindungen kostbarer macht als irdische Güter.

Für Kant ist dieser Gedanke "zu fein". Er plaudert statt dessen über "das Gefühl des Schönen und Erhabenen". Den "Anblick eines Gebirges", die "Beschreibung eines Sturmes" oder Miltons "Schilderung des höllischen Reiches" findet Kant erhaben, die "Aussicht auf blumenreiche Wiesen, Täler mit schlängelnden Bächen, bedeckt von Herden" oder "Homers Schilderung von dem Gürtel der Venus" erzeugt das Gefühl der Schönheit. "Das Erhabene rührt, das Schöne reizt." Und "das Erhabene muß jederzeit groß, das Schöne kann auch klein sein. Das Erhabene muß einfältig, das Schöne kann geputzt und geziert sein." Auch: "Freundschaft hat hauptsächlich den Zug des Erhabenen, Geschlechterliebe aber des Schönen an sich" usw. usw.

"Leute, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, suchen ihre redlichen, beständigen und ernsthaften Freunde nur in der Not auf; den scherzhaften, artigen und höflichen Gesellschafter aber erwählen sie sich zum Umgang." Ist das nicht schlimm für diejenigen, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, daß sie ihre ernsthaften Freunde nur in der Not treffen? Kant fährt fort: "Man schätzt manchen viel zu hoch, als daß man ihn lieben könnte. Er flößt Bewunderung ein, aber er ist zu weit über uns, als daß wir mit Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern getrauen." Armer Kant! Es muß ihm unmöglich gewesen sein, Gott zu lieben, denn welcher Mensch auch immer so weit über Kant stand, daß er ihn nicht lieben konnte, Gott steht unendlich weit über diesem. Kant kannte keinen "lieben Gott".

Kants Stärke ist das Kategorisieren. Und deshalb werden von ihm nun auch die Menschen zur Untersuchung des Erhabenen und Schönen geradezu zwanghaft in vier Typen eingeteilt. Kant behauptet, der sanguinische Typ "vereinbart" sich "am natürlichsten mit dem Schönen", während der "melancholische ... vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene" hat. Der "cholerische" Typ kann durchaus für das Erhabene empfänglich sein, wenn dieses von der Art "des Prächtigen" ist. Wo hingegen "dem phlegmatischen" Typ keine "Ingredienzien von Erhabenen oder Schönen in sonderlich merklichem Grade zukommen". Genauso gründlich wird dann der "Unterschied des Erhabenen und Schönen in dem Gegenverhältnis beider Geschlechter" untersucht, wobei herauskommt, daß das männliche dem Erhabenen näher stehe, während das weibliche mehr dem Schönen geneigt sei. Welch tiefe Betrachtung und welch überraschende Erkenntnis!

Schließlich kann sich Kant nicht verkneifen, auch noch den "Nationalcharakter" bezüglich des Gefühls des Schönen und Erhabenen zu untersuchen. Er behauptet: "Unter den Völkerschaften unseres Weltteils sind meiner Meinung nach die Italiener und Franzosen diejenigen, welche dem Gefühl des Schönen, die Deutschen aber, Engländer und Spanier, die durch das Gefühl des Erhabenen sich unter allen übrigen am meisten ausnehmen."

Nachdem er dieses ausführlich abgehandelt hat, wirft Kant auch noch "einen flüchtigen Blick" auf die "anderen Erdteile". Er setzt kurzerhand die Araber mit den Spaniern gleich und die Perser mit den Franzosen, um sich dann zu folgenden erhellenden Feststellungen aufzuschwingen: "Welch läppische Fratzen enthalten nicht die weitschichtigen und ausstudierten Komplimente der Chineser; selbst ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche und unnatürliche Gestalten vor." Von dem durch seine Kritik der Erkenntnisfähigkeit des Menschen so berühmten Denker hätten man an dieser Stelle eigentlich die kritische Frage erwartet, ob es sich hier nicht möglicherweise um ein Vorurteil handele.

Die philosophische Tiefe, die Kant in dem unmittelbar folgenden Abschnitt erreicht, ist kaum zu unterbieten:

Kant hob einleitend hervor, daß es vor allem auf das "jedem Menschen eigene Gefühl" ankommt, wodurch er "mit Lust oder Unlust gerührt" werde. Bei den "Negers von Afrika" ist in Sachen Schönheit und Erhabenheit einfach nichts vorhanden, "vorurteilt" Kant.

1.2 Schillers Denkprozeß anhand des Begriffs des Erhabenen

Welcher Unterschied zu Friedrich Schiller, der seine Schrift Über das Erhabene mit einem Zitat aus Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise beginnt:

Stimmt! Aber was hat das mit dem Erhabenen zu tun? Lesen wir weiter:

Aha! Es gibt diesen Widerspruch zwischen der Willensfreiheit und der Notwendigkeit, die uns am drastischsten im Tod entgegentritt. Wir beginnen zu ahnen, was das mit dem Begriff des Erhabenen zu tun haben könnte. Lesen wir weiter.

Da haben wir den Schlüssel. Wie kann uns die in der "menschlichen Natur vorhandene ästhetische Tendenz" diesen Widerspruch zwischen Freiheit und Notwendigkeit lösen helfen? Das muß es sein! Die nun folgende Entwicklung des Begriffs des Erhabenen mag der interessierte Leser in Schillers Schrift selbst nachlesen. Hier geht es ja nur um seine Denkweise.

Was tut Schiller? Er erzeugt in unserem Kopf einen gewaltigen Widerspruch. Er stellt den Charakter des Menschen als willensfrei dar: "Der Wille ist der Geschlechtscharakter des Menschen." Dann konfrontiert er uns mit der Unmöglichkeit dieses Anspruchs: dem Tod, gegen den es kein Mittel gibt! "Aber diese einzige Ausnahme, wenn sie das wirklich im strengen Sinne ist, würde den ganzen Begriff des Menschen aufheben." Mit solch einem Paradox kann unser Geist nicht leben, er muß es auflösen. Alles, was Schiller nun über den Begriff des Erhabenen entwickelt, fließt notwendig aus dem Gedankenpotential, das er mit diesem Paradox geschaffen hat, und wir selbst empfinden seine Gedankenentwicklung nicht nur als natürlich, sondern werden immer wieder zu eigenen weiterführenden Gedanken angeregt.

2.1 Friedrich Schillers Menschenbild:
Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der Mosaischen Urkunde

Der einleitende Teil "Übergang der Menschen zur Freiheit und Humanität" ist so schön, daß ich ihn etwas ausführlicher zitieren möchte:

Welch schöne Deutung der biblischen Worte: "Da sprach die Schlange zum Weibe: ,Ihr werdet nicht des Tods sterben, sondern Gott weiß, daß, welchs Tags ihr davon esset, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist.'" Schiller fährt fort.

Es wäre so viel zu diesem Absatz zu sagen, und er regt zu vielen Ideen an. Ich möchte jedoch nur auf einen Punkt das besondere Augenmerk lenken, weil dieser für die Art und Weise, wie Kant diese Stelle interpretiert, von Bedeutung ist. Schiller erklärt, daß die menschliche Glückseligkeit nicht in der Erfüllung einer sinnlichen Begierde liegt, wie sie auch das Tier kennt, sondern im autonomen Streben und Verwirklichen einer vorgestellten Idee. Der menschliche Trieb bleibt nicht wie der tierische auf der Ebene der Befriedigung der Sinne, sondern es tritt etwas Neues dazwischen, was nicht nur eine Verzögerung der Befriedigung, sondern eine qualitativ neue Art der Befriedigung bewirkt. Die schöpferische "Arbeit" des Menschen wird zur Befriedigung der Begierde notwendig, weil deren Ziel etwas qualitativ Neues ist und in den Bereich der Idee zielt.

Doch folgen wir Schiller noch etwas weiter, der aus dem bisherigen nun die Bedeutung der Entwicklung der Fähigkeit zur "Sympathie" für das Menschsein entwickelt, indem er mit der Beschreibung des "häuslichen Lebens" fortfährt.

Diese Mannigfaltigkeit bringt es nun mit sich, daß sich individuelle Unterschiede und verschiedene Lebensweisen herausbilden. Da wo dieser Unterschied egoistisch ausgenutzt wird, manifestiert sich die Ungleichheit. Ja, der Mensch kämpft bald nicht mehr nur gegen wilde Tiere, sondern gegen den Nebenmenschen. Auch erwachte durch diese Ungleichheit die "unglückliche Leidenschaft des Neides". Der ungleiche Zustand wurde vom Vater auf den Sohn vererbt, und das

Und schließlich endet Schiller seinen Aufsatz mit der für die damaligen Zeiten des aufgeklärten Absolutismus ungeheuerlichen Feststellung, daß "der erste König ein Usurpator war, den nicht ein freiwilliger einstimmiger Ruf der Nation (denn damals war noch keine Nation), sondern Gewalt und Glück und eine schlagfertige Miliz auf den Thron setzten".

2.2 Der Mensch des Immanuel Kant:
Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte

Betrachten wir nun die Schrift Immanuel Kants, welche angeblich dem Aufsatz Schillers zur Vorlage gedient haben soll. In der Tat macht Kant formal das gleiche, indem er die Bibel als historische Urkunde zur Beschreibung des "mutmaßlichen Anfangs der Menschengeschichte" hernimmt. Doch welche niedere Vorstellung des Menschen kommt darin zum Ausdruck!

Kant teilt die Entwicklung in vier Schritte ein, welche die Vernunft des Menschen macht, und ordnet diesen Schritten Bibelstellen zu. Warum gerade vier Schritte, und warum diese, erklärt er nicht.

Im ersten Schritt, den die Vernunft über den Instinkt hinausgeht, erweitert sie die Grenzen der Nahrungsaufnahme über den Instinkt hinaus. Das ist für Kant nicht eine Befreiung und qualitative Veränderung des Menschen, sondern eine durchaus problematische Sache, und sofort entspringt diesem ersten Vernunftgebrauch der Mißbrauch.

Wenn man es so sieht, möchte man sich über die neue Vernunftfreiheit gar nicht freuen, liegt es doch in der "Eigenschaft der Vernunft", daß sie sofort alle möglichen "naturwidrigen Neigungen" erzeugt, von denen das tierische Wesen verschont bleibt.

Der zweite Schritt der Vernunft geht über den Instinkt zum Geschlechtstrieb hinaus, sagt Kant.

Schiller nimmt den "Sündenfall" als Bild für das Aufkeimen des freien Willens, der den Menschen überhaupt erst zum moralischen Wesen macht. Der Mensch weiß nun "wie Gott, was gut und böse ist". Kant entgeht diese neue Qualität völlig, und die Szene erscheint lediglich als eine Art Striptease, wobei die Tatsache, daß "der Gegenstand" für eine Zeit "den Sinnen entzogen wird", zur Steigerung des Genusses führt. Von einer qualitativ neuen Glückseligkeit durch das Streben nach und Verwirklichen einer vorgestellten Idee ist bei Kant keine Rede. Alles bleibt auf der Ebene "angenehmer Gefühle".

Nach Kants Vorstellung kommt die Vernunft dann in einem dritten Schritt zur "Erwartung des Zukünftigen", und im vierten Schritt der Vernunft "begriff (der Mensch), er sei eigentlich der Zweck der Natur, und nichts, was auf der Erden lebt, könne hierin einen Mitbewerber gegen ihn abgeben".

Im Gegensatz zu Schillers Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aus der Familie und der "elterliche Liebe" lernen wir bei Kant, daß "die eigentliche Grundlage aller wahren Geselligkeit" unsere "Neigung" ist, "anderen Achtung gegen uns einzuflößen". Und wenn wir uns daran erinnern, wie Schiller das Problem der Ungleichheit der Menschen, bis hin zum "ersten König" als "Usurpator" darlegt, dann lernen wir von Kant, daß "Ungleichheit unter den Menschen, die reiche Quelle so vieles Bösen, aber auch alles Guten" sei. Wohlgemerkt: Ungleichheit ist Quelle "alles Guten"! Was bei Kant völlig fehlt, ist Schillers positives Konzept sich immer weiter entwickelnder Nächstenliebe und die Erhebung zur Idee. Kants Mensch ist von Trieben geleitet, und er bleibt unentrinnbar unter dem Schicksal des "radikal Bösen".

Und so erklärt Kant in seiner "Anmerkung" zu der Schrift den Sündenfall zwar wie auch Schiller als "Übergang aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit", aber dieser "erste Schritt" war für Kant ein "Fall" und "eine Menge nie gekannter Übel des Lebens die Folge dieses Falls". Das ist die gerechte Strafe für diesen Fall. Kants Begründung: "Die Geschichte der Natur fängt also vom Guten an, denn sie ist das Werk Gottes; die Geschichte der Freiheit vom Bösen, denn sie ist Menschenwerk." Schiller spielt in seiner Schrift auf diese Sichtweise in offensichtlicher Ironie an, wenn er sagt, daß wohl ein "Volklehrer" bei diesem Schritt von einem "Fall" sprechen könne, "aber der Philosoph" müsse "der menschlichen Natur zu diesem wichtigen Schritt zur Vollkommenheit Glück wünschen".

Schlußbemerkung

Ist der Mensch gut oder radikal böse? Der Unterschied des Menschenbildes, welchen wir bei Kant und Schiller sehen, ist eine uralte Streitfrage der Menschheit. Wir treffen sie zum Beispiel bereits 2000 Jahre vorher in China an, in der unterschiedlichen Sichtweise von Hsün-Tse und Meng-tse.

Hsün-Tse lebte von 305-235 v.Chr. Sein Schüler Han Fei-tse war der Hauptvertreter des Legalismus. Er lehrte: "Die Natur des Menschen ist böse. Die ursprüngliche Natur des Menschen besteht im Streben nach Gewinn. Wird diesem Streben nachgegeben, sind Streit und Raub die Folge, und alle Rücksicht stirbt aus. Der Mensch ist vom Ursprung her neidisch und haßt von Natur die andern. Wird diesen Neigungen nachgegeben, sind Unrecht und Zerstörung die Folgen, Treu und Glauben vernichtet. Den Menschen ist vom Ursprung her die Begierden des Ohres und Auges eigen, er liebt das Lob und ist voller Gelüste. Gibt man ihnen nach, sind Unkeuschheit und Unordnung die Folgen... Deshalb ist die Zügelung durch die Gesetze das richtige Verhalten und der Gerechtigkeit unumgänglich notwendig."

Meng-tse (Mencius) hingegen sagt: "Die Tatsache, daß die Menschen belehrbar sind, zeigt, daß die ursprüngliche Natur des Menschen gut ist." Er lebte von 371 bis 289 und gilt neben Konfuzius als "zweiter Heiliger". Er erachtet es als "göttliches Recht, einen verderbten Monarchen abzusetzen, ja zu töten".

Meister Kao sagte: "Des Menschen Natur gleicht einem wirbelnden Wasser. Öffnet man ihm einen Weg nach Osten, so fließt es nach Osten; öffnet man ihm einen Weg nach Westen, so fließt es nach Westen. Des Menschen Natur kennt keinen Unterschied zwischen gut und böse, so wie das Wasser keinen Unterschied kennt zwischen Osten und Westen!"

Darauf entgegnete Mencius: "Freilich kennt das Wasser keinen Unterschied zwischen Ost und West. Kennt es aber auch keinen Unterschied zwischen Oben und Unten? Der Menschen Natur ist gut, gleichwie das Wasser nach unten fließt. Kein Mensch, der nicht zum Guten neigte; kein Wasser, das nicht nach unten strebte. Indessen: Wenn man... das Wasser... antreibt und leitet, so kann man erreichen, daß es auf Bergen ist. Wie aber wäre das die wahre Natur des Wassers! Nur die Gewalt der besonderen Umstände hat das bewirkt. Und wenn der Mensch dazu gebracht werden kann, nicht gut zu sein, so ist seiner wahren Natur ein Gleiches widerfahren."

Diese Beispiele aus der chinesischen Geschichte verdeutlichen: Wir treffen hier auf einen grundlegenden Gegensatz. Wer einen Staat will, in dem ein kleine Oligarchie die Mehrheit beherrscht, der muß davon ausgehen, daß der Mensch schlecht ist, um zu rechtfertigen, daß er die Mehrheit durch Gesetze und Zwang (wie subtil und "modern" er auch sein mag) unterdrückt, während die Vertreter eines freien Staates immer vom guten, verbesserungsfähigen Menschen ausgehen und ihre Hauptaufgabe darin sehen, möglichst viele Mitmenschen zu verantwortlichen Staatsbürgern zu erziehen. Auf der einen Seite stehen Hsün-Tse und Kant, auf der andern Mencius und Schiller. Deshalb ist der Unterschied der Denkweise und des Menschenbildes von Kant und Schiller keine theoretische Frage, sondern eine Frage der praktischen Politik.

 

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