Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum

Aus der Neuen Solidarität Nr. 17/2001

LaRouche: Zinsen hoch und von Lautenbach lernen!

Von Michael Liebig


LaRouches "Drei-Punkte-Aktionsprogramm"
Lautenbachs Wirtschaftsstrategie

Am 18. April war es wieder einmal soweit: Gleichzeitig mit der Veröffentlichung neuer schockierender Gewinneinbrüche amerikanischer Großunternehmen, neuen Entlassungsankündigungen und Firmenbankrotten senkte die US-Notenbank zum vierten Mal in nur vier Monaten die Zinsen um ein halbes Prozent. Insiderinformationen über diese erneute Liquiditätspumpaktion haben seit Anfang April auf den zuvor tief eingebrochenen Aktienmärkten ein Strohfeuer entzündet. Selbst die Neue Zürcher Zeitung konnte das nur noch als "absurd" bezeichnen, denn die Kurssprünge stehen im umgekehrten Verhältnis zu den katastrophalen Unternehmensergebnissen.

Die immer halsbrecherische Geldschöpfung der US-Notenbank fließt selbstverständlich nicht in produktive Investitionen für die schrumpfende Realwirtschaft, sondern ist ausschließlich inflationärer "Treibstoff" für eine Finanzblase, in der fast täglich neue Sprengsätze - Zahlungsunfähigkeit von Unternehmen mit Kettenreaktionsrisiko - zum Vorschein kommen.

Bei Lesern dieser Zeitung, die mit den Wirtschaftsanalysen Lyndon LaRouche vertraut sind, dürfte die jüngste "Flucht-nach-vorne"-Aktion der Bush-Administration und der US-Notenbank nur noch ein müdes Kopfschütteln hervorgerufen haben. Die Älteren kennen ja noch die Mentalität von Führern, die sich fanatisch weigern, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und zu immer destruktiveren (und selbstzerstörerischen) Tricks greifen.

LaRouches "Drei-Punkte-Aktionsprogramm"

Aber es geht uns nicht darum, die sich täglich verschärfende Krise der Weltwirtschaft mit ihrem Zentrum in den Vereinigten Staaten möglichst genau zu kommentieren. Es muß in erster Linie darum gehen, diese Krise zu bewältigen, die bislang durch monetaristisches "Krisenmanagement" immer weiter verschlimmert worden ist. Noch am Abend des 18. April veröffentlichte LaRouche eine Presseerklärung, in der er ein "Drei-Punkte-Aktionsprogramm" vorschlägt: Bei der Bewältigung schwerer Wirtschaftskrisen wie der jetzigen ist es völlig unnötig, "das Rad neu zu erfinden", vielmehr muß an bewährten Vorbildern angeknüpft werden. LaRouche verweist deshalb auf die Krisenbewältigungspolitik unter Franklin D. Roosevelt in den USA und die Maßnahmen, die im September 1931 von Dr. Wilhelm Lautenbach in Deutschland vorgeschlagen wurden.

Lautenbach, der bedeutendste deutsche Ökonom des 20. Jahrhundert, stellte am 16. September 1931 auf einer nichtöffentlichen Tagung der "Friedrich-List-Gesellschaft", an der die Spitzenleute von Regierung, Zentralbank und Wirtschaft teilnahmen, sein Memorandum "Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung" vor. Darin führte Lautenbach aus:

Lautenbachs Wirtschaftsstrategie

In einer schweren Wirtschaftskrise "sollen und wollen [wir] mehr produzieren... Der Markt aber, der einzige Regulator der kapitalistischen Wirtschaft, gibt offensichtlich keinerlei positive Direktiven." Es bestehe ein "paradoxer Zustand", daß "trotz außerordentlich gedrosselter Produktion laufend die Nachfrage hinter dem Angebot zurückbleibt, und daher die Tendenz zu immer weitergehender Produktionsdrosselung" - und wachsender Arbeitslosigkeit.

Angesichts von "Warenüberschüssen, brachliegenden Produktionsanlagen und brachliegender Arbeitskraft", sagt Lautenbach, müsse der Staat "neuen volkswirtschaftlichen Bedarf" schaffen, der aber - und das ist die unverrückbare Vorbedingung - "volkswirtschaftlich eine Kapitalanlage darstellt. Hierbei ist an solche Aufgaben zu denken, wie... öffentliche oder mit öffentlicher Unterstützung durchgeführte Arbeiten [Verkehrs- oder Energieinfrastruktur], die für die Volkswirtschaft einen Wertzuwachs im Vermögen bedeuten."

Die Finanzierung solcher "volkswirtschaftlich vernünftigen und notwendigen Aufgaben" ist für Lautenbach in Prinzip eine einfache "technisch-organisatorische Frage". Die Finanzsouveränität des Staates beinhaltet die Fähigkeit zu "autonomer", nichtinflationärer Kreditschöpfung, ohne daß der Staat sich von privaten Kreditgebern abhängig machen müßte. Die Notenbank stellt langfristige, niedrigverzinsliche Kreditlinien über öffentliche und private Banken bereit, die nicht inflationär sind, soweit sie in realwirtschaftlich produktive Wertschöpfung fließen. Die Behauptung, daß kreditfinanzierte Infrastrukturprojekte die Gefahr der Inflation heraufbeschwören könnten, wird von Lautenbach kategorisch zurückgewiesen, denn durch sie werde im "materiellen Sinne echte volkswirtschaftlich Kapitalbildung geleistet".

Diese Kreditlinien werden öffentlichen Körperschaften als Auftraggebern von Infrastrukturprojekten zur Verfügung gestellt, die damit die Leistungen von Privatunternehmen bezahlen. Direkt fließen solche Kredite an Privatunternehmen zur Entwicklung neuer Technologien. Die langfristige Tilgung der Kredite seitens öffentlicher Körperschaften kann durch erhöhtes Steueraufkommen auf allen Ebenen des Staatsaufbaus im Gefolge einer allgemeinen Wirtschaftserholung erfolgen, für die die kreditfinanzierten Infrastrukturprojekte die "Initialzündung" darstellen. Lautenbach betont, daß "Ausmaß und Tempo der Produktionsausweitung" überproportional zum "Ausmaß und Tempo der Kreditausweitung" wächst. Die "Anschubfinanzierung" durch staatliche Kreditschöpfung bewirke ein "Reizwirkung" auf die gesamtwirtschaftliche Aktivität.

Die kreditfinanzierte Realisierung der Infrastrukturprojekte bedeutet zusätzlichen Bedarf an neuen Kapitalgütern, an Rohstoffen und Betriebsmitteln. Neu eingestellte Arbeitskräfte steigern ihre Ausgaben für Konsumgüter. Die Finanzlage der Unternehmen und ihrer Hausbanken wird entspannt. Schließlich - und das ist von entscheidender Wichtigkeit - erhöhen neue zukunftsweisende Infrastrukturen nicht nur den volkswirtschaftlichen Kapitalstock, sondern die Gesamtproduktivität. Die durch kreditfinanzierte Infrastrukturprojekte katalysierte gesamtwirtschaftliche Erholung geht zugleich mit einer Erhöhung der Sparrate der Haushalte einher, die den "normalen" Einlage-Kredit-Zyklus der Banken wieder in Schwung bringt.

Zusammenfassend sagt Lautenbach: "Durch eine solche Investitions- und Kreditpolitik wird das Mißverhältnis von Angebot and Nachfrage auf dem Inlandsmarkt beseitigt und damit der Gesamtproduktion wieder Ziel und Richtung gegeben. Unterlassen wir eine solche positive Politik, so steuern wir unvermeidlich in einen weiteren wirtschaftlichen Verfall und die vollkommene Zerrüttung unserer Staatswirtschaft hinein, in einen Zustand, der dann, um innenpolitische Katastrophen zu vermeiden, ein starke neue kurzfristige öffentliche Verschuldung zu rein konsumptiven Zwecken erzwingt, während wir es heute noch in der Hand haben, durch Inanspruchnahme dieses Kredits für produktive Aufgaben zugleich unsere Wirtschaft und unsere öffentlichen Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen."

Es ist diese Herangehensweise an die Wirtschaftskrise, die wir heute brauchen - nicht das "Krisenmanagement" im Sinne von Greenspan und Bush, das uns gleichzeitig Hyperinflation und die Depression der Realwirtschaft bringen wird. Lautenbach offeriert uns keine formelhafte "Gebrauchsanweisung", sondern eine wirtschafts- und finanzpolitische Strategie für schwere Krisenlagen. Und genau in diesem Sinne hat LaRouche seinen Anti-Krisen-Plan formuliert, der natürlich berücksichtigt, daß in der heute eng zusammengewachsenen Weltwirtschaft große, zukunftsweisende Infrastrukturprojekte kontinentale oder transkontinentale Dimensionen angenommen haben. Im Zusammenwirken von mehreren Staaten oder Staatengruppen müssen heute infrastrukturelle Großprojekte - wie die Eurasische Landbrücke/Neue Seidenstraße - in Angriff genommen werden. Aber ihre finanzielle Realisierung wird sich nach den gleichen, realwirtschaftlich begründeten Prinzipien vollziehen müssen, die Lautenbach für die volkswirtschaftlich-nationalstaatliche Ebene definiert hat.

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum