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Aus der Neuen Solidarität Nr. 24/2001:

Neuer Anlauf: Atome für den Frieden

Ägypten. Auf einem hochrangigen internationalen Seminar in Kairo wurde über Pläne diskutiert, vor allem mit kleineren nuklearen Kraftwerkseinheiten die Energieversorgung im Entwicklungssektor zu sichern.


Atome für Wasser und Frieden

Vom 27.-31. Mai war Ägypten Gastgeber des "Internationalen Seminars über Stand und Aussichten kleiner und mittlerer Kernreaktoren". Das Seminar wurde gemeinsam von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA und der Ägyptischen Kernkraftwerksbehörde veranstaltet und führte 150 Experten und Unternehmer aus 45 Ländern in Kairo zusammen.

Die Eröffnungsreden des ägyptischen Ministerpräsidenten Atef Ebeid und des IAEA-Generaldirektors Mohammed El-Baradei setzten den Grundton der Veranstaltung. In Ebeids Rede, die von Energieminister Dr. Ali El Saiedi verlesen wurde, heißt es: "Ein Drittel der Weltbevölkerung hat keine Energieressourcen. Die wirtschaftliche und technische Entwicklung und das enorme Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern führen zu einer großen Nachfrage nach Energieversorgung. Wenn wir die Armut bekämpfen wollen, müssen wir gemeinsam daran arbeiten, ein Investitionsklima aufzubauen, das Arbeitsplätze schaffen, dauerhaftes Wachstum liefern und zu Entwicklung und Einsatz fortgeschrittener Energietechnologien beitragen wird." Ägypten gehöre zu den Ländern, die an Reaktoren kleiner und mittlerer Größe zur Stromerzeugung und Meerwasserentsalzung besonders interessiert seien.

Weiter heißt es in der Ansprache des ägyptischen Regierungschefs: "Der Einsatz von Kernenergie als wesentliches Element in den Energiesystemen der Entwicklungsländer wird zu einer Energieversorgung beitragen, die keine Treibhausgase emittiert... Der Einsatz von Kernreaktoren zur Deckung eines Teils des Energiebedarfs erfordert die Erfüllung einiger wesentlicher Bedingungen für ihre erfolgreiche Entwicklung und Inbetriebnahme. Diese Bedingungen sind: Langfristige Verpflichtung auf Kernenergieprogramme und ihre Erfordernisse, die der Staat entwickeln und bereitstellen muß, wie etwa grundlegende Infrastruktur, eine technische Wissensgrundlage und Reaktorsicherheit."

IAEA-Direktor El-Baradei verwies ebenfalls auf die weltweit steigende Energienachfrage: "Überall steigt die Forderung nach einem höheren Lebensstandard - dennoch haben immer noch schätzungsweise zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom. In den kommenden Jahrzehnten wird mit einem dramatischen Anstieg des Strombedarfs gerechnet; dabei erwartet man, daß die Wachstumsrate in den Entwicklungsländern dreimal höher als in den Industrieländern ausfallen wird." Eine ausschließliche Verwendung fossiler Brennstoffe und großer Wasserkraftwerke sei langfristig nicht möglich, daher müsse eine erweiterte Rolle der Kernenergie in der Zukunft erwogen werden.

Al-Baradei zählte dann die Vorzüge kleiner und mittlerer Reaktoren mit einer Energieerzeugung unter 700 MW auf. "Sie sind für Standardisierung und Vorfabrikation besser geeignet, was wiederum eine verbesserte Qualitätskontrolle fördert und die rasche Entwicklung von Know-how und kürzere Bauzeiten anregt." Bezüglich der besonderen Vorteile der Kernenergie für Entwicklungsländer fügte er hinzu: "Die Kerntechnik ist eine ausgereifte Technik, und sie verdient große Aufmerksamkeit, weil sie zur Lösung verschiedener komplexer wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Zusammenhänge, die mit Entwicklung einhergehen, beitragen kann. Die Entwicklung neuer kleiner und mittlerer Module wird bei der Koordinierung und Harmonisierung der Reaktortechnik mit den Bedürfnissen ihrer Benutzer eine führende Rolle spielen." El-Baradei sprach auch die Frage der Meerwasserentsalzung an: "Die Meerwasserentsalzung ist eine Anwendung, für die kleinere Reaktoren einen besonders vorteilhaft sind. Mit Kernenergie betriebene Entsalzung ist eine nachgewiesene Technologie."

Atome für Wasser und Frieden

Wie wir in dieser Zeitung wiederholt beschrieben haben, ist die Bereitstellung großer zusätzlicher Trinkwassermengen durch Meerwasserentsalzung mit Kernenergie eine Grundbedingung für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten. Die Region muß dem Grundsatz "Frieden durch Entwicklung" folgen. Dies wird die Gefahr von Kriegen um "begrenzte" Wasservorräte - ein Faktor, der historisch bei allen arabisch-israelischen Kriegen eine Rolle spielte - verringern und beseitigen. Als dieser Bestandteil des Friedensprozesses in der Clinton-Ära sabotiert wurde und stattdessen bei den Verhandlungen religiöse Streitfragen in den Mittelpunkt gestellt wurden, begann der Prozeß, der schließlich mit der Machtübernahme des "Schlächters vom Libanon", Ariel Scharon, in Israel endete.

Wenn entsprechende Initiativen nicht in eine regionale Zusammenarbeit eingebunden werden, muß jede Nation dieses Entwicklungsziel für sich in Angriff nehmen. Auf dem Seminar machten ägyptische Regierungsvertreter deutlich, daß der Einsatz von Kerntechnik zur Meerwasserentsalzung fester Bestandteil des 1994 begonnen strategischen agro-industriellen Programms des Landes sei.

El-Baradei sagte: "Die IAEA unterstützte Ägypten bei der Durchführung einer Machbarkeitsstudie für den Bau eines Kernreaktors mit doppelter Nutzung zur Stromerzeugung und Wasserentsalzung. Dieses Vorhaben zielt darauf ab, mehr über Ägyptens Bedarf an Energie und Süßwasser herauszufinden, und darüber, welche Reaktortypen für Ägyptens Wasserentsalzungsvorhaben am geeignetsten sind."

Ende April vereinbarten Rußland und Ägypten anläßlich des Gipfeltreffens des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak eine Absichtserklärung über die Zusammenarbeit im ägyptischen Kernenergieprogramm zum zivilen Einsatz der Kernenergie zur Stromerzeugung und Wasserentsalzung. In der Erklärung heißt es: "Ägypten und Rußland sind übereingekommen, die wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie entsprechend des nationalen ägyptischen Bedarfs und Prioritäten im Nuklearbereich zu entwickeln und auszuweiten." Es wird darauf Bezug genommen, daß Ägypten auf große Energiemengen für Entsalzungsanlagen zur zukünftigen Sicherung seiner Wasserversorgung angewiesen ist: "Beide Seite verpflichten sich, den Einsatz der Kernenergie zu verstärken, um Energie für dauerhafte Entwicklung und Verbesserung der Umwelt zu liefern, sowie unter Berücksichtigung des Interesses der Republik Ägypten an der Ausweitung und Verbesserung seiner Energiebasis und Erfüllung der Bedingungen für die Versorgung der Bevölkerung mit entsalztem Wasser."

Das umfassende Abkommen erlaubt den beiden Ländern eine Zusammenarbeit bei Forschung, Entwicklung und Anwendung in den folgenden Bereichen:

Beide Seiten wollen den Austausch von Information, Knowhow und Personal erheblich verstärken. Dazu gehören gemeinsame Expertengruppen für Studien und Abschätzung verschiedener Vorhaben, die Aus- und Weiterbildung ägyptischer Fachleute an russischen kerntechnischen Einrichtungen und Fakultäten sowie die Gründung gemeinsamer Forschungseinrichtungen.

Mehrere Teilnehmer des Kairoer Seminars schlugen vor, auch andere Länder der Region sollten sich in diesem Bereich engagieren und dem guten Beispiel Ägyptens folgen. Ägypten, eines der größten Länder des Nahen Ostens und Afrikas, besteht weitgehend aus Wüstengebieten. Nur ein kleiner Teil des Landes, ein dünner Streifen zu beiden Seiten des Nils und in seinem Delta, wird genutzt, um die mehr als 60 Millionen Ägypter zu versorgen. Die Bevölkerungszentren im Westen und auf dem Sinai können nur erweitert werden, wenn für zusätzliche Wasserquellen gesorgt wird. Auf dem Seminar hieß es, die ägyptische Mittelmeerküste (im Norden und Nordwesten) sei für solche Vorhaben am besten geeignet. Nach Berichten arabischer Medien sieht das ägyptisch-russische Abkommen auch den Bau eines 1300-MW-Reaktorkomplexes zur Stromerzeugung und Wasserentsalzung vor, den Meldungen zufolge in der nördlichen Küstenregion.

Obwohl die Lage im Nahen Osten derzeit wenig Grund für Optimismus bietet, weil jederzeit ein arabisch-israelischer Krieg auszubrechen droht, sind Initiativen und Diskussionen wie dieses Seminar wichtig für eine strategische Vision für das zukünftige wirtschaftliche und soziale Wohlergehen, ganz besonders der Entwicklungsländer.

Hussein al-Nadeem

 

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