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Aus der Neuen Solidarität Nr. 29/2001:

Italiens Mittelstand
will Neues Bretton Woods

Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Lyndon LaRouche war Gastredner auf drei Veranstaltungen in Italien. Vor allem die besondere Rolle des Mittelstands war dabei ein herausragendes Thema.


Russische Probleme in Italien

Vom 3. bis 5. Juli besuchte der amerikanische Präsidentschaftskandidat Lyndon LaRouche Italien. Er war Gastredner auf drei Konferenzen, zu denen die italienisch-russische Handelskammer, die Handelskammer Vicenza und die Vereinigung zur Förderung von Studien über Banken und Aktienmärkte in Mailand eingeladen hatten. Die drei Veranstaltungen sind Ausdruck der wachsenden Zahl einflußreicher Leute in Italien, vor allem unter Politikern und Unternehmern, die LaRouches Vorschläge für ein Neues Bretton Woods und den Aufbau der Eurasischen Landbrücke unterstützen. Diese Vorschläge haben bereits in zahlreichen Eingaben und Resolutionen im italienischen Parlament ihren Niederschlag gefunden. Jetzt bestand die Möglichkeit, diese Initiativen einer breiteren Schicht fortschrittlicher Unternehmer vorzustellen.

Von besonderer Bedeutung war die Einladung LaRouches durch die Handelskammer von Vicenza, einer mittelgroßen Stadt im Nordosten Italiens. Diese Gegend stieg nach einem Boom Anfang der 90er Jahre zu Italiens drittgrößtem Exportbezirk auf. Der Wirtschaftsboom Vicenzas (und später auch Trevisos) wurde auch als Italiens "Nordostphänomen" berühmt. Mit 800000 Einwohnern weist der Bezirk Vicenza ein Exportvolumen von durchschnittlich 27000 DM pro Kopf auf, insgesamt also über 20 Mrd. DM pro Jahr. Die Handelskammer von Vicenza hat 86000 Mitglieder, was bedeutet, daß mehr als zehn Prozent der Einwohner Unternehmer sind! Überwiegend sind dies technologieorientierte kleine und mittelgroße Firmen im Besitz ihrer Geschäftsführer.

Diese extrem dynamische Wirtschaftsstruktur ist jedoch wegen ihrer Exportorientierung stark von der internationalen Konjunktur abhängig und reagiert besonders sensibel auf Schwierigkeiten der amerikanischen Importfähigkeit. Zahlreiche Unternehmer aus Vicenza haben die Vorhersagen und Vorschläge Lyndon LaRouches verfolgt, die durch den weltweiten Börseneinbruch und den Verfall der amerikanischen Binnenwirtschaft nachhaltig bestätigt wurden. Sie boten LaRouche jetzt die Gelegenheit, einem größeren Publikum die Alternativen eines Neuen Bretton Woods und der Eurasischen Landbrücke vorzustellen und so auch den Politikern in Rom ein entsprechendes Signal zu senden.

Bei der Vorstellung LaRouches betonte Handelskammerpräsident Danilo Longhi, warum Vicenzas Unternehmer an LaRouches Ideen interessiert seien: weil sie "fernab der Welt von Finanzblasen leben und sich an der Realwirtschaft orientieren". Neben LaRouche auf dem Podium saß Prof. Ferruccio Brisolin, der Ökonomiegeschichte an der Universität von Venedig lehrt. Er drückte seine völlige Übereinstimmung mit LaRouches Analyse der Finanz- und Währungskrise aus, machte jedoch einige kritische Anmerkungen über bestimmte Aspekte des neuen Finanzsystems, das die existierende Ordnung ersetzen müsse. LaRouche konzentrierte sich in seiner mit großem Wohlwollen aufgenommenen Rede auf drei Bereiche:

Während der Konferenz und auch während privater Diskussionen im Anschluß daran wurde deutlich, daß sich die Unternehmer des industriell entwickelten Norditalien sehr wohl um die rückständigen Regionen des Mezzogiorno im Süden kümmern, anders als die Massenmedien oft glauben machen wollen. Sie sehen die Entwicklung des Mezzogiorno als Teil einer umfassenden Entwicklung der gesamten südlichen Mittelmeerregion. Eine solche Mission, die keineswegs im Gegensatz zu den eurasischen Entwicklungsrouten steht, stellt ganz andere, vor allem auch kulturelle Anforderungen. Im Mittelmeer treffen verschiedene Kulturen aufeinander, was eine besondere Fähigkeit zum Dialog erfordert, wie sie italienische Unternehmer bereits entwickelt haben.

Um den Mittelmeerhandel auszuweiten, muß der Süden Italiens mit ausreichenden Kapazitäten an Infrastruktur und Industrie ausgestattet werden. Ein Schlüsselfaktor dabei, wie LaRouche betonte, sei der Bau der Brücke von Messina, die Sizilien mit der italienischen Halbinsel und damit Kontinentaleuropa verbinden wird. Dies sei nicht nur eine sehr produktives Bauwerk, sondern werde "das Bild, das die Italiener von sich selbst haben, verändern" - einer selbstauferlegten Demoralisierung durch die Dominanz der IWF-Politik und der Preisgabe eigener Souveränität.

Die regionale Zeitung Il Gazzettino Veneto wie auch die Lokalzeitung Il Giornale di Vicenza berichteten ausführlich über die Konferenz, während lokale Fernsehstationen und der landesweite Dritte Kanal Interviews mit LaRouche ausstrahlten. Vor der Veranstaltung brachte Il Giornale di Vicenza ein längeres Interview (siehe Auszüge daraus auf dieser und der nächsten Seite).

Russische Probleme in Italien

In Mailand war LaRouche Gast des Präsidenten der italienisch-russischen Handelskammer Rosario Alessandrello. Im vergangenen Jahr hatte Alessandrello, der auch Chef von Tecnimont, einer der größten Industrieentwicklungsfirmen in Italien, ist, LaRouches Präsidentschaftskandidatur öffentlich unterstützt. Das Treffen mit Geschäftsleuten und Medienvertretern fand in dem berühmten Palazzo dei Giureconsulti im Zentrum Mailands statt. Zu den wichtigsten Themen, die diskutiert wurden, gehörten vor allem auch Fragen zu Rußland, wo sich LaRouche erst kürzlich zu einem Besuch aufgehalten hatte.

Während alle übereinstimmten, daß sich unter der Präsidentschaft Putins die Lage in Rußland zum Besseren gewendet habe, was die Stützung des Binnenmarktes und die wachsende Kontrolle über die Exporteinnahmen betrifft, wurden dennoch gefragt, warum Rußland noch immer nicht soweit sei, auch Kapitalgüter zu importieren. LaRouche erklärte, dies sei keine wirtschaftliche, sondern eine politische Frage, und führte zwei Beispiele aus den 70er und 80er Jahren an, als Mexiko und Japan zum Ziel der amerikanisch unterstützten IWF-Politik wurden und massiven Schaden nahmen. LaRouche betonte, Italien sei angesichts der erfolgreichen Zusammenarbeit seiner kleinen und mittleren Unternehmen mit Osteuropa bestens geeignet, um Rußlands beste Ressourcen, seine hervorragenden Wissenschaftler und Ingenieure, zu fördern und an Projekten zu beteiligen, um neue Produkte und Technologien zu entwickeln.

Am nächsten Tag sprach LaRouche an der katholischen Universität Mailand, wo die Vereinigung zur Förderung von Studien über Banken und Aktienmärkte ein Seminar unter dem Titel "Für ein Neues Bretton Woods: Ein Projekt zur Lösung der internationalen Finanzkrise" veranstaltete. Die Teilnehmer waren überwiegend Bankiers, die der Vereinigung angehören, sowie Studenten und Mitglieder der Universitätsbewegung Solidarität (MSU). Fast zwei Stunden lang sprach LaRouche über verschiedenste Aspekte der Systemkrise, aber auch über die Beziehung zwischen Religion, Moral und Wirtschaft. Insbesondere antwortete er auf Fragen von Studenten, die er aufforderte, sich nicht auf impotente Kritik an "den korrupten Politikern" zu beschränken, sondern selbst Verantwortung für die gesamte Welt zu übernehmen. Zugleich forderte er die Hochschullehrer auf, wirkliches Wissen zu vermitteln, das nur entstehen könne, wenn Schüler und Studenten dazu angeleitet würden, entscheidende wissenschaftliche Experimente und die klassischen Kultur "nachzuerleben". Bloßes "Pauken" sei kein Weg, Jugendliche in die wirkliche Erwachsenenwelt zu führen.

Claudio Celani

 

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